Hundert Jahre Spanische Grippe

100 Jahre ist es her, dass die Spanische Grippe gewütet hat. Das interessiert mich besonders, da mein Schwiegervater (siehe auch meinen Blog-Eintrag: „das Ende der Kriegsmarine vom 16.12.2017″), den ich leider nicht gekannt habe, davon betroffen war. Wieso ich davon weiß?  Leider nicht aus Erzählungen in der Familie, sondern aus Dokumenten, die in Archiven gefunden habe. Ich konnte feststellen, dass mein Schwiegervater von seinem Torpedoboot auf ein Lazarettschiff transferiert wurde.  Folgender Grund war dafür angegeben: in wunderschön gestochener Schrift „Grippe“. Nun ich wunderte mich, dass ein Marineur aufgrund von Grippe auf ein Lazarettschiff verlegt wurde. Naja, es war die Zeit der Spanischen Grippe – und die war sehr ansteckend und gefährlich.

Die Spanische Grippe war eine Pandemie, die zwischen 1918 und 1920 durch einen ungewöhnlich virulenten Abkömmling des Influenzavirus verursacht wurde und weltweit mehrere Dutzend Millionen Todesopfer forderte. Die Angaben über die Anzahl der Todesopfer schwanken zwischen 25 und 50, ja sogar 70  Millionen, damit jedenfalls waren es  deutlich mehr Opfer als der Erste Weltkrieg gefordert hatte.

Die Auswirkung der Pandemie ist damit in absoluten Zahlen mit dem Ausbruch der Pest von 1348 vergleichbar, der damals mehr als ein Drittel der europäischen Bevölkerung zum Opfer fiel. Eine Besonderheit der Spanischen Grippe war, dass ihr vor allem 20- bis 40-jährige Menschen erlagen, während Influenzaviren sonst besonders Kleinkinder und alte Menschen gefährden. Die Seuche verbreitete sich auf allen Kontinenten, wobei Asien mit rund 21 Millionen Toten am stärksten betroffen war. In Österreich stieg die Zahl der im Jahr 1918 an Spanischer Grippe Verstorbenen auf 18.500, zu Beginn des Jahres 1919 verstarben weitere 2.400 Personen an der Pandemie.

Und warum nannte man sie Spanische Grippe – wir kennen doch eher die Vogelgrippe oder die Schweinegrippe? Der Name Spanische Grippe entstand, nachdem die ersten Nachrichten über die Seuche aus Spanien kamen; als neutrales Land hatte Spanien im Ersten Weltkrieg eine relativ liberale Zensur, sodass dort im Unterschied zu anderen betroffenen Ländern Berichte über das Ausmaß der Seuche nicht unterdrückt wurden: Nachrichtenagenturen meldeten Ende Mai 1918, dass in ganz Spanien acht Millionen Menschen infiziert waren; in Madrid erkrankte jeder Dritte. Büros und Geschäfte mussten geschlossen werden. Die Straßenbahnen stellten ihren Dienst ein. Unter den Erkrankten waren auch der spanische König Alfons XIII. und einige seiner Kabinettsmitglieder.

In den anschließenden Presseberichten wurde die Bezeichnung „Spanische Grippe“ gebraucht. In der deutschen Presse durfte zwar nicht über Erkrankungen an der Front berichtet werden, wohl aber ab Anfang Juni 1918 – auch auf den ersten Seiten der Zeitungen – über zivile Opfer. In Deutschland wurde sie gelegentlich „Blitzkatarrh“ oder „Flandern-Fieber“ genannt, amerikanische Soldaten nannten sie „three-day fever“ (Drei-Tage-Fieber) oder „purple death“ (wegen der Hautverfärbungen), britische Soldaten bezeichneten sie als „flu“ oder „flandrische Grippe“, die Franzosen als „la grippe“ oder „bronchite purulente“ (eitrige Bronchitis) und die Italiener – fälschlicherweise – als „Sandfliegen-Fieber“. In Spanien hatte sich die Bezeichnung „gripe“ eingebürgert.

