Mein “Drei-Heere“-Frühling 1945

Frühjahr 1945 – der Krieg ging seinem Ende zu. Man hörte Kanonendonner – noch in der Ferne. Wir hielten uns damals, aufgrund der Bombengefahr in Wien, im Mühlviertel, in Pregarten auf.  Vielleicht kam dieser Kanonendonner aus Gramastetten? Dort fand Anfang Mai eines der letzten schweren Gefechte in Oberösterreich und das letzte im Mühlviertel statt: Kräfte des 3. SS-Panzergrenadier- und Ausbildungsbataillons hatten sich dort verschanzt, um den Vormarsch der US-Verbände auf Linz zu stoppen. Mit Flugblättern forderten die anrückenden US-Truppen den Bürgermeister zur kampflosen Übergabe des Ortes auf. „Sie haben die Wahl: Übergabe und Schonung Ihrer Ortschaft – oder Widerstand und Vernichtung“, stand darauf zu lesen. Die Bereitschaft zur Kapitulation war in der Bevölkerung groß, der Pfarrer wollte auf dem Kirchturm eine weiße Fahne hissen, die deutschen Einheiten wurden inständig gebeten, keinen Widerstand zu leisten. Doch die SS-Kommandeure untersagten eine Aufgabe und ordneten an, dass die Bewohner in den Kellern Schutz suchen sollten. Grammastetten wurde zwei Mal angegriffen: einmal von Seiten der US Kampfverbände und später, als es von den Amerikanern erobert worden war, noch einmal von den deutschen Truppen.

Nun dieses Schicksal blieb Pregarten erspart.

Dort erlebte ich zuerst die Auflösung der Deutschen Wehrmacht. Für uns bedeutete das, dass Soldaten zu uns kamen und um zivile Kleidung baten – das war schwierig, weil wir selbst wenig zum Anziehen hatten. Diese Soldaten fürchteten sich einerseits davor von den Deutschen – noch intakten Truppen, vor allem SS-Einheiten – gefangen genommen und standrechtlich erschossen zu werden. Andererseits wollten sie ihre Gefangennahme durch die (noch) feindlichen Truppen verhindern, vor allem wollten sie nicht in russische Gefangenschaft geraten.  Nur ein einziger, er erzählte uns, dass er sich nach Berlin durschlagen wolle, nach Hause, zur Mutter, wollte das in SS-Uniform tun, damit ihn seine Mutter in voller militärischer Pracht sehen könne. Wir rieten ihm ab, nachdem er bei uns etwas gegessen hatte, aber er machte sich dennoch auf den Weg – ob er je lebend angekommen ist?

Aber nicht nur Personen flüchteten, sie ließen auch ihr nicht mehr benötigtes Gerät einfach herumliegen. Das warten Autos, in den Graben gefahren,  vielleicht weil sie kein Benzin mehr hatten, das waren Waffen jeglicher Art… Einheimische Kenner konnten vieles davon brauchen, alles was aber als „militärisch“ erkennbar war und nicht versteckt werden konnte, blieb liegen, denn man wollte sich dadurch nicht in Gefahr durch die nachfolgenden damals noch feindlichen  Truppen bringen.

Die Zivilisten versuchten auch alles los zu werden, was sie eventuell als Nazis ausweisen könnte: Hitlerbilder wurden zerbrochen und verbrannt, fast jeder Haushalt verfügte über einen „Mein Kampf“ (bei Verehelichung bekam man ja dieses Buch geschenkt), auch dieser wanderte in die Flammen. Aber es gab dann noch z.B. HJ(Hitler-Jugend)-Messer mit einem Hakenkreuz, Gürtelschnallen etc. die man nicht so leicht zerstören konnte. Von den roten Fahnen wurde das Hakenkreuz abgetrennt oder herausgeschnitten.

Und man begann „Lebenswichtiges“ vor allem Lebensmittel zu vergraben (nicht, dass es später viel genützt hat: die Russen stocherten mit ihren Bajonetten auf jenem Boden, der frisch „umgegraben“ wirkte, und fanden – und konfiszierten dann auch diese mageren Vorräte.)

Dann kamen die Amerikaner, sie fuhren mit den stolzen Panzern, Sherman, in Pregarten ein. Jedes Haus hatte eine weiße Fahne herausgehängt. Das Volk gaffte, geschossen wurde nicht. Meine Handarbeitslehrerin stand auch da und schaute. Sie war mir nicht gerade freundlich gesinnt, da ich beim Sockenstricken in der Schule die tückische Ferse nicht hingekriegt habe, und dieses Gefühl war durchaus gegenseitig. Wie es sich damals (noch!) gehörte, grüßte ich diese Lehrerin mit – anders kannten wir es ja nicht – „Heil Hitler“. Ein Soldat auf dem Panzer schaute sie nur äußert indigniert an und sie machte sich so klein als möglich. Der Bürgermeister (zwar ein Nazi, aber sicher kein Fanatiker) blieb im Amt, auch sonst änderte sich nicht viel – es war ja noch nicht „Frieden“, der so ersehnt worden war. Ein paar Soldaten blieben im Ort. Wir Kinderbekamen von ihnen Schokolade – es war die Marke Hershey, die ich daher noch immer gerne esse – und Kaugummi, uns bis dahin unbekannt und auch nicht ganz so beliebt war.

Aber die Zeit der Amerikaner währte nur kurz, sie wurden durch die Russen abgelöst. Grundsätzlich waren auch Russen nett zu Kindern, das hatten wir schon erfahren, als sie als Kriegsgefangene auf den Bauernhöfen gearbeitet hatten.  Damals hatten sie Spielzeug aus Holz für uns geschnitzt. Jetzt aber hatte ein Rollentausch stattgefunden. Die Russen warten nun die „Herren“. Problematisch war das Verhältnis mit ihnen, sobald sie betrunken waren – und das waren sie oft. Ich erinnere mich noch gut an ihren Ruf „Ura, Ura“, wenn sie den verschreckten Einheimischen die Uhren abnahmen. Oder auch das Pumpern an die Eingangstüren mit ihren Gewehrkolben mit dem Ruf „Frau, Frau“. Da wurde es dann brenzlig. Ich lernte, was damit gemeint war. Es war hart für meine Mutter, von einem 10jährigen Mäderl gefragt zu werden, was denn eine Vergewaltigung wäre. Meine Mutter und ich verbrachten einige Nächte im Ort, wo sich in einem Haus viele Frauen mit ihren Kindern versammelten, die von den wenigen (meist alten) Männern beschützt wurden. Andere Frauen verbrachten ihre Nächte versteckt in Höhlen. Aber auch tagsüber war man nicht sicher. Da wir das Wasser aus einer Quelle holen musste, die ein Stück weit vom Haus entfernt war, musste man auch da aufpassen, dass keine Russen in der Nähe waren.

Es wurde auch geplündert. Wir bewohnten ein Zimmer im Haus des Hammerschmieds. Im Vorzimmer stand eine Truhe, die nicht von uns benutzt werden durfte, denn darin befanden sich Dinge, die eine Familie aus Linz dort eingelagert hatte. Die Truhe wurde von den Russen aufgebrochen und es kam zu einem sehr kritischen Moment, denn darin befand sich eine SS-Uniform eines höheren Militärs.

Zu unserem Glück glaubte man uns, dass das Zeug nicht uns gehörte.

