Es geht uns jetzt schon sehr gut!

Ich bin heute früh aus dem Haus gegangen. Zugegeben es ist für Wien sehr kalt, klirrend wird uns im Wetterbericht mitgeteilt. In Wien war es schon lange nicht so kalt!

Ich kam aus einer geheizten Wohnung, ja, da sind Heizkörper in jedem Raum! Ich konnte mit warmen Wasser duschen und einen guten heißen Kaffee trinken. Ich verfüge jetzt über pelzgefütterte Schuhe, eine Pelzhaube und Pelzfäustlinge, und dazu habe ich einen mit Daunen gefütterten langen Mantel und einen großen Schal. Natürlich ist mir nicht kalt draußen. Ich dürfte mir heute sogar den Schal vor den Mund binden – bei der Kälte wäre das vom Vermummungsverbot ausgenommen. Nur wenn ich die dumme Idee hätte, draußen zu telephonieren, dann werden die Hände richtig kalt und erwärmen sich auch erst im nächsten Geschäft. Ich gebe zu, in der Aufmachung stark an ein Michelin-Männchen zu erinnern, aber das ist mir eher egal (wurscht, wie wir hier sagen).

Jedes Geschäft, das ich betrete habe, war – wie man so schön sagt – bacherlwarm. Wäre ich in ein Auto eingestiegen, wäre es auch dort nach einiger Zeit schön warm geworden, in manchen Autos hätte ich sogar die Sitze erwärmen können. Wäre ich mit der Straßenbahn oder U-Bahn gefahren, wären diese selbstverständlich geheizt gewesen.

Nur manchen von den vielen Bettlern auf der Straße, die haben es nicht warm!

Und da habe ich mich an die Nachkriegsjahre erinnert: Auch damals waren die Winter bitter kalt, Heizmaterial war sehr rar, wenn überhaupt geheizt wurde, dann das nur in einem Raum, der wies dann bestenfalls so 16° auf. Der Rest der Wohnung war viel kälter. Denn das Fensterglas war ja durch die Bombenangriffe gesprungen und die Fenster waren mit Brettern vernagelt und zwischen diesen Brettern zog mächtig die kalte Luft herein. Auch die Küche war kalt, denn Gas gab es nur stundenweise, die Elektrizität war auch nur zeitweilig verfügbar. Zum Waschen gab es nur kaltes Wasser! Der Kaffee war nur „Ersatz“ (z.B. Malz) und auf das Maisbrot gab es keine Butter- vielleicht Marmelade – die mit sehr wenig Zucker selbst eingekocht worden war.

Ich verbrachte einen Teil des Tages im Bett, denn es fand kein Unterricht in der Schule statt – Kälteferien! Ferien sind ja immer lustig, diese „verordneten“ aber gar nicht, weil man auch nichts unternehmen konnte. Denn es fehlte auch an warmen Kleidern. Ja, wir hatten von unseren Müttern aus Rest‘ln gestrickte Pullover, Fäustlinge, Schals und Hauben (so genanntes Norwegermust war „in“). Ich hatte nur eine Jacke, keinen Mantel, und die war etwas dünn (zerschlissen), weil sie aus alten Sachen der Eltern geschneidert war. Hosen durften wir in die Schule nicht anziehen. Also waren es Röcke und mehrfach gestopfte Strümpfe (die mit einem sogenannten Strumpfgürtel befestigt waren).  Die Schuhe (wir besaßen nur ein Paar) mussten immer abends beim Ofen getrocknet werden. In der Schule gab’s mittags die Ausspeisung, eine dicke warme Suppe in ein mitgebrachtes Häferl. In den Klassenzimmern zogen wir oft Jacken oder Mäntel nicht aus, denn auch dort war es kalt.

Die Straßenbahnen, mit denen wir zu Schule fuhren waren selbstverständlich nicht geheizt, wenn sie überhaupt kamen, denn auch die Schneeräumung funktioniert nicht immer in dieser Zeit.

Viellicht sollten wir Alten uns zuweilen dran erinnern, wenn wir wieder klagen, dass es draußen so kalt ist und es den Jungen sagen, dass warme Räume und warme Kleidung nicht immer selbstverständlich waren.  Und vielleicht denken wir auch an die Bevölkerung von Ost-Ghouta, die zusätzlich zu Kälte auch noch Bombardierung erleiden muss. Also bitte: klagen wir lieber nicht!

 

 

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2 Gedanken zu “Es geht uns jetzt schon sehr gut!

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