Der Schwedenplatz und die Reichsgräfin Triangi

In Mai 2016 wurde der Wettbewerb mit der Auswahl des Siegerprojektes für die Neugestaltung des Schweden- bzw. Morzinplatzes abgeschlossen. Dieses Projekt setzt den Wunsch der Bürgerinnen und Bürger um, den Anteil an nutzbaren Grünbereichen im Bereich des Morzinplatzes zu erhöhen. Insgesamt werden mehr als 3.300 Quadratmeter an nutzbaren Grünflächen angeboten und 160 Bäume neu gepflanzt. Um mehr Übersicht zu erreichen, ist zudem ein Aufräumen der vorhandenen Aufbauten, Schanigärten und Kioske vorgesehen. Dadurch werden attraktive Aufenthaltsbereiche geschaffen, die dem Anspruch „Platz für alle“ zu bieten gerecht werden. Ginkgo-Bäume sind geplant, die in einem dichten hainartigen Muster entlang des Franz-Josefs-Kais angelegt werden. Außerdem ist der Platz vor der Ruprechtskirche als eigener Rückzugsraum vorgesehen.

Nun wird die Realisierung, deren Beginn für 2018 vorgesehen war, leider verschoben, um während der EU Präsidentschaft Österreich in dieser Gegend kein Verkehrschaos fürchten zu müssen, denn der Schwedenplatz ist einer der wichtigsten Knotenpunkte des öffentlichen Verkehrs in Wien

Der Morzinplatz wurde 1888 nach Vinzenz Graf Morzin benannt. Er war Oberst, Kämmerer, Ehrenritter des Malteserordens gewesen. Als letzter seines Geschlechts vermachte er der Gemeinde Wien sein Vermögen in Höhe von einer Million Gulden für Arme und Waisen, insbesondere körperbehinderte (epileptische) Kinder. Hier mündete bis ins 16. Jahrhundert der stadtnächste (nicht mehr existente) Donauarm (Salzgries) in den Donaukanal. Der Uferstreifen vor der Ringmauer (Salzgries) diente der Stadt Wien bis 1561 als Schiffsanlegeplatz.

Nach dem Abriss des Rotenturmtors wurde bis 1860 entlang des Donaukanals der Franz-Josefs-Kai angelegt. Der Kai wurde seit 1869 von der Pferdetramway und wird seit 1898 von der elektrischen Straßenbahn befahren. 1901 wurde beim Ferdinandsplatz eine Station der neuen, dampfbetriebenen Donaukanallinie der Wiener Dampfstadtbahn eröffnet, die 1925 von der Gemeinde Wien als Wiener Elektrische Stadtbahn erneut in Betrieb genommen wurde. Ein pavillonartiges, von Otto Wagner entworfenes Aufnahmsgebäude befand sich oberirdisch neben der Brücke, die Bahnsteige befinden sich bis heute auf dem Niveau des Vorkais zum Donaukanal.

Der Franz-Josefs-Kai erhielt bei der Brücke eine platzartige Erweiterung. Schwedenplatz wurde am 6. November 1919 vom Gemeinderatsausschuss für Kultur zum Dank für die schwedische Hilfe nach dem Ersten Weltkrieg so benannt; vorher, von 1897 an, hatte er Kaiser-Ferdinands-Platz geheißen. Nachdem im Anschluss an die 1858/1859 erfolgte Demolierung der Befestigungsanlagen die Häuserzeile zunächst zum Franz-Josefs-Kai gerechnet worden war, wurde 1897 der Kaiser-Ferdinands-Platz eröffnet.

Am Donaukanal fand 1945 im Zuge der Schlacht um Wien ein Artillerieduell statt, dem speziell um den Schwedenplatz viele Gebäude zum Opfer fielen., dass sie in der Folge abgerissen werden mussten.