Meine Freiheit, die ich vorher genossen hatte, jederzeit überall herumzustreunen war nun jäh beendet worden. Ich musste zu Hause bleiben. Meine Mutter wurde zur Arbeit für die Russen eingeteilt, Kochen, Wäsche waschen etc.

Nach relativ kurzer Zeit begaben wir uns dann auf die Reise nach Wien, um zu sehen, ob das Haus, indem sich unsere Wohnung befand, noch stand.

Es stand. Es gab zwar ein Riesenloch in einer Wand und alle Fenster waren kaputt, aber das wurde damals als sehr harmlos empfunden.

 

 

 

 

 

Einiges zu diesem Thema habe ich schon in meinen Blogbeiträgen vom 25.12.2016 „Aus Feinden können Freunde werden“ und 07.09.2017 „Erinnerungssplitter Kriegsende“ veröffentlicht

Mein “Drei-Heere“-Frühling 1945

Unruhiger Sinai, einst und jetzt

Die Sinai-Halbinsel ist eine derzeit zu Ägypten gehörende Halbinsel. Die Landschaft ist wüstenhaft und besonders im Süden von schroffen, kahlen Gebirgen geprägt. Manche (ich leider nicht) von uns waren schon dort: sie haben meist das Katharinenkloster besucht.

Das heute griechisch-orthodoxe Katharinenkloster wurde zwischen 548 und 565 gegründet und ist das älteste immer noch bewohnte Kloster des Christentums. Es liegt am Fuße des Berges Sinai (Mosesberg). Dort befand sich nach der Überlieferung der brennende Dornbusch, in dem sich Gott Mose offenbarte; hier sollen auch die der Legende nach von einem Engel herbeigetragenen Gebeine der heiligen Katharina von Alexandrien ruhen, deren Existenz allerdings historisch nicht belegt ist. Die Anlage – als Festung gebaut – mit Nebengebäuden und Gärten liegt durchschnittlich 1585 Meter über dem Meeresspiegel im südlichen Sinai. Nach einer Legende soll Mohammed dort mehrmals zu Gast gewesen sein, bevor er als Prophet auftrat. Nach seinem politischen Aufstieg habe er dann einen Brief an das Kloster verfasst, in dem dessen Fortbestand garantiert wurde. Diese Garantie wurde durch die Jahrhunderte von den islamischen Herrschern anerkannt und hat die Existenz des Klosters gesichert. Der Brief befindet sich heute im Museum in Istanbul. Als dem Kloster Anfang des 11. Jahrhunderts Zerstörung drohte, errichteten die Mönche auf dem Gelände nahe der Kirche eine Moschee mit Minarett. Es blieb der jetzt dort herrschenden Terrormiliz vorbehalten, das Kloster angreifen zu wollen: Am 18. April 2017 kam es zu einem Angriff, der abgewehrt werden konnte.  Es wäre ein nicht zu ersetzender Verlust gewesen, wären die Angreifer erfolgreich gewesen: Die Klosterbibliothek ist wahrscheinlich die älteste erhaltene christliche Bibliothek. Sie enthält sechstausend Handschriften in verschiedenen alten Sprachen, davon dreitausend aus der Antike und einige älter als das Kloster selbst. Dort wurde auch der Codex Sinaiticus aus dem 4. Jahrhundert gefunden, die älteste fast vollständig erhaltene Bibelhandschrift. Daneben verfügt das Kloster über eine Sammlung von über 2000 Ikonen, darunter einige der wenigen, die den byzantinischen Bilderstreit des 8. und 9. Jahrhunderts unzerstört überstanden und die damit zu den ältesten noch existierenden Ikonen zählen.

Noch etwa die Hälfte der insgesamt etwa 1,3 Millionen Bewohner des Sinai sind Beduinen, die sich auf knapp 20 Stämme verteilen und nur noch teilweise ein nomadisches Leben führen. Sie leben von Viehzucht (Ziegen, Schafe, Dromedare), an der Ostküste auch vom Fischfang und zunehmend vom Tourismus, der allerdings durch die gegenwärtige politische Situation arg gestört ist.

Im Norden der Halbinsel wird der As-Salam-Kanal gebaut. Dabei wird Wasser aus dem Nil zur Bewässerung großer trockener Gebiete unter dem Sueskanal hindurch geleitet. Das erste Teilstück wurde 1997 fertiggestellt. An der Südspitze der Halbinsel liegen die Stadt Scharm El-Scheich mit vielen Hotels und der unbewohnte Ras-Mohammed-Nationalpark.

Es gibt prähistorische Steinbauten im Sinai, die Halbinsel gehörte lange zum Einfluss- oder Machtbereich des Alten Ägypten. Damals wurden Türkise dort abgebaut. Der Sinai war nach der biblischen Überlieferung zu einem Großteil der Schauplatz des Pentateuchs und anderer Stellen des Alten Testaments, insbesondere der Geschichte vom Auszug aus Ägypten sowie vom Bund mit dem Gott JHWH, der Mosesgeschichte, dem Empfang der 10 Gebote und dem Beginn der israelitischen Landnahme. Später war dann der Sinai Teil der römischen Provinz Arabia Petraea. Im Jahr 395 fiel die Provinz an Ostrom. Seitdem die Araber in den Jahren 640 und 642 die Truppen Ostroms in Ägypten besiegt hatten, ist die Halbinsel Teil der islamischen Welt. Von 1517 bis 1906 war der Sinai Teil des Osmanischen Reichs. 1906 wurde er dem de facto seit langem unabhängigen Ägypten überschrieben, welches de jure nach wie vor Vasall des Osmanischen Reichs war. Einige Jahrzehnte nach dem Bau des Sueskanals (1859–1869) hatte sich das Britische Empire militärische Rechte einräumen lassen und erklärte Ägypten mit dem Sinai im Dezember 1914 zum britischen Protektorat. Der Norden des Sinai war vor allem im Jahr 1916 Schauplatz zahlreicher Gefechte, die mit der britischen Eroberung von Al-Arisch endeten.

Am 29. Oktober 1956 marschierten israelische Truppen durch den Sinai zum Sueskanal, wodurch die Sueskrise ihrem Höhepunkt zusteuerte. Truppen aus Großbritannien und Frankreich intervenierten anschließend und versuchten die Kontrolle über den von Gamal Abdel Nasser 1956 verstaatlichten Kanal zurückzuerlangen. Auf politischen Druck der USA und der Sowjetunion zogen sich die nichtägyptischen Truppen wieder zurück und mit der United Nations Emergency Force (UNEF) wurde die erste internationale UN-Friedenstruppe bis 1967 auf dem Sinai stationiert.

Im Sechstagekrieg von 1967 wurde die Halbinsel von Israel besetzt. Im Februar 1973 verirrte sich eine Zivilmaschine der Libyan Arab Airlines, aufgrund eines Sandsturms über die militärische Sperrzone des Sinai. Sie wurde von einem israelischen Jagdflugzeug abgeschossen. Ebenfalls im Jahr 1973, im Oktober, fand der Jom-Kippur-Krieg statt. Er endete am Verhandlungstisch und räumte Ägypten als Ergebnis teilweise die Rückerlangung von Territorien des Sinai ein.

Von 1973 bis 1979 waren die UN-Truppen im Rahmen der UNEF II Mission auf dem Sinai stationiert. Nach dem Camp-David-Abkommen 1978 und der Unterzeichnung des Israelisch-ägyptischen Friedensvertrag 1979 wurde der letzte Teil des Sinai 1982 an Ägypten zurückgegeben. 1989 wurde auch Taba bei Eilat zurückgegeben, um das bis dahin weiter verhandelt worden war.

