Jesolo in den 1960er Jahren

In den früheren Sommern fuhren wir abwechselnd nach Italien und damals noch Jugoslawien. Italien, das war z.B. Jesolo. Wir wohnten in der Casa Bianca al Mare, damals ein sehr angenehmes Familienhotel mit vielen Kindern. So empfanden wir es jedenfalls, denn diese Kinder liefen mit klappernden Schlapfen fast zu jeder Tages- und Nachtzeit durch die Hotelgänge – deren Boden aus Marmor war. Das Personal war sehr freundlich zu den Kleinen.  Damals waren auch Spaghetti mit Paradiessauce etwas Neues – nicht nur für Kinder. in Problem war der heiße Sand in den Sommermonaten, kleine Kinder blieben einfach nicht auf den Holzstegen, und es brannte auf ihren Fußsohlen, wenn sie durch den Sand liefen. Und von hier konnte man mit einem Boot nach Venedig fahren, obwohl die kleinen Kinder derartige Ausflüge nicht besonders schätzten.

Nach einer langen Fahrt (damals war’s noch nicht so bequem mit der Autobahn) sondern durch das wunderschöne Kanaltal, das haben wir damals nicht so wahrgenommen – es war heiß und nach hundert Anfragen, wann sind wir endlich da wären, fuhren wir endlich durch Jesolo – und unser Sohn, damals im Vorschulalter, aber sehr interessiert an Automarken, Nummerntafeln etc.,  betrachtete die vorüberfahrenden Autos und rief laut: ein Wiener, ein Wiener – naja, es war nicht der einzige Wiener in Jesolo.

Wir dachten damals auch nicht viel über die Geschichte von Jesolo nach, alles war hier neu, einzig die Hauptstraße mit Geschäften ansonsten, viele größere und kleinere Strandhotels. Unseres, Casa Bianca, war ein eher breites nicht allzu hohes Hotel, daher gab es eigentlich noch viel Platz am Strand, und dahinter waren nicht weitere Hotels, die Strandplätze zugeteilt bekommen hatten.  Es gab auch einen kleinen Vergnügungspark für Kinder, mit Rutschen, Ringelspielen und Hutschen. Mich lockten eher die Geschäfte mit Klamotten und besonders Schuhen. Natürlich kam man stolz mit neuen Schuhen aus Italien zurück.

Ja, und den Leuchtturm besuchte man auch. Er ist 48 Meter hoch und wurde zwischen 1948 und 1950 am Platz des alten Leuchtturms aus dem Jahre 1840 errichtet. Heute prägt er an der Mündung des Sile die Skyline von Jesolo an der Küste von Lido di Jesolo. Obwohl er auf dem Gemeindegebiet von Cavallino-Treporti am westlichen Ufer des Sile liegt, trägt er den Namen Leuchtturm von Jesolo.

Enttäuschend erwies sich der Besuch beim Torre del Caligo, einem Überrest eines mittelalterlichen Turmes der von den Venezianern bei Jesolo erbaut wurde. Die Reste der Anlage liegen am Ufer des Flusses Caligo, der in den Fluss Sile einmündet.

Der Turm gehörte zu einer vormaligen Festungsanlage einer mittelalterlichen Siedlung. Teilweise wurden der Turm und die Festung auf den vorher bestehenden Bauwerken aus der Zeit des Römischen Reiches errichtet und bezogen ältere antike Überreste mit ein. Der Turm wurde im Mittelalter von der Republik Venedig als Maut- und Zollstelle genutzt, wie zu der Kontrolle zum Einfuhr von Holz, der dann weiter über den Fluss Piave in die Lagunen von Venedig und nach Venedig erfolgte. Die Anlage des Torre del Caligo blieb seit dem Ende des Mittelalters ungenutzt und verfiel zunehmend. 1713 war auf einer Karte der Region die Anlage noch als intaktes Bauwerk eingetragen. In der Folge wurden die Steine und Mauerwerkreste von den Einheimischen abgetragen und als Baumaterial verwendet. Heute ist lediglich der Turm als Ruine erhalten.

