Wo bleibt die Toleranz?

Leben wir wieder in Zeiten einer Sprachverwirrung babylonischen Ausmaßes? Die großen Ideologien bieten keine Attraktion mehr. Der sowjetische Kommunismus ist schon seit einiger Zeit untergegangen, der Kapitalismus wurde zwar gezähmt durch den Wohlfahrtsstaat, ist aber dennoch wieder auf dem Vormarsch. Und doch herrscht eine extreme Polarisierung der Meinungen.

Die Linke wittert überall „rechtes“ Gedankengut: Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, völkische Gesinnung. Die Rechte sieht Political Correctness mit Denk- und Sprechtabus am Werk; ferner „Gutmenschentum“, das bedenkenlos die Grenzen öffnet und so eine Verdrängung oder mindestens Bedrängung der Einheimischen provoziert.

Schienen nach dem Fall der Berliner Mauer die Begriffe „rechts“ und „links“ an Bedeutung zu verlieren, bilden sich nun an den Rändern neue Gruppierungen. Sie haben mit dem traditionellen Rechts-Links-Schema zwar wenig zu tun, werden aber noch immer so genannt.

Man geht nicht mehr tolerant miteinander um. Beide Lager operieren mit autoritärer Sprache und verlieren die Fähigkeit zur Differenzierung. Kritik ist nicht mehr Kritik, sondern „Bashing“ (Niedermachen). Schreit die eine Seite „Lügenpresse“, schallt es zurück: „Nazi“. Wer das Falsche sagt, wird aus der Gemeinschaft der Demokraten exkommuniziert, und man verweigert jede sinnvolle Diskussion. So wird die pluralistische Gesellschaft immer weniger pluralistisch. In diesem sprachlichen Überbietungswettbewerb verkommt jedes Argument zur Beleidigung, Denunziation oder Stigmatisierung.

Exkommunikation und Exorzismus haben in einer demokratischen Auseinandersetzung keinen Platz.  In einer Debatte, in dem jeder den anderen durch Lautstärke zu übertrumpfen versucht, kommt es zu keinem „Gespräch“.

Wodurch wird diese Situation verursacht?  Durch die

  • Globalisierung,
  • Verlust der Identität

Von 1988 bis 2008 hat die Mittelklasse in den asiatischen Schwellenländern, besonders in China, am meisten an Wohlstand hinzugewonnen. Gut ging es auch den Wohlhabenderen in der westlichen Welt. Die Einkommen der unteren Mittelklasse im Westen stagnierten. Die Mittelklasse ist die Verliererin der Globalisierung, auch wenn sich dieser Trend in manchen Ländern nicht nachweisen lässt. Trumps Wähler aus der Arbeiterschaft sind ein Beispiel dafür.

Durch die Globalisierung wird der Nationalstaat infrage gestellt, weil Kompetenzen an supranationale Körperschaften bzw. Firmengruppen delegiert werden. Diese Zusammenschlüsse könnten vieles besser steuern als nationale Behörden, z.B. die Zuwanderung.  Soweit die Theorie, doch in der Praxis erleben die Bürger, wie sich das System durch mangelnden Informationsaustausch und nationale Egoismen schachmatt setzt.

Damit sieht nicht nur die untere Mittelklasse die Globalisierung als Bedrohung an. Mit ihr werden die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, Billigkonkurrenz und eine Zunahme der Einwanderung in Verbindung gebracht. Das hätte der Nationalstaat früher zu verhindern gewusst.

Diese Menschen fühlen sich plötzlich fremd im eigenen Land, sie meinen einen Kontrollverlust über „ihr Territorium“ festzustellen.  Nicht umsonst lautete ein Motto der Brexit-Kampagne: „Take back control“. Rechtspopulisten kritisieren die Globalisierung und gewinnen damit Wahlen. Nicht nur das Fremdwerden im eigenen Land wird befürchtet, sondern auch die materielle Konkurrenz: In Wohlfahrtsstaaten bedeutet die Zuwanderung Verlust von Arbeitsplätzen an Ausländer. Zusätzlich erfordern niedrigqualifizierten Personen ohne Sprachkenntnisse eine längere Unterstützung durch die öffentliche Hand. Die Wohlhabenderen mögen nicht sosehr davon betroffen sein.  Alle anderen, für die staatliche Transferleistungen einen Teil des Lebensunterhalts bilden, sind sich des Wettbewerbs sehr wohl bewusst. Kommen dann noch Identität und Religion hinzu, ergibt dies einen explosiven Cocktail. Es geht nicht mehr nur um den Verlust des Arbeitsplatzes, den Verlust der angestammten Wohnungen und Wohngegenden.