Nun folgten diverse Terroranschläge: 2004 explodierten vor dem Hilton Taba und im Beduinen-Camp (Moon Island Village) bei Nuwaiba Autobomben. Als Urheber wird die Terrororganisation al-Qaida vermutet. Im größten Badeort der Halbinsel Scharm El-Sheikh wurden 2005 bei mehreren Terroranschlägen mindestens 88 Menschen getötet und über 100 verletzt. 2006 fand ein Terroranschlag mit Explosionen an drei eng beieinanderliegenden Stellen im Zentrum der Stadt Dahab statt. Die Urheber der Anschläge konnten bisher nicht ermittelt werden.

2011 begann, zuerst als Begleitzustand der ägyptischen Revolution, ein bewaffneter Konflikt auf der Sinai-Halbinsel. Radikalislamische Extremisten, überwiegend radikalisierte Beduinen, führten eine Serie von Terroranschlägen gegen die Arabische Gaspipeline und gegen eine Polizeiwache durch. Hierauf reagierte das ägyptische Militär mit der Operation Adler. 2012 attackierte eine militante Gruppierung eine Militärbasis und führte mit gestohlenen Panzerwagen einen Angriff auf einen israelischen Grenzübergang durch. Hierauf folgend kam es zu einer Militäraktion, Operation Sinai, bei der die Extremisten vertrieben wurden.

2015 nahm der Sinai-Zweig des Islamischen Staates den Abschuss einer russischen Passagiermaschine am Weg von Scharm el-Scheich für sich in Anspruch. 224 Personen waren getötet worden. Gegen Ende November 2017 kam es zu einem Terroranschlage auf eine Moschee an einem Freitag in nördlichen Sinai, bei der mehr als 300 Personen getötet worden waren.  Die Toten des Anschlags auf die Moschee wurden in Massengräbern bestattet – die Überlebenden waren sprachlos, bewegungslos. Sie konnten nicht verstehen, was da geschehen ist.

Al Sissi fand zwar harte Worte, wurde auch von Präsident Trump diesbezüglich belobigt, ist aber in dem Kampf am Sinai nicht besonders effektiv. Seine Armee hat nicht sehr geschickt operiert und die Zivilbevölkerung aufgebracht. Der Sinai ist das Rückzugsgebiet des im Irak und Syrien weitgehend besiegten Kalifats. Dort gibt es z.B. kaum Elektrizität, und schon gar keine Jobs. Viele Beduinen leben vom Schmuggeln. Und damit parallel schwelt der Aufstand. Trotz Einsatz schwerer Waffen, israelischer Unterstützung mithilfe von Drohnen kann die Bedrohung nicht ausgeschaltet werden.

Frieden für dieses Gebiet ist in nächster Zukunft nicht abzusehen.

Unruhiger Sinai, einst und jetzt

1968 – der Prager Frühling und die aktive Rolle Österreichs

Als wir noch arm waren, waren wir alle miteinander viel eher bereit zu teilen. Das zeigte sich wieder bzw. noch immer beim der sogenannten Prager Frühling. Mit diesem Begriff verbinden sich zwei gegensätzliche Vorgänge: einerseits der Versuch, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ (Liberalisierung und Demokratisierung) zu schaffen, andererseits aber auch die gewaltsame Niederschlagung dieses Versuchs durch am 21. August 1968 einmarschierende Truppen des Warschauer Paktes.

Bis zum Ende des Jahres 1967 war die kritische Öffentlichkeit in der Tschechoslowakei stark angewachsen. Am 31. Oktober 1967 protestierten Studenten gegen die Zustände in ihren Wohnheimen. Staats- und Parteichef Antonín Novotný ließ die Proteste gewaltsam auflösen, was ihm im Zentralkomitee jedoch massive Kritik eintrug. Auch die Sowjetunion, an welche Novotný sich darauf wandte, gab ihm zu verstehen, dass er nicht mit Hilfestellung aus Moskau rechnen könne, vielmehr mit seinen Problemen selbst fertigwerden solle. Anlässlich des „Januartreffens“ des Zentralkomitees der KPČ am 4. Januar 1968 wurde Novotný als 1. Sekretär der KPČ vom 1. Sekretär der Kommunistischen Partei der Slowakei Alexander Dubček abgelöst.

Der Führungswechsel markierte den Auftakt zu einem Reformkurs der tschechoslowakischen Regierungspartei, der in Verbindung mit dem Druck der kritisch gewordenen Öffentlichkeit zum Phänomen „Prager Frühling“ führte. Dubček versuchte zunächst, die Reformer in ihrem Eifer etwas zu bremsen, um nicht den Argwohn der anderen Ostblockstaaten auf sich zu ziehen. Diese begannen bereits, den Kurs der Tschechoslowakei zu kritisieren. Vorerst strebte Dubček eine Reform der bundesstaatlichen Verfassung an, die den Slowaken mehr Selbstverwaltungsrechte zugestehen sollte.

Die Reformen basierten auf einem Aktionsprogramm der KSČ, das insbesondere auf Wirtschaftsreformen, Meinungs- und Informationsfreiheit, eine Aufarbeitung der stalinistischen Vergangenheit und eine allgemeine Neuausrichtung der Rolle der Kommunistischen Partei in der Gesellschaft zielte. Die Stimmung in der Bevölkerung war überwiegend „Zustimmung zum Sozialismus, allerdings nur zu einem reformierten, demokratischen. Der Zentralismus sollte abgebaut werden, Machtkonzentrationen, gerade um Einzelpersonen, sollten verhindert werden, innerparteiliche Demokratie und eine Rückkehr zu einem parlamentarischen Modell mit bürgerlichen Parteien sollten aufgebaut werden. Führender Architekt der Wirtschaftsreformen war Ota Šik, der ein Modell einer „humanen Wirtschaftsdemokratie“ entworfen hatte. Die Freiheit von Presse, Wissenschaft, Information und Reisen waren wichtige Schritte auf dem Weg zum angestrebten kulturellen Pluralismus. Dieser kulturelle Pluralismus betraf insbesondere auch die verschiedenen Nationalitäten innerhalb der ČSSR. Die Beziehungen innerhalb des Warschauer Paktes sollten weg von der sowjetischen Vormacht hin zu einer gleichberechtigten Partnerschaft gehen. Gleichzeitig sollten die Ideen des „Prager Frühlings“ in andere Länder in Ost und West weitergetragen werden.

Noch im Februar 1968 hatte Dubček die Pressezensur aufgehoben. In den Medien des Landes fand daraufhin eine „wahre Informationsexplosion“ statt. Es kam zu dem von Intellektuellen verschiedener Couleur unterzeichnete Manifest der 2000 Worte. Die Sowjetunion, die den Machtwechsel von Novotný zu Dubček zunächst gutgeheißen hatte, dann aber schnell eine äußerst skeptische Position zur tschechoslowakischen Entwicklung einnahm, wertete das „Manifest der 2000 Worte“ als eine Plattform der Konterrevolution.

In der Nacht zum 21. August 1968 marschierten etwa eine halbe Million Soldaten der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens in die Tschechoslowakei ein und besetzten innerhalb von wenigen Stunden alle strategisch wichtigen Positionen des Landes. Die KPČ beschloss, keinen militärischen Widerstand zu leisten. Die NATO verhielt sich ruhig, um der Sowjetunion keinen Vorwand für eine Intervention zu liefern; sie beobachtete die fortwährende Landung von sowjetischen Militärflugzeugen auf den Prager Flughäfen.

