Die Kopten auf dem Sinai im Visier des IS

 

Mit neun Millionen Gläubigen sind die ägyptischen Kopten die größte christliche Minderheit im gesamten Nahen Osten. Regelmäßig kommt es zu Übergriffen wie Kidnapping gegen Lösegeld, Überfällen oder Brandanschlägen – vor allem in Mittelägypten. Eine systematische Vertreibung der Christen aus ihren Wohngebieten, wie zuvor bereits im Irak und in Syrien, hat es dagegen bisher nicht gegeben.

Der ägyptische IS-Ableger entstand aus einer Extremistengruppe namens Ansar Beit al-Makdis, die ihre Angriffe gegen Israel richtete. Nach dem Coup gegen die Muslimbrüder 2013 witterten die Extremisten eine Gelegenheit: Sie sahen ihre Sicht bestätigt, dass Islamisten auf demokratischem Weg nichts erreichen können, und intensivierten ihre Angriffe gegen die ägyptische Armee. 2014 verkündete die Gruppe ihren Anschluss an den IS. Seither nennt sie sich Wilayat Sina («Provinz des Sinai»).

Ägypten führt seit vier Jahren einen immer brutaleren Krieg gegen den IS auf der Halbinsel im Osten des Landes, in dem schon Hunderte Soldaten und Polizisten getötet wurden. Im nördlichen Teil des Sinai tobt seit Jahren ein Krieg zwischen Extremisten des lokalen IS-Ablegers und der ägyptischen Armee. Meist beschränkt sich die Gewalt auf den Nordsinai. Nachdem die Armee dort vor ein paar Monaten ihre Kontrolle im lange umkämpften Sheikh Zuwaid gefestigt hatte, nahm der IS al-Arish ins Visier. Seither ist dort die Gewalt eskaliert.

Der IS will laut seiner Propaganda einen Konfessionskrieg provozieren, wie auch schon andernorts in Ägypten. Medien und internationalen Beobachtern ist die Fahrt auf den Nordsinai verboten, sodass das Ausmaß der Kämpfe im Dunkeln bleibt. Ex-Feldmarschall Sissi sagte kürzlich in einer Rede vor Offizieren, inzwischen seien 20.000 und 25.000 Soldaten im Einsatz, mehr als bei dem Sechs-Tage-Krieg 1967 gegen Israel. Trotzdem gelingt es den Streitkräften offenbar nicht, die Lage in den Griff zu bekommen. In den vergangenen Wochen feuerten Dschihadisten zweimal Raketen in Richtung Israel ab. Die Geschosse landeten in der Umgebung von Eilat, ohne Schaden anzurichten. Seit Kurzem sind auf dem gesamten Nord- und Zentralsinai Motorräder verboten, die oft bei Attentaten benutzt werden.

Die anhaltende Gewalt auf Ägyptens nördlicher Sinai-Halbinsel hat neue Opfer unter koptischen Zivilisten gefordert: Dutzende christliche Familien sind am Wochenende aus der Provinzhauptstadt al-Arish vor dem IS geflohen. Sie suchten Zuflucht in der evangelischen Kirche von Ismailia, einer Stadt am Suezkanal an der Grenze zum Sinai. Viele flohen überstürzt und nahmen kaum mehr als ihre Kleider mit. Laut Bewohnern von al-Arish ließ der IS Todeslisten mit Namen von Christen zirkulieren und stellte die Betreffenden vor die Wahl, entweder zu gehen oder zu sterben. IS-Anhänger hatten in den vergangenen drei Wochen sieben Kopten ermordet, manche von ihnen wurden laut Schilderungen vor den Augen ihrer Familien kaltblütig niedergestreckt. Am Sonntag veröffentlichte der IS zudem ein Video, in dem er den ägyptischen Christen mit Attentaten drohte. Das Video nahm Bezug auf den Bombenanschlag auf die St.-Markus-Kathedrale in Kairo vergangenen Dezember, wo der koptische Patriarch seinen Sitz hat. Bei dem Attentat, das der IS für sich reklamierte, kamen 28 Personen ums Leben. Laut Vertretern der Kirche sind 100 von 160 koptischen Familien aus dem Nordsinai geflohen sowie über 200 Studenten, welche in al-Arish studieren.

Die Eskalation gegen Ägyptens Christen kann auch im Kontext der militärischen Verluste des IS in Syrien und im Irak gesehen werden. Das Muster ist bekannt: Verliert der IS an einer Front, expandiert er an einer anderen.

Die Kopten machen etwa zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung aus. Kopten  sind eine ethnisch-religiöse Gruppe, aber ein Teil der Christenheit. Ursprünglich bezeichnete der Ausdruck diejenigen Einwohner Alexandriens und ganz Ägyptens, die die ägyptische Sprache verwendeten. Noch bis in frühislamische Zeit wurde das Wort ohne Rücksicht auf die Religionszugehörigkeit gebraucht. Seit der zunehmenden Arabisierung und Islamisierung Ägyptens wird der Begriff allein für die Christen der koptischen Kirchen verwendet. Das Christentum war im Gebiet des heutigen Ägyptens vor der Islamisierung im 7. Jahrhundert die dominierende Religion. Der Evangelist Markus soll innerhalb der Bevölkerung Ägyptens schon um das Jahr 50 missioniert haben. Die Mehrheit der ägyptischen Christen trug allerdings die Beschlüsse des Konzils von Chalcedon 451 nicht mit, und so kam es schließlich zur Bildung der Koptisch-Orthodoxen Kirche. Wesentlich für die gesamte Christenheit: in Ägypten entstanden die ersten Klöster, dort wurden Regeln entwickelt und Prozeduren festgelegt.

Kopten sind als Minderheit in vielerlei Hinsicht verletzlich. Islamisten beschuldigen sie pauschal, mit Sisi zu paktieren, weil sich ihr Patriarch offen hinter den Putsch von 2013 gestellt hat. Die Kopten selber klagen oft über mangelnden Schutz und Diskriminierung durch den Staat. Außerdem scheint es, dass den Sicherheitskräften in al-Arish wie zuvor andernorts im Nordsinai die Kontrolle entgleitet. Ein Beamter soll den Christen vor Ort die Flucht empfohlen haben.

Der ägyptische Präsident Sisi versprach vergangene Woche einmal mehr, den Terrorismus im Sinai vollkommen auszumerzen. Doch unter der lokalen Bevölkerung herrscht Misstrauen und Unmut über die Sicherheitskräfte und deren rücksichtsloses Vorgehen. Über die Situation der Kopten auf der Sinai-Halbinsel und die Notwendigkeit, weitere Maßnahmen zu ihrem Schutz zu ergreifen, haben sich bei einem Telefongespräch auf der koptische Patriarch Tawadros II. und der ägyptische Ministerpräsident Sherif Ismail ausgetauscht.

Auch offizielle islamische Autoritäten in Ägypten verurteilen die gezielte Tötung von koptischen Christen auf der Sinai-Halbinsel. Die Gewalt von Dschihadisten gegen die einheimischen Christen ziele eindeutig darauf, die nationale Einheit zu untergraben. Auch radikal-islamische Parteien wie al-Nur verurteilen die Tötungen. Sie verstießen gegen die „gegen die Lehre des Islam“.

Der Westen allerdings schweigt zu dem Leiden der Christen am Sinai, in Ägypten und dem gesamten Nahen Osten.

Die Kopten auf dem Sinai im Visier des IS

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s