Was ist unsere Identität?

Kürzlich lese ich einerseits, dass Israel seine Demokratie zugunsten seiner Identität beschädigt und andererseits, dass jedes Land eine Identitätspersönlichkeit in seiner Geschichte hat.

Unsere Identität macht vieles aus: z.B. unsere Sprache, unsere Religion, gemeinsame Feinde, wirtschaftliche Interessen, landesübliche Gewohnheiten oder die Landschaft …  Zusätzlich aber gibt es ein gemeinsames Narrativ (wenn Sie wollen Erzählung), eine Geschichte, die wieder und wieder erzählt, umgeschrieben, neu interpretiert und von neuem erzählt wird, die all kennen und lieben.

Welche Persönlichkeiten fallen uns zu diesem Thema ein: z.B. Alexander der Große für Griechenland, das zeigt sich derzeit in dem Namensstreit mit Mazedonien. Bedeutende französische Mythen sind die Legenden um den jungen, gegen Cäsar zum Teil siegreichen Gallier Vercingetorix, die Erzählungen um Johanna von Orléans oder die Ereignisse um die Französische Revolution. Kraftvolle Bilder zur «Grandeur de la France» gibt die Erstürmung der Bastille ab.

Der Reformator Jan Hus wiederum ist die tschechische Identifikationsfigur in Verbindung mit der Jahrhunderte andauernden Unterdrückung der Tschechen: Jan Hus wollte sein eigenes Leben nicht gegen seine Prinzipien und Überzeugungen eintauschen und kam so während des Konstanzer Konzils als Ketzer auf den Scheiterhaufen.

Die Norweger sind stolz auf ihren Wagemut und Entdeckergeist basierend auf der altgermanischen Rechtsinstitution, dem Jarltum. Der Krieger entscheidet selbständig, an welchen Führer er sich binden will – die Eroberungen im Atlantik, die Entdeckungen bis Amerika und sogar der politische Liberalismus werden mit diesem Sinn für die Freiheit des Einzelnen in Verbindung gebracht. Wer denkt da nicht an Erik, den Roten, Thorvaldsson. Boadicea,

Zu Großbritannien fällt mir z.B. die Königliche Familie ein, schon beginnend mit Boadicea, aber z.B. auch Winston Churchill als das Symbol des nicht Aufgebens auch unter großer Gefahr.

In Italien ist es das Risorgimento, das eigentlich erst über eine längere Periode den Italienischen Staat ermöglichte. Stolz sind die Italiener besonders z.B. auf ihre Künstler und deren Werke z.B. Michelangelo.

Und was ist identitätsstiftend für die Schweiz: Sparsamkeit, Fleiß oder Pünktlichkeit? Oder vielleicht Jean Calvin, der die mannigfachen Differenzierungen reformatorischer Anliegen in seinem Werk «Institutio Christianae Religionis» zu bündeln versuchte. Manche assoziieren den Emmentaler Käse mit der Schweiz.

Und was fällt mir zu den USA ein: wohl ihre Constitution, die Verfassung der USA von 1787, vielleicht auch der Angriff auf Pearl Harbour 1941 oder auch der Angriff auf die Twin Towers 2001.

Was macht nun unsere österreichische Identität aus?  Worauf sind wir stolz? Das ist eine schwierige Frage, die schon das Museum der Geschichte so endlos verzögert hat. Selbst unser Nationalfeiertag ist kein gewachsenes Konstrukt. Wer erinnert sich nicht an das anfängliche Feiern durch Fitnessmärsche. Mir erscheinen Wiener Schnitzel und Sachertorte, Lederhose und Dirndl zu wenig. Ist es „unser Kaiser“ Franz Joseph? Von manchen Österreichern wird aber diese Monarchie abgelehnt und die Geschichte beginnt erst mit der Republik. Dann dürfen wir auch z.B. Prinz Eugen, den Edlen Ritter oder Maria Theresia nicht  als Identifikationsfiguren „verwenden“. Sehr am Herzen liegen uns auch die für uns erfolgreichen Türkenbelagerungen – aber das geht wieder schlecht auf Grund der vielen eingewanderten Türken.  Wie wär’s mit der Goldenen Bulle (ein in Urkundenform verfasstes kaiserliches Gesetzbuch und war von 1356 an das wichtigste der „Grundgesetze“ des Heiligen Römischen Reiches) oder mit dem Staatsvertrag? Oder sind wir vielleicht begnadete Brückenbauer?

Haben wir – im Gegensatz zu vielen anderen – eine „negative Identität“ – indem wir uns auch heute bei vielem und jedem unserer Nazivergangenheit besinnen?  Da ist noch viel Raum für Politiker etc. um unsre österreichische Identität eindeutig zu klären und Identitätsobjekte zu definieren.

Andererseits behalten wir ansprechende und positive Bilder in Erinnerung, wenn es darum geht, sich im Kollektiv für eine ganze Gemeinschaft einzusetzen.  Das Empfinden von Zugehörigkeit wird nicht an Unumstösslichem festgemacht. Es sind nicht Herkunft, Religion oder Ethnie, sondern Erzählungen, die die nationale Zugehörigkeit definieren – Erzählungen, die unabhängig von Herkunftsmerkmalen internalisiert werden können.

Aber heutzutage geht es nicht nur um nationale Identität – wir – beispielsweise sind doch auch Europäer? Auch supranationale Institutionen wie die Europäische Union sollten sich vor nationalen Identitäten, Werten und Symbolen nicht fürchten. Sondern ganz im Gegenteil – es wären narrative Repräsentationen hilfreich. Die Union hat eigene Elemente für das Festigen von Zusammengehörigkeit zu entdecken. Der soziale Mensch braucht in der Gemeinschaft den Kitt und Zement von kollektiver Identität.

