Christas kleine, nicht-politische Ärgernisgreislerei

Verpackungsgrößen

Es ist wirklich ärgerlich, wenn man nur für eine Person Nahrungsmittel einkaufen muss. Da rede ich gar nicht davon, dass man einen Rabatt bekommt, wenn man zwei Packungen kauft, sondern einfach davon, dass die Packungsgrößen mindestens zwei Personen abdecken.  Und verpackt ist fast alles – muss das sein?

Sie werden mir jetzt raten, gehen Sie in keinen Supermarkt, ja stimmt, aber wo sind die kleinen „Greisler“, die die Ware noch abwiegen würden. In meiner Umgebung ist nichts Derartiges, ob es jetzt nun „Tante Emma Laden“ genannt wird, oder „Bio“ oder was immer. Und dazu kommt noch: wenn man allein ist will man weder viel Zeit für’s Einkaufen verwenden noch endlos in der Küche stehen. Jeder meint dann, gefrier‘ halt den Rest ein. So gerne esse ich selbst Eingefrorenes und Wiederaufgetautes nun auch wieder nicht. Haben Sie schon einmal versucht einen gefrorenen Block Kochsalat zu teilen? Ich habe es probiert und bin kläglich gescheitert, und hab dann drei Mal hintereinander Kochsalat (ohne Erbsen) gegessen. Wann haben Sie das letzte Mal frischen Kochsalat in den Regalen gesehen? Ich kann nur zwei Hendlhaxn kaufen – oder zum Fleischhauer gehen, der ist aber doch ziemlich weit weg. Ich finde, dass das keine Lösung ist. Und einfach wegwerfen: das kann ich nicht. Ich habe als Kind im Krieg und in der Nachkriegszeit erlebt, wie kostbar Lebensmittel sein können.

Grundsätzlich bin ich gegen „zu viel“ Verpackung und Wegwerfen. Ich verstehe ja die Jugendlichen, die heutzutage „dumpstern“ gehen. Früher hat man dazu „Mistkübel-Stieren“ gesagt, aber beim Dumpstern werden geschlossene Packungen herausgefischt, deren Ablaufdatum wenige Tage zurückliegt. Aber eigentlich ist es ja verboten

In Wien gibt es eine verhältnismäßig große Anzahl von so genannten Single Haushalten, in ganz Österreich liegt die Zahl der Singles bei ca. 25% der 18-69-Jährigen, die Single-Quote in Wien liegt bei ca. 45%. In diese Altersgruppe falle ich ohnedies nicht, aber Ziffern über die Gesamtbevölkerung habe ich keine gefunden.

In dieser Angelegenheit finde ich mich mit den Muslimen in einer Gruppe: sie müssen auch weit gehen, um „halal“ Lebensmittel einzukaufen.

Fernsehwerbung – und Kinder

Vielleicht bin ich noch zu autoritär erzogen worden, aber was Kindern in der Fernsehwerbung „vorgespielt“ wird, ist meines Erachtens eine Katstrophe. Ich habe die Konsequenzen erlebt. Da gab es eine Werbung, in der in Bub seinem Vater verweigerte, den Kuchen zu kosten, oder die Autoscheibe auf der Seite des Vaters zu reinigen – die Ablehnung erfolgte durch stummes Kopfschütteln. Das Ergebnis: als mein Mann noch (mühsam, am Stock) gehen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren konnte, bestieg er einen der City-Busse, dieser war ziemlich voll und ein kleines Mäderl saß (auf einem Behindertensitz). Ihr Vater stand, die Schultasche haltend, davor, mein Mann bat das Mäderl ihn hinsetzen zu lassen – das Mäderl schüttelte nur stumm den Kopf. So hatte sie es ja auch im Fernsehen gesehen! Eine ältere Dame stand dann ungefragt auf und ließ meinen Mann niedersetzen

