Die Gasse meiner frühen Kindheit

Begonnen hat es in der Harmoniegasse Nummer 3, im 9. Wiener Gemeindebezirk, dem Alsergrund. An das Haus kann ich mich noch erinnern, es führte eine gewundene Treppe zu uns in den zweiten Stock, Toilette und Wasser (Bassena) am Gang. Die Wohnung bestand aus einem Vorzimmer, als Wohnzimmer genutzt, einem Schlafzimmer und einer Küche. Dieses Vorzimmer hatte ein Fenster auf den Gang, das Schlafzimmer auf die Harmoniegasse. Mehr konnten sich meine Eltern damals nicht leisten. Ich kann mich noch erinnern, dass man mir berichtet hatte, dass die „Hausfrau“ (Gattin des Besitzers des Hauses?) im ersten Stock wohnte, damals belle Etage genannt, eine größere Wohnung hatte, deren Zimmer auch ein größeres Fenster hatte. An der Hinterseite des Hauses war ein kleiner Hof – mit Brunnen, der mit einer Mauer begrenzt war. Dahinter war der Park des Besitzes Clam Gallas.

Der Name der Gasse hat weniger mit Harmonie als Übereinstimmung, Einklang, Eintracht, Ebenmaß zu tun, als vielmehr mit dem Harmonietheater, das quer, am Ende/Anfang der Harmoniegasse in der Wasagasse stand. Später wurde das Theater in Orpheum beziehungsweise Neue Wiener Bühne umbenannt. Aber eigentlich war von der Bezirksvorstehung (erfolglos) der Name Jasomirgottstraße vorgeschlagen worden. Schade!

Das Ensemble der Miethäuser Harmoniegasse 1, 3, 4, 6, 8, 9 zählt zum Frühwerk Otto Wagners. Sie wurden 1864 für Leopold Blühdorn errichtet. Auch das Harmonietheater war ein Werk Wagners.

Das Ensemble Otto Wagners und auch meine Familie wurden erheblich gestört, als die Häuser 5 und 7 umgebaut und in ein Hotel umgewandelt wurden. Meine Großeltern hatten lange in der Harmoniegasse 7 gelebt und mussten – sehr gegen ihren Willen – umziehen. Sie fanden dann in der Porzellangasse eine Bleibe. Das Hotel Westminster wurde eröffnet und nach einiger Zeit renoviert und in „The Harmonie“ umbenannt.

Da die Gasse zur Pfarre Roßau gehörte, eigentlich Katholische Pfarre Maria Verkündigung bei den Serviten in der Roßau, wurde ich dort getauft, und meine Geburtsdaten dort eingetragen. Sie wurde damals auch Servitenkirche genannt.  Viel später, mit dem 31. August 2009 hat der Servitenorden seinen Wiener Konvent in der Roßau geschlossen. Hierauf war die „Kongregation der Maronitischen Libanesischen Missionare“ (CML) die neue Ordensgemeinschaft im ehemaligen Servitenkloster und hat die seelsorgliche Leitung der Pfarre Roßau übernommen. Ab 2012 hat die Priesterbruderschaft der Missionare des heiligen Karl Borromäus die Pfarrseelsorge in der Roßau übernommen und bewohnt seither das ehemalige Servitenkloster. Bekanntheit hatte das ehemalige Kloster bereits im Frühling 2013 erlangt. Damals diente es Flüchtlingen aus Traiskirchen, die zuvor die Votivkirche besetzt hatten, als Quartier.

Vom Fenster der Harmoniegasse Nummer 3 sah ich meinen Vater in den Krieg ziehen…

Als mich meine Mutter in den Kindergarten bringen wollte, damals in der so genannten Schubert-Schule – in der Grünentorgasse untergebracht, habe ich verweigert. An diesem Platz der Schubertschule stand bis 1913 das alte Schulhaus, in dem Franz Schubert 1818-1825 bei seinem Vater wiederholt gewohnt hat. Am 1. Jänner 1818 übersiedelte Schuberts Vater, der dann Schulleiter war, hierher. Ob auch Franz Schubert hier unterrichtete, ist ungewiss. Allerdings bin ich dann später dort gerne in die Schule gegangen. Mein Schulweg war damals: ein Stück Liechtensteinstraße, gelegen in der Alservorstadt, am Himmelpfortgrund, im Lichtental, in der Roßau, auch genannt Thury, benannt (1862) nach Adam Andreas Fürst Liechtenstein (1657-1712), einem Vertreter des bis heute regierenden europäischen Fürstengeschlechts, an dessen Besitz sie vorbeiführt (Liechtensteinsches Sommerpalais). Das war der Abschnitt eines alten nach Klosterneuburg führenden Straßenzugs, dessen südliche Seite bis zur Dietrichstein- und Harmoniegasse überwiegend aus Gärten bestand. Durch die Donauüberschwemmung 1193 wurde der älteste anstelle der Liechtensteinstraße verlaufende Verkehrsweg weggerissen und der Steilrand nördlich der Währinger Straße gebildet, die nun dessen Funktion übernahm. Damals, als ich zur Schule ging, befand sich das „Flieger-Kino“ dort in der Liechtensteinstraße, es war nach dem Ersten Weltkrieg aus der ehemaligen Dietrichsteinschen Reitschule entstanden, 1971 erfolgte der Umbau zum „Studio Molière“, dem Französische Lyzeum angegliedert. Dann kam schon der Bauernfeldplatz, den das Schulkind sehr bald allein zu queren hatte.  Er ist benannt nach Eduard von Bauernfeld (*1802, † 1890) Bühnendichter, Schriftsteller, wie mir meine Mutter sehr bald erklärt hatte. Bauernfeld hatte sehr bald als Lustspieldichter Erfolg gehabt. Und schon war ich in der Porzellangasse angelangt: benannt (1825/1862) nach der staatlichen Porzellanmanufaktur, einer der wichtigsten Straßenzüge der ehemaligen Vorstadt; der gekrümmte Verlauf entspricht jenem eines verlandeten Donauarms.  Um die Ecke befand sich schon die Grünentorgasse, in der Roßau, ist benannt nach dem Gasthausschild „Zum grünen Tor“.

In guter Erinnerung ist mir auch die Servitengasse, in der in meiner Kindheit ein Markt stattfand, auf dem die Peregrini-Kipferln verkauft wurden.  Benannt wurden diese köstlichen Kipferln nach dem späteren Heiligen Peregrinus Pellegrino Latiosus (geboren 1265). Ihm ist eine Kapelle der oben genannten Serviten Kirche geweiht. Zur Erinnerung an den freigebigen Peregrin wurden in Wien schon zu Kaisers Zeiten Peregrini-Kipferl verschenkt (sogar auch in den vielen jüdischen Haushalten am Alsergrund, wie etwa bei Sigmund Freud).

Und das bringt ich in die Berggasse, wo ich als Kind in schneereichen Wintern gerodelt bin.

Da uns die Wohnung in der Harmoniegasse doch irgendwann zu klein geworden war, übersiedelten wir in die Währinger Straße, doch dazu ein anderes Mal.

 

Die Gasse meiner frühen Kindheit

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