Zum Glück haben wir uns schon auf eine gemeinsame Europa-Hymne einigen könnten. Und welche Personen – Ideen könnten für ganz Europa stehen? Mir fällt dazu z.B. Karl der Große ein (von 768 bis 814 König des Fränkischen Reichs, erlangte am 25. Dezember 800 als erster westeuropäischer Herrscher seit der Antike die Kaiserwürde, die mit ihm erneuert wurde). Um auch unsere südöstlichen Nachbarn zu inkludieren, kämen – aus meiner Sicht – Kyrill und Method in Frage, sie gelten als Slawenapostel und schufen die erste Schrift für die altslawische Sprache.

Aber darüber sollten sich gescheitere Menschen den Kopf zerbrechen, aber sie sollten es bitte bald tun, vielleicht vor der nächsten Wahl zum Europaparlament, sonst kommt noch jemand auf die Idee, Stephen Bannon (Im August 2016 wurde er Berater des damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Von dessen Amtsantritt am 20. Januar 2017 bis zum 18. August 2017 war er der Chefstratege im Weißen Haus) mit dieser Aufgabe zu betrauen.

Was ist unsere Identität?

It’s too darn hot

Heut möchte ich alle gescheiten, innovativen Menschen auffordern, sich etwas einfallen zu lassen um Städte zu kühlen. Und die verantwortlichen Politiker ersuche ich dann im Anschluss, alle diese gescheiten Maßnahmen möglichst zeitnah umzusetzen.

Ich war am Wochenende bei einem Gartenfest in Wien, im Rosental (nahe Steinhof) eingeladen, als der Abend kam, wurde es kühler …  Dann zurück in der Stadt war es schon noch sehr heiß, aber – am Weg durch den Burggarten – war es wieder viel weniger unangenehm.

Gut, es ist ja nichts Neues, dass unverbauter Boden, Gras und Bäume kühlend wirken. Aber man wird kaum so schnell viele neue Parks im verbauten Gebiet in Wien errichten können.

Daher bitte: Ideen z.B. zur Fassaden-Begrünung – ich weiß schon: in Wien gibt es viele denkmalgeschützte Häuser, die man sicher nicht begrünen kann, aber es gibt doch auch Dächer – nicht jedes Haus hat einen Dachbodenausbau – die man bepflanzen könnte. Nur technisch müssen die Lösungen einwandfrei sein, und pflegearm. Das Anlegen eines Gründachs ist teurer, und auch die Instandhaltungskosten fallen höher aus. Dafür bieten begrünte Dächer andere Vorteile, indem sie etwa den Abfluss von Regenwasser verlangsamen, Lebensraum für bestäubende Insekten bieten und die Städte einfach schöner machen.

Seit 2009 ist Toronto die erste Stadt in Nordamerika, die Richtlinien für Gründächer erließ. Demnach müssen neue Gebäude ab einer bestimmten Größe begrünt sein, damit die Pflanzen das Regenwasser speichern und die Temperaturen in der Stadt absenken können. Der Dachgarten der Architekturfakultät der University of Toronto ist Teil des Green Roof Innovation Technology Laboratory (GRIT Lab) – der einzigen Einrichtung dieser Art in Kanada –, das den Nutzen von Gründächern und anderen Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel unter die Lupe nimmt. Das Gebäude liegt mitten im Stadtzentrum und beherbergt 33 rechteckigen Hochbeeten, in denen neben heimischen Gräsern und Blumen auch exotische Gewächse namens Fetthennen mit wachsartigen, Wasser speichernden Blättern gedeihen. In jedem Beet findet sich eine andere Kombination aus Pflanzen, Erde und Bewässerungstechnik, überwacht von 270 Sensoren, die Luft- und Bodentemperatur, Bodenfeuchte und Regenwasserabfluss erfassen. Begrünte Dächer reflektieren mehr Sonnenlicht als herkömmliche Teer- oder Kiesdächer, doch die Feuchtigkeit in Pflanzen und Boden sorgt für einen Kühleffekt: Wasser aus Blättern und Erde verdampft und gibt die Wärme auf diese Weise an die Atmosphäre ab, wodurch die Temperatur der umgebenden Luft sinkt. Und selbst mit den besten Gründächern bleibt unklar, inwieweit sich dieser Ansatz auf die Temperatur einer ganzen Stadt auswirkt.

Denn sobald die Sonne untergeht, verdunstet weniger Wasser, und dementsprechend kühlen die Gründächer längst nicht mehr so gut – bei Hitzewellen wird die Nacht so zu einer unerträglichen Zeit. Zudem setzen Dachbepflanzungen die tagsüber gespeicherte Wärme nach Sonnenuntergang wieder frei. Damit lassen sich zwar am Tag die Temperaturen absenken, aber in der Nacht könnten sie sich sogar erhöhen. Ob begrünte Dächer, die sich ja in luftiger Höhe befinden, den Menschen unten auf der Straße Abkühlung verschaffen, ist ebenfalls unklar. Das Pflanzen von Bäumen und Umwandeln von asphaltierten Flächen in Rasenflächen erwies sich als wirksamer verglichen mit Gründächern. Hellere Straßen und Dächer könnten Städte tatsächlich abkühlen. Je nach Lage haben stark reflektierende Dächer aber möglicherweise auch einige nachteilige Folgen. Würde man die „kühlen Dächer“ großflächig umsetzen, könnte der mittlere Tagesniederschlag im Sommer sinken. Die Auswirkungen auf den Wind sind auch noch nicht ausreichernd untersucht.

Los Angeles verfügte 2014, dass neue und renovierte Wohnhäuser so genannte „cool roofs“, also „kühle Dächer“, aus hellen Materialien haben sollen, die das Sonnenlicht reflektieren. Und in Frankreich müssen die Dächer von Neubauten in Gewerbegebieten gemäß einem im März 2015 verabschiedeten Gesetz teilweise mit Pflanzen oder Solarmodulen bedeckt sein. In Chicago bemüht man sich um begrünte oder stark reflektierende Dächer sowie Straßenbepflanzungen – und gestaltet asphaltierte Spielplätze in Rasenflächen um.

