Fethullah Gülen, der große Gegenspieler Erdogans

„Erneuerung der Religion aus den traditionellen Quellen des anatolischen Volksislams“, war das Motto Fethullah Gülens. Er betont einen modernen türkischen Nationalismus, freie Marktwirtschaft und die Bedeutung von Bildung. Gülen versucht, den türkischen Nationalismus stärker zu islamisieren. Sein Nationalismus ist dabei mehr ein umfassend religiöser, weniger ein ethnischer oder rassischer. Er umfasst fast alle Muslime des Osmanischen Reichs.  Perser- und araberfeindliche  Untertöne sind aber nicht zu überhören.

Der Prediger verwirft die Evolutionstheorie Darwins, geißelt den Atheismus  und stellt den Islam über die Demokratie. Gülen vergleicht die Abwendung vom Islam mit Hochverrat. Von Frauen wird zwar nicht verlangt, sich zu verschleiern bzw. Kopftuch zu tragen, doch verhalten sich die meisten seiner Anhängerinnen so. Fethullah Gülen selbst sieht das Schlagen der Frau als im Islam verboten an. Er hielt zur Rolle der Frau im Islam fest, dass Frauen nahezu alle Funktionen übernehmen und auch als Richter und Staatsoberhaupt tätig sein können.

Als Gülen- oder Hizmet-Bewegung wird seine transnationale religiöse und soziale Bewegung  bezeichnet. Die Bewegung ist mit Privatschulen in über 160 Ländern in der Bildung tätig und investiert gleichzeitig in Medienarbeit, Finanzen und Gesundheitshäuser. Ihre Weltanschauung wird teilweise in der Öffentlichkeit als „pazifistischer, moderner Islam, als Gegenstück zum weitaus extremeren Salafismus“ bezeichnet. Andere sehen in ihr eine „sektenähnliche Organisation“. Die Bewegung hat keinen offiziellen Namen, wird aber von ihren Anhängern als Hizmet (der Dienst) bezeichnet und nennt sich in der breiteren türkischen Öffentlichkeit Cemaat (Gemeinde).

Die genaue Zahl der Anhängerschaft der Gülen-Bewegung ist nicht bekannt, Schätzungen zufolge hat sie bis zu acht Millionen Anhänger. Ihre Zahl in Österreich wird auf 15.000 geschätzt. Gülenisten sind meist Studenten, Lehrer, Geschäftsleute und Journalisten. Hinter der Bewegung sollen erhebliche Geldmittel stehen, das Vermögen der Bewegung belaufe sich angeblich auf 50 Milliarden US-Dollar.

Schon seit den 1980er-Jahren hatte die Gülen-Bewegung Nachhilfeschulen für die zentrale Hochschulaufnahmeprüfung (ÖSS) gegründet sowie Anhänger an den Hochschulen in der Türkei rekrutiert. 1986 wurde von ihr die später mit Abstand auflagenstärkste Tageszeitung der Türkei, Zaman, gegründet, dazu kommen weitere Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehanstalten, sowie eine Journalistenschule.

1997 empfing Papst Johannes Paul II. Fethullah Gülen.

Sowohl Erdogan als Gülen wollen die Türkei verändern, indem sie die Religion aus den Fesseln des strengen Laizismus befreien und zu einem Teil des Staates machen. Ihr gemeinsamer Gegner war anfänglich die säkulare Elite im Westen des Landes, ihr gefährlichster Feind war das türkische Militär.

1998 ereignete sich im Rahmen einer Untersuchung der angeblichen Unterwanderung des Militärs durch Islamisten ein Skandal um eine zusammengeschnittene Rede Gülens, die 1999 ausgestrahlt wurde und in der er Anhänger aufforderte, geduldig zu arbeiten, um die Kontrolle im Staat zu übernehmen. Gülen reiste hierauf angeblich aus gesundheitlichen Gründen in die USA.

