Die Reichkrone, der Brexit und das Römische Reich

Wenn, ja wenn, nicht so viele Touristen es als ihr Ziel auswählen würden, ginge ich gerne in die Schatzkammer – die kaiserliche Schatzkammer in Wien.  Dort befindet sich nämlich die achteckige Reichskrone, welche die Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches seit dem Hochmittelalter getragen haben.  Die Reichskrone ist nach bislang geltender Ansicht frühestens um 960 für Otto I. und spätestens für Konrad II. angefertigt worden. Erst 1800 wurde sie der der kaiserlichen Schatzkammer in Wien übergeben. Nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches 1806 waren die Krone und die anderen Insignien keine Symbole des Reiches mehr. Sie standen nur noch als Schatz für eine fast tausendjährige Geschichte des Reiches.

Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 bestimmte Adolf Hitler, dass die Reichskleinodien von Wien wieder nach Nürnberg zu verbringen seien. Als die Bedrohung durch Luftangriffe zunahm, wurde einer der ehemaligen Bierkeller im Nürnberger Burgberg als Historischer Kunstbunker ausgebaut, um dort Kunstschätze, darunter auch die Reichskleinodien, vor Bomben und Feuer zu schützen. Gegen Kriegsende wurde in einer heimlichen Aktion die Reichskrone zusammen mit anderen Teilen der Reichskleinodien in einen Bunker gebracht. Dort wurden sie in einer Nische versteckt und eingemauert. Nach dem Kreig wurde das Versteck den Amerikanern preisgegeben (unter der Voraussetzung, dass die Krone nicht in die USA gebracht werden sollte) Am 4. Januar 1946 wurden die Reichskleinodien nach Wien zurückgebracht.

Und was hat mich dazu gebracht, mich mit diesem Thema zu beschäftigen: Ein Artikel im Guardian von Timothy Garton Ash über den Brexit. Er vergleicht einen harten oder gar keinen Brexit-Deal mit dem Versailler Vertrag von 1919 mit ähnlichen Auswirkungen auf Großbritannien wie damals auf Deutschland – er sagt – unter diesen Umständen – Weimarer Verhältnisse für England voraus.

Nachdem Theresa May ihr Weißbuch vorgelegt hat, wäre es nun an den restlichen EU-27 eine Zukunfts-Strategie zu entwickeln. Und dies sollte – so meint Ash – jetzt einmal sofort während der österreichischen Ratspräsidentschaft beginnen. Und die verantwortlichen Europäer sollten sich mit der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation auseinandersetzen. Diese „frühere Europäische Union“ hätte deshalb tausend Jahre gedauert, weil sie in der Lage war, sich verändernden Bedingungen rasch anzupassen, weil sie mit Europas unausrottbarer Vielfalt in der Unterschiedlichkeit umgehen konnte, noch immer ihre gemeinsame Zielsetzung achtete und ihren mythischen Nimbus wahrte.

Das Heilige Römische Reich hatte keine festen Grenzen, es dehnte sich aus, es schrumpfte, aber es blieb bestehen.  Verschiedene Dynastien herrschten. Es kam zu Teilungen und es kam zu Vereinigungen, und es wurde gekämpft. Man verteidigte seinen Anspruch auf die Nachfolge Roms, die ja auch von Byzanz erhoben wurde. Oberster Repräsentant der politischen Ordnung des mittelalterlichen Reiches, zuständig für den Schutz des Reiches und den Frieden im Inneren, war der König. Als politische Untereinheiten dienten die Herzogtümer. Wichtig war der Konsens zwischen Herrscher und den Großen des Reiches. Das Reichskirchensystem bildete bis zum Ende des Reiches eines der prägenden Elemente seiner Verfassung; die Einbindung der Kirche in die Politik war aber an sich nicht außergewöhnlich, dasselbe ist in den meisten frühmittelalterlichen Reichen des lateinischen Europas zu beobachten. Es wurde von den Klerikern unbedingten Gehorsam und die unverzügliche Umsetzung des Willens des Herrschers verlangt. Dennoch war die Idee eines allgemeinen Friedens, eines Gottesfriedens in Südfrankreich entstanden und hatte sich seit Mitte des 11. Jahrhunderts über das ganze christliche Abendland verbreitet. Damit sollten das Fehdewesen und die Blutrache eingedämmt werden, die immer mehr zu einer Belastung für das Funktionieren des Reiches geworden waren. Initiator dieser Bewegung war das cluniazensische Mönchstum. Doch dann kam es zum Investiturstreit.

