Zur vertrackten Integration

Ich verstehe es nicht! Wieso bewegt uns das Problem der Zuwanderung bzw. der Integration so sehr, dass man damit Wahlen gewinnen kann und es laufend auf der politischen Agenda bleibt. Jede Statistik, die uns vorgeführt wird, zeigt uns, dass die Zuwanderung zurückgeht. Viele hier lebende ehemalige Flüchtlinge sind bestens integriert. Ich würde den in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgrund der Jugoslawischen Zerfallskriege zu uns Gekommenen und ihren Nachkommen nicht das Epitheton „Migrationshintergrund“ zuordnen.

Und über die „ausländischen“ Arbeitskräfte, die aus Ländern der EU zu uns kommen, sollten wir dankbar sein. Ohne diese Hilfen könnten wir unsere Tourismusbetriebe aber auch unsere Spitäler nicht in der bestehenden Form aufrechterhalten, von der Altenbetreuung möchte ich hier gar nicht reden, – es gäbe sie nicht!

Also – was ist unser Problem? Sicher nicht die tüchtigen Zuwanderer aus ostasiatischen Ländern, die enorm fleißig sind und deren Kinder schon in der zweiten Generation hoch gebildet sind.

Wien z.B. war in der Geschichte schon immer ein Einwanderungsgebiet gewesen. Allerdings waren die Zuwanderer aus der Monarchie gekommen. Nicht umsonst war in Wien der Ausdruck „Ziegelbehm“ geprägt worden: sie hatten in den Ziegeleien im Süden Wiens des 19. Jahrhunderts gearbeitet, sie waren überwiegend böhmisch/mährischer Abstammung.  Die Ziegeleien selbst waren für Wien wirtschaftlich äußerst wichtig, so ist de facto die gesamte Bausubstanz so wie auch die Prachtbauten der Wiener Ringstraße mit Ziegeln erbaut worden. Auf sie geht auch der böhmische Prater in Wien zurück. Und jeder Haushalt in Wien, der etwas auf sich hielt, beschäftige damals eine „böhmische Köchin“. Was wäre die so genannte Wiener Küche ohne böhmische, ungarische etc. Elemente.

Der Bau der berühmten Semmeringbahn war ein Jahrhundertprojekt gewesen. Bis zu 20.000 Arbeiter, die hauptsächlich  aus Italien, Kroatien und Böhmen gekommen waren, waren dort beschäftigt.  Und sicher sind nicht alle davon am Ende in ihre Heimat zurückgekehrt.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Hälfte der Wiener nicht hier geboren. Die Massenzuwanderung aus der gesamten Monarchie machte die Stadt zu einer multiethnischen Metropole. Und niemand sprach von Einwanderungswellen, Außengrenzschutz und Integrationserfordernis.

Zentrale Aspekte der Integration sind vor allem Sprache, Bildung, Arbeitsmarkt, Partizipation, Werte und Identifikation innerhalb des Ziellandes. Ich habe nicht den Eindruck, dass das von Österreich nicht geboten würde? Dabei geht es oft nicht nur um eine Integration der Einwanderer selbst (Migranten der ersten Generation, „Ausländerintegration“ in engeren Sinne), sondern auch um die der meist schon eingebürgerten oder als Staatsbürger geborenen Nachfolgegeneration(en), die „Integration von Menschen mit Migrationshintergrund“ bzw. „mit Zuwanderungsgeschichte“. Ich lese, dass die Integration der „Ersten Generation“ der Zugewanderten besser gelungen ist, als jene von deren Nachkommen, die meist bereits hier geboren wurden? Wieso eigentlich?

Ich meine, dass noch nicht alles aufgearbeitet wurde (auch vom bürokratischen Standpunkt), das durch den Massenzustrom 2015 ausgelöst wurde. Bei geflüchteten Personen, die gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention als Flüchtlinge einzustufen sind, ist die Situation im jeweiligen Aufnahmeland insofern anders, als für Migranten im Allgemeinen bestimmte völkerrechtliche Verpflichtungen bestehen, die der Aufnahmestaat mit Blick auf die Integration von Flüchtlingen einzuhalten hat. Im Zuge der Flüchtlingskrise in Europa ab 2015 rückte die Debatte um die Einwanderungs-, Flüchtlings- und Asylpolitik, um die Integration von Flüchtlingen und Migranten im Allgemeinen sowie um die Bleibeperspektive von Menschen mit ungeklärtem oder vorläufigem Aufenthaltsrecht stärker in die gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Und sie beherrscht noch immer die politische Debatten.

Historisch haben sich aus solchen Migrationen, sofern es größere Gruppen betrifft, entweder ethnische Minderheiten entwickelt, wenn gewisse soziokulturelle Basisfaktoren wie Muttersprache, Religionszugehörigkeit, und Sitten und Gebräuche beibehalten wurden; dann können sich ethnographische und demographische Unterschiede über viele Generationen hinweg halten, teilweise auch mit permanenter oder zumindest phasenweise mangelhafter Integration in das soziale Gesamtgefüge. Dabei kommt es auch zu der unerwünschten Ghettobildung.