Es gab ja früher schon Ansätze: so fuhren die Spritzwagen abends und morgens durch die Straßen in Wien – es muss ja nicht gerade Hochquellenwasser dazu verwendet werden. Heuer habe ich noch keine gesehen?  Angeblich hilft es auch, Gebäude zu bespritzen.

Louisville in Kentucky hat eine Strategie zur Wärmedämmung entwickelt: es werden die notwendigen Basisdaten erhoben, wie z.B. Erfassung des Baumbestandes. In einem nächsten Schritt soll dann ein genauer Plan erstellt werden, wie sich stark reflektierende sowie begrünte Dächer, Baumpflanzungen und helle Bodenbeläge am besten kombinieren lassen, um die am stärksten gefährdeten Bewohner der Stadt vor Hitze zu schützen. Gleichzeitig möchte die Stadt die Zahl der Bäume erhöhen.

Wien hat einen „Urban Heat Islands Strategieplan“. Es werden neue Parkanlagen errichtet, Wien setzt unter anderem auf Fassadenbegrünungen. Die Pflanzen an den Hauswänden „schwitzen“ bei Sonneneinstrahlung. Dabei verdunstet das in der Pflanze gespeicherte Wasser und wird an die Umgebung abgegeben. So wird die unmittelbare Umgebung abgekühlt. Im Winter besitzen dauergrüne Rankpflanzen einen Isolationseffekt und helfen, Heizkosten zu sparen. Eine durchdacht angelegte Pflanzenhülle ist zudem ein natürlicher Schutzschild gegen Schlagregen und UV-Strahlung und kann damit die Lebensdauer einer Fassade erhöhen. Allerdings: ich komme neuerdings in Wien ziemlich viel herum, Häuser mit begrünten Fassaden sind mir noch keine untergekommen.

Sicher gäbe es noch andere Möglichkeiten – wie z.B. Reduzierung des Autoverkehrs, aber das würde dann doch wieder von sehr vielen Menschen abgelehnt werden. Denen ist ja nicht heiß, denn Autos haben innen eine Kühlung (und verbrauchen dafür mehr Kraftstoff).

Am besten ich stelle mir jetzt vor, ich säße am Ufer eines Sees und baumelte mit den Füßen im Wasser!

It’s too darn hot

Luxusprodukte gehen nicht in den Ausverkauf, sondern in den Müll

Wir leben wirklich in einer verrückten Welt, heute lese ich (NZZ), dass die Luxusmarken nicht verkaufte Produkte verbrennen, um „exklusiv“ zu bleiben.  Diese „exklusiven“ Stücke gehen demnach nicht in den Ausverkauf, sondern werden meist verbrannt. Dies wurde durch die Analyse (durch Greenpeace) von Geschäftsberichten dieser Luxusfirmen – konkret Burburry – herausgefunden. Mehr als 30 Millionen EURO wurden dafür ausgegeben, um „liegengebliebene“ Produkte zu zerstören, und noch weitere 10 Millionen für die Beseitigung von Kosmetikprodukten. (Für diese Summe könnte man 20 000 Stück der klassischen Regenmäntel von Burburry kaufen). Burberry wolle die Marke vor Fälschungen und einem Überangebot der Produkte im Markt schützen, heißt es in dem Geschäftsbericht von 2017/18.

Angeblich ist Burberry nicht die einzige Modemarke, die Liegen-Gebliebenes vernichtet. Teilweise werden zurückgekaufte Waren rezykliert, aber die Mehrzahl landet im Müll. Angeblich gehören zu diesen „Vernichtern“ Richemont mit Cartier und Montblanc, der Branchenführer in Luxusmarken LVMH Moët Hennessy – Louis Vuitton und Hermes. Sie teilten in ihren jährlichen Geschäftsberichten mit, „obsolete Lagerbestände“ zerstört zu haben. Das sei „notwendig, da die Produkte alt werden und man sie nicht mehr verkaufen kann“.  Das stimmt insofern, als man sie wahrscheinlich nicht zu dem anfänglich geforderten Preis verkaufen kann.  Man begebe sich nur ins „Goldene Quartier“ in Wien, um diese Preise festzustellen.

Überproduktion von Luxusprodukten ist keine Seltenheit. Die Labels wollen wachsen, Konkurrenten verdrängen und überschätzen dabei aber die Aufnahmefähigkeit des Marktes.

Ich weiß leider nicht, wo diese Luxusmarken ihre Waren fertigen lassen, ich weiß daher auch nicht, welche Löhne diesen Textilarbeitern bezahlt werden. Aber als sicher kann angenommen werden, dass es bei der Fertigung bereits zu Umweltschäden kommt. Nun, durch das Vernichten der liegen-gebliebene Ware kommt es neuerlich zur Schädigung der Umwelt – wo dieser Schaden anfällt ist beim europäischen Mistexport auch nicht feststellbar. Und die Kosten für diese Art des Entsorgens tragen ja ohnedies die Kunden.

Ich hab mir immer gedacht, dass Billigtextilien eine kurze Lebensdauer haben, weil sie ja meist nur eine Saison getragen werden, aber dass diese Vernichtung auch das Luxussegment trifft, habe ich nicht gewusst. Dabei sagte man doch immer in meiner Jugend, wer billig kauft, kauft teuer.

Vielleicht sollten wir den Herstellern von Luxusmarken empfehlen, etwas achtsamer bei der Planung des Produktionsumfanges vorzugehen. Denn diese Produkte nicht zu kaufen, kann man ruhigen Gewissens empfehlen, weil dafür für die Mehrheit von uns ohnedies die Preise der Produkte sorgen!