Vieles davon wird „den Eliten“ in die Schuhe geschoben. Die Zurückweisung des Fremden, die Ablehnung der Institutionen und die Rückbesinnung auf eine verklärte Vergangenheit formieren sich. Diese Bewegung ist nicht sehr sprachgewaltig, ihre Protagonisten sind eher angegraute Wutbürger. Damit kommt es zu wütender Kritik an Political Correctness und Denkverboten: es geht gegen das „Establishment“, man kritisiert die „Lügenpresse“.

Viele Journalisten reagieren darauf, indem sie sich mit ihren Gegnern gemein machen, sie schlagen ebenfalls mit Wortkeulen zu. Wenn sie nur lang genug eine hysterische Stimmung anheizen, sind die Medien irgendwann tatsächlich keine Organe der Aufklärung mehr, sondern Vehikel der Verdummung und Vernebelung.

Das „rechte“ Milieu hat Angst, seine Identität und den vertrauten gesellschaftlichen Zusammenhang, kurz: die Heimat, zu verlieren. Das „linke“ Milieu erhebt den Anspruch auf eine Identität, mit der es sich selbst vom Rest der Gesellschaft abgrenzt. Es werden z.B. immer mehr Begriffe für unterschiedliche Sexualität eingesetzt, Lesben, Schwule und Bisexuelle reichen schon lange nicht mehr. Lautete das Lieblingsvokabel der Linken früher Inklusion, also die Einbeziehung aller Benachteiligten in die Gesellschaft, so geht es heute um selbstbestimmte Exklusion: Man will in seiner Differenz anerkannt werden.

Die neue Lifestyle-Linke versteht sich nicht mehr als Anwalt der Unterprivilegierten, denn diese haben für die ausufernde Identitätspolitik des akademischen Überbaus wenig übrig. Kein Wunder, dass in den USA, Italien, Deutschland oder Frankreich Mitte-links-Parteien Niederlagen kassierten. Sie haben keinen Bezug mehr zur Lebenswirklichkeit ihrer früheren Stammwähler, die in der Fabrik arbeiteten und ihre Männlichkeitsrituale pflegten. Aber gibt es den „Arbeiter“ eigentlich noch? Sie richten sich lieber an den Hipster, der für eine NGO arbeitet. Der Niedergang der traditionellen staatstragenden Linken hat den Aufstieg der Populisten aller Couleur wesentlich erleichtert.

Die Identitätspolitik von rechts arbeitet aber ebenfalls mit Exklusion, schließt Migranten, Muslime, Mexikaner aus. Es wird von „Tribalismus“ gesprochen: Linke und Rechte bilden Stämme, die den anderen und seine Argumente nur deshalb ablehnen, weil er zu einem anderen Stamm gehört. Verständigung ist so nicht mehr möglich.

Ging es früher um Gleichheit, geht es heute um Ungleichheit. Das Trendwort in Unternehmen und an Universitäten lautet Diversität. Je mehr Vertreter unterschiedlicher Gruppen eine Institution umfasst, umso besser. Das klingt positiv, nach Toleranz und Vielfalt, hat aber einen Haken. Es kommt zu weniger Gemeinsamkeit.

Individualismus hat im 20. Jahrhundert einen Siegeszug erlebt, im Westen herrscht geradezu ein Kult der Selbstverwirklichung. Weder Sippe und Großfamilie hemmen die Entfaltung der Individuen, und diese machen von ihrer Freiheit weidlich Gebrauch: Gewerkschaften und Kirchen kämpfen mit Mitgliederschwund, während Fitness-Studios florieren. Jetzt ist jeder für sich selbst verantwortlich. Damit boomt z.B. das „Gesundheitsgeschäft“.  Jeder wird zur Ich-AG der Selbstertüchtigung. Unser Essen hat „energieneutral, vegan, zuckerfrei, biologisch, stoffwechselanregend, salzarm, ressourcenarm und tierfreundlich erzeugt, lokal produziert, gentechnikfrei und klimaneutral hergestellt“ zu sein, es geht also um politisch korrekte Ernährung.

Aber wir benötigen die Meinungsvielfalt und Auseinandersetzung, in dem man dem Gegenüber mit Respekt begegnet, sonst verkümmert die öffentliche Sache, die Res publica. Wir sollten uns nicht einschüchtern lassen von autoritären Sprach-Codes. Nimmt die Sprachverwirrung überhand, verhalten wir uns wie Horden, die glauben, jede andere Horde habe prinzipiell unrecht, das bedroht westlichen Demokratien. Die liberale Demokratie hat viele Gegner. Doch der einzige Gegner, der ihr wirklich etwas anhaben kann, sind wir selbst, wenn wir ihre Grundlagen zerstören.

Wir müssen zur Verständigung über Gräben hinweg fähig bleiben und die polarisierenden Kräfte mit ihren Feindbildern in die Schranken weisen.

Wo bleibt die Toleranz?

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