Dubček und andere hochrangige Regierungsmitglieder wurden festgenommen und nach Moskau gebracht. Dubček rief dazu auf, auf militärischen Widerstand zu verzichten, da dieser aussichtslos sei. Dennoch kam es zu vereinzelten Auseinandersetzungen zwischen der Zivilbevölkerung und den Invasoren. Die tschechische und slowakische Bevölkerung versuchte, durch zivilen Ungehorsam und verschiedene Aktionen die Besetzung zu verlangsamen. Es war aktiver Widerstand: Ortstafeln und Straßenschilder wurden verdreht, übermalt, zerschlagen oder abmontiert, so dass ortsunkundige Besatzer in falsche Richtungen geschickt wurden. Tschechoslowakische Eisenbahner leiteten Nachschubzüge für die Rote Armee auf Abstellgleise. Tausende, zumeist selbstgezeichnete oder selbstgedruckte Plakate, die die Besatzer verspotteten und zum passiven Widerstand aufriefen, wurden, vorwiegend in Prag und Bratislava, aber auch in anderen Städten, verteilt und an Häuserwände und Schaufenster geklebt. Auch der damalige Tschechoslowakische Rundfunk, aber ebenso der ORF spielte eine große Rolle. Die Tschechoslowaken wurden via Kurzwelle-Sendeanlagen in Österreich informiert. Im eigenen Land wurde über die Ereignisse gar nicht bzw. teils falsch berichtet. Auch Piratensender waren am Werk, die von den sowjetischen Besatzungstruppen nicht völlig ausgeschaltet werden konnten.

Das drei Tage später verabschiedete Moskauer Protokoll enthielt eine Aufhebung fast aller Reformprojekte. Mit diesem Ergebnis einer faktischen Kapitulation kehrte Dubček, der vorerst noch in seinen Ämtern belassen wurde, nach Prag zurück, wo er noch einmal begeistert empfangen wurde. Bald darauf wurde der Bevölkerung der ČSSR klar, dass der „Prager Frühling“ vorbei war.

Als Folge der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Truppen der Staaten des Warschauer Paktes verließen zehntausende Menschen, in erster Linie Facharbeiter und Intellektuelle, das Land. Eine besondere Rolle für ausreisewillige Tschechoslowaken spielte der damalige österreichische Botschafter in Prag und spätere Bundespräsident Rudolf Kirchschläger, der trotz anderslautender Weisungen des Außenministers Kurt Waldheim Visa für Österreich ausstellte und so zahlreichen Personen die Flucht ermöglichte. In der Folge kamen rund 162.000 Flüchtlinge nach Österreich, von denen aber nur ca. 12.000 auch um Asyl ansuchten und in Österreich blieben. Sie wurden hier begeistert aufgenommen!

Am 16. Januar 1969 verbrannte sich der Student Jan Palach aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings auf dem Wenzelsplatz. Einen Monat später verbrannte sich dort auch Jan Zajíc.

Im Gegensatz zu anderen westlichen Ländern war Österreich gezwungen, sich wegen des Neutralitätsgesetzes und des Staatsvertrages neutral zu verhalten. Wie die Proteste gegen die ORF-Berichterstattung zeigten, war dies eine schwierige Aufgabe. Dennoch gelang es dem österreichischen Rundfunk unter der Leitung von Gerd Bacher, als Informationsdrehscheibe für die ganze Welt zu fungieren und laufend aktuelle Nachrichten anzubieten. Darüber beschwerte sich der sowjetische Botschafter. Aber wir alle hingen an Radios oder Fernsehgeräten und verfolgten die Vorgänge wiederum mit etwas Angst. Panzer sind furchterregend!

Obwohl man nicht von einer bewaffneten Intervention in Österreich ausging, hatten bereits am 23. Juli Besprechungen zwischen Innen- und Verteidigungsministerium über die Möglichkeit von Interventionen und Maßnahmen zum Schutze Österreichs stattgefunden. Diese Maßnahmen erhielten den Decknamen Urgestein, kamen später jedoch nicht voll zum Tragen, da das Bundesheer dreißig Kilometer hinter der Grenze in Stellung gehen musste.

Es dauerte letztlich bis 1989 bis auch in der Tschechischen Republik und in der Slowakei die Freiheit einziehen konnte.

1968 – der Prager Frühling und die aktive Rolle Österreichs

Das arme Christkind

Ich fürchte, dass das Christkind heuer leider zu wenigen Menschen kommen wird. Das Christkind ist  gekränkt, dass es im Rahmen der so genannten political correctness immer mehr verschwinden muss. Dabei meint das Christkind, dass sich Kinder von Andersgläubigen dennoch über sein Kommen freuen würden. Über Vieles, das mit dem Weihnachtsfest zusammenhängt, über die Adventkalender, über die Weihnachtsgeschichten und die gemeinsam gesungenen Weihnachtslieder.

Das Christkind ärgert auch, dass schon überall Christbäume stehen, die es doch sonst immer erst in der Heiligen Nacht gebracht hat. Und erst die Werbung: Kinder schauen in fürsorglich bereitgestellte möglichst große Schuhe und finden Überraschungseier – das ist doch nicht Weihachten. Das Christkind legt die Geschenke doch unter den Christbaum.  Es gefällt dem Christkind auch gar nicht, dass empfohlen wird, „merry“ zu sein, aber irgendwie das „Christmas“ fehlt!

Das Christkind ist eine vor allem in Süd- und Westdeutschland, im Elsass, in Luxemburg, Österreich, Südtirol, der Deutschschweiz, Ungarn, Tschechien, der Slowakei, Slowenien und in Kroatien sowie in Südbrasilien verbreitete Symbolfigur des Weihnachtsfestes. Der Erzählung nach kommt das Christkind zu Weihnachten und bringt, ohne gesehen zu werden, die Weihnachtsgeschenke. Es wird häufig als blondgelocktes Kind mit Flügeln und Heiligenschein dargestellt. Umgangssprachlich wird das Christkind häufig mit dem Jesuskind, der Darstellung des neugeborenen Christi’’, gleichgesetzt.

Engelshaar, das ist etwas, das brave Kinder vor Weihnachten in der Wohnung entdeckten, wenn sie z.B. der Mutter beim Keksebacken geholfen hatten (und nicht zu viel bereits vom Teig genascht hatten).

