Geschürte Ängste

Im Gegensatz zur Angst ist die Furcht meist rational begründbar und wirklichkeitsgerecht, sie verfügt über einen Gegenstand, dem zu begegnen oder der zu vermeiden ist. Angst ist ein Grundgefühl,  welches sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert. Das Wort Angst findet, besonders im Plural, dann Verwendung, wenn die vom Anlass abgelöste, oft vage oder äußerlich grundlose innere Befindlichkeit genannt oder beschrieben werden soll, wohingegen Furcht die Realität der drohenden Gefahr betont.

Angst wird von populistischen Politikern geschürt, die sich Stimmenzuwachs erwarten – leider zurecht! Das ist ein weltweites, nicht nur österreichisches Phänomen: Der Präsidentschaftskandidat Donald Trump lässt keine Gelegenheit aus, muslimische Einwanderer als unerwünscht zu brandmarken, um die verunsicherte untere Mittelschicht gegen alles Fremde aufzuhetzen. Und auch in Frankreich, den Niederlanden, Polen oder Ungarn – wer in der Bevölkerung Angst gegen Einwanderer und Flüchtlinge sät, kann derzeit mit viel Unterstützung rechnen. Inzwischen hat diese kollektive Angst in Deutschland ebenfalls um sich gegriffen. Gleichgültig, was die AfD an politischen Aussagen sonst noch zu bieten hat, die Empörung über die angebliche Islamisierung Deutschlands und die kriminelle Neigung der bei uns Zuflucht suchenden Ausländer mobilisiert die Wähler und trifft offenkundig auf einen sensiblen Nerv. Die Massenmörder von einigen kürzlich erfolgten Anschlägen waren wahrscheinlich keine von der Terrormiliz IS ausgesandten Terroristen, sondern psychisch labile, gewalttätige Personen, die IS-Parolen nutzen (das Auto als Waffe).

Aber es sind nicht nur die Politiker, es sind auch gewisse Medien, die Angst schüren. Terroralarm, Terrorangst, Terrorgefahr, Terroranschläge – die Medien verbreiten seit den diversen Anschlägen jeden Tag solche Parolen. Die Boulevardmedien sind voll auf dem Terrortrip. Sie ängstigen ihre Leser und Zuschauer so gut sie nur können: Großes Terrorgeschrei ohne Substanz, ohne nachvollziehbare Fakten, meist gezielt in Richtung Islamisten und IS. Die Ereignisse können noch so weit weg stattfinden, die Zahl der Opfer noch so klein sein, Hauptsache es wird „Terror“ geschrien, wobei eine Terrordefinition weitgehend fehlt. Die Medien schüren eine diffuse Angst, Informationen werden nur teilweise übermittelt, weil sich die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen auf Kurznachrichten reduziert hat – und die können keine komplexen Sachverhalte darstellen. Das Ziel dieser Medien ist die Erhöhung der Auflagenzahl, das wiederum erhöht die Werbeeinnahmen, denn die meisten dieser Medien sind Gratiszeitungen, die sich nicht durch den Verkauf finanzieren. Mit dem Flüchtlingsstrom verdoppeln Medien ihre Angstrate.

Kein normaler Bürger möchte gerne in einem Polizei- und Überwachungsstaat leben. Aber wenn das Volk genügend verängstigt und in ständiger Panik gehalten wird, dann akzeptiert es genau einen solchen Polizeistaat bzw. autoritäre Politiker.

Ein Blick in die Statistik aber zeigt: es findet sich bei schweren Straftaten kein Hinweis auf eine Überrepräsentanz von Ausländern; erst recht nicht von Flüchtlingen. Auch nicht bei Vergewaltigungen. Was noch mehr auffällt: Gerade die angstauslösenden Verbrechen wie Körperverletzungen, Mord oder Totschlag  gehen eher zurück. Es gibt auch negative Entwicklungen. So nimmt z.B. die Zahl der Wohungseinbrüche zu.  .

Wieso kommt es zu dieser Diskrepanz zwischen der wirklichen Sicherheitslage und deren Wahrnehmung?

Vor 100 Jahren waren rund 70 bis 80 Prozent des Wissens durch persönliche Erfahrung bestimmt. In der heutigen Welt basieren dagegen 70 bis 80 Prozent des Wissens nicht mehr auf Erfahrung, sondern auf Kommunikation. Gefahren erleben wir vermittelt über Medien und andere Formen der Kommunikation, häufig in digitalen sozialen Netzwerken. Es hat sich gezeigt, dass sich viele angeblich gesicherte Erkenntnisse als falsch oder zumindest nicht ganz richtig herausgestellt haben. So bleibt es bei dem Gefühl der Verunsicherung. Aus der Psychologie ist bekannt, dass Angstgefühle vor allem mit Ungewissheit verbunden sind, während das Erlebnis eines konkreten Schadens eher Widerstandskräfte hervorruft. Je weniger sich die Gefahr einschätzen lässt, desto mächtiger wirkt das Gefühl von Angst und Ausgeliefertsein. Daher haben Menschen am meisten Angst vor Flüchtlingen oder Ausländern in jenen Regionen, in denen es keine gibt. Ihnen felt die konkrete Erfahrung!

Der zweite Grund ist, dass in einer pluralistischen Gesellschaft Wahrheitsansprüche fast immer umstritten sind. Die Menschen können nicht aus eigener Erfahrung entscheiden, wer recht hat. Vielen Menschen erscheint es ratsam, an die schlimmsten Variante zu glauben.

Der dritte Grund ist die heutige Medienstruktur. Bei rund sieben Milliarden Menschen ist allein statistisch jede Minute eine Katastrophe oder eine andere Form von gravierenden Schadensereignissen zu erwarten. Früher war es eher Zufall, wenn diese Katastrophen in das Bewusstsein der weit weg lebenden Menschen gelangten. Deshalb setzte sich damals die Erkenntnis durch, dass solche Katastrophen zwar nicht ausgeschlossen, aber doch eher unwahrscheinlich seien. In dem Moment aber, in dem es täglich Katastrophenmeldungen gibt, wächst die Furcht, wir würden weltweit in zunehmendem Maße immer größeren Risiken ausgesetzt, die tagtäglich ihre schreckliche Wirkung zeigen.

Die Statistik zeigt aber, dass die Zahl der wegen Katastrophen zu Tode gekommenen Menschen seit Jahrzehnten abnimmt. Das gilt auch und insbesondere für Übergriffe durch Flüchtlinge oder Ausländer. Da die Bevölkerung aber jeden Tag „Horrormeldungen“ hört, hat sich die Erkenntnis festgesetzt, die Welt werde immer risikoreicher und gefährlicher. Umso wichtiger scheint es daher, jeder noch so absurden Warnung vor einer neuen Gefahr durch Überfremdung die gebührende Achtung zu erweisen.

Das Motto sollte aber heißen: mehr Gelassenheit, und weniger Aktionismus. Es lässt sich in der Regel leicht überprüfen, was uns bedroht und in welchem Ausmaß. Und das sind weder „die Ausländer“ noch „die Flüchtlinge“.

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