Das Leben im Islamischen Staat in Libyen

Seit Juni 2015 beherrschte der IS die Küstenstadt Sirte, die „Heimatstadt“ Gaddafis. Hier wurde dieser Machthaber geboren und hier ist er vor ca. fünf Jahren erschlagen worden. Sirte liegt mitten im Erdöl- und Erdgasgebiet Libyens.

Im Mai dieses Jahres begann eine Offensive zur Rückeroberung der Stadt. Nun rücken libysche Soldaten vor. Sie wollen die Stadt endgültig zurückgewinnen. Es ist die Rede von der „letzten Schlacht um Sirte“. Die Truppen der UN-gestützten Einheitsregierung in Libyen haben einen Angriff auf die letzten von Dschihadisten kontrollierten Viertel der Küstenstadt Sirte gestartet. Der vollständige Verlust der 450 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis gelegenen Stadt wäre ein schwerer Schlag für die Dschihadisten. Sirte bildet die Verbindung zwischen dem Westen und dem Osten des ölreichen Landes.

Und nun, da schon viele Bewohner von der Herrschaft des IS langsam befreit wurden, erzählen sie, wie es ihnen ergangen ist. In Sirte herrschten „Law and Order“, sowie der IS Law and Order versteht. Es ging bürokratischer zu, als man annehmen könnte. Die Islamisten waren interessiert, eine funktionierende Bürokratie, öffentliche Versorgungsanlagen, die den Bedürfnissen entsprechen, und ein glaubwürdiges Rechtssystem aufzubauen. Alles natürlich, dem extremistischen Glaubensanforderungen untergeordnet.

Eigentlich war Sirte als die Hauptstadt des Kalifats vorgesehen, sollten die Gebietsverluste in Syrien und dem Irak weitergehen und eventuell Raqqa fallen.

Wenn man nach den Regeln des IS lebte, konnte man das in Ruhe tun. Als Mann musste man sich einen Bart wachsen lassen, die Hosenbeine besonders beim Gebet ein paar Zentimeter über die Knöchel hinauf rollen, entsprechend den Worten des Propheten. Frauen mussten nicht nur eine Abaya tragen, ein bodenlanges schwarzes Gewand aus dickem Stoff, sie mussten auch ihr Gesicht komplett verhüllen, vor ihren Augen durften sie ein Gitter tragen. All das wurde von einer omnipräsenten Religionspolizei streng kontrolliert.

Einwohner von Sirte mussten täglich den 5maligen Gebeten beiwohnen, die Geschäfte und Betriebe mussten während der Gebetszeiten geschlossen bleiben. Satellitenschüsseln wurden von den Dächern entfernt, um die Bewohner vor westlichen und sonstigen schädlichen Programmen zu bewahren. Anfänglich bestraften die IS-Machthaber die Einwohner, die irgendwelche Regeln verletzten sofort. Jene die Alkohol tranken oder Drogen nahmen wurden umgehend getötet. Sobald allerdings Gerichte und Richter installiert worden waren, hörte diese „Spontanjustiz“ auf.

Dieben wurden ihre Gliedmaßen amputiert – und zwar öffentlich, am Hauptplatz, dort fanden auch die Steinigungen von Ehebrechern statt. Wahrsager, Verkäufer von Amuletten oder Talismanen wurden als Zauberer eingeordnet und öffentlich geköpft. So erging es auch den Sufis, denn sie galten nach den Regeln des sunnitischen Islamischen Staates als Häretiker. Während diese Strafmaßnahmen vollstreckt wurden, mussten Fußgänger stehen bleiben, Autofahrer mussten parken, um diesem Spektakel beiwohnen zu können. Die erste Person, die auf diese Art exekutiert wurde, war ein angeblicher Spion. Seine Arme und Beine wurden an einen metallenen Rahmen gebunden, wie bei einer Kreuzigung, dann wurde er mehrmals in den Kopf geschossen. Seine Leiche blieb 3 Tage lang zur Warnung an diesem Rahmen zur Schau gestellt.

Andere wurden ohne „Show“ exekutiert, bei einem provisorischen Gefängnis wurden in einem Grab im Garten neun Leichen entdeckt. Sie waren durch Kopfschüsse getötet worden. Der Zehnte wurde eingesperrt, weil er SMS-Texte, die die Regierungstruppen lobten, versendet hatte. Er wurde mit einer Peitsche geschlagen und mit Elektroschocks behandelt, man warf ihm vor, kein wahrer Muslim zu sein. Er wurde ohne Verhandlung zum Tode verurteilt.  Seine Brüder waren desselben Vergehens angeklagt, aber einem Gericht übergeben worden. Sie hatten ihre SMSe gelöscht, und daher befand der Richter, dass es nicht genügend Beweise gab. Am Tag, an dem die Exekution hätte stattfinden sollten, wurde dieses Stadtviertel von den Regierungstruppen befreit.

Überhaupt wurde alles verfolgt, das den Extremisten als unislamisch galt, dazu gehörten auch Rauchen und nicht ordentliche Kleidung. Dafür gab es Strafen wie Auspeitschen oder Gefängnisaufenthalte.

Aber die islamistischen Extremisten waren sehr vorsichtig bei der Auswahl ihrer Zielpersonen. Sie wussten, dass sie erfahrenes Personal zum Aufbau ihres Staates benötigten. Also anstatt lokale Politiker, Bürokraten und Polizisten hinzurichten, wie es in Syrien und im Irak geschehen war, verlangten die IS Kommandanten, dass diese Personen öffentlich in der Moschee bereuten, für die Regierung gearbeitet zu haben. Dann mussten sie die Lehren des Islamischen Staates anerkennen.

Man suchte nationales und warb international um entsprechendes Personal. Z.B. um ein Fahrzeugregister aufzubauen. Man suchte Ärzte, Ingenieure, und Richter, die im Scharia-Recht erfahren waren.

Hier kam es auch nicht zu sexuellen Übergriffen, mit Ausnahme von Ausländerinnen. Auch wurden junge Mädchen oder Witwen nicht gezwungen, islamistische Kämpfer zu heiraten, wie das sonst im IS üblich war.

Die schwarzen Fahnen des IS wehten über Regierungsgebäuden, Spitälern und Schulen. Der IS betrieb auch eine Radiostation, die unaufhörlich Koranverse sendete oder sonst Erfolge von anderen IS Schauplätzen berichtete.

Es wurden Personen angestellt, die die Straßen reinigen mussten. Der Islamische Staat  half den Armen und Waisen, besonders zu Ende des Ramadan. Die Menschen durften auch andere Teile von Libyen besuchen, die nicht unter IS Kontrolle standen. IS-Kämpfer behandelten die Geschäftsleute mit Respekt und bezahlten auch immer ihre Rechnungen. Geschäfte wurden aber auch registriert, um kontrollieren zu können, dass Steuern ordnungsgemäß bezahlt wurden. Es mussten auch bei Autoverkäufen Abgaben entrichtet werden. Die Extremisten hatten gerade begonnen, Führerscheine auszustellen, das Verkehrsamt sollte seine Arbeit aufnehmen. Außerdem wartete man auf neue Uniformen, bevor dann der Kampf um Sirte begonnen hatte.

Das Leben im Islamischen Staat in Libyen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s