Aus Feinden können Freunde werden!

Während meiner Volksschulzeit wurden die Feinde klar benannt: für mich waren es damals die Engländer, die Franzosen und etwas später die Amerikaner und die Russen. Alle diese Mächte kämpften gegen „uns“. Die Engländer warfen Bomben auf uns, sobald die Flüge nicht mehr zu lange dauerten, auch die Amerikaner. Sie waren schuld an Toten und Verwundeten.

Feinde, so wollte es die Propaganda, soll man hassen – nicht fürchten. Und Propaganda sprach bis in die Volksschule durch. Zuletzt kamen noch die gefürchteten Tiefflieger dazu, die nicht nur Bahnlinien und Züge zerstörten sondern auch Menschen, die aus den Zügen flohen, erschossen. BBC durfte ich ja nicht hören, das war Erwachsenen vorbehalten, weil es zu gefährlich war, dass Kinder darüber reden würden.

Dann kam das Kriegsende, die deutschen Soldaten flohen, desertierten, sagten die Nazis. Sie ließen alles zurück, nur um nach Hause zu kommen, um nicht in Kriegsgefangenschaft zu kommen. Sie baten um Zivilkleider, die damals aber rar waren. Nur ein ganz junger Bursch aus Berlin konnte nicht überredet werden, die Totenkopfsymbole (für die Zugehörigkeit zur SS) von seiner Uniform zu reißen – er wollte in dieser Aufmachung zu seiner Mutter kommen, um sie zu beeindrucken. Ob er’s überlebt hat?

Dann aber marschierten die Amerikaner ein. Marschierten war wohl der falsche Ausdruck, sie fuhren auf ihren Panzern ein. Pregarten im Mühlviertel hatte weiß beflaggt. Sie ließen alles ziemlich beim alten, und zu Kindern waren diese US Soldaten eigentlich sehr nett, sie schenkten uns Schokolade, ein lang entbehrtes Gut – die Marke war Hershey. Sie waren nicht so, wie wir Kinder uns Feinde vorgestellt hatten. Das änderte sich allerdings recht rasch, als sich die Amerikaner zurückzogen und die Russen nachrückten. Die benahmen sich schon als Feinde.

Zurück in Wien fanden wir uns in der amerikanischen Zone, im neunten Bezirk. Auch die Schule, im neunzehnten Bezirk, lag ein einem amerikanisch besetzten Bezirk. Die Besatzungssoldaten waren fröhlich und freundlich. Und dann kam Weihnachten, wir Kinder  wurden wir alle eingeladen, Father Christmas erschien und beschenkte uns. Es gab Kakao und Doughnuts. Wir waren begeistert. Irgendwie hatten diese Besatzungssoldaten nichts mehr mit „Feinden“ zu tun. Und dann 1946 kam das erste CARE-Paket. Auch das kam von Amerikanern (anfänglich waren es übrig gebliebene Rationen für Soldaten, später wurde dann von Amerikanern gesammelt und gespendet. Dieses CARE Paket enthielt Milchpulver, Kakao, Kaffee (BOHNEN-Kaffee, eine Rarität damals) Eipulver, Mehl, Zucker, Corned Beef-Dosen und vieles mehr, das damals dringend benötigt wurde.

Da stellte sich mir jetzt wirklich die Frage: warum tun das FEINDE? Waren sie wirklich Feinde, jetzt als der Krieg aus war? Außerdem wurden „Information Centers“ geboten, die einerseits wohl geheizt waren (was weder zu Hause noch in den Schulen  gewährleistet war) und wo man englischsprachige Zeitschriften ansehen und lesen konnten. Bibliotheken wurden eingerichtet, wir kamen in Kontakt mit amerikanischer Literatur: Dos Passos, Hemingway, Steinbeck, Faulkner, Norman Mailer, Gore Vidal, Pearl Buck, Margaret Mitchell und viele mehr. Es gab Vorträge dort, Dokumentationen wurden gezeigt, Musik – Jazz – gab es zu hören. Wir waren fasziniert.

Wir waren als Teenager (so sagte man damals noch nicht, in der damaligen Diktion waren wir Mädchen Backfische) außenpolitisch sehr interessiert – schon allein deshalb, weil wir alle den Staatsvertrag erwarteten. Das heißt, es waren uns z.B. Maßnahmen, wie die Errichtung des Marshall-Planes  sehr vertraut. Der Marshallplan, offiziell European Recovery Program (kurz ERP) genannt, war ein großes Wirtschaftswiederaufbauprogramm der USA, das nach dem Zweiten Weltkrieg  dem an den Folgen des Krieges leidenden Westeuropa zugutekam. Es bestand aus Krediten, Rohstoffen, Lebensmitteln und Waren.

Das 12,4-Milliarden-Dollar-Programm wurde am 3. April 1948 vom  Kongress der USA  verabschiedet und am selben Tag von Präsident Harry S. Truman in Kraft gesetzt; es sollte vier Jahre dauern. Im gesamten Zeitraum (1948–1952) leisteten die USA bedürftigen Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammebnarbeit und Entwicklung  (OEEC) Hilfen im Wert von insgesamt 13,12 Milliarden Dollar (entspricht heute rund 129 Milliarden Dollar).

Österreich gelang es als einzigem Staat, der (teilweise) von sowjetischen Truppen besetzt war, an Marshallplan-Hilfen zu kommen. Das Abkommen zwischen den USA und Österreich wurde am 2. Juli 1948 geschlossen; danach erhielt Österreich die Mittel als Grants (Geschenk) in Form von Sachgütern. Im Gegenzug musste Österreich den Schilling stabilisieren und den Staatshaushalt möglichst ausgeglichen halten. All das brachte die Wirtschaft in Schwung und trug zum raschen Wiederaufbau bei. Die Sowjetunion ließ sich die Zustimmung in der alliierten Kommission durch einen anderen Wechselkurs ihrer Barvermögen abkaufen. Wir wussten auch, dass die Russen Anspruch auf das so genannte Deutsche Eigentum erhoben und sehr viel in Österreich abbauten und abtransportierten. Wer waren nun unsere Freunde?

Die ehemaligen Feinde USA (Großbritannien und Frankreich) waren nun Freunde geworden.

Ist ein ähnlicher Weg auch heute denkbar, für jene Länder, in denen heute noch Krieg herrscht, die zerbombt wurden und in Schutt und Asche liegen? Ich würde es mir sehr wünschen!

Aus Feinden können Freunde werden!

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