Gedanken am Karfreitag

Heute, am Karfreitag, möchte ich wieder einmal an die verfolgten Christen erinnern.

Zuerst vielleicht: es gibt auch gute Nachrichten. Im Irak konnten Christen nach der Vertreibung des IS wieder in die Ninive-Ebene zurückkehren. Daher war es ihnen ein besonderes Anliegen z.B. den Palmsonntag aufwändig zu feiern. Nachdem in den vergangenen Monaten immer mehr Familien einen Neuanfang in ihren oftmals geplünderten und teils zerstörten Häusern gewagt haben, zogen tausende Menschen Palmwedel und Olivenzweige schwingend durch die Straßen. Zweieinhalb Jahre lang waren diese Menschen vertrieben und hatten fast jede Hoffnung verloren, jemals zurückzukehren. Auf dem Platz vor der Johanneskirche in Karakosch, wo ein Freiluftgottesdienst gefeiert wurde, diente das Kirchendach den Geistlichen als Kanzel. Irak steht ab er noch immer auf dem Platz 8 des Weltverfolgungsindexes 2018.

Aber nicht aus allen Gegenden, die sich auf dem Weltverfolgungsindex befinden, gibt es so gute Nachrichten.  Afghanistan ist von Platz drei auf Platz zwei gerutscht. Da Afghanistan laut Verfassung ein islamischer Staat ist, werden alle anderen Religionen als dem Land fremd angesehen. Die Stammesgemeinschaft ist in Afghanistan sehr viel stärker und wichtiger als der Staat. Wenn jemand diese Gemeinschaft verlässt, beispielsweise indem er seine Religion verlässt und den christlichen Glauben annimmt, gilt er als Abtrünniger, der zurückgebracht werden muss. Für die meisten Familien stellt ein Glaubenswechsel eine große Schande dar, und die Familienmitglieder werden alles in ihrer Macht Stehende tun, um den Konvertiten zum Islam zurückzubringen oder für die Schande büßen zu lassen. Zusätzlich erweitern extremistische Gruppierungen wie die Taliban und der „Islamische Staat“ (IS), der erst seit kurzer Zeit in Afghanistan aktiv ist, ihre Gebiete und kontrollieren bereits mehr als 40 Prozent des Landes.

Auch aus Afrika kommen keine guten Nachrichten: Die Verfolgung in Somalia geht hauptsächlich von der extremistisch-militanten Gruppe Al Shabaab und dem im Land vorherrschenden Stammessystem aus. Al Shabaab stützt sich auf Stammesstrukturen, um Informationen zu sammeln, Mitglieder zu rekrutieren und ihre Ideologie zu verbreiten. Scheichs und Imame werden über diese Strukturen gezwungen, den Dschihad zu lehren – ansonsten drohen ihnen Vertreibung oder Tod. Zusätzlich gibt es organisierte kriminelle Netzwerke, durch die extremistische Gruppen wie Al Shabaab finanziert werden. Die Gesellschaft erwartet, dass jeder Somalier ein Muslim ist. Öffentlich wird erklärt, dass in Somalia kein Platz für den christlichen Glauben, Christen und Kirchen sei. In der Verfassung des Landes ist der Islam als Staatsreligion festgeschrieben und die Regierung verbietet z.B. jegliche Weihnachtsfeiern. Christen werden von Al-Shabaab-Kämpfern als hochrangiges Ziel angesehen und wer von ihnen bisher entdeckt wurde, wird oft auf der Stelle getötet.

Aber Somalia ist nicht das einzige Land in Afrika, in dem Christen bedroht werde. Im Sudan geht die Verfolgung sowohl von der Regierung sowie auch extremistischen Muslimen aus, wird systematisch durchgeführt und erinnert an eine Politik der ethnischen Säuberung. Unter der autoritären Herrschaft von Präsident al-Bashir und seiner Partei gibt es im Sudan keine Rechtsstaatlichkeit. Die Presse- und Mediengesetze sind restriktiv, und die Meinungsfreiheit wurde stark eingeschränkt. Historisch betrachtet ist der Islam tief in der sudanesischen Gesellschaft verankert, und die Regierung setzt die Politik einer einzigen Religion, einer einzigen Kultur und einer einzigen Sprache strikt um. Seit der Südsudan 2011 seine Unabhängigkeit erklärte, sind tausende Christen in den Südsudan gezogen – wohl geflohen. Christen haben ihre Kirchengebäude verloren, in denen sie sich jahrelang versammelt hatten, viele christliche Leiter wurden verhaftet oder einschüchtert.

Auch Eritrea ist schwer betroffen. Seit 1993 übt das autoritäre Regime unter der Führung von Präsident Isaias Afewerki uneingeschränkte Macht in Eritrea aus. Die Regierung tut alles, um ihre Macht zu erhalten und hat Christen verhaftet, angegriffen und getötet, weil sie sie als „Agenten des Westens“ und damit als eine Bedrohung für den Staat und die Regierung ansieht. Ungefähr die Hälfte der eritreischen Bevölkerung besteht aus Muslimen. Diese wohnen zum großen Teil in der Tiefebene entlang der Küste des Roten Meeres und der Grenze zum Sudan. Viele von ihnen zeigen (zum Teil auch aufgrund der wachsenden Präsenzen des militanten Islam in der Region) eine Tendenz zum Extremismus. Christen in diesen Teilen des Landes sind somit in einer besonders schwierigen Lage. Eritreische Muslime verstehen sich zuerst als Muslime, dann als Eritreer. Eine Hinwendung zum christlichen Glauben gilt als Verrat der Gemeinschaft, der Familie und des islamischen Glaubens. Auch Christen untereinander sind sich nicht einig. Die Eritreisch-Orthodoxe Kirche (EOC) hat eine lange Tradition im Land und setzt Christen anderer Konfessionen und Gemeinden manchmal unter Druck.

Der Jemen ist zu einem „failed state“ geworden. Regierungsbeamte erschaffen und erhalten ein streng islamisches System, welches alle Einwohner als Muslime behandelt. In vielen Regionen sind durch die saudisch geführte Militärintervention Machtvakuen entstanden, welche es Gruppierungen wie dem Islamischen Staat (IS) und Al-Kaida-Ablegern ermöglichen, ihren Aktionsradius zu vergrößern und Christen umzubringen (sowohl jemenitische Christen mit muslimischem Hintergrund als auch ausländische Christen). Auch Entführungen kommen vor, wobei sich finanzielle und christenfeindliche Motive mischen.

Das sind nur einige Streiflichter aus den „Top-Ten“ der Liste der verfolgten Christen. Wir hier dürfen an jeglichen religiösen Feierlichkeiten unbehindert teilnehmen. Viele tun es nicht. Die verfolgten Christen werden daran gehindert.  Wir dürfen ihr Schicksal nicht vergessen! Es sind auch nicht nur die Christen, die in diesen Ländern leiden und dann letztlich die Flucht vorziehen. Machen wir es ihnen nicht schwer, wenn sie zu uns kommen!

(Sehr viel mehr Informationen zu verfolgten Christen finden sich in meinem Buch: „Im Schatten des Halbmonds – Christenverfolgung in islamischen Ländern“, erschienen bei Styria Premium)

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