Ein paar Fakten zu „Burschenschaften“

Burschenschaften sind eine tradierte Form einer Studentenverbindung. Sie finden sich heute an Hochschulorten im deutschsprachigen Raum. Nachdem der Ursprung der Burschenschaften und generell der Studentenverbindungen in den napoleonischen Kriegen im frühen 19. Jahrhundert (den „Befreiungskriegen“) liegt, sind Burschenschaften ein deutschsprachiges Phänomen, es gibt sie in Deutschland, Österreich, und auch in der Schweiz, aber auch in Chile, wo deutschsprachige Auswanderer einige Burschenschaften gegründet haben. Fast alle Burschenschaften bekennen sich zu den Prinzipien der Urburschenschaft von 1815, wobei der inhaltliche Bezug stark variiert. Die Bezeichnung „Burschenschaft“ wird heute von teilweise sehr unterschiedlichen Studentenverbindungen verwendet. Diese Urburschenschaft betrachtete sich als ein Zusammenschluss aller Studenten unter Aufhebung der damals üblichen landsmannschaftlichen Zusammenschlüsse. Erst später, als klar wurde, dass sich dieser allgemeine Anspruch nicht durchsetzen ließ, wurde „Burschenschaft“ zu einer Bezeichnung für einen bestimmten Typus von Studentenverbindungen, der neben verschiedenen anderen existierte. Alle heutigen Burschenschaften sind farbentragend, das heißt ihre Mitglieder tragen bei offiziellen Veranstaltungen ein Band in den Farben der Verbindung und eine Studentenmütze, das sogenannte Couleur. Burschenschaften sind politische Studentenverbindungen und setzten sich aus Verantwortung für die Gesellschaft mit politischen Themen auseinander. In der Öffentlichkeit werden Burschenschaften heute häufig als politisch rechtsgerichtet oder gar rechtsradikal wahrgenommen.

Burschenschaften in Österreich wird von Kritikern allgemein ein starker Bezug zum deutschnationalen Lager attestiert, was unter anderem im Prinzip des „volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriffes“ zum Ausdruck komme, der das „deutsche Vaterland unabhängig von staatlichen Grenzen“ definiert und Österreich miteinschließen. Die Idee einer eigenständigen österreichischen Nation wird dabei mit unterschiedlicher Deutlichkeit abgelehnt. In Österreich gibt es zirka 4.000 schlagende Burschenschafter, die in rund 20 deutschnationalen Burschenschaften organisiert sind. Treu dem Wahlspruch der Urburschenschaft „Ehre, Freiheit, Vaterland“ verteidigen sie die Werte einer deutschen Kulturnation in einer globalisierten Welt. Einzelne österreichische Burschenschaften wurden in den 1990er Jahren im“ Jahreslagebericht Rechtsextremismus“ des österreichischen Innenministeriums erwähnt. Es wird von einer zentralen Bedeutung der Burschenschaften „an der Schnittstelle zwischen Rechtsextremismus, legalem Deutschnationalismus und (Neo-)Nazismus“ gesprochen. Zumeist nehmen Burschenschaften keine Frauen auf (außer einige „liberale“).

Als Anfang des 19. Jahrhunderts die ersten Burschenschaften gegründet wurden, war die österreichische Hochschule ausnahmslos männlich dominiert, da bis 1897 Frauen keinen ordentlichen Zutritt zu Universitäten hatten. Aus dieser Tradition wirken bis heute Geschlechterbilder und Männlichkeitsideale durch den expliziten Ausschluss von Frauen aus den meisten Studierenden-Verbindungen nach.

Die Mehrzahl der gegenwärtigen Burschenschaften pflegt aus einem konservativen Weltmodell heraus traditionelle Geschlechterrollen. Die Konstruktion von Frauenbildern erfolgt mit oft überholten ‚natürlichen‘ biologischen Zuschreibungen, z. B. Schwäche, Schutzbedürftigkeit, Gehorsam. Die Frau soll liebende, treue Gattin sein, die Wohlbehagen und häusliche Zufriedenheit sicherstellt, den Haushalt führt und sich der Erziehung der Kinder widmet. Die berufliche Emanzipation wird für den ‚Werteverfall‘ und als Gefahr für die Familie verantwortlich gemacht. Ebenso diffamiert man Abtreibung und die ‚nachlassende Gebärbereitschaft‘, da die Volkserhaltung das oberste Ziel ist. Durch das vorherrschende Ideal der männlichen Härte wird Weiblichkeit im Allgemeinen verachtet. In schlagenden Verbindungen wirkt die Mensur als Schutzwall gleichsam gegen Verweiblichung und als Reproduktion von Männlichkeit. Je radikaler die traditionellen Formen des Brauchtums in einer Burschenschaft praktiziert werden, desto ausgeprägter erscheint der Virilitätshabitus und desto eher kommt es zu rechten oder rechtsextremen Gesinnungen.

