Die Vergangenheit der Türkei holt Europa ein

Oft ist es die nicht aufgearbeitete Geschichte, die die Gegenwart beeinflusst. Das betrifft viele Staaten, unter anderem auch Russland, sein Präsident macht aus seiner Trauer über das verlorene Sowjetreich kein Geheimnis.

In der Türkei wird dem großen Osmanischen Reich nachgetrauert. Anfang Februar 2018 gedachten Istanbul und die ganze Türkei jenes Herrschers, der vor hundert Jahren den Zusammenbruch seines Imperiums nicht mehr miterleben sollte: Sultan Abdülhamid II. (1842–1918). Aus diesem Anlass wurde das kaiserliche Mausoleum wiedereröffnet, in dem der kontroverse Sultan des Osmanischen Reiches seine letzte Ruhe fand. Dreiunddreissig Jahre hatte Abdülhamid II. geherrscht, er hatte sein Reich aus einem Chaos in eine goldene Ära geführt und durch diplomatisches Geschick Stabilität in revolutionären Zeiten gesichert. Die Auflösung des Parlaments und die Unterdrückung der Opposition waren seine reaktionären Instrumente für den Machterhalt.

Präsident Erdogan wohnte der großangelegten Gedenkfeier bei und empfing das Oberhaupt und viele angereiste Mitglieder der ehemaligen osmanischen Herrscherfamilie im Yildiz-Palast. So wie Sultan Abdülhamid II. erfreute sich das Haus Osman in den letzten Jahrzehnten großer Popularität. Nachdem die Osmanen fast siebzig Jahre im Exil verbracht hatten, machten die konservativen türkischen Regierungen ab den neunziger Jahren ihren Frieden mit ihnen. Dies, nachdem die Erben Atatürks vehement versucht hatten, sie aus dem kollektiven Gedächtnis der Türken zu tilgen.

Das nationale türkische Trauma, der Untergang des Osmanischen Reiches und der Verlust der Großmachtstellung, ist bis heute nicht überwunden. Die wirtschaftlich prosperierende „neue Türkei“ meint sich für die schmerzlichen Ehrverletzungen durch das „alte Europa“ revanchieren zu müssen. Die meisten europäischen Politiker wissen kaum mehr viel von dieser Vergangenheit, sie sind geistig in der Europäischen Union groß geworden. Im Gegensatz dazu, soll sich die türkische Elite nicht nur mit ihrem imperialen Erbe identifizieren, sondern auch alte Konflikte neu entfachen.

Die Türkei hat nicht vergessen. Der Nationalismus im Verbund mit der Religion haben sich die Deutungshoheit über die eigene Geschichte aneignet. Die nationalen Eliten sollen sich nicht nur mit dem imperialen Erbe identifizieren, sondern auch alte Konflikte neu entfachen. Je mehr sich die türkische Nation mit ihrem osmanischen Erbe befasst, desto stärker werden die Erinnerungen an längst vergangene Konflikte mit Europa, an „treulose Allianzen und ehrverletzende Verträge“, an politische Intrigen und Verrat. Die türkische Film- und Serienbranche leistet dazu einen wesentlichen Beitrag.

Mitte des 19. Jahrhunderts sollten Reformen nach europäischem Vorbild den damaligen Staat retten, aber sie brachten das Osmanische Reich jedoch in die Abhängigkeit europäischer Banken und führten letztlich zum Staatsbankrott. Eine Schuldenverwaltung der europäischen Großmächte war installiert worden. Darüber hinaus traten Frankreich, Großbritannien und Russland als sogenannte Garantiemächte auf, um mit alten Handelsprivilegien (Kapitulationen), teilweise aus dem 15. Jahrhundert, und durch eigene Kaufleute Einfluss geltend zu machen, die Steuerfreiheit und Immunität genossen und sich dem Staat durch konsularische Gerichtsbarkeit entzogen. Anfang 1877 fand der verheerende Krieg mit Russland statt. Das Osmanische Reich musste nach dem verlorenen Krieg von 1877/78 Serbien, Montenegro, Rumänien und Bulgarien nach fast 500 Jahren in die Unabhängigkeit entlassen. Bosnien-Herzegowina wurde durch Österreich besetzt. Auch aufgrund dessen werden heutige Aktivitäten ausländischer Stiftungen und Organisationen misstrauisch betrachtet und mitunter eingeschränkt. Erst Sultan Abdülhamid II. gebot diesem katastrophalen politischen Kurs Einhalt und verstand es, über dreißig Jahre die Interessen der Großmächte gegeneinander auszuspielen, um das Reich vor dem Zusammenbruch zu bewahren.  Die harten Bedingungen, die Abdülhamid durch den Frieden von San Stefano aufgezwungen wurden, wurden 1878 in gewissem Umfang im Berliner Kongress abgemildert, hauptsächlich auf Initiative der britischen Diplomatie. Seit damals lehnte sich Abdülhamid II. enger an das Deutsche Reich an. Deutsche Fachleute sollten die Staatsfinanzen und die Osmanische Armee neu organisieren. Das Drängen der Garantiemächte auf Reformen zugunsten von Minderheiten, die für sie eine halbkoloniale Stellung innehatten, höhlte die Macht des osmanischen Staates aus. Damit verglichen werden heutzutage die EU-Reformvorgaben.