 

Luxusprodukte gehen nicht in den Ausverkauf, sondern in den Müll

Zum Brot

In meiner Kindheit gab es – in meiner Erinnerung – nur eine Sorte Brot, das war ein großer Laib, etwas, das heutzutage wahrscheinlich als Mischbrot bezeichnet würde. Von diesem Brot – beim Anschnitt wurde mit dem Messer ein Kreuz darüber gemacht, dann wurde mit dem großen Brotmesser eine Scheibe heruntergeschnitten, die nicht einheitlich dick war, sondern verlaufend dünner wurde.  Die Brote waren groß und dick. Manchmal, in guten Zeiten, wurden sie mit Schmalz, vielleicht sogar mit Grammelschmalz bestrichen, der in einem Schmalztopf aufgehoben worden war. Verfertigt war das Schmalz – natürlich – aus selbst ausgelassenem rohem Speck. Auch in guten Zeiten wurde Butter draufgestrichen, so dick, dass man das Abbild der Zähne in der Butter feststellen konnte. In schlechten Zeiten, in denen die Butter rar war, strich man ganz wenig drauf und kratze den Rest soweit ab, dass nur die Löcher im Brot ein bisserl Butter abbekamen, den Rest verwendete man auf das nächste Brot.

Oft wurde – besonders am Land, das Brot noch selbst gebacken und dazu gab es bei den Bauernhöfen den freistehenden Backofen – der mich als Kind allerdings immer an das Märchen Hänsel und Gretel erinnerte. Meine Mutter hatte uns erzählt, dass sie im Ersten Weltkrieg, bei der Verwandtschaft der nicht sehr geliebten Stiefmutter im Burgenland – Oberschützen – als kleines zartes Mädchen in den Backofen kriechen musste, um das fertig gebackenen Brot herauszuholen. Dabei, so meinte sie, in Erinnerung noch immer schaudernd, habe sie sich sehr gefürchtet.

Wenn ich an diese großen Brotlaibe meiner Kindheit denke, rinnt mir immer noch das Wasser im Mund zusammen.

Unsere Vorfahren haben schon vor rund 14.400 Jahren die ersten Brote gebacken, wie in Jordanien entdeckte Steinzeit-Speisereste enthüllen. Die Kulturtechnik des Brotbackens entstand demnach damit schon Jahrtausende vor der Erfindung der Landwirtschaft und des Getreideanbaus. Die ersten Brotteige wurden dabei unter anderem aus Einkorn, wilder Gerste und Strandsimsen hergestellt. Brotbacken war damals sicher viel aufwändiger und mühevoller als heute: es gab nicht wirklich effektive Werkzeuge, sondern nur sichelförmige Klingen und Steinmörser. Dennoch es bestand das Brot so wie heute, aus Mehl, das mit Wasser zu einem Teig verknetet und dann im Feuer gebacken wurde, es war ungesäuertes Fladenbrot. Der Sauerteig wurde dann erst viel später (römische Zeit) nachgewiesen.

Es gab auch früher – in guten Zeiten – weißes Brot, z.B.  in Form von Striezeln, der wurde am Samstag am Nachmittag, wenn alles für den Sonntag hergerichtet worden war, zu Hause gebacken.  Manchmal war das auch ein Erdäpfelbrot, das ich mir heute beim Bäcker zuweilen kaufe. In diesen guten Zeiten gab’s auch Semmeln und Kipferln – mein Großvater liebte Kipferln, die er in seinen Kaffee eintunkte. Gut erinnere ich mich noch an die großen Osterkipferln, die mir von einer unehelichen Schwester meiner Mutter (übe dieses Verhältnis wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts) wie auch allen meinen Cousins und Cousinen geschenkt wurden. Die – ebenfalls großen – Peregrini Kipferln gab es in der Servitengasse im Mai. Der Heilige Peregrin lebte im 13. Jahrhundert.

Nach dem Krieg gab es Brot nur gegen Lebensmittelmarken. Rationierte Lebensmittel erhielt man in Geschäften und Gaststätten nur dann, wenn man die entsprechenden Lebensmittelkartenabschnitte, die Marken, abgeben konnte und die vom Händler geforderte Summe bezahlte. Gaststätten gaben auf der Speisekarte an, wie viele Marken welcher Art der Gast für das jeweilige Gericht abzugeben hatte. Weißes Brot gab es in der Besatzungszeit für die Soldaten– in der amerikanischen Zone. Wenn man etwas davon ergattern konnte, war auch weißes Brot sehr willkommen, weil man Hunger hatte, dennoch, es schmeckte aber nicht so gut wie unser „braunes“ (was jetzt aber schon gar nichts mit Politik zu tun hat). In der Nachkriegszeit wurde Brot aus Mais gebacken, wenn gerade nichts anderes zur Verfügung stand. Dieses Brot hatte nicht nur eine gelbe Farbe, aber es bröckelte auch und ließ sich schwer schneiden. Heute gilt es als Delikatesse – so wurde es mir auf einer Reise in Portugal serviert, aber für mich war das eher eine herbe Enttäuschung.

Später, als dann auch der Wohlstand in Österreich eingekehrt war, gab es verschiedenste Brotsorten. Mir schmeckte das ganz Dunkle besonders gut, so gab mir meine Mutter, als ich im Jahr 1955 nach Spanien fuhr, um dort zu arbeiten und vor allem Spanisch zu lernen, einen Wecken Pumpernickel- artiges Brot mit. Die Reise in der Bahn, 3. Klasse hat zwar von Wien nach Madrid 3 Tage gedauert aber das Brot konnte ich in dieser Zeit nicht aufessen. Und die Spanier, die in dem Abteil mit mir reisten, hatten ihr eigenes Essen mit (und z.B. auch lebende Hühner), das sie mir freundlich anboten – aber als ich im Gegenzug mein Brot anbot, beäugten sie es misstrauisch fragten mich, was denn das wohl wäre, aber lehnten dennoch ab, es zu kosten.

Das Brot hat es vom Grundnahrungsmittel zum Kulturgut geschafft.  Heute gibt es unzählige Brotsorten, keinen einheitlichen Brotpreis mehr aber dafür werden Preise für die besten Brotsorten verliehen. Es gibt Brot nicht nur in Runden Laiben sondern auch in Wecken und allerhand andere Formen (z.B. Wurzelbrot) Das Brot wird meist nicht mit dem Messer abgeschnitten, sondern mit der Brotschneidmaschine, und es wird auch kein Kreuz mehr darüber gemacht, wenn das Brot angeschnitten wird.   Heute ist Brotbacken in privaten Haushalten „in“. Oft werden Photos davon im Facebook gepostet.

