Die drei Pfeile sind zerbrochen

Die heutige Ausgabe der Wiener Zeitung ziert ein Bild mit drei Pfeilen, das Symbol der Sozialisten, die die Pfeile sind zerbrochen.

Meine liebe Mutter wird sich im Grab umdrehen, wenn sie von der derzeitigen Misere der SPÖ hören würde. Meine Mutter war eine aufrechte Sozialistin, geboren 1905. In sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsen, insgesamt 6 Geschwister, die Mutter an Tuberkulose sehr früh verstorben, der Vater Baupolier. Meine Mutter lebte mit ihrem Vater, später auch mit ihrer Stiefmutter in Ottakring, in der Habichergasse. Die andren 5 Geschwister wurden von der Schwester des Vaters in Niederösterreich aufgezogen.

Nach den Erzählungen der Mutter war es ab dem Tod der Mutter eine eher freudlose Kindheit. Im Haus natürlich gab es Wasser und Klo am Gang, in vielen anderen Wohnungen noch Bettgeher. Sie wurde von der Stiefmutter so behandelt, wie man es damals von einer Stiefmutter erwartete, nämlich schlecht. Sie bekam zu wenig zu Essen, wenn sie lesen wollte, musste das Licht vom Gang über das Fenster dort reichen. Sie ging gerne in die Schule, sie war sehr lernbegierig. Aber an ihrem 14. Geburtstag, am 13. Mai, wurde sie aus der Schule genommen und musste umgehend ein Dienstverhältnis als Haushaltshilfe eingehen. Nicht einmal das Schuljahr ließ man sie abschließen. Dot gab es kein eigenes Zimmer, bestenfalls ein Klappbett in der Küche, und wieder nicht genug zu essen. Allerdings, es war damals Krieg, und auch nach dem Krieg herrschte große (Hungers)Not. Später erlebt diese Generation die große Arbeitslosigkeit, den Bürgerkrieg, den Faschismus, den Zweiten Weltkrieg. Die Sozialdemokratie versprach Arbeit, und damit eine würdig Existenz.

Meine Mutter erzählte immer wieder, dass einer ihrer Vorfahren am Hainburger Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiter Partei 1888/1889 dabei gewesen wäre. Leider habe ich nicht genauer nachgefragt. Damals war die sozialistische Partei anders: viele Führer waren großbürgerlicher Herkunft, sie waren Intellektuelle, Jakob Reumann, Victor Adler und Ferdinand Hanusch waren Vorbilder der Menschen dieser Generation, Julius Tandler war auch meiner Mutter ein Begriff. Die Arbeiterzeitung hatte großartige Chefredakteure. Man war stolz auf das „rote Wien“, auf die Gemeindebauten. Meine Mutter liebte die großen Maiaufmärsche nach dem Krieg in Wien. Sie marschierte zwar nicht mit, sie war übrigens auch nie Parteimitglied der sozialdemokratischen Partei (Parteizugehörigkeit war für diese Generation negativ besetzt). Aber aus allen großen Einfallsstraßen zum Ring, aus allen Bezirken kamen sie anmarschiert, mit geschmückten Fahrrädern, Fahnen schwingend und Banner mit Parolen (zumeist noch Forderungen) tragend. Die Musik war dabei. Meine Mutter konnte bis an ihr Lebensende die Internationale und das Lied der Arbeit singen. Alle marschierten in ihrer Arbeitskleidung – Polizisten, Straßenbahner, Krankenschwestern etc. Die Straßenbahnen fuhren an diesem Tag nicht. Man fühlte sich wohl, in den diversen Bünden der Arbeiterbewegung. Es gab vor allem jene, die großen Wert auf den zweiten Bildungsweg legten: die Volkshochschulen. Franz Jonas war diesen Weg gegangen.

Meine Mutter fühlte sich ihr Leben lang der Arbeiterklasse zugehörig.

Aber gibt es diese „Arbeiterklasse“ heute noch, fühlt sich ihr noch jemand zugehörig? Gar kein Zweifel, es gibt großartiger Errungenschaften, die Beschränkungen der Arbeitszeit, die verlängerten Urlaube, die Krankenversicherungen etc. Aber auf die heutigen Probleme scheint die Sozialdemokratie keine Antworten zu haben. Es hat eine De-Industrialisierung stattgefunden, in Fabriken arbeiten kaum mehr Menschen – die Arbeit wird von Maschinen erledigt, dasselbe gilt für Baustellen. Die Büros leeren sich zunehmend, die Digitalisierungswelle wird das noch verstärken. Bald wird es „Roboter-Kollegen“ geben. Vieles wurde und wird in Billiglohnländer ausgelagert. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Sozialdemokratie Antworten auf diese Herausforderungen gefunden hat.

Es wurde zwar heftig daran gearbeitet, dass Frauen in das Berufsleben strömten, aber Unterstützung durch Tagesbetreuungen wurde nicht in ausreichendem Maße gewährleistet.  Es wurde heftig daran gearbeitet, dass es mehr Akademiker gibt, aber viele von ihnen landen in unbezahlten Praktika, in unterbezahlten Teilzeitjobs, in der Arbeitslosigkeit.

Auch um die Gastarbeiter und deren Integration hat man sich eigentlich kaum gekümmert. Stimmt schon, man hatte geglaubt, sie würden bald in ihre Heimat zurückkehren – aber nachdem klar wurde, dass sie doch bleiben würden: wo waren die großen Antworten?

Der Sozialdemokratie ist die Arbeiterklasse abhanden gekommen, wer bezeichnet sich heute gerne als Arbeiter, die gesteckten Ziele sind erreicht, neue hat man sich nicht gesteckt. Also wer hat heute noch Grund, dieser Partei, Gewerkschaft seine/ihre Stimme zu geben?

Ob es mir meine Mutter übelgenommen hat, dass ich ihre Tradition nicht fortgesetzt habe und daher nicht „Rot“ gewählt habe? Sie hat dazu nie Stellung genommen. Aber in Sachthemen, da war sie immer sehr streitbar!

Ich bin froh, dass sie das derzeitige Debakel nicht erleben muss!

Die drei Pfeile sind zerbrochen

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