Zwei Herrscher über Europa

Am 1. Mai 1218 wurde Rudolf I., der Stammvater der Habsburger-Dynastie geboren, also vor 800 Jahren. Das war ein anderes Europa als es heute ist, jedenfalls keines, das von Nationalstaaten beherrscht war.

Zur Zeit der Geburt Rudolfs, den die meisten von uns aus „König Ottokars Glück und Ende“ von Franz Grillparzer kennen, herrschte Friedrich II. (* 1194; † 1250) aus dem Adelsgeschlecht der Staufer. Ab 1198 wurde er zum König von Sizilien, ab 1212 römisch-deutscher König und von 1220 bis zu seinem Tod Kaiser des römisch-deutschen Reiches. Außerdem führte er ab 1225 den Titel „König von Jerusalem“. Von seinen 39 Regierungsjahren als römisch-deutscher Herrscher hielt er sich 28 Jahre in Italien auf. Im Reich nördlich der Alpen konnte er sich gegen Otto IV. durchsetzen und den seit 1198 anhaltenden „deutschen“ Thronstreit beenden. Friedrich machte den Reichsfürsten nördlich der Alpen zahlreiche Zugeständnisse. Im Südreich hingegen stärkte er die Zentralgewalt. 1224 gründete er die Universität Neapel. 1231 wurde die erste weltliche Rechtskodifikation des Mittelalters erlassen. Mit Friedrich endete die arabische Besiedlung Siziliens. Viele von uns sind staunend vor dem Castel des Monte in Kalabrien gestanden, das er zusammen mit einem Netz von Kastellen in Süditalien errichtet hatte. Sein Hof entwickelte sich zu einem bedeutenden Zentrum der Dichtung und Wissenschaft.

Auf seinem Kreuzzug 1228/29 gelang ihm auf dem Verhandlungsweg am 11. Februar 1229 eine Einigung mit dem Sultan al-Kamil.  Ein zehnjähriger Waffenstillstand wurde geschlossen. Der Sultan trat mit Jerusalem, Bethlehem und Nazareth die wichtigsten Ziele der christlichen Pilger sowie einige weitere kleinere Orte an Friedrich ab. Allerdings blieb mit der Al-Aqsa-Moschee die Gründungsstätte des Templerordens bei den Arabern.

Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den Päpsten.  1245 wurde Kaiser Friedrich für abgesetzt erklärt. Friedrichs Konflikt mit den Päpsten Gregor IX. (1227–1241) und Innozenz IV. (1243–1254) verhinderte auch ein gemeinsames Vorgehen gegen die drohende Mongolengefahr. Die päpstliche Propaganda verteufelte Friedrich als Kirchenverfolger und Ketzer, Atheisten, Antichrist oder als Bestie der Johannes-Apokalypse. Bei seinen Anhängern galt Friedrich hingegen als das „Staunen der Welt“ oder „größter unter den Fürsten der Erde“.

Friedrich II. begab sich im Jänner 1237 auch nach Wien; er blieb vier Monate.  Gegen Ende des kaiserlichen Aufenthalts erhielt Wien ein Privileg; es unterstellte Wien der unmittelbaren Herrschaft des Kaisers und stellte eine Ergänzung zum Stadtrecht Leopolds VI. von 1221 dar. Friedrichs Krönungsmantel, der in Sizilien von Arabern gestickt worden war, der eine Dattelpalme, Löwen und Kamele aufweist, befindet sich in Wien in der „Schatzkammer“.

Der Hof – bestehend aus ca. 200 Personen – hatte sich zu einer zentralen Institution der Herrschaft entwickelt. Der wichtigste Bestandteil des Hofes war die Kanzlei, die für die Ausstellung der Urkunden zuständig war. Am Hof Friedrichs sammelten sich christliche, muslimische und jüdische Gelehrte. Der wichtigste wissenschaftliche Berater und Übersetzer für arabische philosophische Texte war am Hof der Schotte Michael Scotus. Neben dem multikulturellen Personal seines Gefolges sorgten auch die exotischen Tiere für Staunen bei Friedrichs Besuchen im Reich nördlich der Alpen.

Im Dezember 1250 verstarb der Staufer überraschend. 1257 brachte die Doppelwahl mit Alfons X. von Kastilien und Richard von Cornwall dem Reich zwei Könige, das sogenannte Interregnum. Diese Zeit endete erst mit der Wahl des römisch-deutschen Königs Rudolf von Habsburg im Jahr 1273. Nord- und Mittelitalien übernahmen regionale Machthaber. Sizilien wurde für die kommenden Jahrhunderte von landfremden Dynastien beherrscht.

