Photos werden zu Symbolen ihrer Zeit.

Voriges Jahr war es das Bild des ertrunkenen syrischen Buben an der türkischen Küste, Aylan. Der kleine Junge wurde nur drei Jahre alt. Das Kind war mit seiner Familie aus dem syrischen Kobane geflohen und ertrank auf der Flucht mit seinen Eltern über das Mittelmeer. Seine Leiche wurde nahe Bodrum in der Türkei an den Strand gespült.

Heuer ist es der verletzte Bub von Aleppo: ein Video zeigt, wie Helfer den Kleinen aus Trümmern am 17. August bergen und in einen Rettungswagen bringen. Dort sitzt der völlig in Staub eingehüllte Junge mit nackten Füßen auf einem Stuhl. Er schreit und weint nicht – aber der Schrecken ist an seinem stummen Gesicht und seinem leeren Blick abzulesen. Er fasst sich an den blutenden Kopf, bemerkt das Blut an den Händen und versucht dann, es an dem Stuhl abzuwischen. Inzwischen ist  der nur leicht verletzte Omran Daqneesh zurück bei seinen Eltern, wird berichtet. Die Eltern und alle vier Kinder waren bei dem Angriff unter Trümmern begraben gewesen, aber gerettet worden. Eine Stunde nach dem Angriff sei das gesamte Gebäude eingestürzt.

Und was bewirken diese Bilder nun wirklich? Werden diese beiden Buben „nur“ zu Ikonen des Bürgerkrieges?

Sei fünf Jahren sterben Menschen in Syriens Krieg, mehr als 400.000 sollen es bislang sein. Aleppo war eine wunderschöne Stadt mit einer 6000 Jahre währenden Geschichte. Es wohnten dort 2,3 Millionen Männer, Frauen und Kinder. Heute liegt Aleppo in Ruinen, Tausende seiner Bewohner sind geflohen bzw. ermordet worden, in Stadt leben jetzt noch angeblich 250 000 Menschen. Die UNO ist paralysiert, eines ihrer Mitglieder, sogar ein permanentes Mitglied des Sicherheitsrates, bombardiert die Stadt, davon besonders betroffen sind Spitäler und Schulen. Das syrische Regime setzt Fassbomben ein. Eine derartige Bombe besteht aus einem mit Sprengmitteln n und Metallteilen gefüllten Fass, ihre zerstörerische Wirkung beruht auf der Sprengstoffmenge in einem solchen Behälter und der verheerenden Wirkung der Metallteile, vor allem auf so genannte „weiche“ Ziele. Fassbomben sind billiger und einfacher zu produzieren als herkömmliche Waffen. Die USA stehen im Wahlkampf, und Europa ist durch seine eigenen internen Problem abgelenkt. Der so genannte politische Prozess, geleitet von Staffan de Misura stockt; während des letzten Monats ist keine einzige Hilfslieferung nach Aleppo durchgekommen.

Ob aufgrund dieses Photos oder aus anderen Gründen: Angesichts der katastrophalen Lage der Zivilbevölkerung in Aleppo hat sich Russland zu einer wöchentlichen 48-stündigen Feuerpause in  Aleppo bereit erklärt. Bedingung sei, dass während dieser Zeit Konvois mit Hilfsgütern sowohl in Rebellenviertel als auch in Stadtteile unter Kontrolle der Regierung fahren könnten.

Aber dieser Krieg wird erst aufhören, wenn die Waffenlieferungen an die Kriegsparteien aufhören. Aus mindestens 25 Ländern stammen die Waffen, mit denen die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) kämpft. Die Herkunftsländer sind unter anderem die Vereinigten Staaten, Russland, China oder Mitgliedsländer der EU. Der IS hat aber den größten Teil seiner Waffen aus irakischen Waffenlagern „erobert“.

Seit Jahrzehnten fließen Waffen in großer Zahl in den Irak, zunächst zur Zeit des Krieges zwischen Iran und dem Irak, und eine zweite Welle begann nach der amerikanischen Invasion von 2003. Die konventionellen Waffen des IS sind mehrheitlich russischer und chinesischer Herkunft und stammen aus den Jahren zwischen 1970 und 1990. Die Vereinigten Staaten schlossen in jüngerer Zeit Waffenlieferungsabkommen mit Bagdad in Milliardenhöhe ab. Korruption und fehlende Kontrollmechanismen stellen ein ständiges Risiko dar, dass solche Waffen in die Hände von Gruppen wie dem IS gerieten.

Auch die Aufständischen der ersten Stunde in Syrien erwarben viele ihrer Waffen anfänglich von korrupten Offizieren der syrischen Armee. Deserteure brachten ihre Waffen mit. Daneben beschafften sich die Rebellen Waffen über improvisierte Schmuggelnetzwerke aus den Nachbarländern. In manchen Gebieten hatten Teile der Bevölkerung ohnehin Waffen – Stämme, Jäger, Schmuggler. Waffenlieferungen im größeren Stil kamen dann primär aus zwei Richtungen: aus Südosteuropa und aus Libyen. Washington soll indirekt in die Sendungen von Waffen aus Libyen involviert  sein, welche in die Türkei geflogen und dort über die Grenze gebracht wurden.

Finanziert werden die Waffenlieferungen an die Gegner Assads von Katar, Saudiarabien oder der Türkei sowie von privaten Spendern, etwa am Golf oder in Libyen. Washington versucht, die Lieferungen zu koordinieren und zu überwachen. Oft aber wechseln Waffen die Hände. Wenn sich die Frontlinien verschieben, gehen oft auch die Waffen der Verlierer an die Sieger. Der einstige Al-Kaida-Ableger Jabhat al-Nusra hat mehrmals amerikanisch ausgebildete Rebellen überwältigt und deren Ausrüstung konfisziert.

Hauptlieferant für Rüstungsgüter an Damaskus ist Moskau. Die kostspielige Intervention im syrischen Krieg lohnt sich für Russland: Der Krieg dient quasi als Schaukasten für russische Militärflugzeuge, Raketen oder Panzer, von denen manche in Syrien erstmals zum Einsatz kommen.

Aber auch der Balkan und Ostmitteleuropa liefern Waffen: Hauptprofiteure sind die Rüstungsindustrien in den Herkunftsländern Kroatien, Serbien, Bosnien, Montenegro, Tschechien und der Slowakei, welche die Waffen an Saudiarabien, Jordanien, die Emirate und die Türkei verkaufen. Von dort werden sie nach Syrien weitergeleitet. Dies sind in die Jahre gekommene, aber zuverlässige und effiziente Waffensysteme, die auch Einheiten mit wenig militärischem Training bedienen und warten können.

Das Uno-Flüchtlingshilfswerk hält an seiner Kritik fest: Die Waffenlieferungen aus Osteuropa seien ein Auslöser jenes Exodus, auf den manche dieser Länder mit Stacheldrahtverhauen an den Grenzen reagierten.

Photos werden zu Symbolen ihrer Zeit.

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