Geschmack der Kindheit

Heute lese ich in der Zeitung, dass importierter Billighonig zuweilen auch gepanscht ist. Naja, vielleicht wäre er sonst nicht so billig. Dennoch: in meiner Kindheit gab es den Kunsthonig, namens Naschkätzchen. Ich fand ihn großartig! Später war ich dann „honigverwöhnt“: Der Freund unserer Haushälterin war Imker – ich wusste daher auch immer woher die jeweilige Honigsorte kam. Die Bienen wurden ins Auto gepackt (nur in der Nacht möglich) und an einen Standort gebracht, wo es gerade geblüht hat, z.B.  Akazien, Raps etc.  Dieser Imker legt großen Wert auf Sortenreinheit. Der cremige Rapshonig war auch köstlich. Heute habe ich aus obiger Zeitung auch gelernt, dass es so genannte Wanderimker gibt.

Aber auch Marmelade kann wunderbare Assoziationen wecken.  Selbst die Marmelade fast ohne Zucker, die nach dem Krieg eingekocht wurde – schmeckte einfach unübertroffen, weil sie aus ganz reifen Marillen eingekocht wurde, die in der Wachau gehamstert und in einem alten Koffer nach Wien gebracht worden waren. Heute schmeckt mir die Marmelade einer lieben Freundin besonders gut. Sie besteht aus Bergamotten mit Cedri – wenn ich das auf ein Brot streiche, meine ich im Sommer an der ligurischen Küste in einem schattigen Hotelgarten zu sitzen und zu frühstücken.

Bergamotten?  Eine Zitruspflanze, die als Hybride aus Süßer Limette und Bitterorange oder aus Zitronatzitrone und Bitterorange entstanden sein könnten. Beschrieben wurde die Pflanze erstmals in der Mitte des 17. Jahrhunderts.

Also derartiges kannte ich in meiner Kindheit nicht. Die einzige damals „exotische“ Frucht, die ich kannte, die aber während des Krieges nicht verfügbar war, war die Banane. Von der wurde gesprochen, sie verkörperte so etwas wie „nicht-Krieg“. Schon faszinierend, dass auch in der DDR die Bananen rar waren und nach der Wende anfänglich sehr, sehr begehrt waren. Ja, und ich kannte doch noch eine exotische Frucht – es war die Kaktusfeige, die mein Vater von den Flügen nach Sizilien mitbrachte. Sie war zwar äußerst stachelig, aber natürlich wurde sie für mich als Kind geschält.

Pineapples lernte ich erst bei meinem Studienaufenthalt in den USA kennen, seit damals assoziiere ich sie mit Hawaii, denn sie wurden dort immer zu Partys serviert, zu denen die Mädchen als Hawaiianerinnen verkleidet waren.  Vorher hatte man sie bei uns als Kompott in Dosen bekommen, die sichtlich von den amerikanischen Besatzungsmächten geliefert worden waren. Als die Pineapples dann auch bei uns zu bekommen waren, wurden sie für Toast Hawaii oder die unsäglichen Schnitzel Hawaii verwendet.

Ansonsten erinnere ich mich in meiner Kindheit nur an Zwetschgen, die mein Vater aus Bosnien mitbrachte, die waren zwar sehr gut, aber gar nicht exotisch. Zusätzlich dazu gab’s Äpfel, Birnen, Ribisel und Ogrosel (beide aus den Gärten unserer Verwandten in Pernitz), Ananaserdbeeren und Walderdbeeren, die ebenso gesammelt wurden wie Himbeeren und Brombeeren. Später, im Mühlviertel, pflückten wir noch Heidelbeeren und eher selten Preiselbeeren. Etwas Besonderes waren die gelben Herzkirschen, die im Garten der Großmutter meiner Freundin wuchsen. Wir saßen in den Bäumen und aßen so viel, bis uns schlecht war davon. Marillen, Kriecherln (eine Art kleiner, süßer gelber Pflaume) und Weintrauben kamen immer nur zu jener Jahreszeit, bei der sie in unseren Breiten reif geworden waren.

Alle diese Früchte wurden auch verkocht, nicht nur zur Marmelade und Kompott, auch zu Strudeln, zu Knödeln. Der Strudelteig wurde selbstverständlich selbst zubereitet, er musste „ausgezogen“ werden, er durfte nicht reißen und er sollte so dünn sein, dass man eine Zeitung hindurch lesen können sollte. Aber nicht nur Strudelteig wurde selber gemacht, sondern auch die Nudeln – hauptsächlich Suppennudeln für die Rindsuppe und Fleckerl für die Krautfleckerl. Als eine besondere Delikatesse galten Germknödel mit Zwetschgenröster! Auch Semmelknödeln wurden hausgemacht, die Würferl dafür wurden aus hart gewordenen Semmeln oder Weißbrot geschnitten. Das restliche Weißbrot wurde zu Bröseln gerieben. Weggeworfen wurde gar nichts. Kochen war wesentlich arbeitsaufwändiger als es heute betrieben wird. Fleisch gab’s eher selten, dafür köstliche Dinge wie alle Arten von Schmarren, Reisauflauf, gebackene Mäuse, Scheiterhaufen, natürlich Palatschinken mit unterschiedlichster Füllung. Dazu kamen zur Abwechslung Topfen- oder Apfelstrudel, Marillen- oder Zwetschkenknödel. Herrlich war es, wenn eine Pfanne Buchteln gebacken worden waren. Meine liebsten davon waren die Dukatenbuchteln mit Vanillesauce! Weniger gern hatte ich die Powidl-Liwanzen. Diese Schmankerln waren damals die Hauptspeise, meist nach einer Suppe. Eine besondere Freude machte man uns Kindern mit Pudding – dazu zeigte man im Kino sogar einen Werbefilm für Oetker-Pudding.

In Ermangelung von Geschirrwaschmaschinen musste dann alle Töpfe und Teller von Hand abgewaschen und abgetrocknet werden. Und Eingekauft musste auch jeden Tag werden, denn es gab nur den Eiskasten! In wahrsten Sinn des Wortes, denn der Eismann – mit einem Sack über Kopf und Schultern lieferte die Eisblöcke für die – eben: Eiskästen (nicht Gefrierschränke).

Ins Gasthaus ging man sehr, sehr selten. Es war auch noch nicht die Zeit der „ethnic-restaurants“. Langsam tauchten italienische Restaurants auf, nachdem manche bereits nach Italien auf Urlaub gefahren waren. Man war stolz darauf dort eine Pasta asciutta gegessen zu haben! Aber italienische Eissalons hat es „immer schon“ in Wien gegeben; und damals und noch immer kommt es zu erbittert ausgetragenen Familienfehden, wer von diesen wohl das beste Eis hätte.

Vieles von den Köstlichkeiten unsere frühen Jahre kann man jetzt als Fertigprodukte kaufen, aber so gut, wie sie in unserer Kindheit geschmeckt haben, können sie gar nicht sein.

 

Geschmack der Kindheit

Zur Lehre vom Gerechten Krieg

Viel wird bei uns von der Bedrohung durch den Dschihad gesprochen. Aber gibt es nicht auch bei uns das Konzept vom „Gerechten Krieg“, ja sogar vom „Heiligen Krieg“?  Nur in der Vergangenheit?

Was war das mit der „Westlichen“ Bombardierung in Syrien? Wann ist es legitim, Krieg gegen einen souveränen Staat zu führen, wenn es sich dabei nicht um einen Verteidigungskrieg handelt?

Schon im Altertum stellte sich Marcus Tullius Cicero (*106 v. Chr.; † 43 v. Chr.) die Frage, unter welchen Bedingungen ein Krieg nicht gerecht ist. Es kommt ihm auf die Eingrenzung des Krieges an. Seiner Ansicht nach ist der Krieg immer nur ein Mittel, um einen Zweck, nämlich den Frieden, zu erreichen.

Für den Kirchenlehrer Aurelius Augustinus (*354; † 430) ist ein Krieg oder bewaffneter Konflikt zwischen Kollektiven – meist Staaten –dann und nur dann ethisch und rechtlich legitim, wenn er bestimmten Anforderungen genügt: Er muss dem Frieden dienen und diesen wiederherstellen.

  • Er darf sich nur gegen begangenes, dem Feind vorwerfbares Unrecht – eine gravierende Verletzung oder Bedrohung der Rechtsordnung – richten, das wegen des feindlichen Verhaltens fortbesteht
  • Eine legitime Autorität – Gott oder ein Fürst – muss den Krieg anordnen. Dabei muss der Fürst die innerstaatliche Ordnung wahren, das heißt die gegebenen Strukturen des Befehlens und Gehorchens.
  • Sein Kriegsbefehl darf nicht gegen Gottes Gebot verstoßen: Der Soldat muss ihn als Dienst am Frieden einsehen und ausführen können.

Außerdem lehrte er – vermutlich erstmals in der Menschheitsgeschichte -, dass der Friede (und nicht der Krieg) das – von Gott geschaffene – Naturgesetz und das letzte Ziel der Menschheit sei.

Das hinderte aber nicht Päpste (z.B. Gregor der Große) noch Kaiser (z.B. Karl der Große) daran, christliche Mission kriegerisch zu betreiben.  Das Decretum Gratiani (um 1140) beantwortete die Frage, ob Kriegführen Sünde sei, mit Verweis auf Bibelstellen, die für einen christlichen Pazifismus sprechen. Wenn diese von Friedensliebe und Güte geprägt sei, die Guten vor Übergriffen der Bösen schützen wolle und somit das Staatswohl verfolge, sei bewaffnete Abwehr gegen von außen aufgezwungene Kriege gerechtfertigt. Zerstörungslust, grausame Rach- und Machtsucht machten Krieg dagegen ungerecht. Dies sollte Privatfehden und reine Eroberungsfeldzüge ausschließen. Die Kirche dürfe sich gegen Ketzer gewaltsam verteidigen und dazu auch die Staatsmacht zu Hilfe rufen; wenn diese den Krieg befehle, müssten christliche Soldaten dem Folge leisten.