Als bedeutende Zeugnisse gelten die beiden Rechtsbücher der Sachsen- und der Schwabenspiegel. Viele Argumente und Grundsätze, die für die folgenden Königswahlen gelten sollten, wurden in jener Zeit formuliert. Diese Entwicklung gipfelte Mitte des 14. Jahrhunderts nach den Erfahrungen des Interregnums in den Festlegungen der Goldenen Bulle.

Das frühneuzeitliche Kaisertum des Reiches wird als Neuanfang und Neuaufbau angesehen und keinesfalls als Widerschein der staufischen hochmittelalterlichen Herrschaft. Denn der Widerspruch zwischen der beanspruchten Heiligkeit, dem globalen Machtanspruch des Reiches und den realen Möglichkeiten des Kaisertums war in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu deutlich geworden. Der Reformbewegung entsprechend initiierte Maximilian 1495 eine umfassende Reichsreform, die einen Ewigen Landfrieden, eines der wichtigsten Vorhaben der Reformbefürworter, und eine reichsweite Steuer, den Gemeinen Pfennig, vorsah. Zwar gelang es nicht vollständig, diese Reformen umzusetzen, denn von den Institutionen, die aus ihr hervorgingen, hatten nur die neugebildeten Reichskreise und das Reichskammergericht Bestand. Dennoch war die Reform die Grundlage für das neuzeitliche Reich. Es erhielt mit ihr ein wesentlich präziseres Regelsystem und ein institutionelles Gerüst.

Die Reformation erschütterte das Reich, der Dreißigjährige Krieg fegte über das Reich dahin, und letztlich kam es zum Westfälischen Frieden. Danach drängte eine Gruppe von Fürsten auf radikale Reformen im Reich, die insbesondere die Vorherrschaft der Kurfürsten beschränken und das Königswahlprivileg auch auf andere Reichsfürsten ausdehnen sollten. Ab 1740 begannen die beiden größten Territorialkomplexe des Reiches, das Erzherzogtum Österreich und Brandenburg-Preußen, immer mehr aus dem Reichsverband herauszuwachsen. Hinzu kam das Denken der Aufklärung, das den konservativen bewahrenden Charakter, die Komplexität, ja sogar die Idee des Reiches an sich hinterfragte und als „unnatürlich“ darstellte. Die Idee der Gleichheit der Menschen war nicht in Übereinstimmung zu bringen mit der Reichsidee.

Am 18. Mai 1804 wurde Napoleon durch eine Verfassungsänderung zum erblichen Kaiser der Franzosen bestimmt. Damit wollte er sich nicht zuletzt in die Tradition Karls des Großen stellen, der tausend Jahre zuvor die Nachfolge des Römischen Reiches angetreten hatte. Als Reaktion auf die Krönung Napoleons zum Kaiser und die Gründung des „Rheinbundes“, der sich unter das Protektorat Napoleons stellte, legte Franz II. am 6. August 1806 die Krone des Heiligen Römischen Reiches nieder. Um zu verhindern, dass Napoleon an die erste Stelle der europäischen Fürsten durch seinen Kaisertitel aufrückte, machte er jedoch zuvor seine Anerkennung des Kaisertitels Napoleons von der Bestätigung eines neuen österreichischen Erbkaisertums abhängig. Er hatte deshalb bereits 1804 das Kaisertum Österreich proklamiert. Das Heilige Römische Reich hatte aufgehört zu existieren.

Aus tausend Jahren Geschichte lernen, das ist der Auftrag an die europäischen Politiker. Eine Mammutaufgabe!

Die Reichkrone, der Brexit und das Römische Reich

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