Im Mittelalter wurden die Kinder am Nikolaustag (6. Dezember) oder am Tag der unschuldigen Kinder (28. Dezember) beschenkt; die Bescherung am Heiligabend bzw. am ersten Weihnachtsfeiertag, wie sie heute üblich ist, gab es damals noch nicht. In der Ostkirche wird Weihnachten überhaupt erst am 6. Jänner gefeiert. Die Protestanten lehnten die römisch-katholische Form der Heiligenverehrung – und damit auch die Verehrung des heiligen Nikolaus – ab. Daher ersetzte mit hoher Wahrscheinlichkeit Martin Luther im 16. Jahrhundert den Nikolaus durch den „Heiligen Christ“ und verlegte die Beschenkung auf den 25. Dezember. Mit „Heiliger Christ“ war Jesus Christus gemeint, jedoch nicht in der Personifikation des neugeborenen Jesuskindes. Über die Jahre entwickelte sich die Bezeichnung „Christkind“ und die Vorstellung als engelsgleiche Erscheinung. Das Christkind verselbständigte sich zusehends und die Verbindung zu Jesus Christus wurde immer unklarer. In der reformierten Schweiz wurde es – entsprechend dem hier (früher) gültigen Bescherungstag – denn auch zum Neujahrskind. Die engelsgleiche Darstellung hat ihren Ursprung vermutlich in weihnachtlichen Umzugsbräuchen und Krippenspielen, bei denen häufig eine Engelsschar von einem „Christkind“ angeführt wurde. Das Christkind verbreitete sich zunächst im evangelischen Deutschland. Später breitete sich der Brauch ins Rheinland, dann zusammen mit Adventskranz und Weihnachtsbaum nach Bayern und Österreich aus. Diese Entwicklungslinie wurde aber von zwei entgegenlaufenden gekreuzt: Einerseits wurde das Christkind in Nord- und in Teilen von Mitteldeutschland bei den Protestanten immer mehr vom Weihnachtsmann abgelöst, anderseits verdrängte das Christkind in der Schweiz immer mehr den zuvor hier sowohl „katholischen“ wie auch „protestantischen“ Nikolaus.

Erwachsene erzählen ihren Kindern, dass das Christkind ungesehen am Heiligen Abend oder in manchen Regionen auch in der Nacht zum 25. Dezember in die Häuser kommt und die Weihnachtsgeschenke bringt. Früher kam oft eine engelsgleiche Christkind-Darstellerin zur Bescherung in die Familien und mancherorts besteht dieser Brauch auch heute noch. In den letzten Jahren wurde das Christkind immer mehr zu Werbezwecken verwendet, besonders oft als Mädchen mit blondem Haar und blauen Augen. Das mag das Christkind eher gar nicht.

Viele Kinder schicken noch immer in der Vorweihnachtszeit Briefe mit Wünschen an das Christkind. Diese werden besonders im oberösterreichischen Christkindl, einem Steyrer Stadtteil, seit 1950 gesammelt und zumeist auch beantwortet. Dieses Postamt Christkindl ist jedes Jahr geöffnet und versieht die Briefsendungen, die darüber verschickt werden, mit einem Sonderstempel. Pro Jahr erhalten etwa zwei Millionen Sendungen diesen Stempel. Das höchste Christkindl-Postamt Österreichs steht am Pitztaler Gletscher in Tirol auf 3.440 m Höhe. Jedes Jahr von 20.–23. Dezember können Kinder im dortigen Café 3440 ihre Post an das Christkind aufgeben und in den Briefkasten einwerfen. Aber wie viele Kinder glauben noch an das Christkind?

Weihnachten wird auch in verschiedenen Ländern unterschiedlich gefeiert. Ausgangspunkt ist das christliche Fest der Geburt Jesu Christi. Im Brauchtum sind teilweise ältere, vorchristliche Winter- und Lichtbräuche hinzugetreten und mit christlichen Motiven verschmolzen. Letztlich war der 25. Dezember auch das Fest des Sol Invictus (unbesiegbarer Sonnengott) im Römischen Reich. Ursprünglich wurde das weihnachtliche Brauchtum in den Krippenspielen als besondere geistliche Schauspiele verchristlicht und seit dem 16. Jahrhundert in den Weihnachtskrippen dargestellt. Ich bin mit meiner Mutter immer nach Weihnachten in die verschiedenen Kirchen gegangen um „Kripperl zu schauen“. Am besten hat mir damals die Krippe in der Alserkirche gefallen. Das heute im deutschen Sprachraum übliche Weihnachtsfest in der Familie mit Weihnachtsbaum, Weihnachtsliedern, Krippe, Geschenken und einem Gottesdienstbesuch stammt ausm dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts.

In Mitteleuropa wird der Weihnachtsbaum (in einigen Regionen auch Christbaum genannt) in der Kirche und in Wohnungen sowie auf großen Plätzen in den Ortschaften aufgestellt und mit Lichterketten, Kerzen, Glaskugeln, Lametta, Engel- oder anderen Figuren geschmückt. Der häusliche Weihnachtsbaum bleibt oft noch lange nach Weihnachten im Zimmer stehen, oft bis zum Ende der liturgischen Weihnachtszeit. Der geschmückte Christbaum ist heute zentrales Element der familiären Weihnachtsfeier. Mein Vater hat jedes Jahr zu Weihnachten jemanden, der keine Familie hatte und wohl auch nicht feiern würde, zu uns nach Hause mitgebracht.

Den ursprünglichsten Weihnachtsbrauch stellt die Tradition des Krippenspiels dar, das die Weihnachtsgeschichte anschaulich nachgestaltet. Um die Weihnachtskrippe versammeln sich die Familienmitglieder am Weihnachtsabend und gedenken der Geburt Christi. Oft wird das Weihnachtsevangelium gelesen. Die Geschichte der Weihnachtskrippe, die heute selbstverständlicher Bestandteil des Weihnachtsfestes ist, begann wohl schon im 13. Jahrhundert, und die Krippe ist im Gottesdienst wohl schon im 11. Jahrhundert verwendet worden.

Zu Weihnachten gehört meist ein aufwendiges Weihnachtsmahl am ersten Feiertag, für das bestimmte Speisen typisch sind, wie etwa die Weihnachtsgans oder der Weihnachtskarpfen sowie das speziell für die Weihnachtszeit hergestellte Weihnachtsgebäck.

Auch in manchen muslimischen Haushalten kommt zu Weihnachten eine Gans auf den Tisch, und die Kinder bekommen Geschenke. Da die Geburt Jesu Christi im Koran ausführlich beschrieben wird, ist den Muslimen der Ursprung des Weihnachtsfests nicht fremd. In einigen jüdischen Haushalten, die als Minderheit in einer christlichen Umgebung leben, kommt es vor, „Weihnukka“ zu feiern. Dabei werden zum Chanukka-Fest beispielsweise Tannenbäume in Wohnzimmern aufgestellt und mit Kugeln geschmückt, in die Davidssterne eingraviert sind.

Darüber z.B. würde sich das Christkind sicher freuen!

Das arme Christkind

Gedanken zum Advent – heute und früher

 

Advent bedeutet Ankunft. Es steht für adventus domini – Ankunft des Herrn – die Zeit in der die Christenheit sich auf das Fest der Geburt Jesu Christi, Weihnachten, vorbereitet. Die Christen gedenken der Geburt Jesu und feiern sie als Menschwerdung Gottes. Zugleich erinnert der Advent daran, dass Christen das zweite Kommen Jesu Christi erwarten sollen. Mit dem ersten Adventssonntag beginnt nach katholischer wie evangelischer Tradition auch das neue Kirchenjahr.

Die Adventszeit war ursprünglich eine Fastenzeit, die die Alte Kirche auf die Tage zwischen dem 11. November und dem ursprünglichen Weihnachtstermin, dem Fest der Erscheinung des Herrn am 6. Januar, festlegte. In diesen Zeiten durfte nicht getanzt und aufwendig gefeiert werden. Auch feierliche Trauungen durften nicht stattfinden, stille Trauungen dagegen schon. Seit 1917 wird das Adventsfasten vom katholischen Kirchenrecht nicht mehr verlangt.

