Zum Brot

In meiner Kindheit gab es – in meiner Erinnerung – nur eine Sorte Brot, das war ein großer Laib, etwas, das heutzutage wahrscheinlich als Mischbrot bezeichnet würde. Von diesem Brot – beim Anschnitt wurde mit dem Messer ein Kreuz darüber gemacht, dann wurde mit dem großen Brotmesser eine Scheibe heruntergeschnitten, die nicht einheitlich dick war, sondern verlaufend dünner wurde.  Die Brote waren groß und dick. Manchmal, in guten Zeiten, wurden sie mit Schmalz, vielleicht sogar mit Grammelschmalz bestrichen, der in einem Schmalztopf aufgehoben worden war. Verfertigt war das Schmalz – natürlich – aus selbst ausgelassenem rohem Speck. Auch in guten Zeiten wurde Butter draufgestrichen, so dick, dass man das Abbild der Zähne in der Butter feststellen konnte. In schlechten Zeiten, in denen die Butter rar war, strich man ganz wenig drauf und kratze den Rest soweit ab, dass nur die Löcher im Brot ein bisserl Butter abbekamen, den Rest verwendete man auf das nächste Brot.

Oft wurde – besonders am Land, das Brot noch selbst gebacken und dazu gab es bei den Bauernhöfen den freistehenden Backofen – der mich als Kind allerdings immer an das Märchen Hänsel und Gretel erinnerte. Meine Mutter hatte uns erzählt, dass sie im Ersten Weltkrieg, bei der Verwandtschaft der nicht sehr geliebten Stiefmutter im Burgenland – Oberschützen – als kleines zartes Mädchen in den Backofen kriechen musste, um das fertig gebackenen Brot herauszuholen. Dabei, so meinte sie, in Erinnerung noch immer schaudernd, habe sie sich sehr gefürchtet.

Wenn ich an diese großen Brotlaibe meiner Kindheit denke, rinnt mir immer noch das Wasser im Mund zusammen.

Unsere Vorfahren haben schon vor rund 14.400 Jahren die ersten Brote gebacken, wie in Jordanien entdeckte Steinzeit-Speisereste enthüllen. Die Kulturtechnik des Brotbackens entstand demnach damit schon Jahrtausende vor der Erfindung der Landwirtschaft und des Getreideanbaus. Die ersten Brotteige wurden dabei unter anderem aus Einkorn, wilder Gerste und Strandsimsen hergestellt. Brotbacken war damals sicher viel aufwändiger und mühevoller als heute: es gab nicht wirklich effektive Werkzeuge, sondern nur sichelförmige Klingen und Steinmörser. Dennoch es bestand das Brot so wie heute, aus Mehl, das mit Wasser zu einem Teig verknetet und dann im Feuer gebacken wurde, es war ungesäuertes Fladenbrot. Der Sauerteig wurde dann erst viel später (römische Zeit) nachgewiesen.

Es gab auch früher – in guten Zeiten – weißes Brot, z.B.  in Form von Striezeln, der wurde am Samstag am Nachmittag, wenn alles für den Sonntag hergerichtet worden war, zu Hause gebacken.  Manchmal war das auch ein Erdäpfelbrot, das ich mir heute beim Bäcker zuweilen kaufe. In diesen guten Zeiten gab’s auch Semmeln und Kipferln – mein Großvater liebte Kipferln, die er in seinen Kaffee eintunkte. Gut erinnere ich mich noch an die großen Osterkipferln, die mir von einer unehelichen Schwester meiner Mutter (übe dieses Verhältnis wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts) wie auch allen meinen Cousins und Cousinen geschenkt wurden. Die – ebenfalls großen – Peregrini Kipferln gab es in der Servitengasse im Mai. Der Heilige Peregrin lebte im 13. Jahrhundert.

Nach dem Krieg gab es Brot nur gegen Lebensmittelmarken. Rationierte Lebensmittel erhielt man in Geschäften und Gaststätten nur dann, wenn man die entsprechenden Lebensmittelkartenabschnitte, die Marken, abgeben konnte und die vom Händler geforderte Summe bezahlte. Gaststätten gaben auf der Speisekarte an, wie viele Marken welcher Art der Gast für das jeweilige Gericht abzugeben hatte. Weißes Brot gab es in der Besatzungszeit für die Soldaten– in der amerikanischen Zone. Wenn man etwas davon ergattern konnte, war auch weißes Brot sehr willkommen, weil man Hunger hatte, dennoch, es schmeckte aber nicht so gut wie unser „braunes“ (was jetzt aber schon gar nichts mit Politik zu tun hat). In der Nachkriegszeit wurde Brot aus Mais gebacken, wenn gerade nichts anderes zur Verfügung stand. Dieses Brot hatte nicht nur eine gelbe Farbe, aber es bröckelte auch und ließ sich schwer schneiden. Heute gilt es als Delikatesse – so wurde es mir auf einer Reise in Portugal serviert, aber für mich war das eher eine herbe Enttäuschung.

Später, als dann auch der Wohlstand in Österreich eingekehrt war, gab es verschiedenste Brotsorten. Mir schmeckte das ganz Dunkle besonders gut, so gab mir meine Mutter, als ich im Jahr 1955 nach Spanien fuhr, um dort zu arbeiten und vor allem Spanisch zu lernen, einen Wecken Pumpernickel- artiges Brot mit. Die Reise in der Bahn, 3. Klasse hat zwar von Wien nach Madrid 3 Tage gedauert aber das Brot konnte ich in dieser Zeit nicht aufessen. Und die Spanier, die in dem Abteil mit mir reisten, hatten ihr eigenes Essen mit (und z.B. auch lebende Hühner), das sie mir freundlich anboten – aber als ich im Gegenzug mein Brot anbot, beäugten sie es misstrauisch fragten mich, was denn das wohl wäre, aber lehnten dennoch ab, es zu kosten.

Das Brot hat es vom Grundnahrungsmittel zum Kulturgut geschafft.  Heute gibt es unzählige Brotsorten, keinen einheitlichen Brotpreis mehr aber dafür werden Preise für die besten Brotsorten verliehen. Es gibt Brot nicht nur in Runden Laiben sondern auch in Wecken und allerhand andere Formen (z.B. Wurzelbrot) Das Brot wird meist nicht mit dem Messer abgeschnitten, sondern mit der Brotschneidmaschine, und es wird auch kein Kreuz mehr darüber gemacht, wenn das Brot angeschnitten wird.   Heute ist Brotbacken in privaten Haushalten „in“. Oft werden Photos davon im Facebook gepostet.

Für mich ist Brot etwas, das ich sicher nicht wegwerfen kann. Auch wenn es alt und trocken geworden ist (in einem Ein-Personen-Haushalt leicht möglich) schmeckt mir auch dieses Brot noch immer. Und wenn gar nichts mehr geht, dann mache ich eine Brotsuppe draus. (Ich habe schon einmal eine Brotschneidemaschine mit alt gewordenen Brot ruiniert).

Und so kann ich nur sagen: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“

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