Unruhiger Sinai, einst und jetzt

Die Sinai-Halbinsel ist eine derzeit zu Ägypten gehörende Halbinsel. Die Landschaft ist wüstenhaft und besonders im Süden von schroffen, kahlen Gebirgen geprägt. Manche (ich leider nicht) von uns waren schon dort: sie haben meist das Katharinenkloster besucht.

Das heute griechisch-orthodoxe Katharinenkloster wurde zwischen 548 und 565 gegründet und ist das älteste immer noch bewohnte Kloster des Christentums. Es liegt am Fuße des Berges Sinai (Mosesberg). Dort befand sich nach der Überlieferung der brennende Dornbusch, in dem sich Gott Mose offenbarte; hier sollen auch die der Legende nach von einem Engel herbeigetragenen Gebeine der heiligen Katharina von Alexandrien ruhen, deren Existenz allerdings historisch nicht belegt ist. Die Anlage – als Festung gebaut – mit Nebengebäuden und Gärten liegt durchschnittlich 1585 Meter über dem Meeresspiegel im südlichen Sinai. Nach einer Legende soll Mohammed dort mehrmals zu Gast gewesen sein, bevor er als Prophet auftrat. Nach seinem politischen Aufstieg habe er dann einen Brief an das Kloster verfasst, in dem dessen Fortbestand garantiert wurde. Diese Garantie wurde durch die Jahrhunderte von den islamischen Herrschern anerkannt und hat die Existenz des Klosters gesichert. Der Brief befindet sich heute im Museum in Istanbul. Als dem Kloster Anfang des 11. Jahrhunderts Zerstörung drohte, errichteten die Mönche auf dem Gelände nahe der Kirche eine Moschee mit Minarett. Es blieb der jetzt dort herrschenden Terrormiliz vorbehalten, das Kloster angreifen zu wollen: Am 18. April 2017 kam es zu einem Angriff, der abgewehrt werden konnte.  Es wäre ein nicht zu ersetzender Verlust gewesen, wären die Angreifer erfolgreich gewesen: Die Klosterbibliothek ist wahrscheinlich die älteste erhaltene christliche Bibliothek. Sie enthält sechstausend Handschriften in verschiedenen alten Sprachen, davon dreitausend aus der Antike und einige älter als das Kloster selbst. Dort wurde auch der Codex Sinaiticus aus dem 4. Jahrhundert gefunden, die älteste fast vollständig erhaltene Bibelhandschrift. Daneben verfügt das Kloster über eine Sammlung von über 2000 Ikonen, darunter einige der wenigen, die den byzantinischen Bilderstreit des 8. und 9. Jahrhunderts unzerstört überstanden und die damit zu den ältesten noch existierenden Ikonen zählen.

Noch etwa die Hälfte der insgesamt etwa 1,3 Millionen Bewohner des Sinai sind Beduinen, die sich auf knapp 20 Stämme verteilen und nur noch teilweise ein nomadisches Leben führen. Sie leben von Viehzucht (Ziegen, Schafe, Dromedare), an der Ostküste auch vom Fischfang und zunehmend vom Tourismus, der allerdings durch die gegenwärtige politische Situation arg gestört ist.

Im Norden der Halbinsel wird der As-Salam-Kanal gebaut. Dabei wird Wasser aus dem Nil zur Bewässerung großer trockener Gebiete unter dem Sueskanal hindurch geleitet. Das erste Teilstück wurde 1997 fertiggestellt. An der Südspitze der Halbinsel liegen die Stadt Scharm El-Scheich mit vielen Hotels und der unbewohnte Ras-Mohammed-Nationalpark.

Es gibt prähistorische Steinbauten im Sinai, die Halbinsel gehörte lange zum Einfluss- oder Machtbereich des Alten Ägypten. Damals wurden Türkise dort abgebaut. Der Sinai war nach der biblischen Überlieferung zu einem Großteil der Schauplatz des Pentateuchs und anderer Stellen des Alten Testaments, insbesondere der Geschichte vom Auszug aus Ägypten sowie vom Bund mit dem Gott JHWH, der Mosesgeschichte, dem Empfang der 10 Gebote und dem Beginn der israelitischen Landnahme. Später war dann der Sinai Teil der römischen Provinz Arabia Petraea. Im Jahr 395 fiel die Provinz an Ostrom. Seitdem die Araber in den Jahren 640 und 642 die Truppen Ostroms in Ägypten besiegt hatten, ist die Halbinsel Teil der islamischen Welt. Von 1517 bis 1906 war der Sinai Teil des Osmanischen Reichs. 1906 wurde er dem de facto seit langem unabhängigen Ägypten überschrieben, welches de jure nach wie vor Vasall des Osmanischen Reichs war. Einige Jahrzehnte nach dem Bau des Sueskanals (1859–1869) hatte sich das Britische Empire militärische Rechte einräumen lassen und erklärte Ägypten mit dem Sinai im Dezember 1914 zum britischen Protektorat. Der Norden des Sinai war vor allem im Jahr 1916 Schauplatz zahlreicher Gefechte, die mit der britischen Eroberung von Al-Arisch endeten.

