Antikoloniale Hauptstädte in Afrika

Es wurde schon einmal versucht: eine neue Hauptstadt musste gebaut werden. Es war in Brasilien. 1891 wurde der Beschluss, eine neue Hauptstadt für Brasilien zu bauen, in der Verfassung verankert. Anlass war der Wunsch nach einer neutralen föderalen Hauptstadt. Durch die Lage nahe dem geografischen Zentrum des brasilianischen Staatsgebiets sollte zudem die Entwicklung der Infrastruktur des Binnenlandes gefördert werden. Im Jahr 1956 befand sich die Gegend noch weitab von der Zivilisation. Der Architekt Oscar Niemeyer trug als Chef des staatlichen Bauamtes die Verantwortung für das Projekt Brasília und entwarf die öffentlichen Gebäude. Die Angehörigen der alten Familien, die seit Generationen in Rio de Janeiro wohnten, widersetzten sich jedoch dem Umzug nach Brasilia. Die Bevölkerungsentwicklung des Distrito Federal do Brasil nahm in den letzten fünf Jahrzehnten eine rasante Entwicklung. Lebten 1950 erst 36.000 Menschen dort, waren es mit 2,9 Millionen im Jahre 2016 fast 82-mal so viele. Also: ein geglücktes Vorbild.

Das wird jetzt in Afrika eifrig nachgestrebt. Die neuen Retortenstädte dort sind oft antikoloniale Statements – oder sollen z.B. einen Putsch verhindern.

Das jüngste und absurdeste Beispiel ist der Südsudan. Der Staat erlangte erst 2011 nach einem langen Krieg seine Unabhängigkeit vom Sudan; bereits 2013 brach ein neuer Krieg los, diesmal innerhalb der jungen Nation. Trotz Öleinnahmen ist das Gros der Bevölkerung arm und leidet Hunger. Aber schon kurz nach der Unabhängigkeit verkündete der Präsident – als ob das Land keine anderen Probleme hätte –, eine neue Metropole namens Ramciel bauen zu wollen. Es stecken wahrscheinlich politisch-ethnische Motive dahinter: Juba (derzeitige Hauptstadt) liegt im Bari-Gebiet, Ramciel hingegen in einer Region, die vor allem von Dinka bevölkert wird, der Ethnie des Präsidenten. Wie Ramciel finanziert werden soll, ist schleierhaft – wahrscheinlich durch ausländische «Geber».

Ähnlich absurd ist das Projekt, die Hauptstadt Äquatorialguineas von Malabo nach Djibloho zu verlegen. Ein wichtiges Motiv für die Verlegung ist die Angst des Diktators Obiang vor einem Putsch. Malabo liegt auf einer Insel und lädt geradezu zu einem Angriff vom Meer aus ein.

Auch die Regierung von Sambia hat angekündigt, die Hauptstadt verlegen zu wollen. Die jetzige Kapitale Lusaka liegt in der Nähe der simbabwischen Grenze, die neue soll im zentralen, bisher wenig bevölkerten Distrikt Ngabwe errichtet werden. Als Grund wird eine Überlastung des zentralen Geschäftsviertels Lusakas angegeben. Auch hier stellt sich die Frage, wie das Riesenprojekt finanziert werden soll.

In Mauretanien wurde nach der Unabhängigkeit Nouakchott gegründet. Es ist eine typische, staubige, unattraktive Wüstenstadt geworden. Gabarone, die Hauptstadt von Botswana hingegen, wirkt ganz unafrikanisch. Statt Märkten gibt es Malls, überall stehen Abfalleimer, die auch tatsächlich benützt werden.

Im Gegensatz dazu wäre in Malawi der Bau von Lilongwe, dem neuen politischen Zentrum des Landes, nicht notwendig gewesen. Die frühere Hauptstadt Blantyre stammte noch aus dem 19. Jahrhundert und gehört damit zu den alten Städten im subsaharischen Afrika. Aber der Gründerpräsident Banda wollte etwas Neues, mit einer eigenen Handschrift.

Die Fata-Morgana-Stadt Yamoussoukro ist dem Ehrgeiz des ersten Präsidenten von Côte d’Ivoire, Houphouët-Boigny, entsprungen, der sein Heimatdorf zur Hauptstadt aufmotzte. Das Wahrzeichen Yamoussoukros ist die Basilika Notre Dame de la Paix, eine getreue Kopie des Petersdoms in Rom. Sie hat 150 Millionen Franken gekostet. Der Präsident betonte immer, den Bau aus der eigenen Tasche bezahlt zu haben. Fragt sich nur, wie das Geld in seine Tasche kam.

Der bescheidene Gründerpräsident von Tansania, Nyerere, verlegte die Hauptstadt von Dar es Salam nach Dodoma, vom Meer ins Landesinnere. Er wollte damit auch seine sozialistische Landwirtschaftspolitik, basierend auf den kollektiven „Ujamaa“-Dörfern, akzentuieren. Aber seine politischen Vorstellungen sind längst auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet, und Dodoma ist so wenig zum Leben erwacht wie Yamoussoukro.

Der einzige Hauptstadt-Transfer, der halbwegs funktioniert hat, ist derjenige in Nigeria, von Lagos nach Abuja. Wirkte da die pure Not, da Lagos sich durch sein Wachstum tatsächlich zunehmend selber strangulierte? Abuja ist zwar wie die meisten Retortenstädte eher steril und elitär, aber immerhin gibt es Luft zum Atmen, Raum und ein Durchkommen auf den Straßen, was man, aus dem verstopften Millionen-Moloch Lagos kommend, über alles schätzt.

Vielleicht wären schrittweise, partielle Verlegungen eine Lösung. Das praktiziert momentan Senegal, dessen schnell wachsende Hauptstadt Dakar ebenfalls aus allen Nähten platzt. Die Auslagerung in das dreißig Kilometer südlich von Dakar gelegene Diamniadio begann mit dem Bau einer Autobahn und des neuen Flughafens. Aber Diamniadio ist nicht als neue Hauptstadt vorgesehen. Eher geht es um Dezentralisierung. Wesentlich ist die  Ansiedlung von Industrien und die Schaffung von Arbeitsplätzen. In Diamniadio begann man mit der Errichtung eines Kinderspitals, das inzwischen als bestes des Landes gilt. Die rollende Planung erlaubt es, immer wieder Fehler auszutarieren, und bewahrt das Projekt davor, zu einem weiteren weißen Elefanten in Afrika zu werden.

Im äquatorialguineischen Prestigeprojekt Djibloho wurden im Gegensatz dazu als erstes ein Fünfsternhotel und ein gigantischer Golfplatz gebaut.

Die auf dem Reißbrett entworfenen Hauptstädte sind oft auch „antikoloniale Statements“. Sie sollen den alten, europäisch geprägten Zentren etwas Afrikanisches entgegensetzen. Aber zugleich eifern sie fremden Vorbildern nach, und meist wurden die neuen Hauptstädte auch nicht von afrikanischen Städteplanern oder Architekten entworfen. De facto wirken die alten, „kolonialen“ Metropolen heute oft afrikanischer als die neuen. Vielleicht ist die eigentlich afrikanische Stadt noch nicht erfunden.

In meiner Kinderzeit war es noch der Ehrgeiz der Eltern, dass ihre Sprösslinge alle Hauptstädte der Welt nennen konnten – eine heutzutage recht unangemessene Forderung.

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