Küss‘ den Pfennig auf dem Franz-Josefs-Kai

Heute, aus der Leopoldstadt kommend, querte ich den Donaukanal über die Schwedenbrücke. Mir fielen die vielen Möwen auf, die sichtlich hungrig herumflatterten, ja nahe herankamen, um nachzusehen, ob es nicht einen Happen gäbe. Dann fiel mein Blick auf die Fassaden der Häuser am Franz-Josefs-Kais. Es sind alles Häuser, die nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut worden waren.

Der heutige Kai bildete zur Zeit der babenbergischen Ringmauer beziehungsweise der Renaissancebefestigung lediglich einen Uferstreifen zwischen dieser und dem Donauarm beziehungsweise -kanal; nur das nordwestliche (ab dem Morzinplatz) beziehungsweise südöstliche Teilstück (ab der Dominikanerbastei) waren Bestandteile der Vorstädte vor dem Werdertor beziehungsweise vor dem Stubentor. Am 1. Mai 1858 wurde der Franz-Josefs-Kai vom Kaiser eröffnet, bevor noch die Demolierung der Rotenturmbastei vollendet war. Die Verbauung des Kais wies repräsentativen Charakter auf. Der 1860 angelegte Kaipark wurde um die Jahrhundertwende durch den Bau der Stadtbahn teilweise zerstört, jedoch 1903/1904 wiederhergestellt und gegen die Brigittabrücke (heute Friedensbrücke) verlängert; er erhielt bald nach seiner Anlage infolge der Dürftigkeit der angepflanzten Bäume im Volksmund den Namen „Beserlpark“ (der allerdings in Wien allgemein gebräuchlich ist).

Ich habe noch ganz wenige Erinnerungen an diese damals zerstörte Gegend. Einerseits an das imposante Hotel Metropol, wo mein Vater bis zum Kriegsbeginn tätig gewesen ist, und von wo meine Mutter und ich ihn manchmal abgeholt haben. Andererseits an ein elegantes Gründerzeithaus, es muss in der Gegend der Esslinggasse gewesen sein, wo ein Freund meines Vaters wohnte, den wir manchmal am Sonntagvormittag besuchten. Meine Mutter kochte zu Hause und mein Vater brachte das Dessert mit: meist Baiser mit Schlag.

Während des Kampfs um Wien im April 1945 wurden die Häuserzeilen beiderseits des Donaukanals und die Donaukanalbrücken weitgehend zerstört, weil die zurückweichenden deutschen Truppen am Kanal ihre letzte Widerstandslinie gegen die aus dem Stadtzentrum vordringenden sowjetrussischen Truppen aufgebaut hatten. Die Häuserblöcke am Kai zwischen Morzinplatz (hier stand das Hotel Metropol) und Laurenzerberg wurden nicht wiederaufgebaut, sondern zu Verkehrs- und Grünflächen umgestaltet (auch Bau der Tiefgarage Franz-Josefs-Kai). Dadurch verschwanden die nördlichen Häuserzeilen der ehemaligen Adler- und der Kohlmessergasse. Durch diese Veränderung wurde der Blick auf die Ruprechtskirche frei. An einem der Häuser (Franz Josefs Kai 21) in der Gegend der Rotenturm Straße befindet sich noch ein Wandrelief und die Aufschrift „Küss den Pfennig“. Was hat es damit auf sich?

Dort stand vor ungefähr 400 Jahren der Gasthof „Zum roten Adler“. Der Wirt, Hans Wangler, war in ganz Wien für seine gute Küche, den köstlichen Wein und die sauberen Zimmer berühmt. Er selbst war ein geiziger Mann. Seine Frau bereitete alle Speisen in der Küche zu, sein Sohn Josef übernahm die Arbeit im Weinkeller und Marie, eine verarmte, weitschichtige Verwandt, war Stubenmädchen, und Kellnerin in einem. Hans Wangler plante, seinen Sohn reich zu verheiraten, und zwar mit der reichen Wirtstochter aus dem Gasthaus „Zur grünen Weinrebe“. Josef aber hatte andere Pläne. Lange schon verstand er sich sehr gut mit Marie.

Hans Wangler bemerkte mit der Zeit, dass zwischen Marie und Josef mehr lief, als nur ein freundschaftliches Verhältnis. So rief er eines Abends Marie zu sich und sagte ihr, dass sie sich für den nächsten Monat um eine neue Stelle umschauen solle. Noch am selben Abend erzählte sie ihrem Freund Josef von dem Vorhaben des Vaters. Auch Josef dachte auch daran, seinen Vater zu verlassen, wenn dieser nicht seiner Heirat mit Marie zustimmte.