Nur der Papst konnte demnach Kreuzzüge und Ketzerbekämpfung erlauben, anordnen und diese mit Sanktionen wie dem Kirchenbann gegen weltliche Herren durchsetzen. Aus der Zeit der Kreuzzüge entstammt das schlechte Ansehen der Idee, Krieg im Namen des Guten zu führen. Das Motto der Kreuzzüge war: Deus lo vult! („Gott will es!“)

Das dritte Laterankonzil 1179 verbot die Versklavung von Kriegsgefangenen. Papst Innozenz IV. lehrte 1234 das natürliche Recht der Heiden auf Privateigentum und erkannte nichtchristliche Herrscher an, sofern diese die unter ihnen lebenden Christen nicht unterdrückten.

Für Thomas von Aquin (1225–1274) umschloss Frieden nicht nur Abwesenheit von Krieg, sondern geordnetes Zusammenleben von Gläubigen und Nichtgläubigen. Krieg ist ein Laster, das im Widerspruch zur christlichen Liebe stehe. Gerecht war der Krieg für Thomas also nur dann, wenn er von einer dazu legitimierten Regierung zur Verteidigung einer potentiell für alle gültigen Rechtsordnungen mit Aussicht auf ein positives Ergebnis, auf weniger statt mehr Sünde und ohne eigensüchtige Motive geführt werden konnte. Jedenfalls ist auch nach einer Machtübernahme verboten, einen Heiden oder Juden zum Glauben zu zwingen, was einen eigentlichen Missionskrieg ausschließt.

Im Rahmen seiner Zwei-Reiche-Lehre verstand Martin Luther Frieden als elementare Bedingung allen Zusammenlebens und höchstes irdisches Gut, dem alle Menschen zu dienen hätten. Christen müssten diesen Frieden von der Politik verlangen.

In der Renaissance entstand das Konzept des gerechten Krieges aus humanitären Motiven. Angesichts der grausamen Behandlung der indigenen Bevölkerung Südamerikas erklärte Bartolomé de Las Casas (* 1484 oder 1485; † 1566) alle spanischen Kolonialkriege in der neuen Welt für ungerecht. Der spanische Rechtsphilosoph Francisco de Vitoria (* um 1483; † 1546) forderte im Zusammenhang mit der Entdeckung Amerikas von 1539, die Menschenopfer der Azteken durch ein europäisches Einschreiten zu beenden. Für Vitoria bestand ein Verantwortungszusammenhang der Menschheit, der nicht an den Grenzen eines Staats Halt macht. Das wesentliche Kriterium des gerechten Kriegs ist für ihn eine Unrechtmäßigkeit, die eine Zivilbevölkerung erleidet – etwa, wenn ihr das Recht auf körperliche Unversehrtheit genommen wird oder ihre ökonomische und politische Teilhabe am Gemeinwesen. Wenn ein solches Unrecht systematisch ist, ist es nach Vitoria Pflicht, diese Regierung von außen zu stürzen.

Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) erklärten sich die christlichen Konfessionen wechselseitig zu Verbrechern und Ketzern, bejahten Eroberungs- und Vernichtungsfeldzüge ihrer Landesherren und wirkten daran mit. Da jede Kriegspartei theoretisch zulässige Kriegsgründe beanspruchte, zerbrach die moralische Autorität der Kirchen als Ratgeber für Krieg und Frieden. Der Westfälische Frieden von 1648 erkannte die volle Souveränität der Reichsstände an, über Krieg und Frieden zu entscheiden. Damit war die Notwendigkeit einer obersten legitimen Autorität nicht mehr relevant.

Immanuel Kant stellte 1793 fest, dass alle bisherigen Versuche, Krieg an rechtliche Regeln zu binden, keinen wirklichen Frieden gebracht hätten. Wesentliche Kriegsursachen müssten beseitigt werden:

  • Geheimpolitik, da diese heimliche Kriegspläne begünstige
  • die Betrachtung fremder Staaten als zu erobernden Besitz statt als Ergebnis der Selbstbestimmung der Völker
  • stehende Heere, die zum Wettrüsten veranlassten und Angriffskriege ermöglichten
  • das Aufnehmen von Staatsschulden für außenpolitische Konflikte, die zum Staatsbankrott führten, aus dem dann der nächste Krieg retten solle
  • jede gewaltsame Intervention in Angelegenheiten fremder Staaten, ausgenommen im Falle eines Bürgerkrieges.

Das Kriegsrecht müsse alle Maßnahmen ausschließen, die das wechselseitige Vertrauen in künftigen Frieden zerstören würden:

  • Beschäftigung von Kriminellen in Staat und Armee,
  • Anstiftung zu Verrat
  • Missachtung gegnerischer Kapitulationsangebote.

In der Neuzeit werden folgende Prinzipien hinzugefügt:

  • Krieg ist ultima ratio. Solange nicht alle vernünftigen diplomatischen und politischen Mittel ausgeschöpft sind, kann man von gerechtem Krieg nicht sprechen.
  • Ein gerechter Krieg unterscheidet bei der Auswahl seiner Ziele. Er richtet sich gegen die militärischen Verursacher des Übels und schont die Zivilbevölkerung. Er unterlässt die Bombardierung ziviler Wohngebiete, die kein militärisches Ziel darstellen, sowie Terrorakte oder Repressalien gegen die Zivilbevölkerung.
  • Ein gerechter Krieg hat das Prinzip der Proportionalität zu achten. Die aufgewendete Stärke hat dem Übel zu widerstehen, und dem Guten zum Wachstum zu verhelfen. Je höher die Zahl der Kollateralschäden, desto verdächtiger der moralische Anspruch der kriegführenden Partei.
  • Die Folter von Kriegsgegnern ist untersagt.
  • Kriegsgefangene sind human zu behandeln.

Nach dem Ersten Weltkrieg kommt es zur Ächtung des Krieges – auch durch die Gründung des Völkerbundes. Seit 1945 wird der Gebrauch von Gewalt in den internationalen Beziehungen durch die Charta der Vereinten Nationen (UN) geregelt, die einige der Kriterien des gerechten Krieges aufgriff und präzisierte. Eins der dort festgelegten Hauptziele der Vereinten Nationen ist die Wahrung des Weltfriedens. Um dies zu erreichen, legten die Staaten sich ein generelles Gewaltverbot auf und betonten die Souveränität und territoriale Integrität gleichberechtigter Staaten.

Die Lehre vom gerechten Krieg erlebte seit etwa 1990 parallel zu den westlichen Interventionskriegen im Irak 1991, im Kosovo 1999, in Afghanistan 2001 und im Irak 2003 eine Renaissance und ist in der heutigen Diskussion wieder aktuell.

Nur, wenn ich so nur z.B. die Situation in Syrien betrachte: hat sich irgendwer an diese Regelungen gehalten und hat das alles der Bevölkerung dort genutzt?

Zur Lehre vom Gerechten Krieg

Zur Stellung der Muslima und zu den Frauen des Propheten

Nicht alle Einstellungen und Verhaltensweisen in Bezug auf die Frauen sind im Islam religiös bedingt, sie stammen z. T. schon aus vorislamischer Zeit. Hinzu kommen die typischen Merkmale einer patriarchalischen Gesellschaft. Im Islam wird zudem die männliche Überlegenheit mit der Gottesbevorzugung des Mannes begründet.

Der Koran erwähnt an mehrere Stellen, dass die Frau sich in Bezug auf ihre Menschlichkeit nicht vom Mann unterscheidet. In der Belohnung ihrer Frömmigkeit ist sie dem Mann gleichgestellt (Sure 33,35), ebenso in ihren religiösen Rechten und Pflichten. Beide sind Stellvertreter Allahs auf Erden und für ihr Tun verantwortlich.
Der Koran betont aber auch die Unterordnung und Benachteiligung der Frau: „Die Männer haben Vollmacht gegenüber den Frauen, weil Allah die einen vor den anderen bevorzugt hat. Und weil die Männer von ihrem Vermögen für die Frauen ausgeben. Die männliche Überlegenheit wird mit der Gottesbevorzugung begründet. Der Mann hat die Versorgungspflicht und kann von der Frau dafür Gehorsam Frauen in der islamischen Gesellschaft verlangen. Bei Auflehnung darf er sie züchtigen und mit dem Entzug des ehelichen Verkehrs bis zu vier Monaten bestrafen. Der Mann hat das Recht, an jedem beliebigen Ort und zu jeder Zeit (außer in Zeiten ihrer Unreinheit) mit seiner Frau geschlechtlich zu verkehren, ohne sie um ihre Einwilligung fragen zu müssen.

Mehrehe ist im Koran erlaubt: „Wenn ihr aber befürchtet, den Waisen nicht gerecht zu sein, dann heiratet, was euch an Frauen beliebt, zwei, drei oder vier. Wenn ihr aber befürchtet, sie nicht gleich zu behandeln, dann nur eine oder was eure rechte Hand an Sklavinnen besitzt“ (Sure 4,3). Manche behaupten, dass diese Gleichbehandlung unmöglich ist.

Nach dem Koran wurde es Mohammed ausdrücklich erlaubt, mehr als die sonst im Islam maximal gestatteten vier Ehen gleichzeitig einzugehen. Er hatte mindestens neun (nach anderen Angaben 12 oder 14) Frauen, sowie Sklavinnen und Konkubinen. In Sure 33:50 steht:

„Prophet! Wir haben dir zur Ehe erlaubt: deine (bisherigen) Gattinnen, denen du ihren Lohn gegeben hast; was du (an Sklavinnen) besitzt, (ein Besitz, der) dir von Allah (als Beute) zugewiesen (worden ist); die Töchter deines Vaterbruders und die Töchter deiner Vaterschwestern und die Töchter deines Mutterbruders und die Töchter deiner Mutterschwestern, die mit dir ausgewandert sind; (weiter) eine (jede) gläubige Frau, wenn sie sich dem Propheten schenkt und er (seinerseits) sie heiraten will. Das (letztere) gilt in Sonderheit für dich im Gegensatz zu den (anderen) Gläubigen. Wir wissen wohl, was wir ihnen hinsichtlich ihrer Gattinnen und ihres Besitzes (an Sklavinnen) zur Pflicht gemacht haben. (Die obige Verordnung ist eine Sonderregelung für dich) damit du dich nicht bedrückt zu fühlen brauchst (wenn du zusätzliche Rechte in Anspruch nimmst). Und Allah ist barmherzig und bereit zu vergeben.“

Zu der ersten Frau des Propheten Mohammed habe ich schon im November 2017 geschrieben: „Geschichten aus der Familie des Propheten“.   Chadidscha, war die einzigen seiner Frauen, mit der er in Einehe lebte. Chadidscha war – nach unseren Maßstäben – eine moderne, selbstständige Frau. Sie war Erbin einer Karawanserei und eines Handelsgeschäftes in Mekka und Teil des sehr angesehenen Stammes der Quraisch. Sie war Witwe und vor der Ehe mit Mohammed schon zweimal verheiratet gewesen. Doch eine Frau wie wir sie bei den heutigen Muslimas nicht erwarten. Die islamische Überlieferung stellt Chadidscha als eine treusorgende Ehefrau dar und attestiert ihr große Anteilnahme an den religiösen Erlebnissen ihres Mannes, sie war auch erste Person, die an Mohammeds religiöse Botschaft glaubte.

