Die Beseitigung von Statuen – allüberall und fast immer

Jetzt hat die Ukraine alle 1320 Lenin Statuen beseitigt.

Die Beseitigung der Statue Saddam Husseins in Bagdad hat mich damals 2003 tief beeindruckt: Ein US-Panzer hat mit einem Seil die Statue des irakischen Präsidenten Saddam Hussein am zentralen Fardus-Platz in Bagdad zu Fall gebracht. Der übergroße Saddam blieb allerdings nach seinem Sturz zunächst auf dem Sockel hängen, bevor er zu Boden fiel. Eine jubelnde Menge stürzte sich danach auf die Trümmer der riesigen Statue und feierte deren Sturz. Vor dem Sturz hatte ein aufgebrachter Iraker der riesigen Statue eine Schlinge um den Hals geworfen, andere schlugen mit einem Vorschlaghammer auf den Sockel der Statue. Zahlreiche Menschen versammelten sich auf dem Platz, wo kurz zuvor vier Panzer und weitere Truppentransporter vorgefahren waren. Von regierungstreuen Sicherheitskräften oder Soldaten war nichts zu sehen. Der britische Fernsehsender BBC zeigte Bilder von Marineinfanteristen, die die Statue erklommen und den Kopf des überlebensgroßen Saddam mit einer amerikanischen Fahne verhängten. Daraufhin befestigten sie eine irakische Flagge am Hals der Statue, sodass sie wie eine Krawatte herunterhing. Danach zog ein US-Panzer die Statue mit einem Seil zu Boden.  Dieses Bild wurde medial als „Ikone des amerikanischen Siegs“ rezipiert, obwohl der Diktator erst bedeutend später ergriffen werden konnte.

Warum stürzt man eigentlich Statuen? Jedenfalls nennt man das: Politischen Ikonoklasmus (auch Denkmalsturz). Es ist die politisch motivierte Beseitigung oder Zerstörung von Herrschaftssymbolen oder Herrscherbildern, meist im Zusammenhang mit dem Sturz eines Herrschers oder dem Zusammenbruch eines politischen Systems. Das Ziel dabei ist, den Machtverlust symbolisch sichtbar zu machen beziehungsweise die Symbole einer untergegangenen Herrschaft dauerhaft aus der öffentlichen Wahrnehmung zu entfernen.

Aber es ist nicht nur ein Zeichen unserer Zeit: Im alten Ägypten ließ Pharao Thutmosis III. den Totentempel seiner Stiefmutter Hatschepsut von Bildnissen und Zeugnissen ihrer Existenz befreien und ihren Namen durch die anderen Pharaonen ersetzen. Besonders im antiken Rom können ikonoklastische Handlungen im Zuge der damnatio memoriae als Mittel der Geschichtspolitik beobachtet werden. Hierbei wurden die Bildnisse des Herrschers beschädigt, vernichtet oder im Tiber versenkt.

Der im Allgemeinen als Beginn der Französischen Revolution 1789 betrachtete Sturm auf die Bastille ist ein Beispiel des politischen Ikonoklasmus. Das als Burg errichtete und zuletzt als Gefängnis genutzte Bauwerk galt als Symbol königlich-absolutistischer Willkürherrschaft und dessen Repressionsmechanismen. Mit der Erstürmung und dem späteren Abriss der Bastille sollte der Umsturz des alten, verhassten Regimes (Ancien Régime) symbolisch besiegelt werden. Vergleichbar hierzu ist u.a. auch die Erstürmung des Winterpalais in St. Petersburg 1917.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Symbole des Nationalsozialismus, wie beispielsweise Hitlerbilder oder Hakenkreuze, fast überall aus dem öffentlichen Raum entfernt. In Deutschland ist die Verwendung solcher Symbole, mit wenigen eng definierten Ausnahmen, als Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen unter Strafe gestellt. In Österreich existiert mit dem Abzeichengesetz eine vergleichbare Regelung.