Die Verhaftung mehrerer Generäle als vermeintliche Putschisten in der Türkei Anfang Juli 2008 geht angeblich auch auf die Anhänger Gülens zurück. Sie hatten inzwischen hohe Positionen inne, nicht nur in der AKP, sondern auch im Staatsapparat, in der Justiz und der Polizei. Es wird auch vermutet, dass die Gülen-Bewegung hinter den Ergenekon-Ermittlungen und anderen Verfahren gegen das Militär steht, um Rache für Gülens vergangene Verurteilung zu üben.

Der Think Tank EastWest-Institute verlieh der Gülen Bewegung  im Jahr 2011 den jährlichen Peace Building Award.

Mitte Dezember 2013 warf Erdogan mehrfach der Gülen-Bewegung Umsturzversuche vor und behauptete, die Bewegung betreibe einen „Tiefen Staat“. Die türkische Regierung ging mit Festnahmen, Massenversetzungen und Entlassungen im Justiz- und Polizeiapparat vor und ließ Gülen-Anhänger aus staatlichen Institutionen entfernen. Neue internationale Aufmerksamkeit erfuhr die Bewegung im Korruptionsskandal in der Türkei seit Dezember 2013. Am 25. Juni 2014 wies die Zentrale der Polizei  ihre Dienststellen an, zu untersuchen, ob die Hizmet-Bewegung einen bewaffneten Arm unterhält.

Am 16. Juli 2016 warf der türkische Präsident der früher  mit ihm verbündeten Gülen-Bewegung vor, für den gescheiterten Putschversuch in der Türkei 2016   verantwortlich zu sein, was von Gülen bestritten wurde; er kritisierte den versuchten Staatsstreich. Die Regierung in Ankara verlangt die Auslieferung Gülens. Schon wenige Tage nach dem Putschversuch hatte die Türkei den USA mehrere Dokumente geschickt,  die eine Beteiligung Gülens belegen sollen. Ein Istanbuler Gericht erließ einen Haftbefehl gegen Gülen. Der Prediger reagierte darauf mit scharfer Kritik an der türkischen Justiz: Es sei „gut dokumentiert“, dass den türkischen Gerichten die „juristische Unabhängigkeit“ fehle, sagte Gülen. Der Haftbefehl sei ein weiteres Beispiel dafür, dass sich Erdogan immer mehr zum „Autoritarismus und weg von der Demokratie“ bewege

In türkischen regierungsnahen Medien ist nun zu lesen, für welche illegalen und terroristischen Aktivitäten Gülen (im Nachhinein) verantwortlich gemacht wird – etwa für das Grubenunglück in Soma vor zwei Jahren. Damals starben nach einem Brand im Braunkohlebergwerk mehr als 300 Arbeiter. In sozialen Netzwerken posteten User, dass das Unglück eine Gülen-Sabotage gewesen sei, während eine linke Tageszeitung herausfand, dass hinter ebendiesen Usern die Jugendbewegung der AKP stecke.

Nun wird auch von einer Zusammenarbeit zwischen der verbotenen kurdischen Untergrundorganisation PKK und der Gülen-Bewegung berichtet. 60 mutmaßliche Gülen-Putschisten, davon drei Generäle, sollen sich in das Hauptquartier der PKK begeben haben. Die Gülenisten seien auch der Grund, warum die Spitze der PKK durch türkische Bombardements bisher nicht ausgeschaltet werden konnte: Ein General sei Anhänger Gülens gewesen und hätte die Kurden vor den Einsätzen gewarnt. Die PKK ist aber bisher nicht mit einer Gülen-freundlichen Haltung aufgefallen, im Gegenteil. Die marxistische Untergrundorganisation hat den Einfluss des islamischen Netzwerkes zurückzudrängen versucht. Beide haben im türkischen Südosten rekrutiert, die PKK wollte bewaffnen, die Gülenisten islamisieren. Fethullah Gülen selbst hat sich mehrmals nach PKK-Anschlägen zu Wort gemeldet. Es sei eine Schande, dass das Militär nicht mit den „Banditen in den Bergen“ fertig werde.

Fethullah Gülen, der große Gegenspieler Erdogans

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