Aus meinem ersten „Lesebuch“

Als ich ins Gymnasium kam, das war im Herbst 1945, gab es keine Schulbücher. Alles, was in der Nazizeit im Einsatz gewesen war, galt als ideologisch unbrauchbar, also mussten wir „mitschreiben“, was uns gelehrt wurde. Die Lehrer aus diesen sieben bösen Jahren galten auch als unzuverlässig und daher wurden jene aus der Pension zurückgeholt, die vor dem Jahr 1938 unterrichtet hatten. Damals hatten wir viele „alte“ Lehrerinnen, sie waren nicht nur alt an Jahren sondern auch alt an Ansichten und Werten. Das galt nicht für alle, aber die „Alten“ waren teilweise sehr streng zu uns Kindern, einem recht gemischten Haufen, da es viele Flüchtlinge aus den deutschsprachigen Gebieten in der Tschechoslowakei, aus Ungarn, Rumänien und Jugoslawien gab. Allerdings gab es kein Sprachproblem, denn das Deutsch dieser Kinder war exzellent. Die Lehrerinnen drillten uns und gelehrt wurde sehr „selektiv“. Gewisse historische Zeiten wurden nicht berührt, Themen der Reproduktion wurden nicht angetastet, in Biologie lernte ich viel, aber nur über Einzeller, denn die vermehren sich durch Zellteilung. Später gab’s dann den umstrittenen Sexkoffer, das war  1989, aber auch der ist schon lang überholt.

Als wir endlich Bücher bekamen, waren diese auf billigem Papier gedruckt, sie waren schlecht gebunden, hatte harte Deckel (hard-cover, würde man heute sagen) und sie waren sicher keine Arbeitsbücher, in die man hineinschreiben durfte. Entweder bekam man sie aus der „Schülerlade“ geliehen, oder die Eltern kauften diese Bücher. Man behandelte sie mit Sorgfalt, um sie dann am Jahresende in der „nächsten Klasse“ verkaufen zu können. Die Gratisschulbücher kamen viel, viel später nämlich 1972.

Besonders beeindruckt hat mich mein erstes „Lesebuch“. Es war sehr vielfältig, österreichische aber auch ausländische Autoren waren vertreten, Kurzgeschichten, Gedichte, usw. Ich war begeistert.

Aber nachhaltig beeindruckt hat mich eine Geschichte von Leo Tolstoi, die in diesem Lesebuch abgedruckt war, mit dem Titel „Wie viel Erde bracht der Mensch?“  Warum sie mich besonders beeindruckt hat, mag ich heute nicht mehr zu sagen. Das war der Inhalt:

Der Bauer Pachom kauft ein Stück Land und wird Gutsbesitzer. Er ist „stolz und glücklich“. Doch sein Sinn für Eigentum ist geweckt. Mit seinen Grundstücksnachbarn verfeindet er sich wegen kleiner Flurschäden, die ihnen an seinen Feldgrenzen unterlaufen. Er wird auch bestohlen. Den Dieb kann er nicht überführen, seine Klage wird abgewiesen. „Nun war Pachom mit den Richtern und den Nachbarn verzankt. Die Bauern drohten ihm mit dem roten Hahn (der Rote Hahn war Sinnbild für einen Brand). So hatte Pachom zwar auf seinem Grund und Boden genügend Raum, doch in der Gemeinde wurde es ihm zu eng.

Ostwärts, im Landesinneren, ist gutes Land preiswert zu kaufen. Nachdem er dieses Gerücht überprüft hat, veräußert er seinen Besitz und siedelt sich vierhundert Werst (russische Maßeinheit, entspricht ca. 1,067 km) in östlich der Wolga an. Pachom lebt jetzt „zehnmal besser“ als zuvor. Doch es gibt reichere Bauern als ihn. In dem Drang, sich zu vergrößern, überwirft er sich auch hier mit seinen Nachbarn. Da hört er von einem durchreisenden Kaufmann, man könne billig gutes Steppenland bei den Baschkiren (turksprachige Ethnie im russischen Uralgebirge) kaufen, noch weiter im Osten. Pachom reist mit seinem Knecht fünfhundert Werst zu den Steppenbewohnern. Er wird in ihrem Zeltlager freundlich aufgenommen und darf so viel Land kaufen, wie er von Sonnenaufgang bis -untergang zu Fuß umrunden kann. Mit der Bemessung seines künftigen Besitzes überschätzt Pachom allerdings seine Kräfte. Er bricht vor Erschöpfung tot zusammen, nachdem er endlich ein sehr großes Stück Land umschritten hat, weil er zuletzt, bei sinkender Sonne, verzweifelt gerannt ist. „Der Knecht nahm die Hacke, grub Pachom ein Grab, genau so lang wie das Stück Erde, das er mit seinem Körper, von den Füßen bis zum Kopf, bedeckte – sechs Ellen (eine Elle 711,2 mm) –, und scharrte ihn ein.

In Russland, so will mir scheinen, war das damals ein einzelner Bauer, über den berichtet wird. Aber heutzutage bei uns, gibt es doch viele, die sich verhalten wie der Bauer Pachom. Es geht zwar meist nicht nur um Erde, also Grundbesitz, sondern um Besitz ganz allgemein. Viele wollen mehr haben, als die anderen, ob sie es benötigen oder nicht.  Dafür wird vieles geopfert, manchmal Gesundheit, manchmal auch die Familie. Die Zeit, die nicht mit den Kindern verbracht wurde, ist endgültig verloren.Manche erkennen zu spät, dass sie auch ihr „Glück“, ihre Ruhe, ihr Leben geopfert haben um mehr Geld, mehr Macht, mehr Ansehen zu erreichen, als es andere zu haben scheinen. Oft glänzt der Status der anderen nur, und wenn man diese Menschen näher kennen lernt, erfährt man, dass auch sie nicht “alles haben“, wie es scheinen mag.

Vor allem wenn man älter wird, erkennt man auch, dass man sich nichts „mitnehmen“ kann, wenn es zu Ende geht. Und macht „erben“ die Nachkommen wirklich glücklich? Vielleicht sollten manche der Raffgierigen hin und wieder daran denken, dass – wie man in Wien so trefflich sagt – das letzte Hemd keine Taschen hat.

Aus meinem ersten „Lesebuch“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s