Erinnern Sie sich noch?

Das Merkwürdige an der Zukunft
ist wohl die Vorstellung,
dass man unsere Zeit einmal
die gute alte Zeit nennen wird.

Ernest Hemingway

Ein bisserl Nostalgie sei mir bitte heute gestattet. Ich weiß schon, dass früher nicht alles besser war – anders aber war es auf alle Fälle.

Mir geht es manchmal ab, wenn ich in der Nacht nicht schlafen kann: das Pferdegetrappel der Zusteller von Milch an die entsprechenden Geschäfte – noch in den 60er Jahren konnte man sie hören und sehen.

Das Lagern von Lebensmittel erfolgt schon lange im „Eiskasten“, nur früher kamen Männer, die aufgeschnittene Säcke über Kopf und Schultern gezogen hatten, um Eisblöcke zu bringen, die man dann in den Eiskasten schob. Was taute, musste man selbst entsorgen. Also zugegebenermaßen, die heutigen Kühlschränke sind eindeutig bequemer. Manche Leute, die sich selbst diese Eiszustellung nicht leisten konnten, lagerten Lebensmittel in den kühleren Jahreszeiten zwischen den Fenstern.

Was man heute im Supermarkt auf einmal einkaufen kann, besorgte man früher in sehr unterschiedlichen Geschäften. Da war einmal die Milchfrau, dort bekam man Milch in die eigenen, selbst gewaschenen Flaschen, die aus großen Kannen abgefüllt wurde und mit einem aus Pappendeckelgefertigten Blatt abgedeckt wurden. Natürlich rann die Milch bei Schräglage aus. Auch Joghurt z.B., bekam man dort, eher aber kaufte man Rahm oder Schlagobers, vielleicht etwas Käse. Um die Ecke war gleich der Fleischhauer. Deren gab es viele in Wien, wenige sind übriggeblieben. Aber man bekommt ja das Fleisch im Supermarkt. Diese Fleischer schlachteten meist selbst, sie  räucherten das Fleisch. Viele von ihnen stellen sich auch um und bieten Fertigspeisen an. Viele Wienerinnen kauften auch gerne beim Pferdefleischhauer ein.

Wenn man lieber Hendl essen wollte, ging man ins Geflügelgeschäft. Dort musste man aber ohnedies hin, denn man brauchte ja auch Eier. Eine Schachtel für die Verpackung musste man auch dorthin selbst mitbringen. Dort erstand man zu Weihnachten auch sein Gansl, natürlich mitsamt der Leber.

Wenn es weder Fleisch noch Geflügel war, das man benötigte, dann ging man eben auch ins Fischgeschäft. Das Angebot dort könnte sicher nicht mit jenem konkurrieren, die große Supermärkte anbieten und die Hausfrau, der ja der Einkauf oblag, kannte auch nur wenige Fische, meist Karpfen, Forelle, oder eben „Seefisch“. In den Monaten ohne „r“ aß man ohnedies keinen Fisch, das lag wohl daran, dass das Lagern und Kühlen wesentlich schwieriger und teurer war als heute.

Die Bäckerei gab es selbstverständlich auch, es waren keine Ketten, sondern der einzelne Bäcker erzeugte sein Brot, seine Semmeln (das Wort Handsemmel gab es noch nicht, alle Semmeln waren mit der Hand gemacht.) selbst. Die Kaisersemmel gab es auch damals, aber leider kann ich nicht sagen, wodurch sie sich von einer „normalen“ Semmel unterscheidet. Aber Kuchen oder Erdäpfelbrot für das Sonntagsfrühstück buk die Hausfrau am Samstagnachmittag selber. Muffins oder Donuts kannten wir damals nicht.

Vieles wurde noch zu Hause gemacht, meine Mutter dachte nicht daran, Nudeln einzukaufen, die wurden selbst gemacht, wie eben z.B. auch Strudelteig, der so dünn sein musste, dass man eine Zeitung darunter lesen können musste, und er durfte beim Ausziehen ja keine Löcher bekommen. Man musste überhaupt noch vieles selber machen, denn Fertiggerichte gab es doch gar nicht!

Was fehlt denn jetzt noch? Ja, das Obst und Gemüse, der Salat. Das konnte man beim so genannten Pracker erwerben, so er in der Gegend war. Ein Pracker war ein Wanderverkäufer, der mit einem handgezogenen Pritschenwagen durch die Straßen zog und einheimisches frisches Obst und Gemüse anbot und mittels eines typischen Kaufrufs die Kunden anlockte; er durfte an einem Standort nur so lange verweilen, als er tatsächlich Ware verkaufte. Seine Beliebtheit lag in der Frische der Ware und im billigeren Preis begründet. Wenn der Pracker ausblieb, konnte man noch immer zur Kräutlerin gehen, wo man dann halt nur jenes Obst und Gemüse bekam, das der jeweiligen Jahreszeit entsprach.

Dass  das Einkaufen auf diese Art nicht ganz so schnell ging, ist ja damit ersichtlich. Und ein kleines Plauscherl in jedem der Geschäfte war natürlich auch noch einzuplanen.

In dörflicher Umgebung gab es noch den Greißler, manchmal auch Viktualienhändler genannt. In Städten trat er zuweilen als Kolonialwarenhändler auf. Das wäre heute sprachlich nicht mehr ganz korrekt. Dort wurde jede Ware einzeln eingewogen; die Gurkerl aus dem großen Gurkenglas konnte man einzeln kaufen, ebenso wie Zuckerln.

Aber für Zuckerln war ohnedies das Zuckerlgeschäft zuständig; meist in der Nähe von fast überall anzutreffenden Kinos gelegen, es durfte auch länger offenhalten, als die anderen Geschäfte, jedenfalls bis die letzte Vorstellung begonnen hatte.

Aber all das betraf nur Lebensmittel, es gab selbstverständlich Schuster, Schneiderzubehör, Knopfgeschäfte – in Wien beispielsweise der „Knopfkönig“, Stoffgeschäfte – da ja selbst geschneidert wurde. Es gab auch die Eisenhandlung, die Geschirrhandlung, die Parfumerie und die Drogerie, Farbenhandlungen, Photographen, aber auch Scherenschleifer, oft ganz in der Nähe.

Ein Leben unter diesen Umständen wäre wohl den heute „außerhäuslich“ arbeitenden Frauen unmöglich. Und bei aller Nostalgie: das wünschen wir uns doch alle nicht – oder?

Erinnern Sie sich noch?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s