Mir scheint, dass es Muslime sind, mit deren Integration wir uns so schwertun, oder die sich mit ihrer Integration schwertun. Aber auch das stimmt nicht! Ich habe kaum je von einer iranischen Familie gehört, die nicht spätestens in der zweiten Generation hoch angesehene Berufe ausgeübt hat. Und auch viele sunnitische muslimische Familien sind gut integriert, man erkennt das an den vielen kleinen Firmen, die ihre Dienstleistungen überall anbieten – seien es Bäcker, Schneider etc. Und ihre Küche hat auch hier Einzug gehalten – Döner lässt sich aus unserem Speiseplan kaum wegdenken.

Allein an der Religion kann es nun wirklich auch wieder nicht liegen! Die Diskussion um „Integration“ schwelt immer und bricht zuweilen heftig auf, wie z.B. derzeit um den Fußballspieler Mesut Özil – in Deutschland. Wieso begleitet uns dieses Thema schon so viele Jahre, wobei doch er Zuzug von Flüchtlingen erheblich geringer geworden ist.

Also liegt es am Nationalismus mancher Herkunftsländer und an deren „nicht-los-lassen-können“ ihrer ehemaligen Bewohner?  Wieso fällt mir dazu nur die Türkei ein? Wohl auch, weil Özil sich mit Erdogan – im Rahmen von dessen Wahlkampf – photographieren ließ, was von türkischer Seite propagandistisch verwertet wurde. Aber grundsätzlich: es ist Erdogan selbst, der „seine Türken“ die im Ausland leben, immer wieder auffordert ihre Bande mit der Heimat nicht abreißen zu lassen. Es sind die vielen, von der Türkei organisierten türkischen Vereine, die verhindern, dass hier lebende Österreicher mit türkischen Wurzeln sich österreichischen Vereinen und Organisationen zuwenden. Das behindert ihre Integration. Selbst in kleinen Orten kenne ich keine Türken in der Freiwilligen Feuerwehr, bei der lokalen Blasmusikgruppe etc. mitwirken. Es werden dann doch lieber türkische Fernsehprogramme angeschaut und die Freizeit gemeinsam mit anderen Türken verbracht – und natürlich ausschließlich türkisch gesprochen.

Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass das nicht alle Menschen türkischer Abstammung betrifft. Aber es hilft dann auch nicht, sich „offensichtlich“ mit einem Kopftuch als „anders“ zu kennzeichnen – aber das ist wieder eine andere Debatte.

Zur vertrackten Integration

Ein Gedanke zu “Zur vertrackten Integration

  1. Ich bin mit den ersten Gastarbeitern, 2 jungen Brüder aus dem ehemaligen Jugoslawien Tür an Tür aufgewachsen. Viele Jahre später traf ich einen der Beiden. Er sprach mich sofort im Wiener Dialekt an, als er mich in seinen Bus der Wr.Linien den er lenkte, erkannte. Seither pflegen wir eine lose aber herzliche Freundschaft.
    Durch meine Berufstätigkeit nach der Geburt meiner Kinder in der Erzdiözese Wien, begleitete ich viele Flüchtlinge, wie aus Ruanda, Kroatien, Bosnien, dem Kosovo. Zuletzt lebte zehn Jahre lang eine afghanische 5-köpfige Flüchtlingsfamilie neben uns. Wo wir als Familie alle Hände voll zu tun hatten, da der Mann und Vater der gemeinsamen Kinder brutal gewalttätig war. Denn umso mehr sich seine Frau bildete, umso aggressiver wurde er. Sie holte mit Hilfe unserer Tochter den Hauptschulabschluss nach, um die Ausbildung zur Altenpflege zu absolvieren. Heute arbeitet sie mit großer Begeisterung in einem Pflegeheim der Caritas und ist geschieden. Auch die 3 Kinder, die durch den gewalttätigen Vater schwer traumatisiert sind, genießen nun eine höhere Ausbildung, haben einen netten Freundeskreis gefunden und sind „aufgeblüht“. Soweit die Erfolgsgeschichten!
    Wir wohnten bis vor 2 Monaten im XV.. Ich wurde vor 62 Jahren in der Bettina-Stiftung, im ehemaligen Kaiserin Elisabeth Spital geboren. Lebte immer in diesem Bezirk, an verschiedenen Adressen. Doch die letzten 15 Jahre, als es den Gastarbeitern möglich war die Familien nach zu holen, wurde es ungemütlicher. Ich spreche von den türkischen Familien, die patriarchalisch leben. Wo Männer stolz sind, dass ihre Frauen Analphabetinnen sind und Töchtern keine Bildung zugestanden wird. In unserem Grätzel, beim Meiselmarkt siedeln sich laufend bildungsferne, HinterhofmoscheetürkInnen an. Ich gehe so weit, dass ich behaupte, in ihren Augen sind wir verachtungswert durch unsere Haltung und Lebensweise. Mehrmals wurde uns „gedroht“ dass wir uns noch umschauen werden, wenn der Islam, Europa beherrscht!
    Ich möchte aber an dieser Stelle auch betonen, dass zu unserem Freundeskreis auch TürkInnen gehören. Die sich von diesen konservativen Landsleuten distanzieren!

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