Für mich ist Brot etwas, das ich sicher nicht wegwerfen kann. Auch wenn es alt und trocken geworden ist (in einem Ein-Personen-Haushalt leicht möglich) schmeckt mir auch dieses Brot noch immer. Und wenn gar nichts mehr geht, dann mache ich eine Brotsuppe draus. (Ich habe schon einmal eine Brotschneidemaschine mit alt gewordenen Brot ruiniert).

Und so kann ich nur sagen: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“

Zum Brot

Allein sein

Jetzt beginnen die Mühen der Ebene – oder doch nicht? Nach dem Tod von meinem Mann, das war eine hektische Zeit, vieles galt es zu erledigen. Manches davon habe ich nicht in ausreichendem Maße gemacht, erst hinterher ist mir eingefallen, wie ich es besser hätte machen müssen. Eigentlich hab‘ ich zu wenig über den Spruch auf der Parte nachgedacht, auch hätte ich ein anderes Bild aussuchen sollen.  Ich hab‘ die Parten dann auch an zu Wenige persönlich ausgeschickt – manche waren beleidigt. All das tut mir jetzt ein wenig leid, aber nach dem Tod, der sich zwar schon ein paar Tage angekündigt hatte (was ich aber verweigert habe, zu glauben) war ich einfach schockstarr. Da haben mir meine Kinder sehr viel abgenommen. Die Organisation des Begräbnisses haben sie selbstständig gemacht. Bei der Seeelenmesse war ich dann schon etwas mehr involviert.

Jetzt habe ich – unterstützt – in der doch recht ordentlichen Ablage meines Mannes (mit der ich mich aber nie beschäftigt habe) Unterlagen gesucht, um Institutionen, mit denen mein Mann Kontakt hatte, von seinem Tod zu verständigen, Verträge zu kündigen, umschreiben zu lassen.  Ich habe dafür gesorgt, dass geborgte Geräte, wie Rollstuhl, „Stufengeher“ etc. von jenen Firmen wieder abgeholt werden, von denen sie geborgt waren – oder ich habe sie selber zurückgebracht. Ich prüfe und bezahle Rechnungen.  Ich habe Zeitungen und Zeitschriften abbestellt, die nur mein Mann gelesen hat, ich habe viele (Danke!) Kondolenzschreiben beantwortet – hoffentlich habe ich niemanden vergessen! Die Verlassenschaft ist nun auf dem Weg. Und es tauchen noch immer Angelegenheiten auf, die erledigt werden müssen. Aber ihre Zahl wird geringer. Somit wird die „frei verfügbare Zeit“ mehr. Und persönliche Gegenstände meines Mannes (z.B. Kleider) zu entsorgen – dazu bin ich nicht in der Lage.

Ich muss mir daher meine Zeit einteilen, jedem Tag eine Struktur geben. Eines ist sicher, ich bin – wie das so schön heißt – situationselastischer geworden. Wenn ich jemand treffe, renne ich nicht gleich weiter, sondern plaudere ich ein wenig. Ich spreche auch länger mit Freunden am Telephon. Sonst habe ich ja nicht so viel „Ansprache“.Trotzdem trifft es mich hart, wenn mir jemand sagt, „es ist doch jetzt leichter für sie.“ Mir wäre allemal viel, viel lieber mein Mann wäre noch bei mir und ich könnte meine Zeit für ihn verwenden.

Ich denke auch darüber nach, wann ich so viel Zeit, über die ich selbst verfügen kann, das letzter Mal gehabt habe. Es war wohl in meiner Kindheit, ich war ein Einzelkind. Allerdings war meine Mutter „nur“ Hausfrau, was aber während und nach dem Krieg eine ganz ordentliche Herausforderung war. Es müssen die Sommerferien 1944 und dann das Schuljahr 1944/45 gewesen sein, an dem viele Tage Unterricht ausfielen, weil Fliegeralarm war, weil Schulkinder andere Aufgaben hatten – wie z.B. Kartoffelkäfer suchen, als meine Mutter kaum Zeit für mich hatte und ich daher mir selbst überlassen war. Es gab Nachbarkinder, die waren aber jünger als ich, es gab auch Aufgaben, die erfüllt werden mussten – ich war verantwortlich für das Gießen unseres Gemüsegartens, der allerdings auf einem kleinen Hügel lag, das Wasser musste aus der Aist hinaufgeschleppt werde. Manchmal begleitete ich auch meine Mutter zu den Bauern, bei denen sie arbeite, und ich musste dann ein paar Kühe hüten oder den auf dem Feld Arbeitenden die Jause bringen (Most und Brot, manchmal ein Stück Speck). Für das Mittagessen wurde ich um Schwammerln geschickt dabei sollte ich auch gleich Beeren mitbringen (meist Heidelbeeren). Das empfand ich nicht als Belastung, denn ich streifte gerne im Wald herum. An heißen Sommertagen konnte man auch im Fluss baden oder über die Wehr klettern. Und für trübe Tage hatte ich Bücher aus der Leihbibliothek. Die Auswahl an Jugendbüchern war nicht besonders groß und „politisch gesteuert“, das heißt ich kannte z.B. damals das Nibelungenlied und andere germanische Sagen recht gut. Langweilig war mir wirklich nie.

