Die umkämpfte muslimische Bekleidung: der Burkini

 

Muslimische Frauen dürfen im Bad, am Strand keinen Ganzkörperschwimmanzug tragen. Von den Gegnern werden einerseits „hygienische Gründe“ angegeben, aber auch „heftige Beschwerden“ werden angeführt. In Cannes mussten die ersten Frauen bereits für das Tragen eines Burkini am Strand Strafe zahlen. In vielen muslimischen Gesellschaften treten Frauen in der Öffentlichkeit stark verhüllt auf. Dennoch wächst in den letzten Monaten der Widerstand gegen die Verschleierung in Europa. In der Schweiz beispielsweise hat ein Vorfall für einen Eklat im Schwimmbad gesorgt. Burkini-Trägerinnen wurden des Beckens verwiesen.

Ein erstes Verbot hatte der Bürgermeister von Cannes Ende Juli per Dekret erlassen, danach folgte der Ort Sisco auf Korsika. Dort war es zu Auseinandersetzungen zwischen korsischen Jugendlichen und Familien maghrebinischer Herkunft gekommen. Zuvor hatten Touristen Augenzeugen zufolge Frauen fotografiert, die im Burkini baden gingen. Cannes und die Nachbargemeinde Villeneuve-Loubet haben verfügt, dass Frauen keine Burkinies mehr tragen dürfen. Der Bürgermeister von Cannes, erklärte in den Burkini zur „Uniform des extremistischen Islamismus“,. schließlich würden am Mittelmeer andere Werte gelten.Bedroht der Islam unsere christlichen Wurzeln  und das laizistische Fundament der Republik?

Frankreichs Regierungschef befürwortet ein Burkini-Verbot an einzelnen Stränden. Ein Gesetz für ganz Frankreich kommt für Valls aber nicht infrage. „Strände müssen wie jeder andere öffentliche Raum vor religiöser Inanspruchnahme geschützt werden“. „Der Burkini ist nicht ein neues Modell von Badeanzügen, eine Mode. Er ist die Übersetzung eines politischen Projekts, einer Gegengesellschaft, die unter anderem auf der Unterjochung der Frau fußt.“ Hinter dem Burkini stehe die Idee, dass Frauen „von Natur aus unkeusch und unrein“ seien und sich deshalb vollständig zu bedecken hätten, sagte Valls weiter. Mit den „Werten Frankreichs und der Republik“ sei das nicht vereinbar. „Die Republik muss sich gegen Provokationen verteidigen.“

Angesichts der derzeitigen Spannungen – ein Verweis auf die islamistischen Anschläge dieses Sommers und die weiterhin hohe Terrorgefahr – müssten Störungen der öffentlichen Ordnung verhindert werden, sagte Valls. Er verstehe und unterstütze deswegen Bürgermeister, die das Tragen der muslimischen Anzüge verbieten, wenn das Motiv dahinter sei, „das Zusammenleben zu fördern, ohne politischen Hintergedanken“. Anlass für eine gesetzliche Regelung sieht Valls dagegen nicht: Allgemeine Bekleidungsvorschriften könnten „nicht die Lösung sein“.

Der Burkini– eine Wortschöpfung aus Burka und Bikini – bedeckt den ganzen Körper einschließlich des Kopfes und wird von muslimischen Frauen getragen, die beim Baden einer strengen Auslegung des Islam entsprechen wollen. Das Gesicht bleibt beim Burkini aber frei. Das Tragen eines Burkinis fällt also nicht unter das seit 2011 in Frankreich geltende Burka-Verbot, das untersagt, in der Öffentlichkeit sein Gesicht zu verhüllen. Ein Burkini verdeckt nicht das Gesicht einer Frau, er steht also angeblich nicht für Unterdrückung. 2007 kam der Ganzkörperanzug aus Elastan, der auch Hände und Füße freilässt, unter diesem Namen auf den Markt. Seither boomt das Geschäft: Immer mehr Frauen gehen damit schwimmen.

Was als schleichende Islamisierung interpretiert wird, könnte auch als Indiz für eine stärkere Teilnahme strenggläubiger Frauen am öffentlichen Leben gewertet werden. Wer an den Strand geht, zeigt schließlich, dass er sich der hiesigen Gesellschaft zugehörig fühlt. Der spezielle Badeanzug ist für viele Muslimas oft der einzige Weg, sich dabei wohlzufühlen. Auch wenn wir uns nicht vorstellen können, diesen Anzug freiwillig zu tragen: Man muss ihn nicht gut finden, aber akzeptieren. Wie viel Haut man zeigen möchte, ist eine persönliche Entscheidung. Jede Frau sollte sich an den Strand legen dürfen wie sie will: im Bikini, Stringtanga – oder eben im Burkini.

Die Burkini-Verbote sind allerdings höchst umstritten. Kritiker prangern sie als rassistisch und islamfeindlich an und argumentieren, damit würden französische Muslime stigmatisiert. Befürchtet wird zudem, dass Burkini-Verbote die nach dem Anschlag von Nizza gewachsenen Spannungen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in Frankreich verstärken könnten.

Ein Sprecher der kommunistischen Partei warf Valls vor, mit seiner Unterstützung für die Burkini-Verbote dem rechtsextremen Front National „hinterherzurennen“. Der Premier spiele zudem Islamisten in die Hände: „Das ist genau das, was die Terroristen letztlich wollen: Einen Religionskrieg, ständige Spannungen, das Abdriften in einen Bürgerkrieg.“

Ein Gericht in Nizza hat das im südfranzösischen Cannes verhängte Burkini-Verbot bestätigt.

Das Verbot fußt zudem nicht auf einem gesellschaftlichen Konsens, der durch Diskussionen erreicht wurde und hinreichend begründet ist. Es ist Produkt einer durch Terroranschläge aufgekochten Islamophobie – und der kurzfristigen Profilierung zweier Bürgermeister. Das Dekret zielt nicht darauf ab, die Frau zu befreien oder den Laizismus zu verteidigen. Es zielt auch nicht darauf ab, wie es in der Verordnung heißt, „die guten Sitten und die Hygieneregeln“ einzuhalten oder vor Terrorismus zu schützen. Vielmehr sagt es eines: „Wir wollen euch hier nicht.“

Hat irgendjemand überlegt, warum diese Frauen einen Burkini tragen? Vielleicht „erlaubt“ der Mann, der Vater der Bruder der Burkini-Trägerin ihr nur, in diesem Kostüm überhaupt baden zu gehen? Vielleicht ist sie eine Konvertitin, die früher auch im Bikini an den Strand gekommen ist, jetzt aber, um die Regeln der neu angenommenen Religion nicht zu verletzen, einen Burkini trägt? Und sicher gibt es auch sie, die provozieren will: „seht wie keusch ich bin, ich renne nicht halbnackt am Strand herum.“ Hat jemand diese Frauen gefragt?
https://nzz.at/wp-content/themes/flair/assets/scripts/ie-polyfills.min.js?ver=1469448156

 

Die umkämpfte muslimische Bekleidung: der Burkini

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s