Noch ein Park

Nämlich der Votivpark – jetzt Sigmund-Freud-Park. Er gehört für mich nicht zu den großen Ringstraßenparks, in denen man die Denkmäler erkennen musste und sich etwas zu den Funktionen der dargestellten Menschen merken musste. Nein, der Votivpark ist für mich noch ein „Kindheitspark“.

Nachdem wir aus der Harmoniegasse (Wohnung „mit Klo am Gang“) ausgezogen waren, in eine größere Wohnung in der Währinger Straße, lag nun auch der Votivpark näher als der Clam-Gallas- und Liechtensteinpark. Diese neue Wohnung war ziemlich nahe unserer alten Schule , eigentlich nur durch die Thurnstiege getrennt. Ich musste also nicht Schule wechseln.

Die Adresse war Währinger Straße 26. Wir wohnten im hinteren Trakt, unsere Fenster gingen weitgehend in einen Park – mit Atelier und einem wunderschönen Kastanienbaum. Auf diesem Grund war stand einst eine Behausung, in der Mozart gelebt hatte und wo er die Oper „cosi fan tutte“ komponiert hatte.

Also lag es nahe, zum Spielen den Votivpark aufzusuchen. Er war damals auch für Kinder viel attraktiver als er heute ist. Er war ganz anders angeordnet, das heißt er war in seiner ursprünglich geplanten Form, als Grünflächen um und vor der Votivkirche angelegt Die Anlage wurde in den 1870er-Jahren im Anschluss an den Kirchenbau gestaltet. Der Park war „kleinräumiger“ angeordnet, es gab verschiedenen Zonen, z.B. das Rondeau, mit Blumen bestückt, nur mit Sesseln ausgestattet, in denen zumeist ältere Damen (älter aus der Sicht der Kinder damals) saßen, die sich sonnten und nicht gerne  gestört werden wollten.  Ein anderer Teil war meist nur mit Bänken ausgestattet, für Mütter mit Kindern vorbehalten, wo wir mit unseren hölzernen Trittrollern oder Puppenwägen unterwegs waren. An der Ecke, wie ein Wächter, stand eine wunderschöne Eibe, die roten Beeren zu pflücken oder gar zu essen war uns strengstens verboten: GIFTIG! Der Teil entlang der Universität wurde hauptsächlich von Studenten genutzt, auch dort gab auch die nicht-kostenpflichtigen Bänke. Allerdings an der Schnittstelle von Rondeau und Studenten gab es einen bei uns Kindern sehr beliebten Brunnen. Und der Teil, der dem Schottenring zugewendet war, gab’s noch die Milchtrinkhalle, in meiner Erinnerung nur mehr ein Gebäude, das seine Funktion eingestellt hatte. Da es eine offene Halle  mit Säulen war, eignete es trefflich für allerhand Spiele. Eigentlich eine ganze Welt für Kinder. Allerdings spielten wir auch „Marschieren“ und sangen dazu „Lieder der Bewegung“, die wir in der Schule gelernt hatten.  Bei „die Fahne hoch“ versuchten die Buben  die Röcke der Mädchen aufzuheben -was zu  lautem Gekreische führte.

Aber bald war die Idylle zu Ende. 1944 waren die meisten Kinder „verschickt“, wir kehrten 1945 im Mai nach Wien zurück. Es war erschrecklich,  alle diese Zerstörungen zu sehen. Unsere Wohnung hatte nur ein großes Loch in der Wand und keine Fensterscheiben mehr. Wir waren diesbezüglich sehr glimpflich davongekommen. Als ich den Votivpark aufsuchte, wohl in der Hoffnung die Freunde von früher zu treffen, fand ich einen großen Löschteich vor, oder war es ein Bombeneinschlag, der gerade nach einem Regen mit Wasser gefüllt war? Natürlich konnte man auch auf der G’stetten wunderbar spielen, aber leider war uns eigentlich die Lust am Spielen abhanden gekommen.

1961 erfolgte die Errichtung einer Tiefgarage und der Schottentor-Passage. 1984 wurden die Grünflächen um die Kirche in „Votivpark“, die Grünflächen zum Ring hin nach Sigmund Freud benannt. Im Sigmund-Freud-Park hat nun das Stadtgartenamt Liegestühle (im Rasen) zum Entspannen aufgestellt (Eine Zeitlang war diese Gegend auch Drogenhandelsplatz).  Welcher Kulturbruch: beim kleinsten Betreten des Rasens waren wir Kinder damals umgehend gerügt worden.

1997 pflanzte die Europäische Union einen Baumkreis und beging damit den 40. Jahrestag ihrer Gründung. Anlässlich der EU-Erweiterung im Mai 2004, wurde die Mitte des Baumkreises mit einem Granittisch und zehn Sitzgelegenheiten (für die zehn neuen Mitglieder) ergänzt. Der Tisch steht für gelebten Dialog.

Folgende Bäume stehen für die Mitglieder unserer EU: Frankreich – Scheinakazie; Griechenland – Zierapfel; Spanien – Nussbaum; Finnland – Birke; Italien – Esche; Deutschland – Eiche; Niederlande – Birke; Dänemark – Roteiche; Schweden – Eberesche; Vereinigtes Königreich – Rotbuche (na hoffentlich muss sie nach einem Brexit nicht ausgegraben werden); Belgien – Pappel; Portugal – Eiche; Luxemburg – Eiche; Irland – Esche; Österreich – Linde (wohl nach dem „am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum…). Bei Mehrfachzuordnungen handelt es sich um unterschiedliche Sorten! Wer diese Zuordnungen wohl getroffen hat?

Wo heute das so genannte Jonas-Reindl (zweigeschossige Straßenbahnschleife) errichtet wurde, gab es früher einen kleinen Kaffeehausgarten, den ich dann als Studentin im Frühling und Sommer nutzte, um zu Lernen, wenn mir zu Hause in der Währinger Straße schon die Decke auf den Kopf fiel.

Kindheits- und Jugenderinnerungen, die immer auftauchen, wenn ich das Jonas-Reindl quere.

Noch ein Park

2 Gedanken zu “Noch ein Park

  1. so hat meine liebe Freundin Marina, die ein besseres Gedächtnis zu haben scheint, als ich den Löschteich im Votivpark in „noch ein Park“ kommentiert:
    Der Löschteich wurde meiner Erinnerung nach im Jahr 1944 im Votivpark angelegt, um ein Wasserreservoir zu haben. Die Bombenangriffe wurden ab September immer häufiger und gerade auf der Währingerstraße standen infolgedessen Häuser in Flammen.

    Durch den Erdaushub für den Teich entstanden kleine Hügel, die im schneereichen Winter 1945/46 als Minirodelbahn benützt wurden.

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