Der unbeirrbare Autokrat in den USA

Donald Trump ist wie Recep Tayyip Erdogan auch ein Autokrat – allerdings einer im Rahmen einer funktionierenden Demokratie. Dennoch: er versucht unentwegt Grenzen zu überschreiten, spontan und chaotisch, von seinen Trieben angefeuert. So wird es in dem Buch „Phantaschismus. Von der totalitären Versuchung unserer Demokratie“, von Dominik Finkelde SJ dargestellt, der auch darüber in der NZZ (Neuen Zürcher Zeitung) schreibt. Man könnte daher Trumps Verhalten wie jenes eines Anführers einer vorzivilisatorischen Horde sehen.

Und wieso finden das so viele Menschen attraktiv, die sich doch sicher nicht als „vorzivilisatorische Horde“ beschreiben sehen wollen?  Besonders Frauen gegenüber verhält sich Trump wie ein Übervater einer Urhorde: er nimmt sich jede Frau, wann es ihm beliebt und wie es ihm – seiner Meinung nach – gebührt.  In meinem Blog vom 28. August 2017 habe ich Trump mit Caligula verglichen „Was haben Trump und Caligula gemeinsam?“.  Ein Übervater führt seine Horde an, und verfügt dort über unangefochtene Macht, das trifft allerdings in den USA nicht ganz so zu.  Der Übervater genießt seine Macht und nutzt sie auch aus. Denn er kann sich zum Beispiel jedes Weibchen aus der Horde greifen, wie es ihm beliebt, ohne dass seine Begehrensansprüche durch andere Männchen begrenzt werden. Allerdings, wenn die Analogie dieses Mythos fortgeführt wird, wird dieser Übervater über kurz oder lang von einer Gruppe anderer Männchen erschlagen bzw. in unserem Fall abgewählt oder „impeached“. Diese Gruppe kommt hierauf darin überein, dass niemand mehr die Position des obersten Genießers, des ungebändigten Übervaters, einnehmen darf. Stattdessen wird die Utopie der gleichmäßigen Verteilung von Lust propagiert. Könnte man das als Gründungsmythos der Demokratie bezeichnen? Denn wo einst eine ungebändigte Lust durch einen Übervater genossen wurde, darf jetzt das Genießen als ein kollektiv verwalteter Akt toleriert werden.

Dieser Idee der Genusszähmung zugunsten einer politisch kanalisierten Verteilung steht Trump aber diametral entgegen. Als Übervater und Oberpatriarch, dem das Niedrige und das Obszöne nicht ganz fremd sind, hebt er sich auch deutlich von anderen derzeit im Amt befindlichen Politikerinnen und Politikern ab. Trump scheint auszuleben, was gemäß einem archaischen Empfinden mächtigen Männern gebührt – nämlich sich mit jüngeren Frauen zu umgeben.

Trump zelebriert sich nahezu tagtäglich als die Ausnahme anerkannter Ordnungen und findet daran zum Verdruss seiner politischen Gegner Gefallen. Er hält sich nicht mit polemischen Angriffen gegen politische Kontrahenten zurück und bekennt sich offen zu einer patriarchalen Ordnung, in der die Begehren von Männern frei von Feminismus und politischer Korrektheit ungebrochen sein dürfen, was sie sind: natürliche Bedürfnisse. Für sexuelle Übergriffe, die er in der Vergangenheit begangen haben soll, muss er sich denn (bis jetzt) auch nicht verantworten. Er entledigt sich seiner Mitarbeiter – und, wie er meint Konkurrenten – durch „firing“ mittels Twitter.

Gerade durch Umstände wie diese aber verkörpert Trump für seine Anhänger eine utopische Figur, eine Form politischer Autarkie. In Zeiten, da zahlreiche politische Bewegungen auftreten, um etwa die Rechte von Belästigungsopfern (#MeToo), legalen und illegalen Einwanderern („Dreamers“) oder Minderheiten („Black lives matter“) einzuklagen, fühlen sich Trumps Sympathisanten (Weiße und hauptsächlich Männer) offenbar immer mehr in ihren Grundrechten beschränkt. Sie sehnen sich infolgedessen nach Formen einer neuen Freiheit und wünschten, sie könnten im Bereich der Politik wie Trump alles sagen, was sie wirklich denken (auch wenn das vielleicht diskriminierend ist), und alles tun, was sie gerne täten: zum Beispiel wie Trump einmal bei einer prominenten Pornodarstellerin wie Stormy Daniels vorbeischauen, wenn ihnen, wie es ihnen danach wäre.