Am 29. Oktober 1956 marschierten israelische Truppen durch den Sinai zum Sueskanal, wodurch die Sueskrise ihrem Höhepunkt zusteuerte. Truppen aus Großbritannien und Frankreich intervenierten anschließend und versuchten die Kontrolle über den von Gamal Abdel Nasser 1956 verstaatlichten Kanal zurückzuerlangen. Auf politischen Druck der USA und der Sowjetunion zogen sich die nichtägyptischen Truppen wieder zurück und mit der United Nations Emergency Force (UNEF) wurde die erste internationale UN-Friedenstruppe bis 1967 auf dem Sinai stationiert.

Im Sechstagekrieg von 1967 wurde die Halbinsel von Israel besetzt. Im Februar 1973 verirrte sich eine Zivilmaschine der Libyan Arab Airlines, aufgrund eines Sandsturms über die militärische Sperrzone des Sinai. Sie wurde von einem israelischen Jagdflugzeug abgeschossen. Ebenfalls im Jahr 1973, im Oktober, fand der Jom-Kippur-Krieg statt. Er endete am Verhandlungstisch und räumte Ägypten als Ergebnis teilweise die Rückerlangung von Territorien des Sinai ein.

Von 1973 bis 1979 waren die UN-Truppen im Rahmen der UNEF II Mission auf dem Sinai stationiert. Nach dem Camp-David-Abkommen 1978 und der Unterzeichnung des Israelisch-ägyptischen Friedensvertrag 1979 wurde der letzte Teil des Sinai 1982 an Ägypten zurückgegeben. 1989 wurde auch Taba bei Eilat zurückgegeben, um das bis dahin weiter verhandelt worden war.

Nun folgten diverse Terroranschläge: 2004 explodierten vor dem Hilton Taba und im Beduinen-Camp (Moon Island Village) bei Nuwaiba Autobomben. Als Urheber wird die Terrororganisation al-Qaida vermutet. Im größten Badeort der Halbinsel Scharm El-Sheikh wurden 2005 bei mehreren Terroranschlägen mindestens 88 Menschen getötet und über 100 verletzt. 2006 fand ein Terroranschlag mit Explosionen an drei eng beieinanderliegenden Stellen im Zentrum der Stadt Dahab statt. Die Urheber der Anschläge konnten bisher nicht ermittelt werden.

2011 begann, zuerst als Begleitzustand der ägyptischen Revolution, ein bewaffneter Konflikt auf der Sinai-Halbinsel. Radikalislamische Extremisten, überwiegend radikalisierte Beduinen, führten eine Serie von Terroranschlägen gegen die Arabische Gaspipeline und gegen eine Polizeiwache durch. Hierauf reagierte das ägyptische Militär mit der Operation Adler. 2012 attackierte eine militante Gruppierung eine Militärbasis und führte mit gestohlenen Panzerwagen einen Angriff auf einen israelischen Grenzübergang durch. Hierauf folgend kam es zu einer Militäraktion, Operation Sinai, bei der die Extremisten vertrieben wurden.

2015 nahm der Sinai-Zweig des Islamischen Staates den Abschuss einer russischen Passagiermaschine am Weg von Scharm el-Scheich für sich in Anspruch. 224 Personen waren getötet worden. Gegen Ende November 2017 kam es zu einem Terroranschlage auf eine Moschee an einem Freitag in nördlichen Sinai, bei der mehr als 300 Personen getötet worden waren.  Die Toten des Anschlags auf die Moschee wurden in Massengräbern bestattet – die Überlebenden waren sprachlos, bewegungslos. Sie konnten nicht verstehen, was da geschehen ist.

Al Sissi fand zwar harte Worte, wurde auch von Präsident Trump diesbezüglich belobigt, ist aber in dem Kampf am Sinai nicht besonders effektiv. Seine Armee hat nicht sehr geschickt operiert und die Zivilbevölkerung aufgebracht. Der Sinai ist das Rückzugsgebiet des im Irak und Syrien weitgehend besiegten Kalifats. Dort gibt es z.B. kaum Elektrizität, und schon gar keine Jobs. Viele Beduinen leben vom Schmuggeln. Und damit parallel schwelt der Aufstand. Trotz Einsatz schwerer Waffen, israelischer Unterstützung mithilfe von Drohnen kann die Bedrohung nicht ausgeschaltet werden.

Frieden für dieses Gebiet ist in nächster Zukunft nicht abzusehen.

Unruhiger Sinai, einst und jetzt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s