Allein sein

Jetzt beginnen die Mühen der Ebene – oder doch nicht? Nach dem Tod von meinem Mann, das war eine hektische Zeit, vieles galt es zu erledigen. Manches davon habe ich nicht in ausreichendem Maße gemacht, erst hinterher ist mir eingefallen, wie ich es besser hätte machen müssen. Eigentlich hab‘ ich zu wenig über den Spruch auf der Parte nachgedacht, auch hätte ich ein anderes Bild aussuchen sollen.  Ich hab‘ die Parten dann auch an zu Wenige persönlich ausgeschickt – manche waren beleidigt. All das tut mir jetzt ein wenig leid, aber nach dem Tod, der sich zwar schon ein paar Tage angekündigt hatte (was ich aber verweigert habe, zu glauben) war ich einfach schockstarr. Da haben mir meine Kinder sehr viel abgenommen. Die Organisation des Begräbnisses haben sie selbstständig gemacht. Bei der Seeelenmesse war ich dann schon etwas mehr involviert.

Jetzt habe ich – unterstützt – in der doch recht ordentlichen Ablage meines Mannes (mit der ich mich aber nie beschäftigt habe) Unterlagen gesucht, um Institutionen, mit denen mein Mann Kontakt hatte, von seinem Tod zu verständigen, Verträge zu kündigen, umschreiben zu lassen.  Ich habe dafür gesorgt, dass geborgte Geräte, wie Rollstuhl, „Stufengeher“ etc. von jenen Firmen wieder abgeholt werden, von denen sie geborgt waren – oder ich habe sie selber zurückgebracht. Ich prüfe und bezahle Rechnungen.  Ich habe Zeitungen und Zeitschriften abbestellt, die nur mein Mann gelesen hat, ich habe viele (Danke!) Kondolenzschreiben beantwortet – hoffentlich habe ich niemanden vergessen! Die Verlassenschaft ist nun auf dem Weg. Und es tauchen noch immer Angelegenheiten auf, die erledigt werden müssen. Aber ihre Zahl wird geringer. Somit wird die „frei verfügbare Zeit“ mehr. Und persönliche Gegenstände meines Mannes (z.B. Kleider) zu entsorgen – dazu bin ich nicht in der Lage.

Ich muss mir daher meine Zeit einteilen, jedem Tag eine Struktur geben. Eines ist sicher, ich bin – wie das so schön heißt – situationselastischer geworden. Wenn ich jemand treffe, renne ich nicht gleich weiter, sondern plaudere ich ein wenig. Ich spreche auch länger mit Freunden am Telephon. Sonst habe ich ja nicht so viel „Ansprache“.Trotzdem trifft es mich hart, wenn mir jemand sagt, „es ist doch jetzt leichter für sie.“ Mir wäre allemal viel, viel lieber mein Mann wäre noch bei mir und ich könnte meine Zeit für ihn verwenden.

Ich denke auch darüber nach, wann ich so viel Zeit, über die ich selbst verfügen kann, das letzter Mal gehabt habe. Es war wohl in meiner Kindheit, ich war ein Einzelkind. Allerdings war meine Mutter „nur“ Hausfrau, was aber während und nach dem Krieg eine ganz ordentliche Herausforderung war. Es müssen die Sommerferien 1944 und dann das Schuljahr 1944/45 gewesen sein, an dem viele Tage Unterricht ausfielen, weil Fliegeralarm war, weil Schulkinder andere Aufgaben hatten – wie z.B. Kartoffelkäfer suchen, als meine Mutter kaum Zeit für mich hatte und ich daher mir selbst überlassen war. Es gab Nachbarkinder, die waren aber jünger als ich, es gab auch Aufgaben, die erfüllt werden mussten – ich war verantwortlich für das Gießen unseres Gemüsegartens, der allerdings auf einem kleinen Hügel lag, das Wasser musste aus der Aist hinaufgeschleppt werde. Manchmal begleitete ich auch meine Mutter zu den Bauern, bei denen sie arbeite, und ich musste dann ein paar Kühe hüten oder den auf dem Feld Arbeitenden die Jause bringen (Most und Brot, manchmal ein Stück Speck). Für das Mittagessen wurde ich um Schwammerln geschickt dabei sollte ich auch gleich Beeren mitbringen (meist Heidelbeeren). Das empfand ich nicht als Belastung, denn ich streifte gerne im Wald herum. An heißen Sommertagen konnte man auch im Fluss baden oder über die Wehr klettern. Und für trübe Tage hatte ich Bücher aus der Leihbibliothek. Die Auswahl an Jugendbüchern war nicht besonders groß und „politisch gesteuert“, das heißt ich kannte z.B. damals das Nibelungenlied und andere germanische Sagen recht gut. Langweilig war mir wirklich nie.

Und heute: ich habe einen Mini-Haushalt zu „bewältigen“, ja ich gehe einkaufen und ich koche mir täglich etwas Warmes, aber das erfordert nicht sonderlich viel Zeit. Ich versuche alle Wege möglichst zu Fuß zu gehen, weil allein Spazierengehen, das mag ich eigentlich nicht, ich brauch immer ein „Ziel“. Umwege nehme ich allerdings gerne in Kauf, um durch einen Park zu gehen, oder durch eine Gegend, die ich besonders mag. Jeden Tag schreib ich meinen Blog, das nimmt schon ganz schön viel Zeit in Anspruch, es ist ja nicht nur das „Schreiben“.  Ich hab‘ auch beschlossen „Kultur“ nachzuholen, über die ersten diesbezüglichen Schritte habe ich schon berichtet. Das lässt aber immer noch „Zeit“ übrig. Nun habe ich etwas Neues angefangen, aber über ungelegte Eier mag ich noch nicht gackern.

Und gerade für die Kultur benötige ich – besonders im Sommer – mehr „Mobilität“. Das große Auto, das für den Transport von Rollstuhl etc. geeignet war, nützt mir für meine derzeitigen Zwecke nichts mehr. Und wenn ich es so recht bedenke, will ich kein Auto mehr besitzen. In der Stadt reichen die öffentlichen Verkehrsmittel für mich vollständig aus. Und wenn’s wirklich notwendig ist, dann werde ich mir halt ein Taxi leisten (das empfinde ich als besonderen Luxus, den es zu vermeiden gibt). Aber um mir z.B. eine Landesausstellung anzuschauen – brauch ich doch ein Auto. Also demnächst werde ich mir das Mietautoangebot etwas näher ansehen.

Fad wird mir auch jetzt nicht, um mich zwischendurch von meinen Aktivitäten auszuruhen lese ich, abends schaue ich mir Nachrichten und ev. Dokumentation (oder alte Filme) im Fernsehen an. Aber dennoch – so ein Tag kann ganz schön lang werden, ohne Kontakt zu anderen Personen. Und natürlich erinnert mich alles und jedes an meinen Mann – gestern z.B. der nicht sichtbare Blutmond – den letzten habe ich mit meinem Mann zusammen betrachtet und viele, viele andere große und kleinere Ereignisse erinnern mich an gemeinsame Zeiten.

Wir haben ja auch gemeinsam ferngesehen und natürlich sowohl über Nachrichten und Personen und sonstige Inhalte diskutiert – jetzt kann ich höchsten Sie, meine geschätzten Leser – damit langweilen. Wenn ich irgendwelche Neuigkeiten erfahre, denke ich immer zuallererst – das muss ich meinem Mann erzählen. Die Leere ist jetzt schon spürbar.

 

 

Allein sein

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