Kinder sollen Gesundes essen – natürlich, wie wir alle, aber müssen sie dabei die Erbsen in die Luft werfen, um sie aufzufangen, die Pommes-Frites Stangerln als Vampirzähne benutzen und Spinat durch Plastikstrohhalme trinken und dabei durch die Wohnung stürmen. Wie kann ich meinen Enkelkindern erklären, dass man beim Essen sitzen bleibt und Lebensmittel nicht als Spielzeug verwendet. Und dann diese unselige Werbung, in der Kinder durch den Garten, durch die Wohnung stürmen, und durch immer aufmerksame, stets präsente Eltern von dem von ihnen angerichteten Unheil mühsam abgehalten werden, zur Belohnung dann irgendeine (köstliche?) Schnitte erhalten und mit dieser in der Hand „locker weiter“ Vasen, Töpfe etc. bedrohend, durch die Wohnung toben?

Dass die Mehrzahl dieser Produkte noch „Kinder-….„ heißen, macht die Sache auch nicht besser, besonders wenn man Schluss dann noch herausfordernd gesagt wird „Na neugierig?“

Warum wundern wir uns dann, wenn in der U-Bahn Pizza-Schnitten, Döner und Käsekrainer gegessen werden?

Wohl jenen Eltern, die kein Fernsehen haben oder den Fernsehkonsum der Kinder einschränken! Wir haben ihnen zu danken!

 

 

Christas kleine, nicht-politische Ärgernisgreislerei

Zur Franziskanerkirche und ihrer Umgebung

Die Franziskaner Kirche war diejenige, in die mein Mann und ich zuletzt immer zur Sonntagsmesse gegangen sind, obwohl auch in unserem Rollstuhlradius eine Reihe von anderen Kirchen – nicht zuletzt unsere Pfarrkirche – St. Augustin – liegen.  In die Franziskaner Kirche sind wir barrierefrei gekommen, das konnte man von den anderen Kirchen nicht behaupten. Wir haben dort auch Tommys 85. Geburtstag gefeiert und zuletzt wurde in dieser Kirche auch seine Seelenmesse zelebriert.

Darum möchte ich heute über diese Kirche ein wenig berichten. Die Kirche ist dem Heiligen Hieronymus geweiht.  Sein Standbild steht neben dem Altar, gekennzeichnet ist er durch den Löwen zu seinen Füßen. Der Überlieferung zufolge soll Hieronymus einem Löwen einen Dorn aus der Pranke gezogen haben, der darauf zahm und sein treu ergebener Gefährte wurde. Aber das ist wohl nicht das Wesentlichste in seinem Leben: Sophronius Eusebius Hieronymus wurde 347 in Dalmatien geboren. Seine wohlhabenden christlichen Eltern schickten Hieronymus in jungen Jahren zum Studium der Grammatik, Rhetorik und Philosophie nach Rom. Erst während dieser Zeit ließ Hieronymus sich taufen. Er reiste viel und kam z.B. nach Trier und auch Aquileia, um 373 dann auf dem Landweg in den Osten des Imperiums, wo er als Eremit in Syrien lebte.  Er lernte dann in Antiochia am Orontes Griechisch und Hebräisch, womit Hieronymus unter den Gelehrten seiner Zeit eine Ausnahme darstellt. All das geschah noch in der Zeit als die Völkerwanderung noch nicht begonnen hatte und die Teilung des Reiches noch nicht stattgefunden hatte. Das römische Imperium war noch groß und mächtig. Hieronymus ist der Verfasser der Vulgata, der lange Zeit maßgeblichen Bibelübersetzung in die lateinische Sprache der katholischen Kirche. Er schreib auch noch andere Werke uns setzte sich mit der antiken philosophischen Literatur auseinander. Er starb am 30. September 420 in Bethlehem.

