Wie man in den USA 1953/54 seinen Ruf aufbaute und wieder verlor

Ich hatte mich also gewöhnt an das Leben am College. Von der großen Politik bekamen wir eigentlich recht wenig mit. McCarthyism war kein Thema, weder im Unterricht noch in der Diskussion unter Studenten. Dieser „Second Red Scare“, wie er genannt wurde, kam mir erst viel später ins Bewusstsein. Dass es den Korea-Krieg gab, wusste ich nur, weil der Freund meiner Zimmernachbarin dort war. (Er blieb nicht sehr lange ihr Freund). Dieser Krieg  wurde 1953 mit einem Waffenstillstandsabkommen beendet. Dass der Kalte Krieg noch im Gange war, wusste ich wohl schon in Österreich, dass die USA Wasserstoffbomben testeten beindruckte mich damals nicht. Man glaubte zu verstehen, dass atomare Aufrüstung unerlässlich wäre, aufgrund der Bedrohung seitens der UdSSR. Auch wenn Chruschtschow bereits Entspannungssignale aussendete.  Damals lasen wir kaum Zeitungen

Dass man sich am Samstag am Abend ein Football Match anschauen ging, gefiel mir gar nicht. Aber es war für die gesellschaftliche Stellung wichtig, dazu eingeladen zu werden. Ich langweilte mich, mir gefielen auch die tanzenden Girls, die Majorettes und ihr Twirling nicht besonders gut … Lieber ging ich mit den weniger beliebten Mädchen ins Kino, Drive-in war damals sehr populär, man zahlte nur fürs Auto und nicht für die Anzahl der Personen drin.

Überhaupt fand ich manches seltsam, dass es Veranstaltungen der einzelnen Sororities nur für Mädchen gab, wozu man mit Ballkleid erscheinen musste, alle wurden einzeln und in Gruppen photographiert, es gab auch ähnliche Zusammenkünfte, wobei man sich hawaiianisch verkleidete und irgendeinen Ananascocktail (alkoholfrei) schlürfte. Es gab auch gemeinsame Ausflüge, Burschen und Mädchen, wobei man auf einem mit Pferden gezogenen Wagen zu der Tanzerei fuhr, Bekleidung war Western Stil, ebenso die Musik beim Barn Dance.

Gewöhnt hatte ich mich auch schon an die Radiowerbung, wobei für bestimmte Produkte gesungen wurde, das hatte mich am Anfang schon einigermaßen verstört.

Da ich keinen fixen Freund hatte, wurde ich von den anderen Studentinnen oft mitgenommen und mir wurde ein „blind date“ verpasst. Das war dann meist ein junger schüchterner uninteressanter Mann, mit dem man  den Abend verbrachte. Man sah einander tunlichst hinterher nie wieder.

Die einzige Verbindung nach Hause waren Briefe. Die brauchten mindestens eine Woche. Heimweh hatte ich eigentlich nicht, nicht einmal zu Weihnachten, denn dafür war die Hektik zu groß.

Dann kamen die Semesterferien und das College begab sich zum Schifahren in den Yosemite Park. Eigentlich ähnelte das Leben dort unseren Schikursen. Meine freundlichen Kollegen hatten mir einer mehr oder weniger passende Ausrüstung geliehen. Aber jetzt hatte ich ein Problem: als Österreicherin erwartete man von mir, dass ich gut Schifahren könnte. Dass ich aus Wien kam und nicht in den Bergen beheimatet war, galt eigentlich nicht. Ich hatte jetzt die Wahl, meinen Ruf zu verlieren und so zu fahren, wie ich es gewohnt war oder so zu tun, als ob ich wirklich Schifahren könnte. Ich entschloss mich für Zweiteres, und landete mit einem gebrochenen Bein im Spital. Ich wurde von vielen Leuten besucht – auch vom Präsidenten des Colleges. Man brachte mir Konfekt, chauffierte mich überall hin (obwohl ich eigentlich recht gut gehen konnte), kurzum -ich war populär (sehr erstrebenswert für ein Mädchen).

Dann kam mich meine „shipboard-romance“ besuchen, der in Ann Arbor studierte. Er war zusammen mit seinem Freund auf einer „quer-durch-Amerika-Reise“ unterwegs, die ich erst für den Sommer geplant hatte. Er schlug vor, dass wir gemeinsam in den Yosemite Park fahren sollten. Die liebe Marilyn, die gerade nichts besseres zu tun hatte, fuhr mit. Das Wetter  war wirklich wunderschön, wir wollten noch dieses und jenes sehen und mit einem Mal wurde es finster. Wir fanden den Weg zurück nicht mehr, verirrten uns endgültig und beschlossen, die Nacht einfach abzuwarten und sobald es hell würde, wieder zurückfahren. Es war bitter kalt im Auto, wir hatten keine Decken, wir hatten auch nichts mehr zu essen, und ein wenig fürchteten wir uns auch vor Bären …. Es war wirklich alles andere als romantisch. Sobald es hell wurde, erkannten wir wieder Straßenschilder und fuhren schnurstracks nach Fresno zurück.

Aber was dann geschah, damit hatten wir nicht gerechnet, die Burschen mussten weiter und ihre Tour rechtzeitig abzuschließen, aber wir beide, Marilyn und ich, waren unerlaubt – und sogar über Nacht, noch dazu mit zwei unbekannten ausländischen Burschen weggeblieben. Es wurde eine Art Tribunal einberufen, und wir wurden bestraft: 2 Wochen Ausgangssperre. Nun das war überhaupt nicht mein Problem, aber mein gesellschaftlicher Status war weg. Keine Besuche, kein Konfekt, ich musste allein (noch immer mit Gipsfuß) zu den Vorlesungen hatschen. Über Nacht mit einem Burschen (unerlaubt) wegbleiben war einfach in dem damals doch noch sehr prüden Amerika ein „no-go“.

Mein Ruf war zwar etwas ruiniert, aber ich lebte recht vergnügt und ungeniert weiter. Die 2 Wochen waren bald herum und andere Ereignisse ließen meinen Fehltritt dann bald vergessen.

Wie man in den USA 1953/54 seinen Ruf aufbaute und wieder verlor

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