Eine fehlgeschlagene Abspaltung: die Kurden im Irak

Abspaltungen, Freiheitsbestrebungen einzelner Volksgruppen scheinen derzeit nicht vom Glück begünstigt zu sein. Weder die Kurden noch die Katalanen waren diesbezüglich erfolgreich. Warum eigentlich?  Es wäre eine Untersuchung wert, die Trennung der Tschechen und Slowaken 1993 mit den derzeitigen Trennungsversuchen zu vergleichen.

Den Kurden war der eigene Staat schon während des Ersten Weltkriegs versprochen worden und nun hält dennoch die von Sykes und Picot geplante Grenze?

Lange gingen Experten und Politiker davon aus, dass das Auseinanderbrechen des Irak unvermeidlich wäre, sie meinten, dass die schwache Zentralregierung, die ethnischen Spannungen sowie Aufstände Symptome für einen „failed state“ wären, entstanden aus Teilen eines besiegten Imperiums (das Osmanische) und nun dazu verdammt, in sich zusammen zu brechen.

Aber der irakische Premierminister ist da anderer Ansicht. Noch 2006, als die USA sich bemühten, mit den Folgen des Krieges von 2003 fertig zu werden, rief der zukünftige Vize Präsident Joe Biden dazu auf, den Irak – ähnlich der ethischen Linien von Bosnien – zu teilen. Verschiedene Demokraten, aber auch Republikaner unterstützten die kurdischen Bemühungen um einen eigenen Staat (Kurden hatten eine starke Lobby in Washington aufgebaut). 2014, als der so genannte Islamische Staat Mossul erobert hatte, die bevölkerungsreiche Stadt im Norden, meinte man in den USA, dass keine Einigkeit erzielt werden könnte. Sogar jetzt noch, nachdem die irakischen Streitkräfte ein zerstörtes Mossul   neuerlich kontrollieren, gibt es gerechtfertigte Befürchtungen, dass Bagdad nie in der Lage sein werde, die durch den Krieg zerrissener Nation wieder zu einen.

Aber der irakische Premierminister Haider al-Abadi ist da anderer Meinung. Nach der Eroberung von Mossul hat er die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kurden zunichtegemacht, ja er hat sogar jene Territorien, die durch kurdische Streitkräfte seit 2014 besetzt waren, zurückgeholt. Abadi, der schon als schwacher Funktionär abgeschrieben worden war, ist nun populärer denn je.  Und diese Tatsache könnte ein kleiner Lichtblick für die USA sein, da bisher zwei Alliierte der Amerikaner – die irakische Regierung und die Kurden – einander bekämpft hatten. Man geht jetzt sogar davon aus, dass Abadi die Wahlen nächste Jahr gewinnen wird.

Der Irak wird stärker werden, wenn sich die kämpfenden Fraktionen vereinen. Und der Einfluss von Fremden auf den Irak wird zurückgehen, wenn sich das Vertrauen der Iraker in ihren Staat verstärkt, wenn es wieder ein irakisches Nationalgefühl geben wird, und die Bindung der Menschen an ihren Staat stärker werden wird.

Wenn sich auch die überwiegende Mehrheit der Kurden für eine Unabhängigkeit ausgesprochen hat, hat diese Abstimmung nicht mehr Freiheiten für die Kurden gebracht.  Stattdessen hat Abadi die Unterstützung aller Nachbarn Iraks sowie der USA erhalten, die alle die kurdischen Unabhängigkeitsbestrebungen bedauerten und sich für die Einheit des Irak aussprachen. Irakische Kräfte, unterstützt von iranischen Revolutionsgarden, haben das ölreiche Kirkuk zurückerobert, das sich in den vergangenen drei Jahren in kurdischen Händen befunden hatte, und das bei dem Referendum mitstimmen durfte.

Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass sich die Kurden zutiefst gedemütigt fühlen, sich weiter spalten und damit in eine schwache Verhandlungsposition seit den fehlgeschlagenen Autonomieverhandlungen 1975 gedrängt wurden. Die Kritik wendet sich besonders gegen den Regional-Präsidenten Masoud Barzani. Seine Gegner behaupten, er hätte das Referendum zu seinen eigenen Gunsten angesetzt.  All das kann nun dazu führen, dass Barzani demnächst zurücktreten muss.

Die politische Elite der Kurden scheint die Gelegenheit verpasst zu haben, als die internationale Gemeinschaft auf Seiten der Kurden stand, als ihre Wirtschaft blühte und die Autonomie vorhanden war. Möglicherweise wurde das Referendum aufgrund einer falschen Interpretation der US Politik angesetzt. Barsani und seine Verbündeten hielten fälschlicherweise die breite Sympathie für die Kurden bei den amerikanischen Politikern für echte Unterstützung.  Aber für die Amerikaner würde ein vereinter Irak eine seltene Gelegenheit bieten, Erfolg im Mittleren Osten für sich zu buchen.

Abadi hinwieder bemüht sich an diese mögliche Erfolgsstory anzuschließen und sein Land aus den Schatten des Krieges und der Zerstörung herauszuführen. Aber nicht allein der Wille der USA wird ihn lenken, gerade hat er ein Ansinnen Rex  Tillersons zurückgewiesen, die paramilitärischen schiitischen Kräfte aufzulösen, die allerdings kriegsentscheidend beim Kampf gegen den islamischen Staat waren. Die Amerikaner sehen in diesen schiitischen Verbänden Stellvertreter des Irans.  Abadi sieht sie als irakische Truppen, die auch eine Hoffnung des Landes und der Region darstellen.

Aber Abadi ist auch nicht ein Handlanger der Iraner. Erst kürzlich hat er einige Länder, die dem Iran feindlich gegenüberstehen, wie Saudi-Arabien oder Ägypten, umworben um weitere Investitionen im Irak vorzunehmen. Kürzlich hatte er auch Ankara besucht, mit Erdogan wurde darüber gesprochen, die Erdölexporte aus Kirkuk wiederaufzunehmen.

Gleichzeitig betonte er seine Bereitschaft, den Dialog mit den Kurden und anderen Minderheiten wiederaufzunehmen. Jedenfalls weist er vehement die Idee zurück, dass sein Land der Kriegsschauplatz für größere geopolitische Spiele werden sollte. Er will sowohl mit den USA als auch mit dem Iran kooperieren, aber sie mögen bitte nicht ihre Auseinandersetzungen in den Irak tragen, dieser Kampf sollte dann woanders ausgefochten werden.

Müssen es wirklich immer und überall Kämpfe sein?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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