Erst nach Chadidschas Tod im Jahre 619 war der Prophet jedoch mit einer Vielzahl von Frauen gleichzeitig verheiratet. Daneben hatte er auch Sklavinnen als Konkubinen, beispielsweise Maria al-Qibtiyya, wahrscheinlich eine Christin. Alle Ehefrauen gelten als eine „Mütter der Gläubigen“.

Sauda bint Zama wurde die zweite Frau Mohammeds. Sauda trat früh zum Islam über und wird als besonders gütig und warmherzig beschrieben.

Aischa gilt bei den Sunniten als Lieblingsfrau des Propheten. Im islamischen Schrifttum wird Aischas Alter bei der Eheschließung mehrheitlich mit sechs bzw. sieben Jahren, beim Vollzug der Ehe mit neun bzw. zehn Jahren verzeichnet. Aischa wurde später allerdings der Unzucht beschuldigt, jedoch durch eine Offenbarung (Sure 24:11–20) entlastet. Aischas Eifersucht ist durch die Sira (Prophetenbiographie) belegt. Spät, nach dem Tod Mohammeds, befürwortete sie 656 zusammen mit zwei ehemaligen Gefährten Mohammeds, einen Aufruhr gegen den vierten Kalifen Ali, einen Vetter ihres verstorbenen Mannes. Der Kalif jedoch schlug in der sogenannten „Kamelschlacht“ bei Basra den Aufstand nieder und nahm unter anderem Aischa gefangen. Er begnadigte sie später. In der Hadith-Literatur erscheint Aischa außerdem als eine bedeutende Übermittlerin religiösen Wissens.

Hafsa bint Umar war verwitwet gewesen, und ist möglicherweise ein Beispiel dafür, dass Witwen, um ihren wirtschaftlichen Status zu bewahren, von Freunden ihrer Männer geheiratet wurden.  Hafsa war die einzige unter den Ehefrauen Mohammeds, die nicht nur des Lesens, sondern auch des Schreibens kundig war. Hafsa besaß ein eigenes Koranexemplar, das bei der „Sammlung des Korans“ durch den Kalifen Uthman von entscheidender Bedeutung war.

Zainab bint Chuzaima war die fünfte Ehefrau Mohammeds. Ihr erster Ehemann ließ sich von ihr scheiden. Später heiratete sie den Bruder des ersten Ehemannes, dieser fiel in der Schlacht von Badr. Mohammed heiratete sie zwei Jahre später. Bereits in vorislamischer Zeit trug sie aufgrund ihrer Freigiebigkeit den Beinamen „Mutter der Armen“

Zainab bint Gahs kam als eine der ersten Auswanderer nach Medina und war Mohammeds Cousine. Zainab war die Frau seines Adoptivsohnes Zaid, der, nachdem Mohammed von Allah dazu ermächtigt worden war, von ihr geschieden wurde. Sie soll nach den Sunniten neben Aischa eine Lieblingsfrau Mohammeds gewesen sein. In zahlreichen Hadithen wird sie als mildtätig und freigiebig beschrieben.

Umm Salama, Witwe des Abu Salama, eines engen Freundes von Mohammed. Als dieser im Jahr 626 starb, heiratete Mohammed sie.

Dschuwairiya bint al-Hārith gehörte den Banū l-Mustaliq an. Mohammed heiratete sie nach seinem erfolgreichen Kriegszug gegen die Banū l-Mustaliq, bei dem sowohl sie als auch viele ihrer Stammesgenossen von den Muslimen gefangengenommen und versklavt wurden. Dschuwairiyas ursprünglicher Name war Barra („Gehorsam“). Erst Mohammed soll ihr den Namen Dschuwairiya gegeben haben.

Safiyya bint Huyayy war eine Jüdin, wurde bei der Eroberung Haibars gefangen genommen, wenig später gab Mohammed ihr die Freiheit und heiratete sie.

Und dann gab es noch: Ramla bint Abi Sufyan und Maymuna bint al-Harith

Wenige der hier angeführten Frauen scheinen dem Idealbild einer Ehefrau, wie sie letztlich im Koran beschrieben ist, zu entsprechen?

 

Zur Stellung der Muslima und zu den Frauen des Propheten

Die Launen des Golfstromes

Über den Golfstrom habe ich in der Schule gelernt. Das wird wohl in den späten 1940er Jahren gewesen sein. Im Geographieunterricht. Er erschien mir als etwas Unveränderliches, Beständiges, Verlässliches und Erfreuliches. Schließlich, so lernten wir das damals, ermöglichte der Golfstrom, dass es an der südenglischen Küste Palmen gab. Zwar war diese für uns damals weit weg, aber die Vorstellung war wunderschön. Außerdem gefiel mir der Name!

Was ist nun der Golfstrom

Als Golfstrom wird traditionell die 1513 von Ponce de Leon und seiner Besatzung entdeckte (und schon zwei Jahrzehnte später als Grundlage für die spanische Schiffsroutenberatung genutzte) starke horizontale Meeresströmung an der Oberfläche bezeichnet, die nahe der US-amerikanischen Ostküste von Florida bis North Carolina verläuft. Bei Kap Hatteras auf 35 Grad Nord löst sich der Strom von der Küste und dringt als gebündelter Strahlstrom mit etwa 5 km/h auf 50 km Breite in den offenen Atlantik vor. Nach der Ablösung fängt die Strömung an zu flackern wie eine Kerze mit zu langem Docht. In unregelmäßigen Abständen lösen sich geschlossene Ringe ab, die sich dann wie Tiefdruckgebiete der Atmosphäre fortbewegen, aber Lebenszeiten von vielen Monaten erreichen können. Nach etwa 1500 km verliert sich der Charakter als gebündelter Strom, man bezeichnet die Verzweigungen als Golfstromausläufer, den nach Norwegen reichenden Ast auch als Nordatlantischen Strom. Man vermeidet terminologische Schwierigkeiten, wenn man allgemein vom „Golfstromsystem“ spricht.

Über die Entstehung dieser Struktur wurde lange gerätselt; der Name deutet auf eine heute als irrig angesehene Überlegungen. Eine mathematisch exakte Erklärung, die dann allerdings verblüffend einfach wirkte, wurde erst 1947 angegeben. Die Ursachen sind die von der atmosphärischen Zirkulation aufgezwungene Drehbewegung (Passate aus östlichen Richtungen in den Tropen und Westwinde in mittleren Breiten) und die nach Norden zunehmende Wirkung der Erdrotation auf die Bewegung des Wassers.

In den letzten Jahren ist ein anderer, vertikaler Aspekt der Zirkulation ins Interesse auch der Öffentlichkeit gelangt: das an der Oberfläche überwiegend nach Norden strömende Wasser kehrt nach Abkühlung in tiefen Schichten in den südlichen Ozean zurück. Der damit verbundene Transport von Wärme nach Norden wird auf eine Milliarde Megawatt abgeschätzt, das sind 300 Millionen Kilowattstunden pro Sekunde.

Jetzt wird diese Beständigkeit erschüttert.

Aber zuerst zu den Fakten: Die warme Wasserströmung im Atlantik entspringt im Golf von Mexiko. Von dort gelangt das warme Wasser, gelenkt von Winden und der Erddrehung, nach Norden. Auf dem Weg kühlt es sich ab und wird immer salziger, weil ständig Wasser verdunstet. Seine Dichte steigt. Schließlich sinkt das abgekühlte, salzreiche Wasser in die Tiefe und fließt zurück nach Süden. Angetrieben wird der Megastrom im Ozean von Unterschieden in der Dichte des Meerwassers. Aus dem Süden fließt warmes, daher leichteres Wasser nach Norden, wo das kalte, schwerere Wasser in tiefere Meeresschichten absinkt und sich wieder südwärts bewegt. Diese Balance wird zunehmend gestört. Durch Verdünnung des Golfstrom-Wassers mit Süßwasser (z. B. Schmelzwasser aus Grönland) nimmt die Dichte ab und die Zirkulation wird geschwächt.

Der Ozean südlich von Grönland kühlt sich ab, weil das heranströmende Wasser nicht mehr so rasch in die Tiefe sinkt und deshalb weniger warmes Wasser nachströmen kann. Gleichzeitig heizen sich die Gewässer entlang der nördlichen Hälfte der US-Atlantikküste auf.

Durch die globale Erwärmung gibt es mehr Regen über dem Nordatlantik und den benachbarten Landmassen – dadurch fließt mehr Süßwasser in den Ozean. Auch das schmelzende Eis der Arktis verdünnt das Wasser des Nordatlantiks. Der Salzgehalt sinkt. Weniger salzhaltiges Wasser jedoch ist weniger dicht und damit weniger schwer. Es sinke damit nicht mehr so schnell von der Oberfläche in die Tiefe.

Es sind gewaltige Dimensionen, um die es hier geht. Die Strömung transportiert mehr Wasser als alle Flüsse der Erde zusammen, und ihre Wärmeleistung entspricht 1,5 Billionen Kilowatt – das ist so viel Energie, wie zwei Millionen Atomkraftwerke theoretisch produzieren könnten.

Der Golfstrom hat sich aber deutlich verlangsamt, und zwar um rund 15 Prozent. Er sei heute schwächer als je zuvor in den vergangenen 1.000 Jahren, meint die Wissenschaft.