Viele Burschenschaften wehren sich gegen den Vorwurf, frauenfeindlich eingestellt zu sein. Sie bemühen sich um eine Beschwichtigung unter Verweis auf die Tradition. Als Gäste seien Frauen jedoch bei Veranstaltungen jederzeit willkommen und äußerst gern gesehen. Da die Mitgliedschaft in Burschenschaften oft steilen Karrieren dient, hat der Ausschluss aus männlichen Seilschaften zugleich die Schutzfunktion, die Vormachtstellung des Mannes nicht zu verlieren, indem weiterhin Frauen von einflussreichen Positionen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen werden.

Aber es gibt auch Mädchenschaften bzw. Damenverbindungen. Damenverbindungen teilen mit den geschriebene und ungeschriebene Regeln für das studentische Zusammenleben. älteren rein männlichen Verbindungen das Lebensbund- (lebenslange Verbindung (Bund fürs Leben) zwischen zwei oder mehr Menschen, die mit einer Zeremonie oder dem Eintritt in eine Organisation beginnt) und das Conventsprinzip  (das maßgebliche Organ in der Constitution von Studentenverbindungen. Unter den Stimmberechtigten herrscht Wahlgleichheit) und haben vielfach die äußerlichen Merkmale bestehender Verbindungen, wie Couleur und Comment (geschriebene und ungeschriebene Regeln für das studentische Zusammenleben), übernommen – nicht jedoch die Mensur. In keiner Damenverbindung werden derzeit Mensuren geschlagen, bei einer (Amazonia Berlin) wird -laut Selbstbeschreibung- gepaukt und aktiv darauf hingearbeitet.

Zurzeit gibt es auch in Österreich wieder etwa 30 Damenverbindungen. Von den Vorkriegsverbindungen wurde eine reaktiviert, der freiheitlich-liberal eingestellte Verein Grazer Hochschülerinnen (VGH) (1912 gegründet, 1987 reaktiviert; die älteste heute noch bestehende Damenverbindung im deutschen Sprachraum). Während die deutschen Frauenverbindungen eher konfessionsungebunden sind, dominieren in Österreich römisch-katholische oder ökumenische Damenbünde.

Es existieren seit Ende der 1980er-Jahre, bzw. Anfang der 1990er-Jahre, wieder christlich-orientierte Dachverbände für Damenverbindungen. Der Verband farbentragender Mädchen (VFM) für Mittelschülerinnen (11 Vereine) sowie die Vereinigung christlicher Studentinnenverbindungen Österreichs (VCS) für Studentinnen (8 Vereine). Es gibt auch einige Damenverbindung im national-freiheitlichen Bereich, wie z. B. die Wiener akademische Mädelschaft Freya, die dem Wiener Korporationsring nahesteht. Daneben gibt es eine nationale, aber parteipolitisch unabhängige Damenverbindung, die Wiener akademische Mädelschaft Nike, welche es sich zum Ziel gesetzt hat, neben der traditionellen Wertepflege einen intellektuellen Diskurs in Form von Vorträgen und Diskussionsabenden zu pflegen. Überdies existieren unabhängige Damenverbindungen sowie Maturantinnenverbindungen, d. h. Verbindungen, die ab der letzten Klasse des Gymnasiums rezipieren, die Vollmitgliedschaft aber an die Matura knüpfen und sich dadurch auch auf Schülerinnen und Nichtakademikerinnen ausweiten, ohne den Hochschulcharakter zu verlieren.

Und jetzt noch zum Akademikerball: er findet in diesem Jahr am 26. Jänner statt. Er hat erst seit 2013 diesen Namen. Zuvor war er bekannt als “WKR-Ball”, als Wiener Korporationsball. Der Wiener Korporationsring ist ein 1952 gegründeter Zusammenschluss von Wiener Studentenverbindungen, darunter vor allem schlagende Verbindungen. Dieser Ball findet schon seit längerem in der Hofburg statt. Während heuer erstmalig auch Regierungsmitglieder daran teilnehmen – allen voran Vizekanzler und „Vandalia“-Mitglied Heinz-Christian Strache (FPÖ) – formiert sich in der Stadt eine Großdemo dagegen.

Meines Erachtens sollte eine Mitgliedschaft in einer Burschenschaft (und ähnlichen Institutionen) mit einem politischen Amt inkompatibel sein.  Ich schlage vor, eine derartige Mitgliedschaft nicht nur „ruhend“ zu stellen, sondern schon bei Bewerbung für ein politisches Amt zurückzulegen.

Ein paar Fakten zu „Burschenschaften“

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