Kann man Barcelona mit Charlottesville vergleichen?

 

Auf beiden Seiten des Atlantik bedarf es (neuerlich) gründlicher Untersuchungen zur Radikalisierung junger Männer, die politisch inspirierte Gewalttaten ausgeübt hatten.

In Spanien – und vorher in Frankreich, in England, in Schweden, in Belgien – versuchen die Menschen die Motivation junger Männer zu verstehen, die willkürlich gewählte zufällig anwesende Zivilisten  getötet und verletzt haben. Zeitgleich untersuchen die amerikanischen Behörden den Hintergrund jenes Mannes – namens James A. Field Jr. – der eine Frau getötet und 19 andere Zivilisten verletzt hatte, als er sein Auto in eine Gegendemonstration gegen einen Aufmarsch der extremen Rechten in Charlottesville gefahren hat.

Es wäre ein Fehler, zwischen den beiden Ereignissen klare Parallelen zu ziehen, aber es gibt Ähnlichkeiten zwischen den islamistischen Terroristen z.B. in Spanien und den weißen Nationalisten – wie eben Fields – in den USA, die es wert wären, untersucht zu werden, um der Radikalisierung, die überall stattfindet, auf die Spur zu kommen.

Die Menschen in der kleinen Stadt Ripoll verstehen nicht, warum diese Jugendlichen an einem Angriff in Barcelona teilgenommen haben, dessen Urheberschaft von dem so genannten Islamischen Staat beansprucht wird. Acht von diesen jungen Männern, die aufgrund ihres Alters noch nicht einmal ein Fahrzeug lenken dürften, haben marokkanische Wurzeln.

Ein Vater von zweien, die in diesen Terroranschlag verwickelt waren, beschreibt seinen Sohn zwar als „problematisches Kind“, der in der Schule viel gerauft hat, aber er selbst fürchtete eher eine Verwicklung in Drogen als in Religion. Zurückblickend meinte er, dass seine Söhne wahrscheinlich durch einen lokalen Imam radikalisiert worden waren. Ähnlich Aussagen hört man oft in der Nachbarschaft von Terroristen, denen man derartige Taten selten im Voraus zugetraut hätte.

Der Hintergrund des Lebens von Fields war geprägt von Kämpfen gegen eine Geisteskrankheit, aber auch von Geschichten, dass er seine behinderte Mutter misshandelt hat.  Ein Nachbar meint über ihn: „er wirkte immer so verloren“, meist war er still, und nie in Gesellschaft anzutreffen.  Seine Lehrer erinnern sich, dass Fields schon in seiner Mittelschulzeit eine Bindung an Hitler entwickelte. In Charlottesville wurde er mit Mitgliedern von Vanguard America photographiert, eine selbsternannte faschistische Gruppe, die on-line um Mitglieder wirbt. Nachfragen bei Vanguard haben ergeben, dass Fields angeblich nie Mitglied war.

Aber was verbindet nun diese beiden Ereignisse? Abgesehen von den vordergründigen Parallelen, wie die Verwendung eines Autos als Tatwaffe, die nun der Standard für Attentate des Islamischen Staates geworden zu sein scheint, gibt es doch weitere Ähnlichkeiten.  Es existiert zwar kein Personenprofil eines Menschen, der zur Radikalisierung neigt, aber vereinsamte junge Männer sind häufig das Ziel von Gruppen, die ihnen eine Lösung der Probleme in ihrem Leben versprechen. Und elterliche Verbote helfen in derartigen Fällen kaum.

Es gibt Ähnlichkeiten zwischen der Ideologie des Islamischen Staates und der amerikanischen extremen Rechten: ein umfassendes – leider verdrehtes – Gefühl allgemeiner Missstände. Da ist im Islamischen Staat der Verlust des Territoriums des Kalifats und bei den amerikanischen Rechten der Verlust der Konföderierten Staaten – also des verlorenen Bürgerkriegs ausschlaggebend; vielleicht nicht im historischen Sinn, sondern als mythisches Symbol des Verrats, und der Überzeugung dessen, was „gewesen wäre bzw. gewesen sein sollte“.

Es gibt weitere Parallelen in den verschiedenen Ideologien:  in manchen Beziehungen kann man den islamischen Extremismus mit der Alt-Right Radikalisierung vergleichen. Vor einiger Zeit wurde ein früherer Neo-Nazi, der zum Islam konvertiert war, verhaftet, weil er seinen Zimmergenossen umgebracht hatte, der seinen neuen Glauben geringschätzig beurteilt hatte.

In den öffentlichen Äußerungen der Trump-Administration findet man keinerlei Bestätigung dieser Parallelen.  Präsident Trump war immer schnell bei der Hand mit Erklärungen über die Motive hinter den Angriffen des Islamischen Staates oder anderer ähnlicher islamistischer Gruppen – selbst wenn solche Erklärungen nicht mit den Gründen für die Angriffe übereinstimmten. Aber im Fall von Charlottesville konzentrierten sich Trump und republikanische Politiker viel eher auf die so genannte „gewaltbereite Linke“ als auf die Motive der extremen Rechten.

Sicher waren auch radikalisierte Mitglieder der Linken für politische Gewalt verantwortlich – es gab in Nachkriegseuropa genügend tödliche Anschläge von linken Gruppierungen – aber es zeigt sich, dass sie derzeit nicht mehr so gefährlich sind, wie sie einst waren. Es wurde ermittelt, dass rechte Terroristen in den USA seit 1992 zehn Mal so viele Menschen auf amerikanischen Boden getötet haben, als linke Gruppierungen. Es zeigt sich auch, dass der islamistisch inspirierte Terrorismus am tödlichsten war: 14 Mal die Anzahl der Menschen, die von Rechten getötet wurden waren Opfer der militanten Islamisten.

Kann sich das ändern?  Es wird geschätzt, dass dieser islamistische Terrorismus noch zwanzig bis dreißig Jahre anhalten könnte. Wenn dieser Unruheherd beseitigt sein wird, – so nimmt man an, wird es eine andere Gefahr geben.

Es ist deshalb so wichtig die Biographien der Mörder von Barcelona und ähnlichen Stätten einerseits und jener von Charlottesville und ihresgleichen zu analysieren. Die Drohungen des Islamischen Staates oder der extremen Rechten werden sich mit der Zeit auflösen, aber die Bedrohung durch radikalisierte junge Männer und unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten, sie davon abzuhalten radikalisiert zu werden, werden uns auch in Zukunft noch beunruhigen.

Von Frauenhört man aber nichts in diesem Zusammenhang.

 

 

Kann man Barcelona mit Charlottesville vergleichen?

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