Welche Konsequenzen werden von Wissenschaftlern erwartet:

Reißt die Strömung ganz ab, wie es in der Erdgeschichte bereits mehrmals passiert bist, könnte es mit dem milden Klima in Europa vorbei sein. Ein möglicher Zusammenbruch des Golfstroms könnte die Temperaturen in Nordwest-Europa auf Talfahrt schicken:

  • minus sieben Grad Celsius im Winter in Island,
  • minus fünf in Nordnorwegen,
  • minus drei in Irland und Schottland,
  • minus ein Grad von der Bretagne über Norddeutschland bis ins Baltikum.

Und das, obwohl die globale Erwärmung die Durchschnittstemperatur der Erde bis dahin wohl um mindestens zwei bis drei Grad angehoben haben wird. Die Ökosysteme des Ozeans würden gestört, die Fischerei wäre gefährdet. In Nordamerika könnte der Meeresspiegel zusätzlich ansteigen, mit schweren Folgen für Metropolen wie New York. Und Wettermuster auf beiden Seiten des Atlantiks könnten sich ändern. Forscher halten in Europa zum Beispiel mehr Stürme für möglich.

Dort, wo Atlantik und Indischer Ozean ineinander übergehen, entscheidet sich auch die Zukunft des Golfstroms, nämlich vor Kapstadt, wo Atlantik und Indischer Ozean ineinander übergehen.

Gelingt es nicht, rasch die globale Erwärmung zu stoppen, wird wahrscheinlich die Atlantikströmung immer langsamer. Frühere Studien hatten bereits gezeigt, wie die atlantischen Meeresoberflächentemperaturen das Wetter in Europa beeinflussen. So gab es einen Zusammenhang zwischen der Hitzewelle im Sommer 2015 in Europa und einer Rekordkälte im Nordatlantik. Der kalte Nordatlantik veränderte das Muster an Luftdrucksystemen und begünstigte damit den Zufluss warmer Luft aus dem Süden nach Europa.

Es wird angenommen, dass der Golfstrom sich zwar wegen des Klimawandels um 20 bis 30 Prozent abschwächen könne, aber er werde wohl nicht zusammenbrechen. Ein Abreißen des Stroms allerdings wäre eines der Kippelemente des Klimasystems.

Mich – als alten Menschen – wird die Abkühlung, Verlangsamung des Golfstroms nicht mehr treffen, aber ich fürchte, dass meine Kinder und Kindeskinder drunter leiden werden. Dennoch bleibe ich optimistisch, die Erde kann sich vielleicht selber reparieren (siehe auch das mehrmalige Abreißen des Golfstromes in lang zurückliegenden Zeiten) , ob das allerdings zugunsten der Europäer ausgehen wird, ist noch nicht abzusehen.

Die Launen des Golfstromes

Rückgekehrte versklavte Jesidinnen willkommen, nicht aber ihre Kinder

Ich gebe zu, von den Jesiden erstmals bei ihrer Vertreibung durch den IS gehört zu haben. Seit August 2014 sind die Jesiden Opfer eines andauernden Genozids. Als sogenannte „Ungläubige“ fliehen sie im Norden des Iraks vor Verfolgung, Versklavung und Ermordung durch die terroristisch agierende fundamentalistische Miliz Islamischer Staat. Männer wurden auf der Stelle erschossen, Frauen und Kinder aus ihren Dörfern nach Mossul verschleppt und als Sexsklavinnen missbraucht – ein Kriegsverbrechen, das den Jesiden ihren Überlebenswillen und ihr moralisches Rückgrat brechen soll. Mehr als die Hälfte der 800.000 irakischen Jesiden hat alles verloren.

Wir alle haben erschüttert ihre Flucht in den Medien, vor allem im ORF verfolgt und diese Menschen bedauert. Jesidinnen aus dem Irak haben den Sacharow-Preis für Menschenrechte des Europaparlaments erhalten.

Während die Macht des IS im Irak und Syrien schwindet, bleiben Tausende Jesiden verschwunden. Viele der entführten und verkauften Menschen, werden versteckt oder verstecken sich aus Scham und Angst. Viele von ihnen gelten heute noch als vermisst. Denn sie fürchteten nun um ihr Leben, weil sie während ihrer Gefangenschaft unter dem IS dazu gezwungen wurden, zum Islam zu konvertieren. Die Entführten sind Opfer der IS-Strategie, den jesidischen Glauben auszulöschen.

Manche  jesidische Frauen und Kinder sind inzwischen aus den IS-Gebieten zurückgekommen. Einige Geiseln konnten mithilfe kurdischer Geheimdienstler fliehen, andere wurden von Verwandten freigekauft. Dennoch: es gibt die strikte Tradition ihrer Kultur. Die missbrauchten Frauen meinen, sich niemanden anvertrauen können und verbergen vor ihrer Familie voller Scham, was sie durchgemacht haben. Manche NGOs helfen ihnen, heimlich Schwangerschaftstests durchzuführen oder vermitteln eine Abtreibung im Krankenhaus.

Ich bin wiederum empört: Zwar hat nun das religiöse Oberhaupt der Jesiden angeordnet, die zurückgekehrten Frauen sollen mit offenen Armen aufgenommen werden (wohl eine Selbstverständlichkiet!). Das gilt aber nicht für ihre Kinder, d.h. jene Kinder, die von IS Kämpfern gezeugt worden sind.  Diese sollten getötet, oder an muslimische Familien zur Adoption freigegeben oder in Waisenhäusern untergebracht werden. Keinesfalls bei der Mutter bleiben, die wieder in die jesidische Gemeinschaft zurückgekehrt ist. Ich möchte mich nicht in die Lage dieser Mütter versetzen, die ihre Kinder „weggeben müssen“, aber noch trauriger finde ich das Schicksal dieser Kinder. Besonders weil die Jesiden soviel Mitgefühl erhalten haben, finde ich jetzt das Verhalten der religiösen Führer besonders empörend. Einschränkend muss ich allerdings bemerken, dass es ihrer Religion entspricht, die endogam ist, d.h. dass beide Ehepartner derselben Gruppe (Jesiden) angehören müssen. Das ist sicherlich ein Dilemma, wofür man aber nicht die Kinder verantwortlich machen kann.

Die Jesiden sind eine zumeist religiöse Minderheit mit mehreren hunderttausend Angehörigen, deren ursprüngliche Hauptsiedlungsgebiete im nördlichen Irak, in Nordsyrien und in der südöstlichen Türkei liegen. Die Jesiden betrachten sich teilweise als ethnische Kurden, teilweise als eigenständige ethno-religiöse Gruppe. Derzeit sind sie Irak und in Armenien anerkannt. Teilweise werden sie auch als Araber betrachtet. Heute sind Jesiden durch Auswanderung auch in anderen Ländern verbreitet. In Deutschland lebt mit geschätzt 100.000 Mitgliedern die größte Diasporagemeinschaft der Jesiden.

Die Jesiden praktizieren eine strikte Endogamie. Das Jesidentum ist eine monotheistische, nicht auf einer heiligen Schrift beruhende, synkretistische Religion. Die Mitgliedschaft ergibt sich ausschließlich durch Geburt, wenn beide Elternteile jesidischer Abstammung sind. Eine Heirat von Jesiden (beiderlei Geschlechts) mit Andersgläubigen hat den Ausschluss aus der Religionsgemeinschaft zur Folge.

Im Zentrum des jesidischen Glaubens stehen Melek Taus („Engel Pfau“), der Scheich ʿAdī ibn Musāfir (um 1073–1163) sowie die sieben Mysterien. Das Grab von Scheich ʿAdī im irakischen Lalisch-Tal ist das Hauptheiligtum des Jesidentums und Ziel einer jährlichen Wallfahrt im Herbst.

Grundlegend für die religiös-soziale Organisation der Jesiden ist die Gliederung ihrer Gesellschaft in drei religiöse Erbklassen oder Kasten: die Scheiche, die Pīre (persisch „der Ältere“ oder „der alte, weise Mann“) und die Murīdūn (Laien). Die Scheiche sind ihrerseits in drei Untergruppen aufgeteilt, die Schamsānīs (Nachkommen von Ēzdīna Mīr), die Ādanīs (Nachkommen von Scheich Adī) und die Qatanīs (Nachkommen der Brüder von Scheich Hesen).

Die Scheiche und Pīre sind religiöse Führungskräfte (Geistliche) und müssen die jesidische Religion unter den Gläubigen aufrechterhalten und Zeremonien durchführen, vor allem bei Festen, der jesidischen Taufe von Neugeborenen und bei Beerdigungen. Ihre allgemeine Aufgabe ist, Gläubigen in der Not zu helfen und Streitigkeiten zwischen Jesiden zu schlichten. Scheiche und Pīre sind neben dem Mīr („Fürst, Prinz“, Oberhaupt der Jesiden) und neben den Priesterinnen und Priestern von Lalisch die Hüter der Religion und Ansprechpartner für jeden jesidischen Gläubigen. Die Scheiche haben in der Gemeinschaft eine darüber hinausgehende administrative Pflicht und müssen bei politisch-sozialen Aufgaben für die Gemeinschaft tätig werden. Sie sind nach außen und innen Vertreter der Gemeinschaft und lösen Probleme sowohl innerhalb als auch außerhalb der Gemeinschaft.

Die Laien (Murīdūn) bilden die dritte und größte religiöse Klasse. Die Jesiden in dieser Kaste teilen sich in einzelne Stämme auf, bei denen die Heirat untereinander kein Problem darstellt. Auch die Stämme haben die allgemeine Pflicht, zur Erhaltung der Religion beizutragen und sich gegenseitig in der Not zu helfen.

Wir, die wir an Achtung der Menschenrechte glauben, müssen die religiösen Führer der Jesiden daran erinnern, dass Kinder doch nicht von ihren Müttern getrennt und verstoßen werden dürfen. Preise für dieses Verhalten sind jedenfalls nicht mehr gerechtfertigt!

 

Rückgekehrte versklavte Jesidinnen willkommen, nicht aber ihre Kinder

Umkämpftes Gebiet, selten friedlich.

War es je friedlich – im Nahen und Mittleren Osten?