1882 war das vormals osmanische Ägypten von Großbritannien besetzt worden. Die Vereinigung von Bulgarien mit Ostrumelien 1885, deren Trennung auf dem Berliner Kongress vereinbart worden war, war ein weiterer Tiefschlag, ebenso wie 1888 die Besetzung Tunesiens durch Frankreich. Ab diesem Zeitpunkt allerdings konnte Abdülhamid II. vorerst weitere Gebietsverluste vermeiden, so dass er sich in den Folgejahren auf die Stabilisierung seiner autoritären Herrschaft im Inneren konzentrierte. Der Sultan versuchte auch den Zugriff der Staatsgewalt in den östlichen Provinzen zu stärken. Zu diesem Zweck richtete er die Hamidiye-Regimenter ein, deren Angehörige sich aus kurdischen Reitern einzelner Stämme rekrutierten. Das wirkte sich negativ auf die dort lebenden Christen auf.

Jahrhundertelang hatte das Osmanische Reich religiösen Minderheiten eine eigene Gerichtsbarkeit und die administrative Selbstverwaltung von Kirchen, Schulen und Krankenhäusern im Rahmen der Dhimmitude gewährt. Der aufkommende Nationalismus unter den Armeniern, Bulgaren, Griechen, Rumänen und Serben im 19. Jahrhundert ließ dann aber die kirchlichen Bildungsstätten zu politischen Zentren der Nationalbewegungen werden. 1894 gab es 4500 religiöse und über 400 ausländische Bildungseinrichtungen im Osmanischen Reich fernab staatlicher Kontrolle. Frankreich, Großbritannien und Russland unterstützten diese Nationalbewegungen maßgeblich. Der alte Erbfeind Russland träumte von eisfreien Häfen am Mittelmeer und einer neuen byzantinischen Herrschaft über Konstantinopel. Eine panslawische Agenda sollte dafür Russlands Ambitionen auf dem osmanischen Balkan den Weg ebnen.

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges, kurz nach Abdülhamids Sturz, schafften es die 1878 neu entstandenen Balkanstaaten, das Osmanische Reich endgültig aus Europa zu verdrängen. Ethnische Säuberungen und die Flucht von bis zu zwei Millionen Balkantürken nach Anatolien waren die Folge.

Die Furcht vor dem separatistischen Nationalismus sitzt seither tief in der türkischen Gesellschaft. Derzeit blickt sie auf die Osttürkei, wo das Kurdenproblem aufflammt. Die Unterstützung und die offenen Solidaritätsbekundungen westlicher Regierungen für die Kurden und der europäischen Linken für die terroristische PKK lassen für die Mehrheit der Türken keinen anderen Schluss zu, als dass Europa sich wie damals gegen sie verschworen hat.

Es sollte auch nicht vergessen werden, dass die Türkei im Ersten Weltkrieg an der Seite Deutschland und Österreichs gegen Großbritannien, Frankreich, Russland – also gegen die Entente gekämpft und verloren hatte. Deutschlands Waffenhilfe für die kurdischen Peschmerga im Irak erschütterte daher die Türken, so dass man gar vom „Verrat“ des alten Waffenbruders sprach. Denn deutsche Waffen gelangten über die Peschmerga zur kurdischen Terrororganisation PKK und wurden gegen türkische Nato-Soldaten eingesetzt. Die Koalition zwischen der kurdischen YPG/SDF, dem syrischen Ableger der PKK, und der USA im Kampf gegen den IS führte für die Türkei zu einem Tiefpunkt in der Nato-Allianz. Die Folge ist, dass sich die Türkei Russland zuwendet. Russland profitiert von dieser Krise, mit seinem Auftritt in Syrien wie auf der Krim hat es seine Rückkehr in die Weltpolitik gefestigt. Ob der Türkei der politische Spagat gelingt, so wie einst unter Sultan Abdülhamid II., bleibt ungewiss. Die osmanische Geschichte lehrt, dass sich die Außenpolitik Russlands immer negativ auf die Türkei ausgewirkt hat.

Europa täte gut daran, die Osmanische Geschichte zu studieren.

 

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