Ähnlich wie bei der Französischen Revolution kann auch der Fall der Berliner Mauer, bei dem die Menschen zum Teil mit Hammer und Meißel Teile des Bauwerks zerstörten, als symbolischer Sturz eines Monuments der sozialistischen Herrschaft angesehen werden. Auch diesen Vorgang haben wir alle sehr beglückt im Fernsehen verfolgt.

Der Zusammenbruch des Sozialismus führte dazu, dass zahlreiche Denkmäler, aber auch Gebäude des alten Regimes entfernt wurden. Ein sehr prominentes Beispiel ist der Abriss des Lenindenkmals 1991 in Berlin-Friedrichshain, wobei symbolträchtig zunächst der Kopf entfernt wurde und zusammen mit den restlichen Teilen der Statue vergraben wurde. Auch der Palast der Republik als Ikone der sozialistischen Vergangenheit wurde abgerissen.

Und heute? Nach den Protesten und gewaltsamen Ausschreitungen bei der Rassisten-Kundgebung in Charlottesville entfernen immer mehr Städte im Süden der USA Statuen, die an den Bürgerkrieg erinnern. Z.B. wurden kürzlich in Baltimore die Statuen von mehreren Generälen der Südstaaten entfernt. Mit Kränen wurden ein Monument für die Generäle Robert E. Lee und Thomas «Stonewall» Jackson sowie die Statue des Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofes, Roger B. Taney (1777-1864), der aus einer Familie von Sklavenhaltern stammt, entfernt.

Schätzungen zufolge gibt es bis zu 1500 Konföderierten-Denkmäler sowie nach ihnen benannte Straßen, Brücken und Militärbasen.

Diese Monumente gedenken getöteten Soldaten der Südstaaten aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865), für viele Amerikaner sind sie aber auch Symbole für Rassismus. Die Konföderierten, die sich damals vom Norden losgesagt hatten, wollten die Sklaverei beibehalten. Der Aufmarsch ultrarechter Gruppen in Charlottesville galt dem Streit über das Denkmal Robert E. Lees. Der Sieger in vielen Schlachten des Bürgerkriegs ist eine Ikone, aber nicht nur im Süden.

Der Hass, der im Bürgerkrieg mindestens 650.000 Amerikanern das Leben und dem Süden seinen Wohlstand gekostet hat, schwelt weiter. Warum er sich so leicht an der Person von Robert E. Lee (1807–1870) entzündet, hat mehrere Gründe. Als Spross einer der führenden Familien des US-Gründungsstaats Virginia verkörpert er so recht den Typus des südstaatlichen Gentlemans, der seit jeher das verklärte Leitbild des Südens repräsentierte. Als herausragender General des Bürgerkriegs siegte er in zahlreichen Schlachten, die der Konföderation beinahe den Sieg gebracht hätten. Und, nicht zuletzt, gilt er auch im Norden als großer Stratege, ja als Held aller Amerikaner. Lees Vater war Gouverneur von Virginia gewesen, seine Frau eine Urenkelin von Martha Washington, der ersten First Lady der USA. Ihre Plantage Arlington House lag am Ufer des Potomac in Sichtweite Washingtons. Übrigens: Amerikas Nationalfriedhof Arlington erstreckt sich auf Lees ehemaliger Plantage.

Rechtsradikale Gruppen wie die Alt-Right-Bewegung oder der Ku-Klux-Klan huldigen der Vision von einer White Supremacy, der unbedingten Dominanz der weißen Rasse in und über Amerika, wie sie bis zur Befreiung der Sklaven durch den 13. Verfassungszusatz 1865 südlich der Mason-Dixon-Linie Fundament jeglicher sozialen Ordnung gewesen war.

Was nun die Entfernung von Statuen bringen soll?  Mir ist es noch immer nicht klar – sie hatten doch die Geschichte abgebildet!

Die Beseitigung von Statuen – allüberall und fast immer

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