Der jugoslawische Weg nach Srebrenica

Der bosnisch-serbische Ex-General Ratko Mladic ist also verurteilt worden: seine Bestrafung: „lebenslänglich“. Die Richter des UNO-Tribunals für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien sprachen ihn in Den Haag unter anderem wegen Völkermordes in Srebrenica 1995 schuldig. Mladic ist laut dem Urteil für schlimmste Gräuel des Balkankrieges (1992 -1995) verantwortlich. Verantworten muss er sich auch für die 44-monatige Belagerung von Sarajevo ab Mai 1992, bei der nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen etwa 10.000 Menschen getötet wurden, die meisten von ihnen Zivilisten. Gemeinsam mit dem bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic sei er einer der „Architekten der Politik der ethnischen Säuberungen“ gewesen. Keine Reue war Ratko Mladic bei der Verkündung des Urteils im UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien am Mittwoch anzumerken. Mladic war erst 2011 nach 16 Jahren auf der Flucht verhaftet und dem UNO-Tribunal übergeben worden.

Mladic war Oberkommandant der bosnisch-serbischen Truppen, die im Juli 1995 in die UNO-Schutzzone Srebrenica eingedrungen waren und anschließend etwa 8.000 bosnisch-muslimische Buben und Männer ermordet hatten. Das Massaker wurde von der Armee der Republika Srpska, der Polizei und serbischen Paramilitärs trotz Anwesenheit von (niederländischen) Blauhelmsoldaten verübt. Diese blieben – auftragsgemäß – untätig. Das Massaker zog sich über mehrere Tage hin und verteilte sich auf eine Vielzahl von Tatorten in der Nähe von Srebrenica. Es war sicher das grausamste aller Verbrechen die in diesem grausamen Balkankonflikt geschehen ist. Zwischen 20.000 und 30.000 muslimische Frauen, Kinder und alte Menschen seien gleichzeitig auf das Gebiet unter dem Kommando der bosniakischen (muslimischen) Armee transportiert worden. Ziel war es, die muslimische Enklave „serbisch“ zu machen.

Bei dem Balkankonflikt handelt es sich um eine Serie von Kriegen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien gegen Ende des 20. Jahrhunderts, die mit dem Zerfall des Staates verbunden waren. Im Einzelnen:

  • 10-Tage-Krieg in Slowenien (1991), aus diesem Grund verlegte das Österreichische Bundesheer Truppen an die Südgrenzen zu Slowenien. Und wir alle waren froh darüber!
  • Kroatienkrieg (1991–1995),
  • Bosnienkrieg (1992–1995),
  • kroatisch-bosniakischen Krieg im Rahmen des Bosnienkriegs,
  • Kosovokrieg (1999) und den Albanischen Aufstand in Mazedonien (2001).

Wie war es zu diesen Kriegen gekommen:

Am 4. Mai 1980 war Jugoslawiens Staatspräsident Josip Broz Tito im Alter von 87 Jahren gestorben. Ein kollektives Staatspräsidium mit jährlich wechselndem Vorsitz aus den jeweiligen Republiken bzw. autonomen Provinzen übernahm die Regierung in Jugoslawien.