Die Adventszeit in der heutigen Form geht zurück auf das 7. Jahrhundert zurück. Papst Gregor der Große (* um 540; † 604; war von 590 bis 604 Papst) legte dann die Zahl der Sonntage erstmals auf vier fest. Die vier Sonntage standen symbolisch für die viertausend Jahre, die die Menschen gemäß damaliger Auffassung nach dem Sündenfall auf den Erlöser warten mussten. Im gallischen Bereich lag die Betonung auf dem endzeitlichen Motiv der Wiederkunft Christi, das zur Ausgestaltung des Advents als Zeit einer ernsthaften Buße führte, wohingegen im römischen Einflussbereich das weihnachtlich-freudige Ankunftsmotiv der Menschwerdung Gottes Einfluss gewann. Dieser Ambivalenz wird an den unterschiedlichen Adventssonntagen in der Liturgie Rechnung getragen.

Es gibt eine Reihe von alten Bräuchen, wie das Aufstellen eines Adventkranzes, und heutzutage besonders für Kinder der Adventkalender. Besonders schön sind die alten Adventlieder, wie z.B. „macht hoch die Tür“, „O Heiland, reiß die Himmel auf“, „leise rieselt der Schnee“…

Was hat sich nun von meinem Kindheitsadvent zur heutigen Zeit verändert?  Vieles! Als ich noch ein Kind war, wurden Kekse nach den alten Rezepten, übernommen von den Altvorderen zu Hause gebacken. Wobei diese Rezepte heutzutage nur schwer nachzuvollziehen sind: die Mengenangaben waren: eine Handvoll, eine Messerspitze, ein Spritzer … Damals in der Nachkriegszeit gab es nicht alle Zutaten in ausreichender Menge, schon lange vor Weihnachten wurde Butter gespart, um die Kekse wirklich mit Butter backen zu können. Natürlich spielte „Licht“ auch eine Rolle, aber eher in der Form von Kerzen – oft selbstgemacht, aus Bienenwachs, das man von Imkern gekauft hatte. Die zusätzlichen Beleuchtungen in den Geschäftsstraßen gab es noch nicht, es musste ja auch Strom gespart werden.  Übrigens: auch jetzt „brennen“ die Lichter an den Weihnachtsbeleuchtungen noch nicht, aber wenn tagsüber die Sonne scheint, glitzern die Kristalle an den bereits sehr früh (Ende Oktober) angebrachten Bögen in der Kärntnerstrasse in allen Regenbogenfarben.

Weihnachtsmärkte gab es nicht, dafür einen einfachen Christkindlmarkt, wo es Spielzeug, Weihnachtsschmuck und Lebkuchen gab. Dafür gab es auch noch nicht den Weihnachtsmarkttourismus, Punschstandln sind ebenfalls eine spätere Einrichtung, meist betrieben von Serviceorganisationen, die Geld für ihre jeweiligen Charities sammeln.

Zu mir kamen anfänglich noch Krampus und Nikolo. Ich hab‘ mich sehr gefürchtet, der Krampus mit der großen Butte am Rücken, in die schlimme Kinder gesteckt werden sollten, mit der Eisenkette, mit der er rasselte um die bösen Kinder einzufangen und die große Rute, die durchaus eingesetzt wurde. An den Wadeln tat das ganz schön weh! Auch der Nikolo war eine Respektsperson, aus einem großen Buch las er die bösen Taten vor, nach jeder bösen Tat setzte der Krampus seine Rute ein. Zuletzt bekam man dann doch noch ein Sackerl mit Mandarinen, Nüssen und ein paar Süßigkeiten, nicht zu vergessen, die Ermahnung das kommende Jahr doch etwas braver zu sein.

Der 8. Dezember war kein Großeinkaufstag! In der NS-Zeit (1938-1945) war der Feiertag abgeschafft worden. Nach dem Krieg wurde eine, von hunderttausenden ÖsterreicherInnen getragene Unterschriften-Aktion zur Wiedereinführung des Feiertages durchgeführt. Der Nationalrat beschloss im Jahr 1955 aufgrund eines SPÖ-Initiativantrages, dass der 8. Dezember wieder als Feiertag begangen werden soll – als Dank für die wiedererlangte Freiheit Österreichs. Erst 1995 wurde die Öffnung der Geschäfte am 8.Dezember endgültig erlaubt. 2003 begannen wieder Aktivitäten gegen die Öffnung am 8. Dezember.

Aber wofür steht der 8. Dezember: Die unbefleckte Empfängnis ist ein Dogma (1854 verkündet von Papst Pius IX., * 1857; † 1939).  Sie bezieht sich nicht auf die Empfängnis Jesu, sondern auf die seiner Mutter Maria, die auf natürliche Weise von ihren Eltern Anna und Joachim gezeugt, empfangen und geboren wurde, dabei aber von der Erbsünde frei blieb. Ein eigenes kirchliches Fest Mariä Empfängnis, das der Erwählung Marias im Mutterleib gedenkt, lässt sich seit dem 9. Jahrhundert nachweisen. Heute heißt es Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria. Es wird am 8. Dezember gefeiert, neun Monate vor dem wohl älteren Fest Mariä Geburt.

Den Christbaum haben wir noch lange in meine Erwachsenenzeit hinein bei einem Bauern in Niederösterreich gekauft. Mit dieser Bauernfamilie waren wir irgendwo „ums Eck“ verwandt, sie hatten eine kleine Landwirtschaft, ein paar Kühe und Ziegen, ein paar Schweinderln, Hühner und einen Wald, von dort kam unser Baum. Eine mittelgroße Fichte. Erst viel viel später kauften wir unseren Christbaum, eine Tanne, am Neuen Markt.

Viel hat sich geändert, gut geht es uns heute, aber die Heimeligkeit des Advents ist doch etwas abhandengekommen.

Gedanken zum Advent – heute und früher

Geschichten aus der Familie des Propheten Mohammed

Eine sehr liebe Freundin von mir, die lange in Tunesien gelebt hatte – hat mir einmal eine silberne „Hand der Fatima“ geschenkt.

Die Hand der Fatima, arabisch „fünf“, ist ein kulturelles Zeichen im islamischen Volksglauben Nordafrikas und des Nahen Ostens. Es gilt als universell schützend und als wirksamste Abwehrmaßnahme im Kampf gegen die Dschinn und den Bösen Blick.

Wer aber war Fatima? Sie war die Tochter des Propheten Mohammed mit seiner ersten Frau Chadidscha, der einzigen seiner Frauen, mit der er in Einehe lebte. Chadidscha war – nach unseren Maßstäben – eine moderne, selbstständige Frau. Sie war Erbin einer Karawanserei und eines Handelsgeschäftes in Mekka und Teil des sehr angesehenen Stammes der Quraisch. Sie war Witwe und vor der Ehe mit Mohammed schon zweimal verheiratet gewesen. Aus diesen Ehen hatte sie auch mehrere Kinder. Als Unternehmerin und Kauffrau verfügte sie frei über ihr reiches Vermögen. Mohammed war anfänglich ihr Angestellter, und führte in ihrem Auftrag eine Karawane nach Syrien. Aufgrund seiner Tüchtigkeit wurde er zum Teilhaber bei ihren Handelsgeschäften. Seine kaufmännischen Erfolge und sein hohes Ansehen in Mekka trugen dazu bei, dass sie ihm schließlich die Ehe antrug.  Doch eine Frau wie wir sie bei den heutigen Muslimas nicht erwarten.

