Über den Steinzeitislam

Von manchen wird er „Steinzeitislam“ genannt, jener „Islam“, der von den Dschihadisten wie den Mitglieder von Al Qaida oder Advokaten des so genannten Islamischen Staates oder Kalifates gelebt wird. Sichtbar gemacht werden die Methoden des Steinzeitislam bei der Bestrafung von „Ungläubigen“, zu denen alle gehören, die nicht den Glauben dieser Dschihadisten teilen.
Der Glauben dieser Gotteskrieger beruht auf den Aussagen von Predigern. Sie selbst haben sich kaum mit Koran oder Sunna, bzw. dem Leben des Propheten beschäftigt. Und diese Prediger verbreiten den Salafismus oder den Wahhabismus.

Wahhabiten/Saudi Arabien

Als Wahhabiten werden die Anhänger einer puristisch-traditionalistischen Richtung des sunnitischen Islams bezeichnet. Die Bewegung gründet sich auf die Lehren Muhammad ibn Abd al-Wahhabs (* 1702/3 † 1792). Die Wahhabiten nehmen für sich in Anspruch, als einzige heute die islamische Lehre authentisch zu vertreten. Glaubensauffassungen, die mit dem Wahhabismus nicht vereinbar sind, werden von ihnen als unislamisch deklariert. Die meisten Wahhabiten leben heute in Saudi-Arabien, wo ihre Lehre staatliche Förderung genießt und durch die Islamische Weltliga global verbreitet werden soll. Die Bezeichnung „Wahhabiten“ wird nur von Gegnern dieser Gruppierung verwendet. Sie selbst bezeichnen sich als Salafis oder einfach als „Sunniten. Kennzeichnend für den Einfluss der Wahhabiten sind unter anderem folgende Praktiken im öffentlichen Leben: Verbot des Autofahrens für Frauen; Verbot für Frauen, sich in der Öffentlichkeit mit fremden Männern zu zeigen; Öffentliche Scharia-Strafen wie Hinrichtungen und Auspeitschungen; Verbot der freien Religionsausübung; Lange Zeit waren Musik und Fernsehen uneingeschränkt verboten.
In seinem Herrschaftsgebiet führte auch der Islamische Staat einen auf der Scharia und dem Wahhabismus basierenden 16-Punkte-Katalog ein, der das öffentliche und private Leben massiv normiert und einschränkt. Demnach sind der Konsum und Verkauf von Alkohol, Tabakwaren und anderen Drogen ebenso untersagt wie das Abhalten von Versammlungen, „Götzen-Bildnisse“ und Schreine. Das Rasieren und Trimmen des Bartes ist verboten. Frauen müssen „züchtig-bedeckende Kleidung“ tragen, Verlautbarungen in Moscheen unterliegen der Zensur. Im Juni 2015 wurde das im Nahen Osten beliebte Taubenzüchten verboten, weil es die Muslime vom Beten abhalte und der Anblick von Taubengenitalien ihre Sittlichkeit verletzte. Bereits vor dem Verbot wurden drei Männer wegen Taubenzüchtens hingerichtet.
Saudi-Arabien ist an der Verbreitung des Wahhabismus sehr interessiert und unterstützt dies durch den Bau repräsentativer Moscheen und Entsendung wahhabitischer Prediger. Es sei in diesem Zusammenhang auch an das König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog, mit Sitz in Wien erinnert, eine staatenübergreifende Organisation, die im Oktober 2011 von Saudi-Arabien, Österreich und Spanien gegründet wurde.

