Die toten Christen von Pakistan

Die Toten waren hauptsächlich Kinder und Frauen auf einem Spielplatz, wo man Ostern feierte. Im pakistanischen Lahore hat ein Selbstmordattentäter mindestens 70 Menschen getötet, davon auch mindestens 35 Kinder. Mehr als 340 Menschen wurden bei dem Terrorakt am Ostersonntag verletzt Angeblich haben die zuständigen Behörden in Lahore und in anderen Städten bereits Razzien durchgeführt und mutmaßliche Terroristen festgenommen sowie ein „riesiges Lager mit Waffen und Munition“ ausgehoben. Lahore ist mit 7.092.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Pakistans. Sie liegt in der Provinz Punjab nur wenige Kilometer von der Grenze zu Indien entfernt.
Als Täter konnte ein 28-jähriger Mann aus Süd-Punjab identifiziert werden. Angeblich war er Lehrer an einer Religionsschule. Rekrutiert hatte ihn die pakistanische Taliban-Gruppe Jamaat ul-Ahrar. Sie ist eine der aktivsten und brutalsten Extremistengruppierungen des Landes. Die sunnitischen Islamisten verüben landesweit Anschläge gegen den Staat, aber auch gegen Nicht-Muslime, etwa Christen. Als Grund für den Anschlag am Ostersonntag war, dass die Christen Ostern gefeiert hätten.

Die christliche Minderheit macht in Pakistan nur 1,6 Prozent der rund 200 Millionen Einwohner aus. Die Gesellschaft Pakistans wird aber zunehmend islamisiert, zahllose islamistischen Gruppen bilden sich. Politiker benutzen sie gerne für ihre eigenen Zwecke, denn damit kann man hunderttausende, meist junge Menschen mobilisieren und auf die Straße bringen – ein starkes politisches Werkzeug, mit dem sich politische Ziele kraftvoll durchsetzen lassen. Diese Macht zur Mobilisierung von Mobs haben Christen bereits mehrfach schmerzhaft erlebt. Verbotene extremistische Gruppierungen benennen sie sich einfach um, oft als Wohltätigkeitsorganisation getarnt, leisten für die Bevölkerung soziale Dienste und versprechen den Jugendlichen eine Perspektive, die sie so dringend brauchen. Der Großteil der Bevölkerung ist 24 Jahre oder jünger; da ein Drittel unter 14 Jahren alt ist, wird sich dieser Trend nicht so bald abschwächen und schafft riesige Herausforderungen. Mit 67,39 Jahren ist die Lebenserwartung nicht sehr hoch, wohl aber die Fruchtbarkeitsrate mit 2,75. Diese Strukturen führen dazu, dass große Mengen junger Menschen jedes Jahr die Schule verlassen, mit wenig Perspektiven für ihre Zukunft. Soziale Unruhen sind also absehbar. Dies spielt wiederum den extremistischen islamischen Gruppen in die Hände, die den Jugendlichen ein Gefühl von Wertschätzung vermitteln, das sie sonst nie hatten. Denn ein endloser Strom von Jugendlichen, die ihre Bildung in Koranschulen erhielten, strömt in die Gesellschaft. Wird jedoch die Lehre in den Medressen nicht kontrolliert, können extremistische Ideen in die Köpfe der Jugendlichen gepflanzt werden. Eines der wichtigsten Themen in Pakistan ist daher die Kontrolle der Medressen, von denen es schätzungsweise 35.000 im Land gibt und von denen 11.000 dem konservativen Deobandi-Islam folgen. Kinder und Jugendliche sind extremistischen Lehren ausgesetzt, die Hass gegen Minderheiten schüren. Viele Medressen erhalten Gelder aus dem Mittleren Osten, etwa aus Katar, Kuwait oder Saudi-Arabien. Allein schon der Versuch, die Medressen im Land auf einer Karte und einer Liste zu verzeichnen, wird als Angriff auf den Islam gewertet, von Überwachung und Steuerung gar nicht zu sprechen. Die Behörden wissen meist nicht, was hinter den Mauern der Koranschulen geschieht, Hassreden werden unbemerkt verbreitet. Religiöse Minderheiten, nicht nur Christen, sondern auch Hindus, erleiden wegen dieser Radikalisierung ebenfalls Verfolgung. Außerdem betroffen sind muslimische Minderheiten wie die Ahmadi oder Schiiten, die – weil sie nicht als wahre Muslime gelten – auch gewaltsame Verfolgung erleben. Sie werden als abtrünnige Sekten angesehen, was zur Rechtfertigung jeder Gewalt gegen sie genutzt wird.
Vom organisierten Verbrechen sind Christen auch deshalb betroffen, weil viele von ihnen arm und ohne Verteidigung sind. Der Mord an dem christlichen Ehepaar am 4. November 2014 wegen angeblicher Blasphemie zeigt dies. Sie arbeiteten in der dritten Generation in Schuldknechtschaft für den Ziegeleibesitzer. Arbeiter in dieser Lage sind völlig der Gnade des Arbeitgebers ausgeliefert. Da sie wegen horrender Zinsen ihre Schulden nie zurückzahlen können, gibt es auch keinen Ausweg. Sie können nicht gerichtlich dagegen vorgehen und bleiben so ohne Schutz und Perspektive. Denn die Korruption zieht sich in Pakistan durch alle Ebenen der Behörden und der Armee. Die Armee ist eng mit der Wirtschaft des Landes verflochten.