Das heutige Jesolo wurde unter dem Namen Equilium zur Zeit des römischen Kaiserreichs als Vicus (Dorf) auf einer Insel in der Nähe der Piave-Mündung gegründet. Sie war auf dem langen Wasserweg von Ravenna eine der zahlreichen Etappen innerhalb der Lagune, wo die Handelsschiffe besonders im Winter haltmachten, um sich vor den starken Winden (der Bora) und den Meeresstürmen zu schützen. Nach dem Zerfall des Römischen Reiches bildete der Ort zusammen mit anderen Städten der Oberen Adria ein eigenes Reich mit Jesolo und Civitas Nova (Eraclea) als Hauptstadt. In den folgenden Jahrhunderten erlebte Jesolo eine erste Blütezeit, die vor allem dem Handel, der Flussschifffahrt und der Salzgewinnung zu verdanken war.

Equilium hatte mit zahlreichen Überschwemmungen durch den Piave zu kämpfen. Der Piave änderte – wie alle anderen norditalienischen Flüsse damals – oft seine Bahn, was dramatische Auswirkungen auf die Bewohner der Stadt hatte. In den folgenden Jahren wurde durch Sedimentablagerungen des Piave der Hafenbetrieb immer schwieriger und der Landweg immer leichter erreichbar. Dadurch fielen die Ungarn öfter in Equilium ein. Trotz allem lief für einige Jahrhunderte der Handel noch gut weiter. Allmählich verlor Jesolo jedoch wieder an Bedeutung, da Teile der Bevölkerung nach Venedig abwanderten.

Seit dem 15. Jahrhundert entwickelte sich an der Kreuzung, die der Fluss und der Kanal bildeten, ein neuer Ortskern. Der Name der Familie Zucharin, die mit der Betreuung des Kanalverkehrs beauftragt waren, wurde zum neuen Ortsnamen: Cavazucharina, „Kanal der Zucharins“.

Im 17. Jahrhundert wurde im Zuge der venezianischen Flussumleitungen auch der Piave in ein neues Bett verlegt. Er fließt seitdem nicht mehr durch Jesolo, sondern ostwärts und mündet bei Cortellazzo in die Adria, während über das alte Flussbett, das auch heute noch Piave Vecchia (alter Piave) genannt wird, der Sile in die Adria mündet. Die beiden Flüsse verbindet seitdem ein Kanal.

Im Ersten Weltkrieg wurde Cavazuccherina zum Schauplatz von Gefechten zwischen der italienischen und der österreichisch-ungarischen Armee. 1930 erhielt der Ort seinen alten Namen Jesolo zurück. Etwa zu derselben Zeit setzte ein erneuter Aufschwung des Tourismus ein. Die erste Badeanstalt eröffnete in Nähe der Piazza Marconi. 1934 gab es bereits zahlreiche Villen und Hotels.

Dem Charakter eines intensiv genutzten Seebades gemäß, wurde seit den 1960er Jahren der Stadtkern und der Strandbereich mit immer höheren Hotel- und Wohngebäuden bebaut. Eine Bauplanungskampagne schloss die Neugestaltung von Straßen und Plätzen sowie die Verbesserung der Strände und ihrer touristisch genutzten Bauten ein.

Wir besuchten viel später das Hotel – es besteht noch immer – Casa Bianca al Mare, aber wir wohnten nie mehr dort, obwohl es sehr schön modernisiert worden war. Aber am Strand war es schon sehr eng. Streng aufgereiht standen die Schirme nebeneinander mit je zwei Liegestühlen ausgerüstet – alles recht eng beieinander.

Außerdem wollten wir eigentlich die Erinnerung an „unser“ damaliges Jesolo behalten.

Jesolo in den 1960er Jahren

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