Was ist ein Hassposting?

Ich lese, dass es in Deutschland eine Institution gibt, deren Aufgabe es ist, Hass-Postings aus Facebook zu löschen. Dieses Center wird von Arvato, das zur Bertelsmann Gruppe gehört, im Auftrag von Facebook betrieben. Diese Organisation startete mit 200 Mitarbeitern im Jahr 2015, als die große Flüchtlingswelle über Mitteleuropa schwappte.  Jetzt sind es bereits 1200, die über 5 Ebenen verteilt in einem Backsteingebäude im Westen von Berlin arbeiten.  Das deutsche Deletion Zentrum ist derzeit das größte weltweit.

Der Zugang dazu ist streng geregelt. Alle Mitarbeiter müssen einen Geheimhaltungsvertrag unterschreiben. Es stehen fünf Trauma Spezialisten für diese Mitarbeiter zur Verfügung.  Diese Frauen und Männer müssen entscheiden, wie weit die Freiheit der Meinung geht und welche Postings hasserfüllt sind und welche nicht. Ihre wesentliche Aufgabe besteht darin, dass sie z.B. folgendes erkennen müssen: terroristische Propaganda, Nazi Symbole, Kindesmisshandlung etc. Sie müssen feststellen können, welche Aussagen Gesetze und welche die Standards der betroffenen Provider verletzen. Auch sollten Interventionen von Drittstaaten bei Wahlen erkannt werden. Eine herausfordernde Aufgabe!

Facebook will weltweit weitere 10 000 Mitarbeiter einstellen, schon heute arbeiteten 10 000 Beschäftigte daran, Schutz und Sicherheit zu verbessern. Bei uns ist es noch nicht so weit, aber z.B. in Indien wurden aufgrund eines viral gewordenen Hasspostings auf WhatsApp (gehört zu Facebook) sieben Personen erschlagen. In Myanmar gab es verbale Gewalt gegen die Rohingya.

Waren es anfangs Texte, die diffamierende Äußerungen über Flüchtlinge enthielten. Manche davon wurden nie eliminiert. Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz in Deutschland war alarmiert. Gerd Billen aus diesem Ministerium bildete eine Gruppe aus Verantwortlichen für Facebook- und anderen Sozialen Medien. Einige Monate später haben diese Gesellschaften eine gemeinsame Deklaration unterschrieben, in der sie versprochen haben, gekennzeichnete Posting zu überprüfen und gegebenenfalls innerhalb von 24 Stunden zu eliminieren.

Aber diese Vorgehensweise funktionierte nicht, In den nächsten 15 Monaten gaben sich Experten, die von der Regierung beauftragt worden waren, als „normale Nutzer“ gekennzeichnete Hasspostings auf. Facebook eliminierte davon weniger als die Hälfte. Facebook wusste, dass es eine Plattform für illegale, ja kriminelle Aktionen war, aber sie agierten eher, wie der Wolf im Schafspelz, meinte Gerd Bill, der Verantwortliche im Bundesministerium.

Nach 2 Jahren haben die Deutschen Behörden die Geduld verloren und es kam zum Netzwerkdurchsuchungsgesetz (NetzDG), das 2018 in Kraft getreten ist. Das Gesetz soll Facebook, Twitter und Co. dazu zwingen, binnen 24 Stunden „offensichtlich rechtswidrige Inhalte“ zu löschen. Dabei bleiben sie abhängig davon, dass User die Beiträge melden. Twitter macht es den Usern einfach, Facebook weniger. Eine Grenze wurde bei rassistischen und verhetzenden Kommentaren gezogen. Aber ansonsten waren der Wortgewalt keine Grenzen gesetzt. Probeweise wurden Konten vorab mit Leben gefüllt, um nicht zu schnell als Fake-Konten identifiziert zu werden. Schon am nächsten Tag starten sie mit den verbalen Entgleisungen. Von Idiot bis Arschloch ist alles dabei und trotzdem reagieren Twitter und Facebook nicht mit Löschungen.

In Österreich wurde entschieden, dass Facebook bestimmte Hass-Postings in Österreich nicht nur sperren, sondern vollständig löschen muss. Es ist demnach nicht ausreichend, die fraglichen Beiträge in Österreich unzugänglich zu machen, sie dürfen auch außerhalb des Landes nicht mehr verfügbar sind.

Unterschiedlicher Auffassung sind Twitter und Facebook, als es um Beschimpfungen „im Dialekt“ geht. Diese Beschimpfungen werden bei Facebook wegen Verstoß gegen §185 des deutschen Strafgesetzbuchs gelöscht. Aber auch Anspielungen n z.B. das Götz Zitat wurde wiederum nach Meldung nicht als strafbar eingestuft. Denn es gibt keine universelle Definition von Hass-Inhalten.

Die Europäische Union setzt bisher auf Kooperation mit den Internetkonzernen statt auf Vorschriften. Jedenfalls erhebt sich die Frage, ob die Parlamente oder Facebook über den Inhalt zu entscheiden haben.  Ich befürchte, dass uns diese Thema in Zukunft noch öfter beschäftigen wird.

Ich möchte nicht einer von diesen Tausenden von Mitarbeitern sein, die entscheiden müssen, was gelöscht werden muss und was nicht. Ich gehöre einer Generation an, die nicht mit der Political Correctness aufgewachsen ist, daher erscheint mir vieles akzeptabel, das anderen vielleicht schon als „Hassposting“ wahrnehmen. Und ich bin auch der Meinung, dass nur durch Tauschen von Begriffen nicht mehr Empathie mit Betroffenen entsteht. Ich beuge mich der neuen Diktion auch nur dann, wenn ich weiß, dass Betroffenen unter den früher üblichen Begriffen leiden.  Ich finde auch, dass es zulässig ist, die Wahrheit zu sagen, selbst wenn sie für andere schmerzlich sein sollte. Wahrheit kann auch auf subjektiver Wahrnehmung beruhen – dann kann es problematisch werden.

Ich fühle mich auch dem durchgängigen Gendern nicht verpflichtet, weil ich – vielleicht inkorrekter Weise – dem Binnen-I – keine bewusstseinsändernde Wirkung zu schreibe.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es in der Bank, als ich noch dort arbeitete, eine Verordnung gab, dass keine „Schimpfwörter“ als Losungsworte – die ja der Kunde selbst wählt – verwendet werden durften. Damals hat man das Problem halt auf die Mitarbeiter an den Schaltern abgewälzt.

Ich jedenfalls erlaube mir, am Grundrecht der freien Meinungsäußerung festzuhalten.

 

 

Was ist ein Hassposting?

2 Gedanken zu “Was ist ein Hassposting?

  1. Korrektur: Es heißt „NetzwerkDurchSETZUNGSgesetz“ (Du schreibst von „…durchsuchungs…“).

    Aber das ist dort wohl auch enthalten. Und es ist meiner Meinung nach ein grauenhaft gemachtes, schwammiges Gesetz (wie auch die DGSVO/GPRD).

    Gefällt mir

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