Erst mit dem Assyrerreich, das im 9. und 8. Jahrhundert v. Chr. nach Syrien expandierte, wurde das heutige Syrien Teil eines Großreiches. Trotz heftiger Gegenwehr war dann das Neubabylonische Reich siegreich, dem das Perserreich folgte, später, nach der Eroberung durch Alexander den Großen, die Seleukiden, schließlich die Römer. Weitgehend wurde aramäisch gesprochen, durch Alexander und seine Nachfolger erhielt das Griechische große Bedeutung, während das Lateinische sich nicht dauerhaft durchsetzen konnte. Es war die Zeit des großen Kulturaustausches, von Syrien ausgehend kam es zu einer „Orientalisierung“ des Römerreichs.

ZU Beginn unserer Zeitmessung schwärmten die Apostel aus, um die christliche frohe Botschaft zu verkünden. Thomas z.B. kam bis nach Indien, Markus missionierte in Ägypten. Die Gläubigen der neuen Religionsgemeinschaft wurden zuerst in Antiochien (Stadt im antiken Syrien, heute Antakya in der Türkei) als Christen bezeichnet. Es kam zur Christianisierung des römischen Reiches, das den gesamten Mittelmeerraum umfasste. Das Christentum wurde Ende des 4. Jahrhunderts zur Staatsreligion. Hier, in der Levante, kam es zu den großen Konzilen, z.B. jenem von Nicäa (heute Iznik, Türkei), die die Christen bis heute prägen.

Zugleich schlossen sich die arabischen Stämme, die mit Persien bzw. Ostrom noch im Bündnis gestanden hatten, zu Verfechtern der Lehre Mohammeds zusammen, dessen Anhänger im Laufe der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts auch Syrien eroberten. Bald wurde Damaskus zum Sitz der Kalifen und zur Hauptstadt – auch im kulturellen Sinn – eines schnell expandierenden Reiches, doch stürzte diese Dynastie eine konservative Revolution unter Führung der Abbasiden. Infolgedessen büßte die Stadt ab 744 ihre zentrale Rolle im Riesenreich zwischen Atlantik und Indus zugunsten von Bagdad ein. Schon nach wenigen Jahrzehnten setzte sich die arabische Sprache durch, weite Teile der Bevölkerung wurden islamisiert, partiell durch Zuwanderung.

Doch dieses Reich zerfiel im Laufe des 9. Jahrhunderts, zudem gelang es schiitischen Gruppen auch in Nordafrika, und von da in Ägypten und in der Levante Fuß zu fassen. Mit den Hamdaniden (arabische Familie, die am Ende der Abbasidenzeit zwei kleine Dynastien im nördlichen Syrien und dem Nordirak hervorbrachte. Die Dynastien bestanden zwischen 890 und 1003), die immer wieder versuchten, auch Bagdad zu dominieren, beherrschte nach langer Zeit wieder eine lokal gebundene Dynastie den Norden von Syrien und des Iraks. Doch bald geriet die Region in den Konflikt zwischen schiitischen Fatimiden und sunnitischen Seldschuken, sowie das orthodoxe Byzanz. Auch heute ist es die Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten die den Kampf um Syrien prägt. Die Kreuzfahrer erreichten 1098 Syrien, die ihre anfänglichen militärischen Erfolge der starken Machtzersplitterung zu verdanken hatte, die in der gesamten Levante bestand. So entstanden zeitweise vier Kreuzfahrerstaaten, allen voran das Königreich Jerusalem, sowie der schiitische Staat der Assassinen (gekennzeichnet durch: bis zur Selbstaufopferung reichender Gehorsam, religiöser Fanatismus, geheimniskrämerisches Sektierertum und nicht zuletzt (politischer) Meuchelmord).

Es waren vor allem Abkömmlinge türkischer und kurdischer Gruppen, die als Militärsklaven in die arabischen Länder gelangten. Sie übernahmen später die Macht, und ihnen gelang es schließlich unter Saladin die Kreuzfahrerstaaten endgültig zu schwächen, auch wenn erst mehr als ein Jahrhundert später die letzte Festung geräumt werden musste. Die türkischen Mamluken Ägyptens schlugen 1260 nicht nur die Mongolen zurück, sondern sie eroberten auch ganz Syrien. Mit dem Vordringen der Portugiesen in den indischen Ozean verloren die Mamluken um 1507/09 ihr weitgehendes Handelsmonopol mit Indien, 1516 unterlagen sie den Osmanen, die das gesamte Reich 1516/17 eroberten. 1520/21 kam es zum Aufstand des Damaszener Statthalters, doch scheiterte er an Aleppo und wurde schließlich bei Damaskus besiegt, das schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Während wenige Familien in den vier bedeutenden Provinzhauptstädten Syriens, also in Damaskus, Aleppo, Tripolis und Sidon zu enormen Vermögen gelangten, geriet das flache Land immer mehr ins Hintertreffen. Zudem folgten die lokalen Gruppen einer anderen Rechtsschule, als der von Konstantinopel entsandte oberste Richter. Das osmanische Steuerpachtsystem sorgte für eine weitere Entfremdung zwischen Zentrale und Peripherie. Religiöse Minderheiten suchten nach 1600 zunehmend Schutz im Ausland, wie etwa die Drusen beim Herzogtum Toskana.

Endgültig erschüttert wurde die osmanische Herrschaft durch die Rückgewinnung der Macht in Ägypten durch die Mamluken, eine Entwicklung, die durch den Versuch Napoleons im Jahr 1799 militärisch zu intervenieren, zunächst gebremst, dann aber durch die Herrschaft des Mamluken Muhammad Ali verstärkt wurde. Ohne Intervention der westeuropäischen Mächte in den Jahren 1839 bis 1841 wäre das Osmanenreich bereits damals erobert worden.

Nun versuchte Konstantinopel im Wettlauf mit den entstehenden Industriemächten mitzuhalten, und so wurde Syrien vor allem zum Lieferanten von Rohstoffen und Nahrungsmitteln. Der soziale Druck gerade im ländlichen Bereich, nunmehr aber auch in den wachsenden Städten des noch dünn besiedelten Gebietes führte zu Aufständen gegen die Grundbesitzer, die sich, wie etwa im Bürgerkrieg im Libanongebirge mit ethnisch-religiösen Auseinandersetzungen verbanden, was 1860 in Damaskus zu einem Massaker an den dortigen Christen führte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu Verwaltungsreformen, zur Militarisierung der Gesellschaft, zu großangelegten Investitionen in den Grundbesitz und zur Entwicklung eines Bankensystems, aber auch zu einer Verschärfung des türkischen Nationalismus, der sich im Ersten Weltkrieg in Form von Völkermorden gegen Armenier, aber auch Assyrer und Aramäer richtete. Zugleich machten die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich den Arabern Zusagen für einen unabhängigen Staat, sagten aber zugleich einen solchen den jüdischen Siedlern zu. Am Ende des Krieges wurde Frankreich ein Mandat über Syrien durch Völkerbund zugesprochen.

Während dieser Zeit verstärkte sich die Zuordnung der Individuen zu ethnisch-religiösen Gruppen. So erhielten die Alawiten ein eigenes Gebiet, ebenso wie die Drusen, dann die Maroniten, wodurch die Abtrennung des Libanon als eigener Staat eine Begründung fand, und auch die Kurden verlangten ein eigenes Territorium, das sie schon damals, wie auch heute, nicht bekamen.

Während des Zweiten Weltkriegs setzte sich das von Deutschland abhängige Vichy-Regime s zunächst in Syrien durch, doch Briten und Franzosen besetzten Syrien ab dem 8. Juni 1941. Damaskus fiel am 21. Juni fast kampflos. Paris versuchte das Mandat beizubehalten. Der Konflikt eskalierte gegen Kriegsende, so dass Damaskus bombardiert wurde. Erst die gemeinsame Intervention Großbritanniens und der USA zwang Paris, Syrien 1946 aufzugeben.

Die Staatsgründung Israels, gegen das Syrien an vier Kriegen teilnahm, und der Panarabismus unter Führung von Ägyptens Gamal Abdel Nasser, dazu eine laizistische Regierung, waren die dominierenden Themen der Nachkriegszeit vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Seit 1963 beherrscht die bis 2003 auch im Irak herrschende Baath-Partei das Land, die sich vielfach im Libanon einmischte, den sie als Teil Syriens betrachtet. Ab 1970 dominierte Hafiz al-Assad, der 1982 einen Islamistenaufstand niederschlug, und der sich an die Sowjetunion anlehnte, später Russland, seit 2000 sein Sohn Baschar al-Assad. Seit 2011 herrscht ein von zahlreichen Gruppen befeuerter Bürgerkrieg, in den sich schließlich auch Russland massiv einmischte, ebenso wie die USA und die Türkei.

Wird diese Region je Frieden kennen?

Umkämpftes Gebiet, selten friedlich.

Haben Bomben je den Frieden gebracht?

Natürlich berührt mich das Bombardement von Syrien durch die USA, Großbritanniens und Frankreich. Wird es Frieden für Syrien bringen? Ich habe nur den Eindruck, dass diese drei westlichen Staaten zeigen wollten, dass sie es nicht tolerieren, das Giftgas eingesetzt wird. Ist dieser Einsatz überhaupt bewiesen?  Jedenfalls bin ich nicht überzeugt, dass dieses Bombardement irgendetwas in Syrien verändern hat oder verändern wird.

Die Ausnahme von dieser meiner „Theorie“ sind zwei Bomben, die eine große Veränderung gebracht haben: die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Sie führten zum Ende des Krieges zwischen den USA und Japan.

Di vielen anderen Bomben, die auf zivile Ziele im Zweiten Weltkrieg gefallen sind, haben nur Tod, Zerstörung und Verzweiflung gebracht. Und der Widerstand der Zivilbevölkerung wurde dadurch nicht gebrochen. Ich habe das als Kind, zumindest am Rande erlebt. Der strategische Bombenkrieg der 1940er-Jahre hat etwa 600 000 Menschen das Leben gekostet. Die Zerstörung deutscher Städte war demnach militärisch ineffizient.