Die Spanische Grippe trat in drei Wellen auf, im Frühjahr 1918, im Herbst 1918 und in vielen Teilen der Welt noch einmal 1919. Die erste Ausbreitungswelle im Frühjahr 1918 wies keine merklich erhöhte Todesrate auf. Erst die Herbstwelle 1918 und die spätere, dritte Welle im Frühjahr 1919 waren mit einer außergewöhnlich hohen Sterblichkeit verbunden. Die US-amerikanische Armee z.B. verlor etwa so viele Infanterie-Soldaten durch die Grippe wie durch die Kampfhandlungen während des Ersten Weltkrieges.

Der Krankheitsverlauf war grundsätzlich heftig und kurz und ging mit starkem Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen einher. Den meisten Erkrankten ging es nach wenigen Tagen wieder besser. Die Menschen wurden von schweren Fieberschüben geplagt. Häufig kam eine sekundäre Infektion mit Staphylokokken hinzu, die zu lebensgefährlichen Lungen- oder Rippenfellentzündungen führten. Die bekannten Arzneimittel wie Aspirin, Chinin oder Pyramidon zeigten keinerlei Wirkung. Schließlich konnten mit der Verabreichung eines bestimmten Antistreptokokkenserums gute Behandlungsfortschritte erzielt werden. Todesfälle waren meist auf eine Lungenentzündung als zusätzliche Komplikation zurückzuführen. Wegen des fulminanten Krankheitsverlaufs bezweifelten anfangs einige Forscher, dass es sich bei der Spanischen Grippe überhaupt um eine Form der Influenza handele. Unter anderem wurde als Auslöser der Pandemie eine Form der Lungenpest vermutet.

In der Öffentlichkeit kursierte eine Reihe unterschiedlicher Gerüchte über die Entstehung der Krankheit. Eine weit verbreitete Hypothese der damaligen Zeit besagte, die Grippe sei durch Konservendosen aus Spanien importiert worden, diese wären von den Deutschen vergiftet worden, welche die spanischen Konservenfabriken unter ihre Kontrolle gebracht hätten. Aber bereits sehr frühzeitig waren in einigen Ländern von den Gesundheitsbehörden Quarantänemaßnahmen eingeleitet worden, besonders in den USA und Kanada. In kriegsführenden Staaten wurde die Influenza häufig als Kriegsseuche interpretiert, sie war jedoch auch in neutralen Staaten, wie Spanien oder der Schweiz, weit verbreitet. Auch die Ernährungslage scheint nicht ausschlaggebend gewesen zu sein; so fiel zeitgenössischen Ärzten auf, dass gerade wohlgenährte Menschen besonders gefährdet waren, obwohl man hätte das Gegenteil annehmen können, da ja gerade zu Ende des Ersten Weltkriegs Hungersnot herrschte.

Die Spanische Grippe führte in weiten Teilen zur Lahmlegung des öffentlichen Lebens. Schulen, Kirchen und andere öffentliche Einrichtungen wurden geschlossen. Der Postverkehr kam zum Erliegen. In Wien und München waren derart viele Schaffner und Straßenbahnfahrer an Grippe erkrankt, dass der Straßenbahnbetrieb deutlich eingeschränkt werden musste.

Als Folge der Influenza-Infektion litten viele Menschen für den Rest ihres Lebens an neurologischen Funktionsstörungen, unter anderem wurde eine nennenswerte Häufung von Fällen der Encephalitis lethargica beobachtet. Hierbei handelt es sich um eine Form der Gehirnentzündung, die Lethargie, unkontrollierte Schlafanfälle und eine temporäre, der Parkinson-Krankheit ähnliche Störung auslöst. Ein direkter Zusammenhang der EL mit der Spanischen Grippe ist jedoch nicht bewiesen worden.

Es gibt eine Reihe von berühmten Opfern der Spanischen Grippe: z.B. der Großvater des derzeitigen US-Präsidenten; wir trauern um den frühen Tod von Egon Schiele; aber auch Mark Sykes (berühmt im Zusammenhang mit dem unglücklichen Sykes-Picot Abkommen, das Grenzen im Nahen Osten nach dem Ersten Weltkrieg bestimmt hat) erlag der Spanischen Grippe. Kafka z.B. konnte der Spanischen Grippe entkommen, er erlebte während dieser Zeit den Zusammenbruch der Habsburger Monarchie.

Wir können nur hoffen, dass der medizinische Fortschritt seither eine Pandemie dieses Ausmaßes in unserer Zeit verhindern kann.

Hundert Jahre Spanische Grippe

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