Meine Tante P.

 

Eigentlich war sie meine Großtante. Zur „Genealogie“: sie war eine Schwester meines Großvaters. Als dieser früh Witwer wurde, übernahm meine Tante P. fünf seiner 6 Kinder. Ein Mädchen blieb in Wien, beim Vater. Sie selbst war kinderlos. Sie – ihr Vornamen war Katharina, genannt wurde sie Kati – wohnte in Pernitz in einem gar nicht so großen Haus, das Klo war selbstverständlich ein Plumpsklo, und lag  etwas vom Haus entfernt. Aber Tante P. hatte zusätzlich noch wenige Kühe, ein paar Schweinderln, einige Ziegen und viele Hendel. Es waren auch zwei Äcker da, auf einem der beiden wurde zwei Mal jährlich „Heu gemacht“. Da durften wir Kinder auf dem Heuwagen oben sitzen. Das andere war ein Erdäpfelacker. Solange ihr Mann, Onkel P.  noch lebte, er starb kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, kümmerte er sich um seine Bienen – es wurde auch Honig gemacht. Vielleicht ist hier anzumerken, dass sowohl Onkel als auch Tanten in dieser Umgebung mit dem Zunamen angesprochen wurden.

Sie sorgte auch umsichtig dafür, dass die drei Burschen in ihrer Obhut einen Beruf lernten – bei den beiden Mädchen war dies nicht der Fall. Katharina P. war eine sehr bescheidene, fleißige Frau, die hart arbeitete aber eigentlich immer fröhlich war.

Ich lernte sie kennen, als wir auf „Sommerfrische“ in Pernitz waren, am Dachboden in einem kleinen Zimmer bei ihr wohnten. Das Attraktivste an diesem Haus war die „Speis“, in der das Geselchte und Würste hingen, wo auch ein Topf stand, in dem die Milch sauer werden konnte. Honiggläser, Gläser mit verschiedenen (köstlichen) Marmeladen standen dort, selbstverständlich auch der Schmalztopf, sowie ein Mehlsack, ein großes Glas mit Zucker und auch Gläser für die Eier, die man in Kalk einlegte, für die Zeit, wenn die Hennen weniger legten. Je nach Jahreszeit fand man dort auch Zwiebeln, Erdäpfeln und Äpfel. Wenn ihre Arbeit im Haus und in den Ställen getan war, nahm sie ihren großen Buckelkorb (war ein großer Korb, in dem die Bäcker ihre Produkte transportierten. Der Buckelkorb war ein weit verbreitetes Transportmittel – ganz ähnlich wie heute der Rucksack.) und einen Rechen und ging in den Wald, dort rechte sie die Nadeln der Bäume zusammen, die sie als Streu in den Ställen verwendete. Sie sammelte auch verschiedene Kräuter, die sie trocknete und aus denen sie Tees, Salben etc. fertigte. Ich erinnere mich noch gut an ihre Zugsalbe, die auf kleine Wunden aufgelegt wurde, damit sie nicht eitrig würden. Zu Ostern gab es bei ihr immer gebackenes Kitzerl aus ihrer eigenen Ziegenherde.

Einmal, es muss kurz nach Kriegsende gewesen sein, besuchte sie uns in Wien. Wir hatten Karten gespielt und der Verlierer musste unter dem Tisch durchkriechen. Selbstverständlich galt das auch für unsere Tante, die mit ihren 60 Jahren unter dem Tisch durchkroch – das hat mich damals sehr beeindruckt.

Ihr Geburtstag war am 2. März – ein Fest das eigentlich niemand missen wollte. Es gab immer die herrlichsten Mehlspeisen, ihre Schneeballen waren unübertroffen (selbst heute sind jene beim Demel nicht so gut, wie jene der Tante P.). Allerdings ihr Kaffee war ein Problem, sie verwendete Kathreiner Malzkaffee ,“Titze Gold“ und wenige Löffel Bohnenkaffee. Dazu gab’s noch Ziegenmilch (oft mit Haut). Diesen „Kaffee“  galt es zu vermeiden.

Auch sonst waren ihre Mehlspeisen legendär, gebackene Mäuse, auch selbstgemachte Krapfen, während sie in Fett (Schmalz) schwammen, durfte man allerdings Türen und Fenster nicht öffnen, sonst würden diese Köstlichkeiten „zusammenfallen“. Herrliche Zwetschgenknödel, die ihre Familie um die Wette aß. Es ging darum wer am Ende die meisten Kerne am Tellerrand aufzuweisen hatte. Aber ihr Nachtmahl bestand aus Kaffee und einem Schmalzbrot.

Sie war es auch, der ich als der ersten der Familie meinen zukünftigen Mann vorstellte.

Tante P. hatte kein einfaches Leben, im Alter „übergab“ sie ihr Haus auch einer Großnichte, gegen „Wohn- und Betreuungsrecht“. Das allerdings funktionierte doch nicht, die Nichte wollte ihr Haus umbauen und da war dann die alte Frau bald im Weg und wurde ins Altenheim im Nachbarort umgesiedelt. Das gefiel ihr natürlich gar nicht. Besuche kamen mit zunehmenden Alter nur mehr wenige, aber sie starb erst in ihren hohen Achtzigern.

Ihr Erbe teilten sich die sechs Geschwister, fünf von denen, die sie groß gezogen hatte. Jeder bekam ein Stück Land von den beiden Äckern, die sie bewirtschaftet hatte. Die meisten verkauften ihren Anteil früher oder später.

Besonders in Erinnerung ist mir geblieben, dass sie uns jedes Jahr, sobald die ersten Schneerosen blühten, einen Schachtel mit diesen Blumen (damals konnte man sie nicht als „Stöckerl kaufen) gebettet auf Moos schickte.

Tante P. war eine bemerkenswerte, tapfere, liebe Frau!

Meine Tante P.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s