Die undurchschaubaren Terroristen

oder sind es Amokläufer?

Insgesamt sind nach Angaben des Innenministeriums bis November 2014 rund 160 mutmaßliche Dschihadisten aus Österreich nach Syrien oder in den Irak gereist, beziehungsweise auf dem Weg dorthin gestoppt worden. Es handelte sich dabei überwiegend um junge Männer mit schlechter Ausbildung, rund die Hälfte stammte aus Tschetschenien, etliche aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Die Terrormiliz IS nutzte Kommunikationsmittel geschickt, um Kämpfer in Syrien, im Libanon, in Bahrain und im Irak anzuwerben. Mehr als 3000 IS-Kämpfer aus Europa sollten bereits rekrutiert worden sein. Man meinte, dass die westlichen Gesellschaften mehr Geld in De-Radikalisierungsprogramme investieren sollten, um dem Terrorismus vorzubeugen. Notwendig seien solche Programme besonders in Gefängnissen. Liegen die Gründe für die Radikalisierung von Dschihadisten in der Religion? Viel eher geht es um eine Entfremdung von der Gesellschaft und persönliche Krisen. In Österreich kämen Dschihadisten hauptsächlich aus Bevölkerungsgruppen, die selbst in ihrer Kindheit eine Kriegs-Traumatisierung erlebt hätten wie Tschetschenen oder Bosnier. Der Dschihadismus in Europa hat auch Elemente einer Jugend-Subkultur, etwa Pop-und Rap-Songs oder Comic-Strips, in denen die Ideologie transportiert werde. Die potentiellen Dschihadisten waren auf der Suche nach Abenteuer, bei dem sie Spaß haben, für ihre Verhältnisse viel Geld bekommen und sich letztlich auch noch in einem hierarchisch strukturierten Gesellschaftsverband als Held profilieren wollen. Der IS galt bisher als die derzeit personell, finanziell und militärisch stärkste Terrorgruppe weltweit. Die sunnitische Terrormiliz hat inzwischen rund 15.000 überwiegend gut ausgebildete Kämpfer (diese Zahlen variieren je nach angebender Stelle), die sich durch ein Verhalten von äußerster Brutalität auszeichnen. Das Internet und die sozialen Medien sind für den IS das wichtigste Propagandawerkzeug. Jene, die rekrutieren, versprechen genau das, was vielen potenziellen Bewerbern fehlt: ein Sinn im Leben und das Versprechen nach Erfüllung.

Etwa 60 Personen sind laut Innenministerium bereits wieder nach Österreich zurückgekehrt, 30 sind wahrscheinlich im Kampf gestorben. Gegen rund 100 Personen wurden Ermittlungsverfahren wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung (§278b) eingeleitet.

Mittlerweile sind rund 10 Prozent Frauen, die immer öfter als potenzielle Ehepartnerinnen für Dschihadisten angeworben werden. Ursprünglich hat der „weibliche Dschihad“ ausschließlich häusliche Pflichten wie Kochen, Näharbeit, Kranken- und Kinderpflege für Frauen vorgesehen, obwohl längst viele Frauen in den „heiligen Krieg“ ziehen, um Märtyrerinnen zu werden. Die Extremisten scheinen die nützlichen Seiten einer möglichen Beteiligung am Krieg gegen die „Nicht-Gläubigen“ erkannt zu haben. Frauen erwiesen sich als perfekte Terroristen: Sie würden aus ethischen Gründen nicht so streng von Sicherheitskräften durchsucht, trügen öfter weite Kleidung, seien weniger auffällig als Männer.

Eine französische Journalistin namens Anna Erelle hat sich zu Recherchezwecken mit einem wie sich später herausstellte hochrangigen Dschihadisten „eingelassen“ (alles nur im Internet), sie hat darüber ein verstörendes Buch geschrieben: „Undercover Dschihadistin, Wie ich das Rekrutierungsnetzwerk des Islamischen Staats ausspionierte“, Droemer Verlag, 2015, Originalausgabe ebenfalls 2015, „Dans la peau d’une djihadiste“. Sie hat versucht, die Methoden und Wege zu ergründen, wie Jugendliche in die Kampfzonen geraten. Sie wurde mit dieser Engstirnigkeit, diesem Fanatismus konfrontiert, die viele Jugendliche erst kennen lernen, wenn sie am Kriegsschauplatz eingetroffen sind. Sie sehen sich dann plötzlich als Kanonenfutter verwendet! Und gegen die Autorin wurde eine Fatwa verhängt, in dem alle Muslime aufgefordert werden, sie zu foltern und zu töten. Sie musste ihre Wohnung wechseln, an ihrem Arbeitsplatz sind die Sicherheitsvorkehrungen drastisch verstärkt worden. Ihre Themenwahl für Publikationen in Zeitungen ist drastisch eingeschränkt worden …. Sie bezahlt einen hohen Preis für die Informationen, die sie öffentlichen Stellen aber auch anderen Menschen, wie Eltern potentiell gefährdeter Kinder, zur Verfügung stellte.

Aber im Moment scheint es, dass der so genannte Islamische Staat seine Anziehungskraft auf europäische Jugendliche zu verliert?

Warum? Der IS verliert Territorium, es steht weniger Geld für neue Rekruten zur Verfügung? Oder schließt man sich eher einem Sieger an als einen Verlierer? Oder hat sich der Schwerpunkt der Strategie des IS geändert: man unterstützt junge Männer in Europa, die nun hier ihre Terroranschläge mit sehr einfachen Mitteln durchführen? Oder nützt man diese Amokläufe nur hinterher, um sich ihrer rühmen zu können.

Oder hat sich die soziale Lage in Österreich, in Deutschland oder in Frankreich etwa so geändert, dass es nicht so anziehend ist, nach Syrien zu pilgern? War es falsch, was immer an sozialen Gründen für die Anwerbung angegeben wurde?

Woher kommt dann der Hass? Wollen manche dieser Terroristen, dass unsere Städte genau so aussehen, wie jene, aus denen sie oder ihre Eltern geflohen sind?

Viele Fragen sind offen, es wird noch dauern, bis sie beantwortet werden können. Erst dann können wir vielleicht wieder in Sicherheit leben.

Die undurchschaubaren Terroristen

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