Gehen wir in der Zeit etwas zurück: Im Jahr 1912 – also noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs – entwickelte der bulgarische Hauptmann Simeon Petrov ein Gerät, um die erst seit wenigen Jahren in Betrieb befindlichen Motorflugzeuge als Angriffswaffe nutzbar zu machen: die Fliegerbombe. Erstmals kamen in diesem Ersten Weltkrieg die neuentwickelten Bomber-Flugzeuge sowie Militärluftschiffe für Angriffe auf Ziele im gegnerischen Hinterland zum Einsatz. Dabei wurden neben Angriffen auf militärische Ziele vermehrt auch Angriffe zur Terrorisierung der feindlichen Zivilbevölkerung als Mittel der Kriegsführung genutzt. Unter anderem war London häufiges Ziel deutscher Bomber- und Zeppelinangriffe.

In den 1920er-Jahren war es der italienische General Giulio Douhet, der eine Theorie des hemmungslosen Bombardements entwickelte und damit die Totalisierung des Krieges predigte. Systematische Luftangriffe auf das Hinterland des Feindes sollten Angst, Zerstörung und Tod bringen. Davon versprach Douhet sich den moralischen Zusammenbruch der Bevölkerung, was eine schnelle Beendigung des Krieges ermöglichen würde. Da aber den Luftwaffen die Möglichkeiten für einen strategischen Luftkrieg fehlten, entwickelten sie die Doktrin der taktischen Luftangriffe, welche die Bodentruppen unterstützen sollten.

Die Bombardierung von Städten wurde als Mittel der Kriegführung gleich zu Beginn des Zweiten Weltkrieges im Polenfeldzug von der deutschen Luftwaffe am 1. September 1939 gegen Wieluń mit 87 deutschen Sturzkampfflugzeugen eingesetzt. 70 Prozent der Stadt wurden zerstört. Danach folgte der Angriff am 13. September 1939 auf Frampol und anschließend die Schlacht um Warschau in Kombination mit Artilleriebeschuss durch das Heer. Beim schweren Bombardement mit Sprengbomben durch die deutsche Luftwaffe auf die niederländische Stadt Rotterdam am 14. Mai 1940 starben 814 Einwohner. Selbst als Deutschland die erste strategische Luftoffensive des Krieges gegen Großbritannien eröffnete, waren anfänglich das Töten von Zivilisten und die Verbreitung von Terror sekundär gewesen: Vielmehr war zunächst die Erringung der Luftherrschaft das Ziel, um die Invasion Englands zu ermöglichen. Nach dem Scheitern dieses Plans wurde durch die Zerstörung von Verkehrswegen und Hafenanlagen eine Art Wirtschaftsblockade aus der Luft angestrebt. Zivile Opfer wurden dabei in Kauf genommen – es waren Tausende.

Dem Alliierten Bombenkrieg über Europa, also den Briten und lange Zeit auch der US-Airforce, fehlten zunächst die notwendigen Mittel. Dabei drängte Churchill auf rücksichtslose strategische Bombenangriffe auch gegen zivile Ziele. Arthur Harris versprach zu liefern. Es kam zu der Entscheidung der britischen Militärs, verstärkt Brandbomben und Luftminen über dicht bebauten Stadtgebieten Deutschlands abzuwerfen, um so einen Feuersturm zu entfachen. Bis Ende 1943 mussten die Alliierten gegen die kampfstarke deutsche Luftverteidigung schwerste Verluste hinnehmen. Dennoch kam es zu Massenangriffen. Der erste Angriff, der nach der Area Bombing Directive durchgeführt wurde,

war der Luftangriff auf Lübeck am 29. März 1942. Ihm folgten Luftangriffe auf das Ruhrgebiet und im Mai 1942 der erste sogenannte „Tausend-Bomber-Angriff“ auf Köln (Operation Millennium). Hamburg wurde in der Operation Gomorrha im Juli und August 1943 Ziel der opferreichsten Luftangriffe auf Deutschland während des Krieges. Diese und die Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945 durch die Royal Air Force waren perfektionierte Flächenbombardements mit 40 bis 60 Prozent Stabbrandbomben. Wesentlich bei dieser Strategie war auch, nicht nur Brandbomben zum Einsatz zu bringen, sondern auch die Straßen (und Wasserleitungen) zu zerstören, um Löschfahrzeuge und Rettungseinsätze zu verhindern. Die gewünschten Feuerstürme forderten daher sehr viele Menschenleben. Der prozentual an Menschenverlusten größte britische Luftangriff war der Luftangriff auf Pforzheim am 23. Februar 1945, das damals 65.000 Einwohnern hatte. Von diesen kamen bei einem einzigen 22-minütigen britischen Luftangriff 20.277 Einwohner (31,2 %) ums Leben.

Die Amerikaner verfolgten eine andere Vorgehensweise. Sie griffen primär wirtschaftliche und militärische Ziele bei Tag an. Dafür zahlten sie einen hohen Preis und erreichten eher wenig. Harris hingegen befahl Massenangriffe bei Nacht, deren Zweck angesichts der Zielungenauigkeit in der Vernichtung von Arbeitskräften lag, um so die deutsche Kriegswirtschaft entscheidend zu treffen.

Aber diese Methode lieferte außer massenhafter Zerstörung, Tausenden Toten und unsäglichem Leid wenig Ertrag. Die deutschen Luftschutzmaßnahmen, behördliche Hilfe für die Betroffenen, die Einsatzbereitschaft der Bevölkerung und der Terror des NS-Regimes hielten Wirtschaft und Kriegsmoral aufrecht. Harris verkannte zudem, dass das NS-Regime sogar bereit war, das eigene Volk zu opfern. Erst im Sommer 1944, als die US-Luftwaffe systematisch die deutsche Luftwaffe und deren Treibstoffversorgung niederkämpfte, errangen die Alliierten die Luftherrschaft über Deutschland und konnten nun gnadenlos bombardieren. Die erfolgreiche Landung in der Normandie verschaffte den Bomberflotten zusätzlich freie Hand. Die Angriffe auf deutsche Städte zwangen letztlich die NS-Führung dazu, enorme Ressourcen, die an der Front dringend benötigt wurden, zur Luftverteidigung umzuleiten.

Ich habe es erlebt, den „Kuckuck“, der im Radio mitteilte, dass Bomberstaffeln im Anflug wären, die heulenden Sirenen, die die Menschen dazu aufforderten, in den nächstgelegenen Luftschutzraum zu laufen. Zu Hause gab es ein Köfferchen, in dem die wichtigsten Dokumente aufbewahrt wurden, dieses Köfferchen wurde dann immer in den Luftschutzkeller mitgenommen. Wir Kinder waren angehalten worden, beim Schlafengehen immer die vollständige Kleidung neben unserem Bett herzurichten, um möglichst rasch in den Keller kommen zu können. Und dann unten im Keller, man hörte das Sirren der fallenden Bomben, die Erschütterung, wenn sie einschlugen. Aus der Schwere der Erschütterung konnten manche abschätzen, in welcher Entfernung die Bomben gefallen waren. Wenn es dann wirklich schon in der Nähe war, fing auch der Putz von der Decke und den Wänden zu rieseln an. Im Keller lebte man immer mit der Angst „verschüttet“ zu werden. Wenn ich mich erinnere, kommt mir wieder das Grauen dieser Zeit in Erinnerung.

Ich fürchte, diejenigen Personen, die jetzt über einen Bombeneinsatz entscheiden, haben keine Bombenangriffe selbst erlebt, darum können sie so zynisch darüber entscheiden, was und wer getroffen werden soll.

 

Haben Bomben je den Frieden gebracht?

Dornbach, der Heuberg und das Märchen von den drei faulen Brüdern

Heute möchte ich Sie auf einen Frühlingsspaziergang einladen, und zwar auf den Heuberg. Da es in Österreich wie auch in Deutschland viele Orte gibt, die Heuberg genannt werden, möchte ich präzisieren: ich meine den Heuberg in Wien.

Heuberg, ein Teil des Kahlengebirgs, mit 464 Meter Seehöhe die höchste Erhebung des 17. Bezirks Hernals, benannt wohl nach der Heugewinnung in diesem Gelände. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden am Heuberg und am Schafberg neue Siedlungsgebiete erschlossen. Die Kuppe ist unverbaut und dort befindet sich wohl auch das Vogelschutzgebiet des Wiener Tierschutzvereins. Am Heuberg gibt es auch ein Schutzhaus dieses Namens, das allerdings indische Speisen anbietet.

In Wien gibt es viele offene und verdeckte Gewässer, vor allem Bäche. Am Heuberg entspringt der Dornbach, der zusammen mit dem Anderbach in die Als mündet. Und der Dornbach hat der lieblichen Gegend ihren Namen gegeben. Die ehemals selbstständige Gemeinde Dornbach wurde 1892 mit zwei weiteren westlichen Vororten der Hauptstadt zum 17. Wiener Gemeindebezirk Hernals eingemeindet. Dornbach liegt eingebettet zwischen Heuberg, Schafberg und Gallitzinberg und zwischen den Bezirksteilen Neuwaldegg im Nordwesten und Hernals im Osten.

Der Ort wurde urkundlich erstmals 1044 genannt. Sighard der IV., Graf des Salzburg- und Chiemgaus, schenkte dem Stift Sankt Peter in Salzburg zwei Edelhuben [behauste Hofstätten] an der Als. Der Name Dornbach wurde jedoch erst um 1115 als Doringinpach erwähnt. Die Babenberger nahmen den Salzburger Mönchen aber die Huben weg. Erst als die Mönche auf das Pfarrrecht zu Gunsten des Bistums Passau verzichteten, erhielten sie den Besitz von Leopold III. zurück, hinzu kamen ein Bergrücken und zwei Berglehen mit Weingärten, vermutlich Schafberg und Alsegg. Die Mönche rodeten das umliegende Gebiet und bebauten es. Bereits 1139 wurde in Dornbach eine Kirche eingeweiht, die im 13. Jahrhundert zur Pfarre erhoben wurde. Rings um das Anwesen mit der Kirche und dem Hof des Stiftes entwickelte sich ein kleines Dorf. Im Zuge der Türkenkriege wurde Dornbach jedoch zweimal zerstört und dann wiederaufgebaut. Im 18. Jahrhundert bekam das Dorf auch eine Schule. Die Dornbacher Bevölkerung war lange Zeit stark abhängig vom Weinbau. Ab etwa 1800 konnte sie sich mit dem Vermieten von Sommerwohnungen an betuchte Wiener ein Zusatzeinkommen sichern. Dies trug auch zum Ausbau des Dorfes bei. Auch Adelige und reiche Bürger errichteten bald Villen oder Sommerhäuser dort. 1861 wurde in Dornbach auch ein Bad errichtet. Die Einführung einer Pferdetramway am 4. Oktober 1865 verband Dornbach 1866 auch mit Hernals und Wien. Trotz seines Wachstums hatte sich Dornbach noch relativ viel von seinem dörflichen Charakter erhalten und zählte zu dieser Zeit 3.369 Einwohner in 347 Häusern. Vor allem nach der Eröffnung der Station Hernals der Vorortelinie 1898 kam es zu einer dichteren Verbauung.