Die islamische Überlieferung stellt Chadidscha als eine treusorgende Ehefrau dar und attestiert ihr große Anteilnahme an den religiösen Erlebnissen ihres Mannes, sie war auch erste Person, die an Mohammeds religiöse Botschaft glaubte. Chadidscha hatte mit Mohammed mindestens fünf Kinder, nämlich vier Töchter – Fatima, Ruqaiya, Umm Kulthum und Zainab – und einen Sohn namens al-Qasim, der schon im Kindesalter starb.

Erst nach Chadidschas Tod im Jahre 619 ging Mohammed weitere Ehen ein. Chadidscha blieb aber die einzige Ehefrau Mohammeds, die ihm mehrere Kinder schenkte. Wie die anderen Ehefrauen gilt sie als eine der „Mütter der Gläubigen“.

Zurück zur Tochter Fatima: sie war unter den Kindern Mohammeds das einzige, dessen Nachkommen bis ins Erwachsenenalter überlebten. Sie heiratete Ali ibn Abi Talib, aus dieser Ehe gingen die Söhne Hasan ibn Ali und al-Husain ibn Ali hervor. Als Abu Talib in jungen Jahren in Schulden geraten war, hatte Mohammed den noch jungen Ali in seinen Haushalt aufgenommen und sich um ihn gekümmert.  Fatimas Mann war der erste männliche Anhänger Mohammeds. Eine wichtige Rolle spielte Ali während der Wallfahrt des Jahres 9 nach der Hidschra (631 n.Chr.). Während Mohammed Abu Bakr mit der Leitung dieser Wallfahrt betraute, verblieb Ali bei Mohammed in Medina. Nach Abu Bakrs Abreise erhielt Mohammed jedoch eine wichtige Offenbarung, die den Umgang mit den in Mekka verbliebenen Muschrikun betraf, nämlich die ersten sieben Verse von Sure 9. Er sandte daraufhin Ali nach Mekka, der den Text der sieben Verse vor der Pilgerversammlung in Mina öffentlich verlas.

Der Tod des Propheten Mohammed stellte die muslimische Umma vor die Frage, wer die Nachfolge des Propheten innerhalb der Gemeinde antreten sollte. Mohammed hatte dafür keine Vorkehrungen getroffen.  Ali wäre als der der nächste Verwandte des Propheten zwar in Frage gekommen, aber aufgrund intensiver Werbung erkannten die meisten Prophetengefährten dann Abu Bakr als ersten Kalifen an.

Erst nach der Ermordung des Uthman, des dritten sogenannten rechtgeleiteten Kalifs, 656, leisteten viele der Aufständischen, die dessen Haus belagert hatten, Ali den Treueid und forderten ihn dazu auf, das Kalifat zu übernehmen. Ali zögerte zunächst, nahm aber fünf Tage später die Huldigung als Kalif entgegen. Das Kalifat Alis wurde jedoch nicht allgemein anerkannt. Viele bedeutende Prophetengefährten verweigerten ihm die Huldigung. Andere kritisierten, dass bei Alis Wahl kein reguläres Wahlgremium getagt habe.

Eine weitere Partei in dem Konflikt bildeten Mohammeds Witwe Aischa und weitere Prophetengefährten. Sie begaben sich nach Basra und bauten sich dort eine Widerstandsbasis auf. Im Jahr 36 (656) kam es zu einer Schlacht zwischen den beiden Lagern, die für die Partei Aischas mit einer vernichtenden Niederlage endete. Die Verbände Alis gingen als klare Sieger hervor. Da Aischa dieser Schlacht in einer Kamelsänfte beigewohnt hatte, hat man sie Kamelschlacht genannt.

Ali heiratete im Laufe seines Lebens insgesamt neun Frauen – sicher eine schwierige Situation für Fatima – und hatte daneben mehrere Konkubinen, die ihm insgesamt 14 Söhne und 19 Töchter schenkten. Drei von seinen Söhnen spielten nach seinem Tod eine politische Rolle: sein Sohn Hasan folgte ihm im Frühjahr 661 im Kalifenamt, dankte dann aber im Sommer ab; sein Sohn Husain unternahm 680 einen Aufstand gegen die Umayyaden, fiel aber bei Kerbela im Kampf; und sein Sohn Muhammad ibn al-Hanifa wurde 685 in Kufa als Thronprätendent genannt.

Am 21. Ramadan des Jahres 40 (= 28. Januar 661) wurde Ali in Kufa ermordet. Ali wird von den Muslimen für seine Weisheit und seine außerordentliche literarische Begabung gerühmt. In der imamitischen Schia wurde Ali glorifiziert und in eine Figur mit tragischen und heroischen Zügen verwandelt.

Die Schiiten lassen Fatima bint Muhammad besondere Verehrung zukommen: als einzige Frau wird sie zusammen mit Mohammed und den Zwölf Imamen zu den „Vierzehn Unfehlbaren“ gezählt. Fatima begleitete die Muslime oft zu den Verteidigungsschlachten, um als Krankenschwester zu wirken. Nach dem Ableben ihres Vaters Mohammed war sie nur noch wenige Monate (nach manchen Überlieferungen 95 Tage) in dieser Welt. Nach schiitischer Vorstellung verkörpert Fatima ”die Fleischwerdung von allem Göttlichen in der weiblichen Natur, das edelste von der menschlichen Denkkraft erreichte Ideal. Auch nach sunnitischer Überlieferung wird sie als ”Königin der Frauen des Paradieses erklärt

Und noch einmal „Hand der Fatima“: Dschinn und der Böse Blick sind beide im Koran erwähnt: Gemäß dem islamischen Volksglauben muss im Alltag ständig auf Dschinn Rücksicht genommen werden. Dschinn ist eine Sammelbezeichnung für mehr oder weniger gute oder böse Geister, die zwar nicht besiegt, aber durch Abwehrzauber gebannt werden können.  Sie haben Gottes Wort im Koran gehört und bekennen sich hier ausdrücklich als gläubige Wesen. Eine weitere Gefahr soll durch den Bösen Blick drohen, dessen Ursache der Neid (hassad) ist, den das Opfer oft durch Unvorsichtigkeit selbst heraufbeschwört. In Sure 113 wird die negative Auswirkung des Neides erwähnt.

Ob die Hand der Fatima auch – nach muslimischen Glauben – „Ungläubige“ beschützt, kann ich nicht sagen!

Geschichten aus der Familie des Propheten Mohammed

Angst in Österreich: der Ungarnaufstand 1956

Im Herbst 1956 probte ein kleines Land den Aufstand gegen den Kommunismus. Erfolglos. Ich war damals schon ziemlich am Ende meines Studiums angelangt, ich schrieb an meiner Dissertation, und nahm an einer Studententagung zum Thema Europa in der Gegend des Westerwaldes.

Da platzte in die meist gemächliche aber dennoch auch öfters hitzige Gespräch die Nachricht, dass es in Ungarn einen Studentenaufstand gegeben habe, bei dem geschossen worden wäre. Informationen wurden damals nicht so rasch (z.B. privat über Handys verbreitet), man war auf die Nachrichten – meist des Rundfunks angewiesen. Ich machte mich umgehend auf den Heimweg, wir alle wollten helfen!

In Anbetracht der Tatsache, dass Österreicher gerade ein Jahr vorher unsere Souveränität erlangt hatten, war für mich das Reagieren der Russen auf den ungarischen Aufstand ein riesiger Schock, und – ich gebe es zu – er löste auch Angst aus. Wie weit werden die Russen gehen, werden sie auch in Österreich einmarschieren, wie weit – vielleicht bis zur Enns?

