Grätzel meiner Kindheit – Währinger Straße

Während des Krieges haben meine Eltern eine neue, größere Wohnung für uns gefunden. Sie war nicht nur größer, (zwei Zimmer, Kabinett), sie umfasste auch eine Toilette (sogar mit Fenster) und hatte diverse Wasserauslässe. Was eigentlich noch für den damaligen Luxus noch fehlte, war ein Badezimmer. Dem wurde später abgeholfen, indem die Küche geteilt wurde und im diesem Teil eine große Badewanne und ein mit Holz beheizbarer großer Wasserbehälter installiert wurde. Es gab keine Zentralheizung aber wunderschöne Kamine, die mit Holz zu heizen waren und in deren Umgebung es sehr gemütlich war. Es musste zwar täglich die Asche ausgeleert werden und immer trockenes, „gescheiteltes“ Holz lagernd sein, aber diese alten Keramikkamine waren auch optisch sehr ansprechend. Geheizt wurde jeweils nur ein Zimmer, indem sich die die ganze Familie aufhielt.

Die Wohnung lag im zweiten Stock, kein Lift, sondern gezählte 56 Stufen führten hinauf. Wir wohnten im „zweiten Trakt“ eines Häuserkomplexes in der Währinger Straße. Das galt damals als weniger fein, als im ersten Trakt, nämlich an der Straße direkt zu wohnen, aber es war ruhig, wir hatten kein „Gegenüber“, denn da die Währinger Straße gegenüber der Parallelstraße Wasagasse um zwei Stockwerke höher liegt, hatten wir eine gute Sicht über die Roßau. Wenn man ein bisserl schräg hinausschaute, konnte man einen Blick auf den Kahlenberg und den Leopoldberg erhaschen. Vor unserem Fenster in dem Garten, der diesem zweiten Trakt angeschlossen war, wuchs ein mächtiger Kastanienbaum, der vielen Vögeln Heimat bot. Der Garten allerdings war der Hausmeisterin vorbehalten und durfte von den Mietern nicht betreten werden. Denen waren die Höfe vorbehalten, in denen noch Klopfstangen standen, über die beim Großreinemachen die Teppiche geworfen wurden, um sie auszuklopfen und damit zu reinigen. Benutzt werden durfte noch der Keller, dort hatte jeder sein Abteil, es gab die gemeinsame Waschküche – und während des Krieges lag dort auch noch der Luftschutzraum.  Der Dachboden, in dem früher die Mieter noch ihr nicht mehr benütztes Gerümpel aufbewahrt hatten, musste komplett geräumt werden, damit dort beim Fallen der Brandbomben nicht sofort ein schwer löschbares Feuer entstehen würde.  Ansonsten hingen dort Stricke, auf denen die gewaschene Wäsche zum Trockenen aufgehängt wurde.  Das Haus war die Währinger Straße Nummer 26 an der heute noch eine Tafel mit folgender Aufschrift hängt, „Hier stand das Gartenhaus, wo Mozart vom Sommer 1788 bis Herbst 1790 wohnte und Cosi fan tutte sowie die Simphonien G moll, Es dur, und C dur mit der Fuge schrieb“.

Benannt ist die Währinger Straße nach der bis 1892 selbstständigen Gemeinde Währing. Der Name wurde erstmals etwa 1170 als Warich urkundlich verzeichnet. Über die Herkunft des Namens gibt es nur Vermutungen. Möglicherweise ist er slawischen (var für warme Quelle) oder germanischen Ursprungs (werich für Tagwerk, d. h. ein Feld in einer Größe, wie es ein Mann an einem Tag bearbeiten kann), womöglich leitet er sich auch von Werigandus, dem ersten Abt des Klosters Michelbeuern, ab.  Darüber, so gebe ich zu, habe ich bei der Übersiedlung dorthin nicht nachgedacht. Die Straße wurde urkundlich zum ersten Mal 1314 erwähnt. Bis in das 19. Jahrhundert stellten sich weite Teile des neunten Bezirks als Aulandschaft mit zahlreichen, später begradigten, zugeschütteten oder eingewölbten Wasserläufen dar; deshalb verlief diese Straße nicht direkt am späteren Donaukanal nach Norden.