In die Zeit des Interregnums fiel Rudolfs Aufstieg zu einem der mächtigsten Territorialherren im Südwesten des Reiches. Mit seiner Wahl zum römisch-deutschen König (1273) endete das Interregnum. Das Haus Habsburg stieg zu einer reichsfürstlichen Dynastie auf. Rudolf erkannte die Bedeutung der Städte für die eigene Königsherrschaft. Seine Steuerpolitik erzeugte jedoch erheblichen städtischen Widerstand. Vergeblich bemühte sich Rudolf, die Kaiserwürde zu erlangen und einen seiner Söhne zu Lebzeiten als Nachfolger im römisch-deutschen Reich einzusetzen.

Vom ausgehenden 12. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts hatte sich ein engerer Kreis besonderer Königswähler (Kurfürsten) herausgebildet, denen es gelang, andere als Wahlberechtigte auszuschließen. Zu den Königswählern gehörten die drei rheinischen Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln sowie der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und der König von Böhmen. Am 1. Oktober 1273 wurde Rudolf von den in Frankfurt versammelten Kurfürsten einmütig gewählt, am 24. Oktober wurde er gemeinsam mit seiner Gemahlin in Aachen zum König gekrönt. Ottokar versuchte vergeblich mit seinen Gesandten beim Papst die Approbation Rudolfs zu verhindern. Die Kurie hatte Bedenken gegen Rudolf, der lange Zeit ein treuer Anhänger der Staufer gewesen war. Diesen Bedenken kam Rudolf vielfach entgegen. So verzichtete er auf eine Wiederaufnahme der staufischen Politik in Italien. Am 26. September 1274 erkannte auch der Papst Rudolf als rechtmäßigen König an. Alfons von Kastilien gab seinen Anspruch auf die Königsherrschaft im Reich erst 1275 in persönlichen Verhandlungen mit dem Papst auf.

Rudolf war es, der die Heiratspolitik der Habsburger begründete: Bereits an seinem Krönungstag veranstaltete Rudolf eine Doppelhochzeit. Seine Tochter Mathilde wurde mit dem Pfalzgrafen bei Rhein und Herzog von Oberbayern Ludwig II. vermählt, einem seiner wichtigsten Wähler. Rudolfs Tochter Agnes wurde mit Herzog Albrecht II. von Sachsen verheiratet. Später initiierte Rudolf die Verbindungen zwischen Hedwig und Otto VI., dem Bruder des Markgrafen Otto V. von Brandenburg, sowie zwischen Guta und Wenzel II., dem Nachfolger des böhmischen Königs Ottokar. Rudolf gelang dadurch, sämtliche weltlichen Königswähler als Schwiegersöhne an seine Familie zu binden.

In Wien musste Ottokar am 21. Oktober 1276 Frieden schließen. Am 25. November nahm Rudolf in Straßenkleidung und auf einem Holzschemel die Huldigung Ottokars entgegen. Rudolf demütigte damit den auf öffentliche Geltung bedachten böhmischen König, denn dieser war zum Belehnungsakt in prunkvollen Gewändern und großem Gefolge erschienen, das war für Ottokar und seine Gemahlin Kunigunde besonders erniedrigend. Für sie war Rudolf nur ein kleiner Graf, der sich die Königswürde anmaßte. Ottokar musste Rudolf als König anerkennen und seine rechtlich fragwürdigen Erwerbungen, die Herzogtümer Österreich, Steiermark und Kärnten mit Krain und Pordenone, herausgeben. Am 26. August 1278 kam es zur Schlacht von Dürnkrut nordöstlich von Wien. Rudolf nahm im Alter von 60 Jahren selbst am Schlachtgeschehen teil. Mit einem strategisch geplanten Flankenangriff konnte Rudolf siegen.

Bis weit in das 14. Jahrhundert wurde mittelalterliche Königsherrschaft im Reich durch ambulante Herrschaftspraxis ausgeübt. Rudolf musste durch das Reich reisen und dadurch seiner Herrschaft Geltung und Autorität verschaffen. Der Herrscher hatte keine feste Residenz. Der Hof bildete die „Organisationsform der Herrschaft“. Hoftage gelten als „bedeutendste politische Verdichtungspunkte“ im Reich des 12. und 13. Jahrhunderts. Die Anzahl der auf einem Hoftag versammelten Fürsten machte die Stärke und Integrationskraft der Königsherrschaft deutlich. Die Hoftage bildeten als politische Versammlungen das Ranggefüge von König und Fürsten im Reich ab.

In Rudolfs 18 Herrschaftsjahren amtierten acht Päpste. Auch das war einer der der Gründe warum er die Kaiserwürde nie erlangen konnte. Zu Beginn des Sommers 1291 verschlechterte sich Rudolfs gesundheitlicher Zustand erheblich. Einen Tag nach seiner Ankunft in Speyer starb er am 15. Juli 1291 wohl an Altersschwäche in Verbindung mit einer Gichterkrankung.

Ob nun die Zeit für die Untertanen der Herrschenden im Mittelalter besser waren, als in den Nationalstaaten heute?

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