Und heute: ich habe einen Mini-Haushalt zu „bewältigen“, ja ich gehe einkaufen und ich koche mir täglich etwas Warmes, aber das erfordert nicht sonderlich viel Zeit. Ich versuche alle Wege möglichst zu Fuß zu gehen, weil allein Spazierengehen, das mag ich eigentlich nicht, ich brauch immer ein „Ziel“. Umwege nehme ich allerdings gerne in Kauf, um durch einen Park zu gehen, oder durch eine Gegend, die ich besonders mag. Jeden Tag schreib ich meinen Blog, das nimmt schon ganz schön viel Zeit in Anspruch, es ist ja nicht nur das „Schreiben“.  Ich hab‘ auch beschlossen „Kultur“ nachzuholen, über die ersten diesbezüglichen Schritte habe ich schon berichtet. Das lässt aber immer noch „Zeit“ übrig. Nun habe ich etwas Neues angefangen, aber über ungelegte Eier mag ich noch nicht gackern.

Und gerade für die Kultur benötige ich – besonders im Sommer – mehr „Mobilität“. Das große Auto, das für den Transport von Rollstuhl etc. geeignet war, nützt mir für meine derzeitigen Zwecke nichts mehr. Und wenn ich es so recht bedenke, will ich kein Auto mehr besitzen. In der Stadt reichen die öffentlichen Verkehrsmittel für mich vollständig aus. Und wenn’s wirklich notwendig ist, dann werde ich mir halt ein Taxi leisten (das empfinde ich als besonderen Luxus, den es zu vermeiden gibt). Aber um mir z.B. eine Landesausstellung anzuschauen – brauch ich doch ein Auto. Also demnächst werde ich mir das Mietautoangebot etwas näher ansehen.

Fad wird mir auch jetzt nicht, um mich zwischendurch von meinen Aktivitäten auszuruhen lese ich, abends schaue ich mir Nachrichten und ev. Dokumentation (oder alte Filme) im Fernsehen an. Aber dennoch – so ein Tag kann ganz schön lang werden, ohne Kontakt zu anderen Personen. Und natürlich erinnert mich alles und jedes an meinen Mann – gestern z.B. der nicht sichtbare Blutmond – den letzten habe ich mit meinem Mann zusammen betrachtet und viele, viele andere große und kleinere Ereignisse erinnern mich an gemeinsame Zeiten.

Wir haben ja auch gemeinsam ferngesehen und natürlich sowohl über Nachrichten und Personen und sonstige Inhalte diskutiert – jetzt kann ich höchsten Sie, meine geschätzten Leser – damit langweilen. Wenn ich irgendwelche Neuigkeiten erfahre, denke ich immer zuallererst – das muss ich meinem Mann erzählen. Die Leere ist jetzt schon spürbar.

 

 

Allein sein

Die Reichkrone, der Brexit und das Römische Reich

Wenn, ja wenn, nicht so viele Touristen es als ihr Ziel auswählen würden, ginge ich gerne in die Schatzkammer – die kaiserliche Schatzkammer in Wien.  Dort befindet sich nämlich die achteckige Reichskrone, welche die Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches seit dem Hochmittelalter getragen haben.  Die Reichskrone ist nach bislang geltender Ansicht frühestens um 960 für Otto I. und spätestens für Konrad II. angefertigt worden. Erst 1800 wurde sie der der kaiserlichen Schatzkammer in Wien übergeben. Nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches 1806 waren die Krone und die anderen Insignien keine Symbole des Reiches mehr. Sie standen nur noch als Schatz für eine fast tausendjährige Geschichte des Reiches.

Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 bestimmte Adolf Hitler, dass die Reichskleinodien von Wien wieder nach Nürnberg zu verbringen seien. Als die Bedrohung durch Luftangriffe zunahm, wurde einer der ehemaligen Bierkeller im Nürnberger Burgberg als Historischer Kunstbunker ausgebaut, um dort Kunstschätze, darunter auch die Reichskleinodien, vor Bomben und Feuer zu schützen. Gegen Kriegsende wurde in einer heimlichen Aktion die Reichskrone zusammen mit anderen Teilen der Reichskleinodien in einen Bunker gebracht. Dort wurden sie in einer Nische versteckt und eingemauert. Nach dem Kreig wurde das Versteck den Amerikanern preisgegeben (unter der Voraussetzung, dass die Krone nicht in die USA gebracht werden sollte) Am 4. Januar 1946 wurden die Reichskleinodien nach Wien zurückgebracht.

Und was hat mich dazu gebracht, mich mit diesem Thema zu beschäftigen: Ein Artikel im Guardian von Timothy Garton Ash über den Brexit. Er vergleicht einen harten oder gar keinen Brexit-Deal mit dem Versailler Vertrag von 1919 mit ähnlichen Auswirkungen auf Großbritannien wie damals auf Deutschland – er sagt – unter diesen Umständen – Weimarer Verhältnisse für England voraus.

Nachdem Theresa May ihr Weißbuch vorgelegt hat, wäre es nun an den restlichen EU-27 eine Zukunfts-Strategie zu entwickeln. Und dies sollte – so meint Ash – jetzt einmal sofort während der österreichischen Ratspräsidentschaft beginnen. Und die verantwortlichen Europäer sollten sich mit der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation auseinandersetzen. Diese „frühere Europäische Union“ hätte deshalb tausend Jahre gedauert, weil sie in der Lage war, sich verändernden Bedingungen rasch anzupassen, weil sie mit Europas unausrottbarer Vielfalt in der Unterschiedlichkeit umgehen konnte, noch immer ihre gemeinsame Zielsetzung achtete und ihren mythischen Nimbus wahrte.