Nach den beiden Türkenbelagerungen wurde die Gegend im 18. Jahrhundert beliebter Ort für Gärten des Adels, – wie den direkt an der Währinger Gasse gelegenen, großen Dietrichsteingarten, in dem später das Palais Dietrichstein, heute Palais Clam-Gallas, gebaut wurde, und das anschließendeF Gartenpalais Liechtenstein. Südwestlich der Währinger Gasse etablierten sich medizinische Institutionen, an die das Allgemeine Krankenhaus anschloss. Wo sich heute die zentrumsnächsten Häuserblöcke der Straße befinden, erstreckte sich bis 1858 bis zur Hausnummer 9, Ecke Schwarzspanierstraße, bzw. 16, Ecke Berggasse, das Glacis als freies Schussfeld und Landschaftspark vor der Stadtmauer.

Die Geschichte der Währinger Straße in der heutigen Form begann, als die Als, die die Straße an der heutigen Kreuzung mit dem Straßenzug Spitalgasse–Nussdorfer Straße im 9. Bezirk kreuzte, 1840 eingewölbt und als 1850 die Vorstädte innerhalb des Linienwalls nach Wien eingemeindet wurden. Nun wurde die Währinger Straße begradigt und 1855 vom Tal der Als bergauf bis zum Linienwall verlängert.

Es gab und gibt eine Reihe von prominenten Gebäuden in „meinem Abschnitt“ der Währinger Straße:

  • 2–4: 1861–1883 das provisorische Abgeordnetenhaus des Reichsrates, bis 1866 Parlament der Gesamtmonarchie, ab 1867 nur der im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder. Der Reichsrat beschloss 1867 die bis zum Ende der österreichischen Monarchie 1918 gültige Dezemberverfassung.
  • 6–8: 1887–1908 der Sitz der Marinesektion des k.u.k. Kriegsministeriums
  • 10: Altes Chemisches Institut, 1869–1872 von Heinrich von Ferstel im Stil der Neurenaissance
  • 13: Anatomisches Institut der Medizinischen Universität Wien (1950 / 1951) mit erhaltenem Mittelteil des im Bombenkrieg 1945 ansonsten zerstörten historistischen Gebäudes.
  • 13A: Pharmakologisches Institut; erbaut 1898.
  • 25: Im barockklassizistischen Josephinum befindet sich das Institut für Geschichte der Medizin mit einer Sammlung anatomischer Wachspräparate aus dem 18. Jahrhundert.
  • 30–36: Palais Clam-Gallas, zuvor Palais Dietrichstein, heute vom Lycée Français de Vienne genutzt, in einem großen Privatpark.
  • 38–42: Vor dem Chemischen und dem Physikalischen Institut der Universität Wien, 1908–1915 bei der Abzweigung der Boltzmanngasse auf dem Platz eines ehemaligen Armenversorgungshauses bzw. der k.k. Tabakregie errichtet, steht Denkmal für den erfolgreichen Chemiker und Unternehmer Carl Auer von Welsbach, Erfinder des Gasglühlichts. r. 41: Hier wohnte 1868–1876 der Komponist Anton Bruckner.
  • 43: Im Gebäude der Bezirksvorstehung für den 9. Bezirk befindet sich das Bezirksmuseum Alsergrund, das eine Doderer-Gedenkstätte, einen Erich-Fried-Gedenkraum und ein Schnitzler-Memorial umfasst.
  • 45: Auf dem Grundstück Ecke Spitalgasse stand einst ein Bürgerversorgungshaus, das 1928 abgerissen wurde. Dann legte die Stadtverwaltung hier den 1949 so benannten, großen Arne-Carlsson-Park an, unter dem Park erstreckt sich ein Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg.
  • 48: Wohnhaus der Musikerfamilie Sirota mit ihrer Tochter Beate Sirota, die 1945 Teile der japanischen Verfassung zu Frauenrechten konzipierte.
  • 50: Gegenüber dem Arne-Carlsson-Park wohnte unweit der Strudlhofstiege, die er als Titel für seinen bekanntesten Roman wählte, von 1956 bis zu seinem Tod 1966 der Autor Heimito von Doderer.

Dominiert wird das Viertel wohl durch die Votivkirche, auch der Park davor, früher Votivpark später Sigmund Freud Park, spielte in meiner Kindheit ein Rolle. Durch die Übersiedlung gehörten wir jetzt zur Pfarre der Votivkirche. Dort fanden auch jeweils am Samstag nachmittags die so genannten Seelsorgestunden statt, da es ja in der Nazi-Zeit keinen Religionsunterricht in der Schule gab.

Es fiel uns sehr schwer, als wir im Februar des Jahres 1944 Wien aufgrund der Bombardierungen verlassen mussten und in Pregarten im Mühlviertel unterkamen. Wir wussten damals nicht, ob wir je wieder in unsere Wohnung zurückkehren könnten und in welchem Zustand wir sie vorfinden würden. –

Grätzel meiner Kindheit – Währinger Straße

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