Und warum mich das alles so interessiert. Weil sich ein Teil meiner frühen Kindheit hier abgespielt hat.  Mein Vater hatte im Hotel Métropole gearbeitet – bevor es Gestapo-Hauptquartier wollte. Denn damit wird dieses Hotel heute im Zusammenhang gebracht. Das Hotel wurde 1873 von den Architekten Carl Schumann und Ludwig Tischler zur Weltausstellung in Wien am Morzinplatz genannten Platz beim Franz-Josefs-Kai erbaut. (Zuvor war 1860–1863 auf diesem Grundstück nach der Demolierung der Stadtmauer das dann abgebrannte Treumann-Theater oder Quai-Theater gestanden.) Das Haus wurde von den Einheimischen angeblich als „jüdisches Sacher“ bezeichnet, weil es in der Ausstattung dem Hotel Sacher entsprochen haben soll und die Eigentümerfamilien Klein und Feix jüdischen Glaubens waren. Es war reich verziert mit korinthischen Säulen, Karyatiden und Atlanten. Der Speisesaal im Innenhof war mit Glas überdacht.

Ein berühmter Gast war Mark Twain, der dort 1897 einen Teil seines insgesamt 20 Monate langen Wienaufenthalts bis Mai 1899 verbrachte. An der Front zum Franz-Josefs-Kai 33 betrieb der Vater Stefan Zweigs die Zentrale seiner Webwarenfabrik.

Am 12. März 1945 brannte das ehemalige Métropole bei dem schweren Luftangriff auf Wien aus. Allerdings gibt es auch Zeugenaussagen, denen zufolge der Brand, nach relativ geringen Bombenschäden, von der Gestapo zwecks Spurenvernichtung Anfang April 1945 selbst gelegt worden sei. Noch in dem 1948 in Wien gedrehten Trümmerfilm „Der dritte Mann“ ist in einer Einstellung die gespenstische Ruine des Gestapo-Hauptquartiers zu erkennen. Dann wurden die Reste des Gebäudes abgerissen. Der Name „Hotel Metropol“ wurde seit dem Krieg von keinem Wiener Hotel gewählt.

Meine Mutter und ich hatten meinen Vater zuweilen von seiner Arbeitsstätte, dem Hotel Métropole, abgeholt. An viel erinnere ich mich nicht, außer, dass es sich um ein imposantes Gebäude handelte. Ich weiß nicht, ob ich es je betreten habe. Ich besitze nur zwei Serviettenringe, die die Aufschrift „Hausball Hotel Métropole 1929“ tragen. Und ich war – dann später – sehr beeindruckt von den „G’schichtl’n“, die mein Vater erzählte, z.B. über die Reichsgräfin Triangi. Geboren wurde sie 1868 als Tochter eines jüdischen Seidenfabrikanten in Brünn. In dritter Ehe heiratete sie 1903 den Redakteur der „Österreichisch-ungarischen Betriebsbeamtenzeitung“ Albano Hugo Josef Reichsgraf Triangi, der 1926 starb.  Nach dem Tod ihres Mannes wandte sich die 60jährige exaltierte und lebenslustige Witwe der „Kunst“ zu, nachdem sie das Flöten- und Mundharmonikaspielen erlernt hatte. Sie trat nun in Kabaretts, Kleinkunstbühnen und Vorstadtlokalen auf. Vom 17. Februar bis 5. März 1940 war sie in GESTAPO-Haft. Wenige Tage nach ihrer Enthaftung wurde sie wegen einer plötzlichen Erkrankung in die Krankenanstalt Rudolfstiftung gebracht, von wo sie bereits am nächsten Tag in die Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof überstellt wurde, wo sie am 28. April 1940 starb. Über diese ihre Zeit nach 1938 allerdings wusste mein Vater nichts zu berichten.

Mir hat zwar der freie Blick auf die Ruprechtskirche, der ältesten Kirche Wiens, sehr gut gefallen, aber der Platz davor erschien mir weitgehend trostlos.

Nun, das wird sich ja hoffentlich, ab 2019 zu ändern beginnen!

Der Schwedenplatz und die Reichsgräfin Triangi

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