Das Heilige Römische Reich hatte keine festen Grenzen, es dehnte sich aus, es schrumpfte, aber es blieb bestehen.  Verschiedene Dynastien herrschten. Es kam zu Teilungen und es kam zu Vereinigungen, und es wurde gekämpft. Man verteidigte seinen Anspruch auf die Nachfolge Roms, die ja auch von Byzanz erhoben wurde. Oberster Repräsentant der politischen Ordnung des mittelalterlichen Reiches, zuständig für den Schutz des Reiches und den Frieden im Inneren, war der König. Als politische Untereinheiten dienten die Herzogtümer. Wichtig war der Konsens zwischen Herrscher und den Großen des Reiches. Das Reichskirchensystem bildete bis zum Ende des Reiches eines der prägenden Elemente seiner Verfassung; die Einbindung der Kirche in die Politik war aber an sich nicht außergewöhnlich, dasselbe ist in den meisten frühmittelalterlichen Reichen des lateinischen Europas zu beobachten. Es wurde von den Klerikern unbedingten Gehorsam und die unverzügliche Umsetzung des Willens des Herrschers verlangt. Dennoch war die Idee eines allgemeinen Friedens, eines Gottesfriedens in Südfrankreich entstanden und hatte sich seit Mitte des 11. Jahrhunderts über das ganze christliche Abendland verbreitet. Damit sollten das Fehdewesen und die Blutrache eingedämmt werden, die immer mehr zu einer Belastung für das Funktionieren des Reiches geworden waren. Initiator dieser Bewegung war das cluniazensische Mönchstum. Doch dann kam es zum Investiturstreit.

Als bedeutende Zeugnisse gelten die beiden Rechtsbücher der Sachsen- und der Schwabenspiegel. Viele Argumente und Grundsätze, die für die folgenden Königswahlen gelten sollten, wurden in jener Zeit formuliert. Diese Entwicklung gipfelte Mitte des 14. Jahrhunderts nach den Erfahrungen des Interregnums in den Festlegungen der Goldenen Bulle.

Das frühneuzeitliche Kaisertum des Reiches wird als Neuanfang und Neuaufbau angesehen und keinesfalls als Widerschein der staufischen hochmittelalterlichen Herrschaft. Denn der Widerspruch zwischen der beanspruchten Heiligkeit, dem globalen Machtanspruch des Reiches und den realen Möglichkeiten des Kaisertums war in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu deutlich geworden. Der Reformbewegung entsprechend initiierte Maximilian 1495 eine umfassende Reichsreform, die einen Ewigen Landfrieden, eines der wichtigsten Vorhaben der Reformbefürworter, und eine reichsweite Steuer, den Gemeinen Pfennig, vorsah. Zwar gelang es nicht vollständig, diese Reformen umzusetzen, denn von den Institutionen, die aus ihr hervorgingen, hatten nur die neugebildeten Reichskreise und das Reichskammergericht Bestand. Dennoch war die Reform die Grundlage für das neuzeitliche Reich. Es erhielt mit ihr ein wesentlich präziseres Regelsystem und ein institutionelles Gerüst.

Die Reformation erschütterte das Reich, der Dreißigjährige Krieg fegte über das Reich dahin, und letztlich kam es zum Westfälischen Frieden. Danach drängte eine Gruppe von Fürsten auf radikale Reformen im Reich, die insbesondere die Vorherrschaft der Kurfürsten beschränken und das Königswahlprivileg auch auf andere Reichsfürsten ausdehnen sollten. Ab 1740 begannen die beiden größten Territorialkomplexe des Reiches, das Erzherzogtum Österreich und Brandenburg-Preußen, immer mehr aus dem Reichsverband herauszuwachsen. Hinzu kam das Denken der Aufklärung, das den konservativen bewahrenden Charakter, die Komplexität, ja sogar die Idee des Reiches an sich hinterfragte und als „unnatürlich“ darstellte. Die Idee der Gleichheit der Menschen war nicht in Übereinstimmung zu bringen mit der Reichsidee.

Am 18. Mai 1804 wurde Napoleon durch eine Verfassungsänderung zum erblichen Kaiser der Franzosen bestimmt. Damit wollte er sich nicht zuletzt in die Tradition Karls des Großen stellen, der tausend Jahre zuvor die Nachfolge des Römischen Reiches angetreten hatte. Als Reaktion auf die Krönung Napoleons zum Kaiser und die Gründung des „Rheinbundes“, der sich unter das Protektorat Napoleons stellte, legte Franz II. am 6. August 1806 die Krone des Heiligen Römischen Reiches nieder. Um zu verhindern, dass Napoleon an die erste Stelle der europäischen Fürsten durch seinen Kaisertitel aufrückte, machte er jedoch zuvor seine Anerkennung des Kaisertitels Napoleons von der Bestätigung eines neuen österreichischen Erbkaisertums abhängig. Er hatte deshalb bereits 1804 das Kaisertum Österreich proklamiert. Das Heilige Römische Reich hatte aufgehört zu existieren.

Aus tausend Jahren Geschichte lernen, das ist der Auftrag an die europäischen Politiker. Eine Mammutaufgabe!

Die Reichkrone, der Brexit und das Römische Reich

Zur vertrackten Integration

Ich verstehe es nicht! Wieso bewegt uns das Problem der Zuwanderung bzw. der Integration so sehr, dass man damit Wahlen gewinnen kann und es laufend auf der politischen Agenda bleibt. Jede Statistik, die uns vorgeführt wird, zeigt uns, dass die Zuwanderung zurückgeht. Viele hier lebende ehemalige Flüchtlinge sind bestens integriert. Ich würde den in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgrund der Jugoslawischen Zerfallskriege zu uns Gekommenen und ihren Nachkommen nicht das Epitheton „Migrationshintergrund“ zuordnen.

Und über die „ausländischen“ Arbeitskräfte, die aus Ländern der EU zu uns kommen, sollten wir dankbar sein. Ohne diese Hilfen könnten wir unsere Tourismusbetriebe aber auch unsere Spitäler nicht in der bestehenden Form aufrechterhalten, von der Altenbetreuung möchte ich hier gar nicht reden, – es gäbe sie nicht!

Also – was ist unser Problem? Sicher nicht die tüchtigen Zuwanderer aus ostasiatischen Ländern, die enorm fleißig sind und deren Kinder schon in der zweiten Generation hoch gebildet sind.

