Frühlingsgedankensplitter

„Veronika, der Lenz ist da, die Mädchen singen trallala …“ (wirklich?) sangen die Comedian Harmonists in der Zwischenkriegszeit. Ja, der Frühling hat verschiedene Namen, manche sagen Frühjahr, andere Lenz (eher selten), anderswo heißt er VER, wozu einem als Österreich gleich Ver Sacrum einfällt. Mit ihren sechs Jahrgängen (1898–1903) gilt die Zeitschrift Ver Sacrum (lateinisch für „heiliger Frühling“), offizielles Organ der Vereinigung bildender Künstler Österreichs, als aufschlussreichster und künstlerisch anspruchsvollster Begleiter durch die frühe Geschichte der Wiener Secession. Oder ver sacrum war ein Brauch bei den antiken Italikern, bei dem eine Gruppe junger Männer, oft ein gesamter Jahrgang, aus dem Stammesverband ausgestoßen oder auch nur ausgesandt wurde, um neues Land für ihren eigenen Unterhalt zu erobern und so einen neuen Stamm zu gründen. Dabei wurden alle Lebewesen, die im kommenden Frühjahr (März, April) geboren wurden, den Göttern geweiht. Tiere wurden geopfert, die männlichen Neugeborenen wurden, sobald sie erwachsen waren, als Kolonisten ausgeschickt.

Astronomisch beginnt der Frühling mit der Tag-und-Nacht-Gleiche (im Norden am 19. oder 20. März), meteorologisch und biologisch wird er meist auf Anfang März angesetzt. Der Frühlingsbeginn kann entweder astronomisch, also nach Lage der Erde zur Sonne, phänologisch nach dem Entwicklungsstadium der Pflanzen oder meteorologisch festgelegt werden. Der Frühling sorgt ein allgemein besseres Befinden und bewirken eine leichte Euphorie. Auch der Wunsch nach einem Partner ist bei den meisten Menschen im Frühling stärker. Im Gegensatz zu diesen sogenannten Frühlingsgefühlen stellt sich bei manchen Menschen die Frühjahrsmüdigkeit ein. Naja, das kann man sich dann aussuchen.

Woran denke ich, wenn jemand Frühling sagt: ich denke an Leberblümchen und Buschwindröschen im Wiener Wald, an Kuhschellen und duftenden Seidelbast im südlichen Niederösterreich. Ich denke an Ostern. Dabei geht es nicht nur um gefärbte Eier und Schokoladeosterhasen.  Am Sonntag vor dem Osterfest findet die Palmweihe statt. Ich sah einige, nicht viele Passanten, mit den Palmkatzerl-Sträusserl in der Hand in der Umgebung von Kirchen eilen. Da Leiden, Sterben und Auferstehung Christi laut Neuem Testament in eine Pessach Woche fielen, bestimmt der Termin dieses beweglichen jüdischen Hauptfestes auch das Osterdatum. Es wird über einen Lunisolarkalender bestimmt und fällt in der Westkirche immer auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond, also frühestens auf den 22. März und spätestens auf den 25. April. Danach richten sich auch die Daten der beweglichen Festtage des Osterfestkreises.

Meist erfolgt auch gegen Ende März die Umstellung auf Sommerzeit. Mit der Umstellung kommt die innere Uhr aus dem Takt, was gerade bei älteren Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen gravierende Probleme verursachen kann. Da fragt man sich schnell: Warum eigentlich? Eingeführt wurde die Zeitumstellung in Europa erstmals zu Zeiten des Ersten Weltkriegs. Damals ging es darum, für den Krieg durch eine bessere Ausnutzung des Tageslichts Kohle zu sparen. Erneut eingeführt wurde sie in den späten 1970er Jahren unter dem Eindruck der Ölkrise – ebenfalls um Energie zu sparen. Doch die Energieeinsparungen konnten nie nachgewiesen werden. Das ist ja auch naheliegend: Heutzutage kommt ein Großteil des Energieverbrauchs nicht vom Licht, sondern durch eine Vielzahl an technischen Geräten. Im Vergleich zu den nicht bekannten Einsparungen sind die Kosten gravierend: Zunächst ist da der schon genannte Schlafentzug, der zu einem Anstieg an Autounfällen, Herzinfarkten und Suiziden in den Tagen nach der Zeitumstellung im Frühjahr führt. Dazu kommt der Produktivitätsverlust bei modernen Wissensarbeitern. Auch unsere Haustiere müssen sich in der Regel an unseren neuen Rhythmus anpassen – und kommen aus dem Takt. In Umfragen spricht sich eine Mehrheit (dazu gehöre auch ich) für die Beibehaltung der Sommerzeit als neue Normalzeit aus.