Aber nach all den Fakten, ist es wohl an der Zeit, ein Märchen zu erzählen, und zwar die Geschichte der „Drei Faulen Brüder“.

Es waren einmal drei faule Brüder, die sich den ganzen lieben Tag sie sich in Wald und Feld umhertrieben oder zu Hause auf der Bärenhaut lagen. Sie träumten von einem großen Schatz, wussten aber nicht, wo er zu finden und auszugraben wäre. Da führte sie der Weg zufällig zu der alten Schmiedin, die einsam in einem fast verfallenen Häuschen am Rand des Waldes wohnte und als Zauberin bekannt war. Der älteste und faulste der Brüder sprach sie an, rühmte ihre Klugheit und bat sie, ihm zu verraten, wo der große Schatz vergraben liegt, von dem die Leute reden. Wir wollen ihn gerne heben.

Die Alte verneinte den Ort des großen Schatzes zu kennen, sie hätte ihn sonst schon selber gehoben! Aber sie gab den Brüdern einen guten Rat. „Geht in der nächsten Vollmondnacht barfuß und barhaupt, mit leerem Magen und ohne ein Wort miteinander zu sprechen zur Burgruine auf dem Heuberg. Vielleicht erscheint euch der Zwergenkönig, der im Gemäuer haust, so befragt diesen nach dem Schatz. Nur er weiß das Geheimnis und wird euch vielleicht den Ort verraten.“

Die drei Brüder bedankten sich für den guten Rat. In der nächsten Vollmondnacht schritten sie barfuß und barhaupt, mit leerem Magen und ohne ein Wort miteinander zu sprechen zur Burgruine auf dem Heuberg. Sie setzten sich in einem der verlassenen Gemächer auf eine Steinbank und harrten der kommenden Dinge. Da schlug es im Dorf zwölf Uhr. Und alsbald drang aus einer Mauerspalte ein roter Lichtschein, der immer heller und heller wurde und in dem plötzlich, wie aus dem Erdboden hervorgewachsen, der Zwergenkönig stand. Er trug einen langen wallenden Mantel, über den das silberweiße Haar herabfiel. In der Hand hielt er seinen Herrscherstab.

Er blickte zornig auf die drei Brüder und rief: „Ihr Tagediebe, was treibt ihr zur Nachtzeit auf meinem Berg? Wollt ihr, dass ich euch zermalme?“ Da erschraken die Brüder gewaltig und zitterten am ganzen Körper. Nur der jüngste wagte es, dem Zwergenkönig zu antworten. „Herr König, seid nicht böse, wir wollten Euch nur bitten, uns die Stelle zu zeigen, wo der große Schatz liegt. Uns ist jede Arbeit viel zu sauer, und der Schatz würde uns jeder Plage entheben!“

Endlich sprach er: „Ich will euch gerne helfen, doch brauche ich drei Tage dazu. Wenn ihr am vierten Tag wieder hierherkommt und dort grabt, wo ich diese Gerte in den Boden stecke, so werdet ihr in sieben Klafter (geht auf die Spanne zwischen den ausgestreckten Armen eines erwachsenen Mannes zurück und wurde mit 6 Fuß definiert, 1 Klafter =etwa 1,80 m) Tiefe den Schatz finden. Es wird ein Schatz sein, der euch reich, glücklich und zufrieden macht. Obendrein will ich euch für das ganze Leben eine Lehre geben.“

Die Brüder sahen noch, wie der Zwergenkönig ein Birkenreis aus dem Mantel hervorholte und es zur Hälfte in den Boden senkte, dann standen sie im Finstern, und der Gnom war verschwunden. Sie malten sich schon aus, was sie um das viele Geld, das sie sicherlich heben würden, anschaffen könnten. Der eine nahm sich vor, ein großes Schiff zu kaufen, um die ganze Welt zu bereisen. Der zweite wollte auf dem Heuberg ein prunkvolles Schloss erbauen. Und der dritte wünschte sich gar ein großes Königreich.

Als die drei Tage um waren, stiegen die drei Brüder auf den Heuberg. Mit Spaten und Schaufeln irrten sie lang umher, bis sie die Stelle mit dem Birkenreis fanden. Nun machten sie sich gleich an die Arbeit und gruben und schaufelten die ganze Nacht hindurch. Das war wohl hart und mühsam für sie, da sie doch früher keinen Finger gerührt hatten. Sie strengten sich an und plagten sich.  Aber sie ließen nicht locker, und nach etlichen Tagen waren die sieben Klafter bewältigt. In dieser Tiefe stießen sie wirklich auf eine Kiste, und jubelten.

Als sie aber die schwere Kiste mit vieler Mühe und Not heraufgehoben und den eisernen Deckel aufgebrochen hatten, machten sie lange Gesichter und sahen einander enttäuscht und verwundert an. Denn in der Kiste lag nichts als ein gewichtiger Stein, darauf ein langer Stock und ein Blatt Papier, auf dem zu lesen war: „Keinen Schatz, sondern diesen Haslinger (Stock aus Holz der Haselnuss, zum Verprügeln)verdient ihr, ihr faulen Gesellen, die ihr wohl leben, aber nicht arbeiten wollt! Schämt euch und bessert euch und merket die Wahrheit: In der Arbeit liegt ein großer Segen!“

Die drei Brüder nahmen sich diese Lehre zu Herzen und sollen die fleißigsten Arbeiter geworden sein.

Vielleicht treffen auch Sie bei einem Spaziergang auf den Heuberg einmal den Zwergenkönig!

 

Dornbach, der Heuberg und das Märchen von den drei faulen Brüdern

Wie gibt’s das: viele Menschen in Gaza sind fettleibig?

Ich habe mich geirrt. Ich habe mir die Menschen Im Gazastreifen eher ausgehungert vorgestellt, aufgrund dessen, was man so über Gaza liest, hört und sieht. Und dann lese sich in den renommierten Schweizer „Neuen Zürcher Zeitung“, dass die Menschen in Gaza zu dick wären. Aber ihr Leben ist schwierig, noch immer in „Lagern“ – wobei diese schon zu Städten geworden sind. Sie leben auf engstem Raum, 360 km², 1.8 Millionen Menschen.  1,2 Millionen Menschen leben in Flüchtlingslagern, diese gehören nach Angaben der Vereinten Nationen zu den am dichtest besiedelten der Welt. Zwei Drittel bis drei Viertel der Bevölkerung sind Flüchtlinge, die vor dem Palästinakrieg (1947–1949) vor allem in Jaffa und Umgebung lebten und deren Nachkommen. Davon leben etwa 492.000 in den acht von der UNRWA verwalteten Lagern. Die Geburtenrate und das Bevölkerungswachstum gehören zu den höchsten weltweit. Über die Hälfte der Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt, und die Bevölkerungszahl verdoppelt sich bei der derzeitigen Wachstumsrate etwa alle 15 bis 20 Jahre. Die Lebenserwartung liegt bei 74,16 Jahren.

Seit 2007 wird der Gazastreifen durch die Hamas kontrolliert, die von Israel und zahlreichen westlich orientierten Staaten als Terroristische Vereinigung betrachtet wird. Israel kontrolliert die Außengrenzen auf der nördlichen und östlichen Landseite, der westlichen Seeseite sowie indirekt den Personenverkehr über Videoschaltung auf der Südseite (in Zusammenarbeit mit Ägypten und der Europäischen Union). Auch in der Wasser- und Stromversorgung sowie der Telekommunikation ist der Gazastreifen von ausländischer Hilfe sowie der Autonomiebehörde abhängig.

Mindestens 81 % der Einwohner des Gazastreifens ebenso wie 59 % der 2,4 Millionen Einwohner des Westjordanlandes leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Industrie des Gazastreifens besteht aus meist kleinen Familienbetrieben, in denen Textilien, Seife, Schnitzereien aus Olivenholz und Souvenirs aus Perlmutt hergestellt werden. Die Israelis haben einige moderne industrielle Kleinbetriebe aufgebaut. Elektrizität wird aus Israel geliefert, steht aber – aufgrund einer entsprechenden Bitte der Autonomiebehörde – nur vier Stunden pro Tag zur Verfügung. Die wichtigsten Agrarprodukte sind Oliven, Zitrusfrüchte, Gemüse, Rindfleisch und Molkereiprodukte. Haupt-Ausfuhrartikel sind Zitrusfrüchte und Schnittblumen, Haupteinfuhrartikel sind Lebensmittel, Konsumgüter und Baustoffe. Die wichtigsten Handelspartner des Gazastreifens sind Israel, Ägypten und das Westjordanland.

Die durch israelische und ägyptische Grenzschließungen bewirkte wirtschaftliche Abschnürung, die inzwischen praktisch unterbundenen Zahlungsüberweisungen über Banken von und an Regierungsstellen in Gaza wegen der weitgehenden internationalen Isolierung des Hamas-Regimes, der Konflikt mit der im Westjordanland regierenden Fatah und die mit Angriffen mit Kassam-Raketen begründeten israelischen Militäraktionen haben das Wirtschaftsleben inzwischen weitgehend zum Stillstand gebracht. Der Gazastreifen ist von Hilfslieferungen internationaler humanitärer Organisationen und einzelner ausländischer Staaten, dem Land Israel sowie vom Schmuggel abhängig, der vor allem über die Sinai-Halbinsel abgewickelt wird. Durch die Zerstörung von Schmugglertunneln und Benzinleitungen aus Ägypten wurde der Schmuggel stark beeinträchtigt.