Die Zersplitterung der Gesellschaft, aber auch der Verwaltung des Landes, trägt außerdem zur schlechten Lage bei. Manche Regionen stehen außerhalb der Reichweite staatlichen Einflusses. Im Stil eines Fürsten herrschende Landbesitzer befehligen in den ländlichen Regionen von z.B. Punjab eigene Milizen, Gerichtshöfe und Gefängnisse. All das hat auch Auswirkungen auf die schutzlose christliche Minderheit. Die Rechtsprechung in den national verwalteten Stammesgebieten (FATA) ist eingeschränkt und ungerecht. In manchen Regionen scheint Pakistans Verfassung nicht zu gelten.

Pakistan ist eine Islamische Republik. Die jüngere Entwicklung der Islamisierung der Gesellschaft begann bereits in den 80er-Jahren, als General Zia 1986 die berüchtigten Blasphemiegesetze einführte. Bald wurde das zur Bedrohung für die christliche Minderheit. Diese Blasphemiegesetze werden missbraucht, um persönliche Streitigkeiten auszutragen, sich zu bereichern oder dem Nachbarn etwas heimzuzahlen. Aber sie werden auch politisch instrumentalisiert und haben symbolische Bedeutung für extremistische islamische Gruppierungen.

Alle Versammlungen – also auch die der Christen –unterliegen stärkeren Einschränkungen. Die Christen dürfen wohl am Sonntag Gottesdienst feiern, doch Treffen darüber hinaus sollten sie unterlassen, um „terroristische Akte“ zu vermeiden. Diese Formulierung wird inzwischen dankbar von lokalen Behörden aufgegriffen, um christliche Aktivitäten insgesamt zu verhindern.
Schätzungsweise 700 christliche Mädchen und Frauen werden jedes Jahr entführt, oft auch vergewaltigt und dann mit Muslimen zwangsverheiratet. Dazu gehört immer auch die Zwangsbekehrung zum Islam. Christen werden hinsichtlich der Gesundheitsfürsorge diskriminiert. Diese erhalten nur Personen, die islamische Steuern entrichten; Christen sind also ausgeschlossen. Christliche Kinder werden in der Schule zur Teilnahme an religiösen islamischen Handlungen und Festen gezwungen. Sie werden beständig aufgefordert, Muslime zu werden, und Eltern werden oft besucht und dazu angehalten, ihre Kinder zu islamischen Veranstaltungen zu schicken und sie Arabisch lernen zu lassen.

Die Zukunft der Christen sieht nicht gerade rosig aus: Erwartet wird ein Machtkampf zwischen den Taliban und dem „Islamischen Staat“ (IS), der den Druck auf beide Gruppen erhöhen wird, mehr Anhänger zu generieren. Dies bedeutet, dass sie sich als „islamischer“ erweisen als die andere Gruppe und einen noch „echteren“ Islam vertreten müssen. Dazu gehören Attacken auf „Dhimmis“, Schutzbefohlene, die als Ungläubige Kopfsteuer zahlen und als die Schwächsten in der „rein islamischen“ Lehre gelten. Noch radikaler aufzutreten heißt auch, die Christen stärker zu verfolgen und ihre Rechte und ihren Bewegungsspielraum noch weiter einzuschränken. Dies schürt den Hass und Argwohn weiter Teile der Gesellschaft gegen die Kirche – vorhanden sind beide schon lange.

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