Zuerst hatten Unruhen im Kosovo begonnen, hauptsächlich aufgrund der schlimmen wirtschaftlichen Situation und der fehlenden Teilstaatlichkeit. Dann gärte es in Bosnien, Hauptgrund war die Anklage gegen Izet Begovic, der beschuldigt wurde, die Einführung einer parlamentarischen Demokratie westlichen Stils befürwortet zu haben. Serbische Intellektuelle forderten 1986 ein Ende der so genannten „Diskriminierungen des serbischen Volkes“ und eine Revision der jugoslawischen Verfassung von 1974. Und dann, 1987 bereiste der Chef der serbischen kommunistischen Partei Slobodan Milosevic den Kosovo. Die orthodoxe Bevölkerung berichtete von einem massiven wirtschaftlichen, politischen und psychischen Druck durch die Albaner. Nach einer Rede im Kulturhaus von Kosovo Polje provozierte eine aufgestachelte serbische Menschenmenge die mehrheitlich mit Kosovo-Albanern besetzte Polizei mit Steinwürfen. Die Polizei ging daraufhin mit Schlagstöcken gegen die serbischen Nationalisten vor. In den kommenden Monaten knüpfte Milosevic engere Beziehungen zur orthodoxen Kirche und nutzte seine Kontakte zu den Medien zu einer zunehmend nationalistischen, pro-jugoslawischen Kampagne. Im März 1989 beschloss das Parlament der SR Serbien eine Verfassungsänderung. Damit wurde Autonomie der Sozialistischen Autonomen Provinz Kosovo und der Sozialistischen Autonomen Provinz Vojvodina faktisch aufgehoben. Daraufhin kam es im Kosovo zu Unruhen, weshalb schließlich der Ausnahmezustand verhängt wurde. In der Folgezeit wurden die Albaner aus nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens verdrängt und durch Serben ersetzt.

Am „Vidovdan“ (St.-Veits-Tag, 28. Juni 1989) fand eine von vermutlich über einer Million Menschen (vorwiegend Serben, Kosovo-Serben und Montenegriner) besuchte Kundgebung auf dem Amselfeld statt. Slobodan Milosevic rief „[… Heute] befinden wir uns wieder in Kriegen und werden mit neuen Schlachten konfrontiert. Dies sind keine bewaffneten Schlachten, obwohl diese nicht ausgeschlossen werden können. …“ Innenpolitisch verschärfte sich die Situation in Serbien. In verschiedenen Städten des Kosovo demonstrierten im Januar 1990 Menschen für Demokratie. Im Februar wurden Jugoslawische Armeeeinheiten in den Kosovo verlegt.

Viele Slowenen und Kroaten fühlten sich durch den serbischen Machtanspruch bedroht. Bereits im Jahr 1989 wurden großserbische Demonstrationen von Serben in Kroatien abgehalten. Das stieß in Kroatien auf Ablehnung. In der nationalistisch sehr angespannten Situation bezog sich Franjo Tudjman auf einen „Unabhängigen Kroatischen Staat“. Ähnlich slowenischen traten auch führende kroatische Politiker in dieser Phase immer ablehnender gegenüber der serbischen Politik im Kosovo auf. Seit Mitte 1990 erfasste die ethnisch auseinanderdriftende Entwicklung in Jugoslawien in fortschreitendem Maße auch Kroatien. Die neue kroatische Regierung trat betont nationalistisch auf, die Serben in Kroatien reagierten auf den kroatischen Machtwechsel und die öffentliche Rückbesinnung auf den faschistischen kroatischen Staat mit Protestaktionen. Serbische Polizisten auf dem Gebiet der südkroatischen Krajina (spätere Republik Serbische Krajina) verweigerten der neugewählten kroatischen Regierung ihre Loyalität und Mitte August begann die sogenannte Baumstammrevolution.

Parallel dazu verschärfte 1989 die Hyperinflation die wirtschaftlichen Probleme Jugoslawiens. Der Staatsbankrott konnte nur durch eine Intervention des Internationalen Währungsfonds abgewendet werden. Der feste, künstlich hochgehaltene Wechselkurs zur Deutschen Mark erschütterte die bisher weitgehend stabile Wirtschaft in der SR Slowenien und der SR Kroatien, die bisher sehr exportorientiert waren und erhebliche Deviseneinnahmen aus dem Tourismus erzielen konnten.

Dann begannen die nationalistisch oder besser vielleicht rassistisch inspirierten Kämpfe, man wollte ethnisch „reine“ Staaten schaffen – die „Anderen“ wurden sehr oft zu Freiwild (besonders die Frauen), die man nach Lust und Laune vertreiben oder auch umbringen konnte. So konnte es auch zu Srebrenica kommen.

 

 

 

 

 

Der jugoslawische Weg nach Srebrenica

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