Wien z.B. war in der Geschichte schon immer ein Einwanderungsgebiet gewesen. Allerdings waren die Zuwanderer aus der Monarchie gekommen. Nicht umsonst war in Wien der Ausdruck „Ziegelbehm“ geprägt worden: sie hatten in den Ziegeleien im Süden Wiens des 19. Jahrhunderts gearbeitet, sie waren überwiegend böhmisch/mährischer Abstammung.  Die Ziegeleien selbst waren für Wien wirtschaftlich äußerst wichtig, so ist de facto die gesamte Bausubstanz so wie auch die Prachtbauten der Wiener Ringstraße mit Ziegeln erbaut worden. Auf sie geht auch der böhmische Prater in Wien zurück. Und jeder Haushalt in Wien, der etwas auf sich hielt, beschäftige damals eine „böhmische Köchin“. Was wäre die so genannte Wiener Küche ohne böhmische, ungarische etc. Elemente.

Der Bau der berühmten Semmeringbahn war ein Jahrhundertprojekt gewesen. Bis zu 20.000 Arbeiter, die hauptsächlich  aus Italien, Kroatien und Böhmen gekommen waren, waren dort beschäftigt.  Und sicher sind nicht alle davon am Ende in ihre Heimat zurückgekehrt.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Hälfte der Wiener nicht hier geboren. Die Massenzuwanderung aus der gesamten Monarchie machte die Stadt zu einer multiethnischen Metropole. Und niemand sprach von Einwanderungswellen, Außengrenzschutz und Integrationserfordernis.

Zentrale Aspekte der Integration sind vor allem Sprache, Bildung, Arbeitsmarkt, Partizipation, Werte und Identifikation innerhalb des Ziellandes. Ich habe nicht den Eindruck, dass das von Österreich nicht geboten würde? Dabei geht es oft nicht nur um eine Integration der Einwanderer selbst (Migranten der ersten Generation, „Ausländerintegration“ in engeren Sinne), sondern auch um die der meist schon eingebürgerten oder als Staatsbürger geborenen Nachfolgegeneration(en), die „Integration von Menschen mit Migrationshintergrund“ bzw. „mit Zuwanderungsgeschichte“. Ich lese, dass die Integration der „Ersten Generation“ der Zugewanderten besser gelungen ist, als jene von deren Nachkommen, die meist bereits hier geboren wurden? Wieso eigentlich?

Ich meine, dass noch nicht alles aufgearbeitet wurde (auch vom bürokratischen Standpunkt), das durch den Massenzustrom 2015 ausgelöst wurde. Bei geflüchteten Personen, die gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention als Flüchtlinge einzustufen sind, ist die Situation im jeweiligen Aufnahmeland insofern anders, als für Migranten im Allgemeinen bestimmte völkerrechtliche Verpflichtungen bestehen, die der Aufnahmestaat mit Blick auf die Integration von Flüchtlingen einzuhalten hat. Im Zuge der Flüchtlingskrise in Europa ab 2015 rückte die Debatte um die Einwanderungs-, Flüchtlings- und Asylpolitik, um die Integration von Flüchtlingen und Migranten im Allgemeinen sowie um die Bleibeperspektive von Menschen mit ungeklärtem oder vorläufigem Aufenthaltsrecht stärker in die gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Und sie beherrscht noch immer die politische Debatten.

Historisch haben sich aus solchen Migrationen, sofern es größere Gruppen betrifft, entweder ethnische Minderheiten entwickelt, wenn gewisse soziokulturelle Basisfaktoren wie Muttersprache, Religionszugehörigkeit, und Sitten und Gebräuche beibehalten wurden; dann können sich ethnographische und demographische Unterschiede über viele Generationen hinweg halten, teilweise auch mit permanenter oder zumindest phasenweise mangelhafter Integration in das soziale Gesamtgefüge. Dabei kommt es auch zu der unerwünschten Ghettobildung.

Mir scheint, dass es Muslime sind, mit deren Integration wir uns so schwertun, oder die sich mit ihrer Integration schwertun. Aber auch das stimmt nicht! Ich habe kaum je von einer iranischen Familie gehört, die nicht spätestens in der zweiten Generation hoch angesehene Berufe ausgeübt hat. Und auch viele sunnitische muslimische Familien sind gut integriert, man erkennt das an den vielen kleinen Firmen, die ihre Dienstleistungen überall anbieten – seien es Bäcker, Schneider etc. Und ihre Küche hat auch hier Einzug gehalten – Döner lässt sich aus unserem Speiseplan kaum wegdenken.

Allein an der Religion kann es nun wirklich auch wieder nicht liegen! Die Diskussion um „Integration“ schwelt immer und bricht zuweilen heftig auf, wie z.B. derzeit um den Fußballspieler Mesut Özil – in Deutschland. Wieso begleitet uns dieses Thema schon so viele Jahre, wobei doch er Zuzug von Flüchtlingen erheblich geringer geworden ist.

Also liegt es am Nationalismus mancher Herkunftsländer und an deren „nicht-los-lassen-können“ ihrer ehemaligen Bewohner?  Wieso fällt mir dazu nur die Türkei ein? Wohl auch, weil Özil sich mit Erdogan – im Rahmen von dessen Wahlkampf – photographieren ließ, was von türkischer Seite propagandistisch verwertet wurde. Aber grundsätzlich: es ist Erdogan selbst, der „seine Türken“ die im Ausland leben, immer wieder auffordert ihre Bande mit der Heimat nicht abreißen zu lassen. Es sind die vielen, von der Türkei organisierten türkischen Vereine, die verhindern, dass hier lebende Österreicher mit türkischen Wurzeln sich österreichischen Vereinen und Organisationen zuwenden. Das behindert ihre Integration. Selbst in kleinen Orten kenne ich keine Türken in der Freiwilligen Feuerwehr, bei der lokalen Blasmusikgruppe etc. mitwirken. Es werden dann doch lieber türkische Fernsehprogramme angeschaut und die Freizeit gemeinsam mit anderen Türken verbracht – und natürlich ausschließlich türkisch gesprochen.

Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass das nicht alle Menschen türkischer Abstammung betrifft. Aber es hilft dann auch nicht, sich „offensichtlich“ mit einem Kopftuch als „anders“ zu kennzeichnen – aber das ist wieder eine andere Debatte.

Zur vertrackten Integration