Was nun auch den Energieverbrauch betrifft: Im Frühling werden in Wien die so genannten Schanigärten eröffnet. Ein Schanigarten ist ein direkt vor einem Gastronomiebetrieb auf öffentlichem Grund liegender Bereich, in dem Tische zur Konsumation aufgestellt sind. Es handelt sich nicht um einen Garten oder Grünbereich. Oft sind Schanigärten mit Blickschutzwänden eingezäunt, auf einem Podium errichtet oder mit Topfpflanzen geschmückt. Aber es ist doch noch recht frisch, wie wir in Wien sagen, daher müssen die Schanigärten beheizt werden – daher der zusätzliche Energieverbrauch. Manche Gastronomen heizen nicht, sondern überlassen den Gästen dicke Decken. Zur Geschichte des Schanigartens: Johann Jakob Tarone, († 22. Jänner 1777 im Alter von 71 Jahren), der dem durch allgemeine Änderungen der Ausschankgenehmigungen verarmten Stand der „Wasserbrenner“ (Branntweiner)  angehörte, eröffnete 1748 am belebten Graben (Ecke Habsburgergasse) ein Kaffeehaus. Am 6. Mai 1754 wurde ihm außerdem bewilligt, ein Zelt zur Ausschank der „Erfrischungswasser“ aufzuschlagen, wie sie schon von Vinzenz Zandonati seit 1728 Am Hof und in der Brandstätte betrieben wurden. Wohl dazwischen, also um 1750, erhielt er die Erlaubnis Tische und Stühle vor dem Kaffeehaus aufstellen zu dürfen. Dies wird als Geburtsstunde des Wiener Schanigarten angesehen. Da es sich für Frauen nicht schickte ins Kaffeehaus zu gehen, sondern nur in die Konditorei, konnten sie durch den Gastgarten erstmals am Kaffeehausleben teilnehmen. Und der Name „Schanigarten“: In früheren Jahren wurden Knaben häufig auf die Namen Hans, Johann oder Johannes getauft. Der Rufname von vielen Kellnern war, als das Französische noch modern war, Jean, auf wienerisch „Schani“. So kam es häufig vor, dass die Nachbarn am Morgen den Ruf des Oberkellners vernahmen: „Schani, trag den Garten ausse!“, und am Abend: „Schani, trag den Garten eine!“

Als Schanigarten-Prinzip bezeichnet man die Eselsbrücke um sich die richtige Uhreinstellung bei der Umstellung auf Sommerzeit zu merken:

  • „Wird der Schanigarten vor das Haus geräumt, so wird auch die Uhr vorgestellt
  • Wird der Schanigarten hineingeräumt, so wird auch die Uhr wieder zurückgestellt zur Winterzeit“

Auch manche Eisgeschäfte haben schon geöffnet, und das erste Eis der Saison ist doch das allerbeste. Aber wenn die Hände noch klamm vor Kälte sind, schmeckt auch das Eis nicht besonders gut.

Jetzt muss es noch ein Alzerl (ein klein Weniges) wärmer werden, die Säcke von den Rosen im Volksgarten entfernt werden und die Forsythien (vulgo Eierspeis-) Sträucher zu blühen beginnen – dann wird es Frühling in Wien.

 

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