Das folgende erfuhren wir dann alle später: Am Vorabend haben die Studenten eine 14-Punkte-Resolution verabschiedet, die im Rahmen der Demonstration verlesen werden sollte: Dabei forderten sie unter anderem den Abzug der sowjetischen Truppen, Neuwahlen und eine neue Regierung unter Imre Nagy. Dieser hatte für Reformen in dem nach dem Zweiten Weltkrieg am wirtschaftlichen Abgrund taumelnden Land gesorgt. Aufgrund innerparteilicher Querelen war er allerdings 1955 zunächst seiner Ämter enthoben und schließlich gänzlich aus der Partei ausgeschlossen worden. Nagy galt für viele Ungarn als Reformer und Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft, und auch mit den anderen Punkten der Liste der Studenten konnten sich viele Ungarn identifizieren. War Ungarn davor vom Feudalismus direkt in die kommunistische Herrschaft gesprungen?

Im Laufe des 23. Oktober, einem Dienstag, nahmen immer Menschen an dem Umzug teil. Einige zogen bereits Richtung Parlament, die meisten jedoch marschierten Richtung Rundfunkgebäude, wo die Forderungen über den staatlichen Radiosender verkündet werden sollten. Stattdessen wurden aus dem Gebäude Schüsse abgeben, es gab die ersten Toten zu beklagen. Dennoch liefen Soldaten und Offiziere zu den Aufständischen über und versorgten diese mit Gewehren. Es kam zu Straßenschlachten. Die Parolen wurden immer radikaler: „Russen raus!“, „Bleibt nicht stehen auf halbem Weg, fegt den Stalinismus weg!“, „Bist du Ungar, bist du mit uns!“ Das Stalin-Denkmal auf dem Heldenplatz wurde zu Fall gebracht, einzig die Stiefel der Stalin-Statue blieben auf dem Sockel stehen. Schließlich gab die Parteispitze dem Druck von der Straße nach und ernannte in der Nacht Nagy erneut zum Ministerpräsidenten.

Nagy rief die Demonstranten via Radio dazu auf, die Waffen niederzulegen und nach Hause zu gehen – allerdings ohne Erfolg. In der Zwischenzeit beschloss die Sowjetunion, selbst einzugreifen und strategisch wichtige Punkte zu besetzen, die ungarische Bevölkerung widersetzte sich. In den darauffolgenden Tagen weiteten sich die Aufstände von Budapest auf das ganze Land aus, Arbeiter-, Revolutions- und Nationalräte konstituierten sich, ein überregionaler Generalstreik wurde ausgerufen.

Vor dem Parlament versammelte sich am 25. Oktober eine unbewaffnete Menschenmenge und wiederholte die in den Tagen davor formulierten Forderungen. Die ungarischen Kommunisten reagierten darauf aggressiv: Sie eröffneten das Feuer auf ihr eigenes Volk. Am gleichen Tag wurde Janos Kadar eingesetzt, der die Niederschlagung des Aufstands verkündete, denn die Führung der Partei habe „in vollem Einvernehmen dafür gestimmt, den bewaffneten Angriff auf die Staatsmacht mit allen nur möglichen Mitteln niederzuschlagen“.

Nagy bildete eine Mehrparteienregierung und erkannte die Revolution offiziell an. Dem Volk versprach er die Wiedereinführung des Mehrparteiensystems, Pressefreiheit, den Abzug der Sowjettruppen und die Entmachtung der Geheimpolizei. Von Moskau wurden ihm auch diverse Freiheiten zugesichert – vorgeblich, wie Nagy bald erkennen musste. Vom Balkon des Parlaments verkündete Nagy am 1. November 1956 die Neutralität Ungarns und den Austritt aus dem Warschauer Pakt. Zudem suchte er bei den USA und bei der UNO um Hilfe an. Über Radio Free Europe war den Aufständischen militärische Unterstützung vom Westen versprochen worden. Diese traf aber nie ein. Laut US-amerikanischen Regierungsdokumenten war das auch zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt. US-Präsident Dwight D. Eisenhower befand sich mitten im Wahlkampf und wollte es sich nicht mit den Sowjets anlegen. Verbale und moralische Unterstützung war den Ungarn gewiss, was zumindest ein Ansporn zu einer Verlängerung der Kämpfe wurde. Briten und Franzosen waren in die Suez-Krise involviert. Eine militärische Intervention galt es für den Westen vor allem im Hinblick auf die Sowjetunion zu vermeiden. Der erste Versuch, ein kommunistisches Regime von innen zu stürzen war misslungen. Seit dem November 1956 wussten die Völker Osteuropas, dass sie mit ihrem Wunsch nach Freiheit ziemlich allein bleiben würden und im entscheidenden Moment nicht mit westlicher Unterstützung rechnen könnten. Fortan war der Eiserne Vorhang wirklich eisern.

Die Sowjets kannten den westlichen Standpunkt und nutzten diesen aus. In den frühen Morgenstunden des 4. November marschierten Truppen der Roten Armee – 6.000 Panzer, Flugzeuge, Artillerie – in Budapest ein, begannen, den Volksaufstand niederzuschlagen, und besetzten das ganze Land. Vor allem in der ungarischen Hauptstadt tobten heftige Kämpfe.

In Summe verloren im Laufe der Revolution 25.000 Menschen ihr Leben, 150.000 wurden verletzt. Drei Tage nach dem Einmarsch floh Nagy in die jugoslawische Botschaft, Mitte November mussten die Ungarn das Scheitern der Revolution einräumen. Es setzte eine Massenflucht nach Österreich ein – von 180.000 Geflüchteten blieb letztlich nur ein Bruchteil dauerhaft. Dennoch: die Hilfsbereitschaft in Österreich war enorm. Da aber Österreichs Kapazitäten beschränkt waren, wurden viele der Flüchtlinge auf andere Staaten verteilt. Auch das war zu schaffen. Anders als heute. Viktor Orban hätte allen Grund, dies zu überlegen. Seine Landsleute fanden im Spätherbst 1956, erschöpft und am Ende ihrer Kräfte in dem österreichischen Grenzort Andau Zuflucht.

Nagy war am 22. November festgenommen worden, und wurde nach einem Schauprozess 1958 hingerichtet. Die Folge der Revolution, von der bis 1989 nur als „Konterrevolution“ gesprochen werden durfte, waren Gerichtsverfahren gegen 35.000 Personen, außerdem 230 vollstreckte Todesurteile, 26.000 Gefangene und 100.000 Internierte. Vielleicht war das nie so richtig aufgearbeitet worden, aber die Rachegefühlen mancher Beteiligter von damals haben dann später auch zur Entstehung von Jobbik beigetragen.

Der moskautreue Kadar wurde Ministerpräsident und kommunistischer Parteichef. Letzteres sollte er bis 1988 bleiben. Gesprochen werden durfte über die Ereignisse im Herbst 1956 bis 1989 nicht. Nagy wurde erst später offiziell rehabilitiert, exhumiert und am 16. Juni 1989 kurz in einem Ehrengrab feierlich neu bestattet – und vom Volksverräter zum Volkshelden.

Ungarn hat heute im Westen Europas keinen guten Ruf. Vielleicht sollten wir seine Geschichte mehr in Betracht ziehen!

Angst in Österreich: der Ungarnaufstand 1956