Die 1968er Bewegung – wie ich sie damals wahrnahm

Ich sah mich nie als Teil der 68er Bewegung – obwohl ich altersmäßig durchaus in diese Gruppe hätte fallen können. Aber zu diesem Zeitpunkt war ich schon verheiratet, hatte zwei Kinder und auch berufliche Herausforderungen – daher hatte ich für „revolutionäre Aktionen“ kaum Zeit, und auch eigentlich kein Interesse.

Direkt betroffen war wir nur einmal – auf einer Reise durch Frankreich, als die Polizei aufgrund von Demonstrationen Straßensperren errichtete –  es waren Nagelsperren, die ich bis dahin nicht gekannt hatte.

Die Pariser Demonstrationen gingen von der Universität Paris-Nanterre aus. Nach einer Aktion gegen den Krieg in Vietnam gründeten Angehörige der Hochschule die Bewegung des 22. März. Zu den führenden Köpfen gehörte Daniel Cohn-Bendit (* 1945). Nach seiner Ausweisung aus Frankreich war er im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und der APO aktiv. Von 1994 bis 2014 war er Mitglied im Europäischen Parlament.

Nach dem Attentat auf den deutschen Studentenführer Rudi Dutschke bekundeten viele Menschen ihre Solidarität. Als in Paris die Polizei Demonstrationen gewaltsam beendete, protestierten in der Provinz zahlreiche Bürger. Frankreich erlebte in der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1968 eine der gewaltsamsten Auseinandersetzungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Am 13. Mai demonstrieren im ganzen Land Hunderttausende.

Jetzt ging es nicht mehr um die Forderungen der Studenten, sondern um Lohnerhöhungen und um die Einführung der 40-Stunden-Woche. Frankreichs Arbeiter verlangten eine Regierung des Volkes. 10 Millionen Werktätige waren im Warnstreik, drei Wochen lang besetzten sie ihre Fabriken. Die Arbeiter übernahmen von den Studenten deren Formen des Protests und politische Inhalte. Ihre Forderungen richteten sich gegen die Hierarchien in den Betrieben, die sich in einem großen Lohngefälle ausdrückten. Nach der gleichzeitigen Drohung De Gaulles mit dem Ausnahmezustand und der Ankündigung von Wahlen kam es zu einer starken Pro-De Gaulle-Kundgebung. Ende Juni 1968 ebbten Streiks und Fabrikbesetzungen ab.

In Deutschland nahm die 68’er Bewegung einen anderen Verlauf: Am 9. November 1967 entrollte Studenten bei der Rektoratsübergabe an der Universität Hamburg ein Transparent mit der Aufschrift „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“. Sie setzten sich für die Drittelparität zwischen Professoren, dem akademischen Mittelbau und den Studierenden ein. Der Student Benno Ohnesorg wurde durch die Polizei bei der Demonstration am 2. Juni 1967 in West-Berlin gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammad Reza Pahlavi erschossen.

Am 17. und 18. Februar 1968 fand in Berlin ein Internationaler Vietnamkongress statt. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund und die Brüsseler Konferenz riefen zum Widerstand gegen den westlichen Imperialismus, sowie gegen den Vietnamkrieg auf. 1968 entstand in West-Berlin der zur außerparlamentarischen Opposition gehörende Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. Dieser protestierte gegen die patriarchalen Strukturen der maskulin dominierten 68er-Bewegung. In Deutschland gilt dieses Ereignis als Beginn der Frauenbewegung. In verschiedenen Universitätsstädten entstanden studentisch-feministische Weiberräte.

Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein waren für die politisch motivierten Kaufhaus-Brandstiftungen am 2. April 1968 in Frankfurt am Main verantwortlich. Kaufhäuser galten als Symbol des Kapitalismus. Über den Prozess gegen die Brandstifter schrieb Ulrike Meinhof. Eine Journalistin und Publizistin, die sich später als Terroristin radikalisierte. Sie war Gründungsmitglied der Rote-Armee-Fraktion (RAF). Am 11. April 1968 wurde der marxistische Soziologe und politischen Aktivisten Rudi Dutschke erschossen. Er hatte schwere Hirnschäden erlitten, an denen er 1979 starb.

Am 1. Mai 1969 gründeten Klaus Eschen, Horst Mahler und Hans-Christian Ströbele in Berlin das Sozialistische Anwaltskollektiv. Diese Sozietät vertrat Aktivisten der 68er-Bewegung. Später wurde sie durch ihre Verteidigung von Mitgliedern der RAF im Stammheim-Prozess bekannt.

Ab Herbst 1969 verübte die linksgerichtete Terrorgruppe Tupamaros München einige Brand- und Sprengstoffanschläge. Die Tupamaros West-Berlin bekannten sich dazu, am 31. Jahrestag der Novemberpogrome einen Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin versucht zu haben.