Salafismus

Der Begriff Salafiyya kann frei als „die Orientierung an den frommen Altvorderen“ wiedergegeben werden. Zu verschiedenen Zeiten haben sich Bewegungen herausgebildet, deren Verständnis des Islam sich an der Frühzeit der Religion orientiert und das daher von ihren Anhängern als unverfälscht angesehen wird. Je nach Kontext waren diese radikalen Strömungen unterschiedlich geprägt und hatten unterschiedliche Forderungen. Gemeinsam ist ihnen jedoch ein Fundamentalismus, da viele Jahrhunderte theologischer Entwicklung ignoriert werden, um direkt zu den Quellen Koran und Sunna zurückzugehen. Im Alltagsgebrauch wird damit die „Rückwärtsgewandheit“ von Muslimen bezeichnet, die versuchen, die Sitten und Gebräuche des 7. Jahrhunderts als Tradition in der modernen Welt zu leben. Die ehrwürdigen, rechtschaffenen Vorfahren sind die ersten drei Generationen von Muslimen. Diese standen entweder in unmittelbarem Kontakt mit dem Propheten Mohammed und waren dessen Anhänger, oder sie kannten seine Nachfolger.
Warum haben sich so viele Muslime dem Salafismus zugewendet? Nachdem der Kolonialismus endlich überwunden schien, versuchten die verschiedenen Machthaber in muslimischen Staaten nationale Ausrichtungen – sogar (nicht lange funktionierende) Zusammenschlüsse, Ägypten und Syrien: Vereinigte Arabische Republik, später sozialistische Wege, die ebenfalls nicht zum gewünschten Erfolg führten. Es folgten zumeist Militärputsche und Diktaturen.
Dazu kamen die Kriege gegen Israel, in denen die Araber allesamt besiegt wurden. Das hat am Selbstbewusstsein der Menschen gekratzt und sie nach Lösungen dagegen suchen lassen. Man besann sich seiner glorreichen, erfolgreichen Vergangenheit, des Siegeszuges gegen die Christenheit und die Perser unter dem Propheten und seinen Nachfolgern – darin sah man nun das Modell, das endlich zu einem islamischen, arabischen Sieg führen könnte. Nach dem Aufkommen der Islamischen Revolution im Iran 1979 erfuhren religiöse muslimische Strömungen in den arabischen Staaten zusätzlich einen enormen Auftrieb, im Zuge dessen sich auch eine Salafiyya-Bewegung wieder neu formierte.
Die damit emporgekommene heutige Salafiyya ist zweigeteilt in einen konservativen Teil sowie einen dschihadistischen Flügel. Der dschihadistische Salafismus ist militant.
Durch Rückbesinnung auf ursprüngliche Werte soll den Muslimen die verlorengegangene zivilisatorische Vorreiterrolle wieder verschafft werden. Damit wird die heutige Welt insgesamt als feindlich betrachtet. Jedenfalls gilt die Salafiyya als die am schnellsten wachsende radikale Strömung des Islams. Es handelt sich um eine entterritorialisierte Bewegung, die losgelöst von jeder kulturellen „Verunreinigung“ die „wahre“ Religion praktizieren möchte.
Z.B. gehörten die islamistischen Terroristen des 11. September 2001 der salafistischen Strömung an. In Deutschland folgt eine Minderheit der Salafisten einer gewaltbereiten dschihadistischen Ideologie, die laut deutschem Verfassungsschutz mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung unvereinbar ist, weil die Salafisten den Koran über alle weltlichen Gesetze stellen. Ziel von Salafisten ist die vollständige Umgestaltung von Staat, Rechtsordnung und Gesellschaft nach einem salafistischen Regelwerk, das als „gottgewollte“ Ordnung angesehen wird. Es soll ein islamischer „Gottesstaat“ errichtet werden, in dem wesentliche, in westlichen Demokratien garantierte Grundrechte und Verfassungspositionen keine Geltung haben dürfen.
Salafistische Propagandaaktivitäten finden sowohl im Internet als auch in der Realwelt statt. Salafisten geben ihren Propagandaaktivitäten den Schein einer legitimen Religionsausübung und bezeichnen sie verharmlosend als „Missionierung“ oder „Einladung zum Islam“. Es handelt sich in Wahrheit jedoch um eine systematische Indoktrinierung, die oft den Beginn einer weitergehenden Radikalisierung darstellt.
Salafistische Ideologieinhalte werden durch eine Vielzahl von Webseiten sowie durch zahlreiche Kurzvideos vermittelt. Gerade hier werden junge Menschen als Adressaten erreicht. Durch Chats, Foren und soziale Netzwerke erfolgt zugleich auch eine Vernetzung der Szene. Das Internet dient somit nicht nur als Mittel zur Verbreitung salafistischer Propaganda, sondern auch als zentrale Kommunikationsplattform der Akteure.
Neben der Verbreitung salafistischen Gedankenguts über das Internet treten Salafisten in den letzten Jahren vermehrt auch mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen „auf der Straße“ in Erscheinung. Propagandaaktivitäten wie Open-Air-Veranstaltungen in Innenstädten. „Infostände“ haben großen Zulauf unter (muslimischen) Jugendlichen.
Salafistische Bestrebungen bieten ein Orientierung und Sicherheit gebendes (einfaches) ideologisches Sinn- und Regelsystem, die vollständige Integration in eine Gruppe von „Rechtgläubigen“ sowie ein auch öffentlich dargebotenes Leben in Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft. Die salafistische Ideologie vermittelt ihren Anhängern das Bewusstsein, Angehörige einer gesellschaftlichen und moralischen Elite zu sein. Salafisten fühlen sich ihrer Umwelt, die sie als verdorben betrachten, moralisch überlegen und werten andere Lebensentwürfe ab.
Die Dynamik salafistischer Bestrebungen wird sich wohl bis auf Weiteres fortsetzen, entsprechend ist kurz- und mittelfristig mit weiter steigenden Anhängerzahlen zu rechnen. Dies gilt auch für den Zulauf von Personen aus anderen islamistischen Organisationen. Dabei ist der Einfluss salafistischer Propaganda grundsätzlich geeignet, Radikalisierungsverläufe zu beschleunigen.

Über den Steinzeitislam

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