 

Am nächsten Abend betrat sehr spät ein neuer Gast die Wirtsstube. Er machte nicht gerade den Anschein, als sei er besonders wohlhabend. Er aber bestellte gutes Essen, Wein und ein Zimmer für die Nacht. Der Wirt hatte bei diesem Gast Sorge, ob dieser seine Zeche bezahlen konnte, wollte daher dem Mann Essen und Nachtlager verweigern. Zuvor fragte er aber noch, ob dieser auch alles bezahlen könne. Daraufhin stellte sich der Mann vor:  Ich bin Theophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim, der berühmte Arzt. „Ich komme extra aus Innsbruck um hier die WienerInnen gesund zu machen.

Das wurde dem Wirt zu viel. So sagte er zu ihm, er solle sich zum Teufel scheren, denn hier werde er die Nacht nicht verbringen können. Da mischte sich Marie in die Szene ein, die Mitleid mit dem Mann hatte. Sie machte dem Wirt und Paracelsus das Angebot, dass sie einstweilen von ihrem ohnehin wenig Ersparten die Zeche und das Geld für das Bett vorstrecken würde. Brummend stimmte der Wirt zu.

Paracelsus wohnte nun schon seit einigen Tagen im „Roten Adler“. Tagsüber schlenderte er durch Wien und abends trank er mit anderen Studenten Wein im „Roten Adler“. Er machte keine Anstalten wieder weiter zu reisen, geschweige denn seine Schulden zu bezahlen. Der Wirt wurde immer übelgelaunter und auch Marie wurde zusehends unruhig, denn ihre Ersparnisse reichten bald nicht mehr aus, um für Paracelsus Schulden aufzukommen. Der Wirt begann Paracelsus Rechnung aufzusetzen. Er wollte gerade die Rechnung zu präsentieren, da sah er Marie und Josef in einer zärtlichen Umarmung am Gang stehen. Voller Wut rief Hans Wangler, dass Marie sofort das Haus verlassen müsse. Zu Hans aber sagte er: „Von dir erwarte ich, dass du noch heute zur Wirtstochter der „Grünen Weinrebe“ gehst, und um ihre Hand anhältst.“ Doch Josef erklärte, dass, wenn Marie aus dem Haus müsse, er mit ihr gehen werde.

Es kam es zu einem lauten Streit. Auch Paracelsus bekam mit, warum gestritten wurde. Er fragte, ob er vermitteln könne. Der Wirt schrie ihn aber nur an: „Bezahlen sie endlich ihre Rechnung, sonst können sie gleich mitgehen mit den beiden!“ Paracelsus aber machte keine Anstalten zu bezahlen und so kramte Marie nach ihren Ersparnissen. Gerade als sie dem wütenden Wirt das Geld überreichen wollte, hielt der Arzt ihre Hand zurück. Er kramte in seiner Westentasche und fand eine Messingmünze. Diese gab er dem Wirt und betonte, dass dies eine kleine Anzahlung sein solle. Wutentbrannt über die fast wertlose Messingmünze schrie dieser: „Sie sind ein unverschämter Lügner und Betrüger, der diesen Messingpfennig ebenso wenig zu Gold machen kann, wie mein Sohn dieses Mädchen zur Frau bekommt!“ und warf den Messingpfennig zu Boden. Da fragte Paracelsus den Wirt ruhig: „Haben sie das ernst gemeint? Wollen sie das Versprechen halten das sie eben gegeben haben? Wenn ich den Pfennig in Gold verwandle, dann dürfen Maria und Josef heiraten?“

„So wahr ich hier stehe und lebe!“, bekräftigte der Wirt seine Aussage. Der Gast empfahl dem Wirt, den Messingpfennig aufzuheben. Dieser tat dies unwillig. Die Münze war plötzlich ein glitzernder, schwerer Goldklumpen geworden. „Ich glaube damit ist meine Rechnung bezahlt! Aber nun halten sie ihr Versprechen und erlaubt eurem Sohn die Hochzeit mit der Frau seines Herzens!“ Daraufhin verließ Paracelsus den Gasthof „Zum Roten Adler“ für immer.

Das junge Paar war überglücklich, denn der Vater stimmte der Hochzeit zu. Hans Wangler aber blickte verzückt auf seinen Goldklumpen, immer und immer wieder bedeckte er ihn mit Küssen.

Die Geschichte vom Goldwunder im Wirtshaus verbreitete sich schnell. Viele WienerInnen kamen in das Gasthaus um sich die Geschichte erzählen zu lassen. Der Wirt machte mit so vielen Gästen natürlich ein prächtiges Geschäft und wurde immer noch reicher. Sooft er den Goldklumpen aus seinem Versteck nahm, küsste er diesen. Und so erhielt das Gasthaus den Namen „Küssdenpfennig“.

 

Küss‘ den Pfennig auf dem Franz-Josefs-Kai

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