Sechs von zehn jungen Menschen haben keine Arbeit, Strom gibt es im Schnitt nur vier Stunden am Tag, und das meiste Abwasser fließt ungeklärt ins Meer oder in den Boden. Das Trinkwasser ist so verschmutzt, dass es nicht mehr getrunken werden sollte, und die Strände sind so dreckig, dass es krankmachen kann, dort zu baden.

Eins funktioniert allerdings gut: das Internet. Auch an Hochschulen herrscht kein Mangel. Gaza kann acht Universitäten und ein Dutzend Colleges vorweisen, mit jährlich rund 5000 Absolventen. Der Arbeitsmarkt kann sie jedoch nicht aufnehmen, etwa zwei Drittel von ihnen finden nach dem Studium keinen Job.

All das betrachtend, muss man zur Kenntnis nehmen, dass Übergewichtigkeit dennoch , besonders bei Kindern zwischen 10 und 16 Jahren weit verbreitet ist. Nur etwa ein Viertel der Menschen im Gazastreifen haben so etwas wie ein normales Körpergewicht. Alle anderen sind zu dick. Und dann leiden sie an den typischen Folgekrankheiten der Fettsucht, an Diabetes, Stress, Bluthochdruck, Rheumatismus oder Krebs. Als Gründe werden meist Bewegungsmangel, unausgewogene Ernährung und ein gesteigerter Fettkonsum angegeben. Sport ist in Palästina kein Renner. Die Ausnahme bilden die Jungen, die Gewichte stemmen und den Body bilden. Über 30 Fitnesscenters gibt es in Gaza, die kann sich fast jeder leisten. Praktisch überhaupt keinen Sport treiben die Frauen. Frauen joggen nicht auf der Straße. Viele möchten das gerne, aber die Islamisten erlauben ihnen das nicht. Fett, das nicht weg trainiert wird, kann in drei Kliniken in Gaza entfernt werden.

Mit dem „traditionellen arabischen Modell der Inaktivität“ könnten immer weniger Frauen etwas anfangen, selbst wenn sie am Islam festhielten. Die meisten Frauen legen beim Training den Hidschab, den Schleier ab, nur wenige verhüllen sich mit dem Niqab das Gesicht.

Dass sie nicht allein sind, mit ihrem erdrückenden Problem, das wissen die Palästinenser. Die Fettleibigkeit gehört zu jenen globalen Phänomenen, die sich wenig um Pass, Ost-West-Orientierung oder Reichtum kümmern. Sicher, im Westen ist Dicksein vornehmlich ein Problem der Unterschicht, Fettleibigkeit sowieso. Doch dick sind auch die in Geld schwimmenden Araber am Golf, nicht nur die mehrheitlich nicht eben begüterten Ägypter. In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist ein ganzer Wirtschaftszweig aufgeblüht, der die Dicken vor allem mit chirurgischen Maßnahmen von ihren Pfunden befreit, wenn auch meist nur vorübergehend.

Also meine Vorstellung von ausgemergelten Palästinensern muss ich hiermit revidieren.

 

 

 

 

 

Wie gibt’s das: viele Menschen in Gaza sind fettleibig?

Der schier unüberwindliche Stolperstein für den Brexit

Als mich die Abstimmung über den Brexit in Großbritannien erschreckte, habe ich an alles Mögliche gedacht, nur nicht an das Problem, das sich jetzt als zentral herausstellt, nämlich das „Irland-Problem“.

Dieses damals von allen so begrüßte „Karfreitagsabkommen“ ist durch den Brexit in Gefahr. 20 Jahre ist es schon wieder her, dass dieses Abkommen geschlossen wurde. Ein jahrhundertealter Konflikt wurde zwar nicht aufgelöst – aber doch beruhigt, befriedet. Heute fließt kein Blut mehr.

Das Karfreitagsabkommen ist ein Übereinkommen zwischen der Regierung der Republik Irland, der Regierung Großbritanniens und den Parteien in Nordirland vom 10. April 1998. Mit dem Karfreitagsabkommen wurde die seit den 1960ern gewaltgeladene Phase des Nordirlandkonflikts beendet und in eine politische Konsenssuche überführt. Ziel war es, einen modus vivendi zum Nutzen der Bevölkerung Irlands zu finden. Zwar gab es nach dem Karfreitagsabkommen noch einzelne Gewalttaten, diese hatten aber keinen Rückhalt mehr in der Bevölkerung und eskalierten nicht mehr. Bei getrennten Referenden in der Republik Irland sowie in Nordirland wurde das Abkommen bestätigt.

Der Inhalt des Abkommens war folgender:

  • Die Regierung der Republik Irland verzichtet auf ihre Forderung nach einer Wiedervereinigung mit Nordirland.
  • Die Möglichkeit einer Wiedervereinigung mit der Republik Irland wird nicht ausgeschlossen, wenn sich die Mehrheit der Nordiren dafür ausspricht.
  • Irische und nordirische Behörden arbeiten zusammen.
  • Die paramilitärischen Truppen der Irish Republican Army (IRA), der Ulster Defence Association (UDA) sowie der Ulster Volunteer Force (UVF) erklären ihre Bereitschaft zur Entwaffnung.
  • Die Entlassung von Untergrundkämpfern aus dem Gefängnis wird in Aussicht gestellt.
  • Großbritannien sagt eine Verringerung seiner Truppenpräsenz in Nordirland zu.
  • Der Government of Ireland Act (1920, betreffend autonome Selbstverwaltung) wird zurückgenommen.
  • Eine gemeinsame Kommission zur Aufklärung der Schicksale der Verschwundenen (The Disappeared), also Personen, die mutmaßlich von der IRA an unbekanntem Ort ermordet wurden, wird gegründet.
  • Nordiren ist es möglich, einen irischen Pass zusätzlich zum britischen zu beantragen.

Dadurch dass Großbritannien wie auch Irland EU-Mitglieder waren galten auch hier die Regeln des Binnenmarktes mit freiem Waren- und Personenverkehr. Aus ehemaligen Feinden konnten zunächst Geschäftspartner, dann gute Nachbarn, vielleicht sogar Freunde werden.

In Nordirland aber ist dieser ausgehandelte Frieden nun akut in Gefahr – aufgrund des Mehrheitsbeschlusses aller Wähler in Großbritannien und dem kleinen Nordirland, der gemeinsame Staat möge die EU verlassen. Dabei wollten das nicht nur die republikanisch orientierten Katholiken verhindern, auch britisch-orientierte Protestanten lehnten den Brexit ab: Beim Referendum vor bald zwei Jahren stimmten 56 Prozent aller Nordiren pro EU, nur eine Minderheit für den Brexit.

Derzeit ist die Nordirland-Frage bei den Brexit-Verhandlungen eines der wenigen großen Probleme, für die nicht ansatzweise eine praktikable Lösung in Sicht ist.

Da aber die offene Grenze das Herzstück des Karfreitagsabkommens war, muss sie auch nach dem Brexit offenbleiben, meinte einer der Verhandler dieses Abkommens, nämlich Tony Blair, der ehemalige Premierminister von Großbritannien.

Allerdings besteht die kürzlich vereinbarte „Common Travel Area“, unabhängig vom Brexit. Sie besagt, dass die Bürger von Irland bzw. Großbritannien, die in dem jeweils anderen Land leben, nicht um eine Aufenthaltsgenehmigung ansuchen müssen, um ihre bestehenden Rechte zu behalten. Das betrifft nicht nur freie Bewegung, sondern auch Sozialversicherungsaspekte. Zusammenfassend heißt das für beide Seiten: Nicht nur Aufenthaltsrechte, sondern auch Recht auf Arbeit, auf Studium, Zugang zu Gesundheitseinrichtungen, sowie allen öffentlichen Leistungen.

Dennoch wird es eine EU-Außengrenze auf der irischen Insel geben, Grenzen so wie früher: Dundalk war einst eine wichtige Industriestadt für Zigaretten, Alkohol, Schuhe und den Eisenbahnbau. Doch nach der künstlichen Teilung der Insel in den 1920er-Jahren setzte der Niedergang ein. Die irische Regierung in Dublin vernachlässigte die Grenzregion, ebenso wie die nordirische Regierung in Belfast die Nachbarstadt Newry vernachlässigte. Dann kam der akute Nordirlandkonflikt. Erst der Europäische Binnenmarkt und der nordirische Frieden von 1998 erlaubten die gänzliche Öffnung der Grenze; sie ist noch! aus der Landschaft verschwunden. Man sollte auf die Pendler zwischen den beiden Regionen nicht vergessen: es sind 20 000 täglich. Wenn es neue Zollschranken und Kontrollen geben wird, wird es keinen einzigen Lebensbereich geben, der davon nicht dramatisch in Mitleidenschaft gezogen würde. Wahrscheinlich wäre die einzige Industrie, die aufblühen würde, der Schmuggel.

Die Beteuerungen aus London, der Warenverkehr könne elektronisch kontrolliert werden, sind von der EU verworfen worden. Und der irische Wunsch, Nordirland möge sämtliche Regeln der EU beibehalten, bedroht nach Ansicht der nordirischen Protestanten die Einheit des Königreichs. „Wenn Irland mit den britischen Vorschlägen nicht zufrieden ist, dann ist es die EU auch nicht. Das ist für britische Politiker möglicherweise schwer zu verstehen.“, meinte zu diesem Thema Donald Tusk, der EU Ratspräsident.

Die EU braucht konkrete und akzeptable britische Vorschläge zur irischen Grenze. Darüber herrscht unter allen Parteien Irlands Übereinstimmung. Aber die größte Protestantenpartei in Nordirland, die DUP, die gegenwärtig als Mehrheitsbeschafferin für die konservative Regierung im Unterhaus amtiert, lehnt einen Sonderstatus für Nordirland gegenüber der EU bedingungslos ab. Die britischen Brexit-Verhandlungen sind somit mit zwei Vetos konfrontiert. Beide kommen von der Insel Irland, und sie drohen, jeglichen Fortschritt zu blockieren.

Aus meiner Sicht, wäre es das Allerbeste, wenn aufgrund der vielen Schwierigkeiten bzw. der doch eher unabsehbaren Folgen der Brexit einmal vorläufig ausgesetzt würde.

 

Der schier unüberwindliche Stolperstein für den Brexit