Auch in Italien gärte es: Ende der 1960er Jahre plädierte der prominente Verleger Giangiacomo Feltrinelli für die Abschaffung des Kapitalismus. Er hatte zu verschiedenen extremistischen Gruppen und zu den Roten Brigaden Kontakt. Weil er einen Staatsstreich von rechts befürchtete, gründete er seine eigene Gruppe, diese sollte, wenn nötig, gewaltsame Mittel nutzen, um ihre politischen Ziele zu verwirklichen.

In der osteuropäischen Region waren der Prager Frühling und seine Niederschlagung durch die Rote Armee der UdSSR Schlüsselereignisse, die auf Polen, Ungarn, Jugoslawien und Rumänien ausstrahlten. Im sowjetischen Machtbereich, dem Ostblock, fanden unter sehr verschiedenen Vorzeichen tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen statt.

In den USA drehte sich viel um den Vietnamkrieg einerseits und um die Bürgerrechtsbewegung (Martin Luther King) andererseits. Martin Luther King sprach sich als einer der ersten prominenten US-Amerikaner gegen den Vietnamkrieg aus. Er trat für eine Zusammenarbeit zwischen der Bürgerrechtsbewegung und der Friedensbewegung ein. Am 28. August 1963 erreichte die Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner ihren Höhepunkt als mehr als 250 000 Menschen Martin Luther Kings Rede „Ich habe einen Traum“ zuhörten. Unter ihnen waren etwa 60 000 Weiße. Am 2. Juli 1964 verabschiedete der Kongress der Vereinigten Staaten Gesetze gegen die politische, soziale und rechtliche Diskriminierung. Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King erschossen. Die Studentenbewegungen in den USA orientierten sich teilweise an der Black Panther Party und deren identitärer Politik. Am 15. April 1967 demonstrierten in New York City 300 000 Menschen gegen die amerikanischen Bombenangriffe auf Nordvietnam und forderten den sofortigen Abzug der US-Amerikaner aus Südvietnam. Im Oktober 1967 kam es in Washington D.C. zu großen Straßendemonstrationen. Diese Proteste strahlten auf Paris, Amsterdam, Kopenhagen, Berlin und Tokio aus. Aus der studentisch geprägten Antikriegsbewegung entstand die Hippiebewegung mit Aufrufen, wie „Make Love Not War“.

In Österreich gab es den Wiener Aktionismus mit der Aktion Kunst und Revolution; von 1962 bis 1970 hatte eine Gruppe Wiener Künstler das Konzept der amerikanischen Happening-Kunst aufgriffen und auf äußerst provokante Weise umsetzten. Die zentralen Protagonisten dieser Kunstrichtung waren Günter Brus, Otto Muehl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarz Kögler. Der Wiener Aktionismus wandte sich gegen repressive gesellschaftliche Zustände und suchte bewusst die Konfrontation mit staatlicher und kirchlicher Autorität. Über drastische Ausdrucksweisen und aggressive Tabuverletzung sollten einerseits Mechanismen offener und vor allem versteckter (unterdrückter) Grausamkeit und Perversion in der bürgerlichen Gesellschaft dargestellt werden, andererseits sollte ebendiese Gesellschaft damit schockiert werden – was auch gelang. Besondere Berühmtheit erlangten die Wiener Aktionisten durch die von den Medien als Uni-Ferkelei bezeichnete Aktion von Brus, Muehl und Oswald Wiener vom 7. Juni 1968, die eine Anklage aller Beteiligten nach sich zog.

All das entnahm ich den Medien, damals hauptsächlich Zeitungen und Radio. Der Einsatz von Gewalt stieß mich ab, besonders in Deutschland die Aktionen der RAF und in Italien die Roten Brigaden. Die Wiener Ferkeleien waren mit zuwider und ich konnte deren Ziele nicht ernst nehmen. Sehr betroffen machte mich der Einmarsch der Warschauer Truppen in Prag.

Viele Aspekte spielten eine Rolle, nicht nur der Feminismus, auch der Wunsch nach Frieden, die griechische Militärdiktatur, der Prager Frühling, der Schah von Persien, aber auch die Pille zur Empfängnisverhütung. Zu verstehen ist die 68’er Bewegung besser aus dem damals herrschenden Umfeld, für viele war der Vietnamkrieg ausschlaggebend.

Es war eine sehr turbulente Zeit, der „Marsch der 68’er durch die Institutionen“ hatte begonnen und in Österreich z.B. kam es in der Folge zu tiefgreifenden friedlichen Änderungen z.B. in der Familienpolitik (Abschaffung des Patriarchats, antiautoritärer Kindererziehung) an den Universitäten und auf dem Gebiet des Bürgerlichen Rechts.

Die Welt hat sich verändert, die Schwerpunkte der Studenten sind friedlicher geworden, Kriege toben noch überall aber wir sind über Flüchtlinge bekümmert..

Die 1968er Bewegung – wie ich sie damals wahrnahm

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