Auch hinter diesem Gefühl verbirgt sich bei den Trump-Anhängern letztlich ein Freiheitsgedanke: Schön, dass es in einer von Verhaltensregeln für Gleiche unter Gleichen geprägten Ära wenigstens einen gibt, der einmal richtig auf seine Kosten kommen darf; einen, der sich alles nehmen kann, der kaufen und sagen darf, was und wie es seinem Begehren entspricht.

Doch warum sehnen sich Trump Wähler im 21. Jahrhundert nach einer solchen Figur? Kann es sein, das bestimmte Personen vor der «Gestalt des „großen Übertreters“ eine heimliche Bewunderung entwickeln, obwohl dieselbe eine Gefahr für das Gemeinwesen ist? Dem Verbrecher gelingt es nämlich, die ansonsten einschränkende Normalität durch Einzigartigkeit zu durchbrechen. Den großen Verbrecher umgibt dann eine Ehrfurcht seitens seiner Horde, weil er den „Einspruch“ gegenüber den Ordnungsanforderungen ausdrückt.

Nun ist Trump sicher kein Verbrecher, aber er ist durch seine Verachtung gegenüber angestammten Formen politischer Sittlichkeit ziemlich einmalig (ähnlich hat sich allerdings Silvio Berlusconi verhalten). Seine Haltung kann heimliche Bewunderung, vielleicht sogar Neid hervorrufen. Für seine Wähler stellt Trump die Ausnahme dar, die die Grenzen der etablierten Ordnung überschreitet, oder vielmehr: Er ist derjenige, der die (traditionelle, früher geltende) Ordnung noch zu retten vermag. Wovor? Vor zu viel Humanität und Toleranz, vor Feminismus, vor zu viel (politischer) Korrektheit.

Vielleicht hoffen seine Wähler (seine „Horde“) im 21. Jahrhundert, dass die Normübertretungen des Übervaters helfen, ein altes, in ihren Augen angestammtes Recht zu retten. Bestimmte Bevölkerungsgruppen sehen das liberale und aufgeklärt neutrale Gesetz dem Scheitern nahe.

Trump lebt dieses Gefühl freudig wie kein anderer aus, aber auch im politischen Alltag der USA ist diese Art von Genusspolitik nicht unbekannt. Man denke etwa an paramilitärische Rangergruppen, die an der Grenze zu Mexiko mit dem Gewehr Jagd auf Einwanderer machen. Dazu fühlen sie sich berechtigt, da ihnen der Mangel an Grenzpolizisten den Zusammenbruch von Gesetz und Ordnung suggeriert.

Auch auf der außenpolitischen Weltbühne verschafft sich das patriarchale Gesetz sein Recht. Wenn Trump bekanntgibt, die US-Botschaft gegen den Widerstand zahlreicher Nationen von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, schafft er Fakten, ebenso mit seinem Austritt aus dem Klimas Vertrag. Den –Fakten schaffenden – Ausbau jüdischer Siedlungen konnten die Europäer mit solchen freundlichen Aufforderungen nie verhindern; ihre Politik erscheint erschreckend also machtlos.

Trump verkörpert eine Form von neuen politischen Mitteln, einer Entscheidungskraft, die sich von internationalen Übereinkommen, Anweisungen und Erwartungen abnabelt. Seine Wähler sind ihm dankbar dafür. Trump trifft Entscheidungen ungeachtet aller Komplexitäten, schlicht und einfach, weil man etwas will und für richtig hält, manchmal ohne Berücksichtigung von Fakten – egal, wie andere darüber urteilen.

Wir könne nur hoffen, dass dieser Übervater der Urhorde das nächste Mal nicht mehr gewählt wird und wieder geordnetere Zeiten anbrechen.

Der unbeirrbare Autokrat in den USA

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