Der (mein) erster Opernball 1956

Geschäftig geht es um die Wiener Oper in diesen Tagen zu. Das Haus muss innerhalb einer sehr knappen Zeit in einen Ballsaal verwandelt werden. Es gibt nur zwei Schließtage vor dem Ball. Mit dem Umbau und der Dekorierung wird unmittelbar nach der letzten Vorstellung am Montag um etwa 22 Uhr begonnen, somit stehen bis zum Einlass am Donnerstag um 20:30 Uhr etwa 70 Stunden zur Verfügung. Insgesamt sind etwa 650 Personen mit dem Umbau beschäftigt. Am Mittwochabend findet die Generalprobe statt. Am Donnerstag in der Früh nimmt die Behörde die Umbauten ab, und danach können noch Mängel behoben und die Dekoration ergänzt werden. Aber nicht nur der Umbau muss bis zum Donnerstag abends fertig sein, auch sämtliche Einrichtungen und Dekorationen (Blumen!) müssen bereit ein – und natürlich auch das Essen und Trinken. Das führt schon zu einem ordentlichen Verkehrsaufkommen rund um die Oper. Sogar ein Kran ist involviert.

Und diese hektische Aktivität hat mich an meinen (den) ersten Opernball der Zweiten Republik erinnert! Das war 1956. Und ich durfte ihn eröffnen! Nicht nur das Opernhaus musste dafür hergerichtet werden auch ich bereitete mich vor. Natürlich musste ich vorerst die „Walzertanzprüfung“ vor den gestrengen Augen der Gräfin Christl Schönfeldt bestehen. Erst dann konnten die Vorbereitungen beginnen: Ein weißes Kleid (viele Meter Tüll waren damals erforderlich) eng sollte es sitzen, aber nicht zwicken. Die Schneiderin war am Werk. Damals hatte ich noch lange Haare, aufgesteckt hatte ich sie mir selbst – wie immer, Ballfrisuren waren für „Debütantinnen“ damals nicht  üblich. Jedenfalls wurde sehr viel Haarspray verwendet, damit die Frisur auch beim Tanzen auch „halten“ würde. Ich trug auch noch weiße Schuhe, Absatz mittelhoch, damit sie dann auch im Sommer weiterverwendet werden könnten. Eine kleine Tasche war auch dabei, aus Gobelinstickerei, von der Tante geborgt. Soweit ich mich erinnere, wurde uns das Krönchen – auch weitgehend aus Tüll gefertigt – erst dann in der Oper aufgesetzt. Mir hat dieser Kopfschmuck schon damals nicht gefallen. Mein Vater hatte mich im Taxi zur Oper gebracht. Es war eine bitterkalte, sternklare Winternacht.

Ich hatte zu dieser Zeit keinen Freund, schon gar keinen, der mit mir den Opernball eröffnet hätte. Ich war Studentin an der „Welthandel“ und an Bällen eigentlich nicht sehr interessiert. Daher gehörte ich auch zu keiner „Clique“, die gemeinsam zum Ball gegangen wäre.  Aber natürlich der erste Opernball, das war ein aufregender Gedanke, deshalb wollte ich einfach dabei sein. Daher war mir schon bei der erste Probe ein Tanzpartner zugeteilt worden. Ich glaube, bei der Auswahl wurde darauf geschaut, dass wir in der Größe halbwegs zusammenpassten. Und wie das schon so ist, mit „blind dates“, also zugeteilten Partnern, besonders sympathisch fand ich ihn nicht. Geredet haben wir auch nicht viel miteinander. Heute weiß ich nicht einmal mehr seinen Namen, oder irgendetwas, ich erinnere ich nur an „blond, mit beginnender Verdünnung der Haare und leichtem Bauchansatz“.

Am 9. Februar 1956 wurde die Wiener Staatsoper nach 17 Jahren Kriegstrauma und Depression erstmals wieder in einen Ballsaal verwandelt. Blumen gab es damals noch keine, nur Palmen aus den Bundesgärten schmückten die Aufgänge und Stiegen. Dann standen wir in Reih und Glied, sehr aufgeregt, und schritten dann – wie wir es geprobt hatten, die Stiegen in den Ballsaal hinunter, 200 Paare, geleitet  von Willy Fränzl, Chef der berühmten Tanzschule. Niemand stolperte, niemand stieg auf den Saum der „Vorderfrau“, alles klappte wie am Schnürchen. Zur Fächerpolonaise nahmen wir dann Aufstellung im Saal. Eine Choreographie dafür gab es dann erst viel später.

In der Ehrenloge stand der Bundespräsident (damals Adolf Schärf), der Bundeskanzler (Julius Raab), der Nationalratspräsident (Felix Hurdes). Leopold Figl (damals Außenminister) beobachtete aus der Loge seine beiden Kinder, die prominent, weit vorne, die Eröffnung anführten.

1956 dirigierte auf der Opernbühne Julius Herrmann seine Deutschmeister. Leo Jaritz sorgte für den Jazz. „Erst gegen drei Uhr morgens begann das Gedränge in den Wandelhallen und auf dem Parkett langsam nachzulassen“, schrieb „Die Presse“ (mein späterer Ehemann, wir kannten einander damals noch nicht) am 9. Februar 1956.

Aber zurück zu meinen persönlichen „Erlebnissen“ an diesem Opernball. Nach der gelungenen Eröffnung und dem Linkswalzer ertönte das „alles Walzer“ und damit verschwand mein Eröffnungspartner. Nun, ohne Clique und Partner, allein am Opernball – das war eigentlich gar nicht lustig. Ich traf dann eine Bekannte, die mich zu ihren Eltern schleppte, die sie begleiteten. Diese Eltern nahmen sich meiner an, gingen mit mir in den Keller, zum Heurigen, luden mich auf ein Paar Würstel ein. Ich tanzte kein einziges Mal mehr. Es war halt nicht, was ich mir von Opernball erhofft hatte.

Aber immerhin, ich war dabei gewesen. Es war ein gesellschaftliches Ereignis, wie es Wien seit der Operneröffnung, ja seit Kriegsende nicht gesehen hat.

Der (mein) erster Opernball 1956

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