Der Bau der Franziskanerkirche bildete in Wien den Auftakt der „Klosteroffensive“ Kardinal Melchior Khlesls (*1553; † 1630; Erzbischof von Wien, Staatsmann, Sohn eines Wiener bürgerlichen Bäckermeisters) zur Wiederbelebung des katholischen Glaubens. Da das Gotteshaus bald großen Zulauf hatte, musste das Problem der Zufahrt gelöst werden. Der Ordensgeneral richtete 1621 an Ferdinand II. (* 1578; † 1637; römisch-deutscher Kaiser, 1619-1637), einen Bericht, in dem er als Geschenk ein Haus erbat, das man gegen das dicht gegenüber der Franziskanerkirche liegende Oellerische Stiftungshaus eintauschen könne. Tatsächlich wurde dieses 1624 abgerissen.

Die Franziskaner Kirche verfügt über zwei Orgeln. Die berühmtere der beiden ist die Wöckherl-Orgel, die hinter dem Hochaltar im Chor positioniert ist. Sie ist mit ihrem Entstehungsdatum 1642 die älteste noch bespielbare Orgel Wiens. In den Hochaltar integriert ist die Gnadenstatue aus dem 15. Jahrhundert.  Von dieser sind  Wunderrettungslegenden bekannt. Sie soll aus Grünberg bei Böhmen kommen. Dort soll von Protestanten versucht worden sein, die Statue zu zerstören. Beim Versuch, sie zu verbrennen, widerstand sie dem Feuer. Nachdem man vergeblich versucht hatte, sie mit einer Axt zu zerstören, beließ man das Beil in Marias linker Schulter und die Statue wird seitdem als „Madonna mit der Axt“ verehrt. Schaut schon seltsam aus, als ob Maria „ein silbernes Hackl im Kreuz“ hätte. Es werden auch Reliquien der heiligen Filomene hier aufbewahrt. Da ich leider nicht weiß, ob es sich um die Philomena von Rom oder jene von San Severino handelt, kann ich keine Erklärungen dazu abgeben.

Nicht unerwähnt soll das wunderschöne Refektorium des Franziskaner Klosters bleiben. Dort gibt es einmal in der Woche warme Suppe für Bedürftige. Die Anzahl der Hilfsbedürftigen steigt kontinuierlich – besonders gegen Monatsende. Zusätzlich gibt es für Menschen in Not täglich (Ausnahme Sonntag) am Vormittag eine Jause an der Klosterpforte. Ich war einmal zufälligerweise dort: so viele hungrige, arme  Menschen!

In der Mitte des Franziskaner Platzes, vor der Kirche, befindet sich der Mosesbrunnen:  In einem großen Brunnenbecken steht auf einem Sockel eine überlebensgroße Statue des Moses. In der Hand hält Moses einen Stab, mit dem er einst aus einem Felsen Wasser geschlagen haben soll. Auf dem Sockel befinden sich eine Löwenmaske als Wasserspeier und ein Relief trinkender Israeliten. Die aus dem frühen 17. Jahrhundert stammende Brunnenschale stand ursprünglich im Haus Franziskanerplatz 6. Derzeit befindet sich dort der riesige Kran und ein eingezäunter Platz für Baugeräte. Davor stehen meist – unabhängig von den Wetterbedingungen zwei Bettler – die auf eine milde Gabe seitens der Kirchenbesucher warten. Einer von ihnen hat einen netten Hund, der andere war uns behilflich, indem er die Kirchentüre offenhielt, damit ich mit dem Rollstuhl durchfahren konnte. Der Belag des Franziskaner Platzes bereitete mir keine Freunde: Kopfsteinpflaster! Da rumpelte der Rollstuhlganz ordentlich.

Dieser Platz ist eine Fußgängerzone – mit Ausnahme des Weihburggassenteils und dementsprechend stehen im Sommer dort auch einige gut besuchte Schanigärten. Die umgebenden Häuser stehen alle unter Denkmalschutz.

Mir gefällt der „Eingang“ in die schmale, gewundene Ballgasse sehr gut, der durch ein Rundbogenportal gekennzeichnet ist. Das angrenzende Haus weist auch einen wunderschönen schmiedeeisernen Balkon auf.

Im Nebenhaus befindet sich ein Geschäft, das ganzjährig „Weihnachtsartikel“ verkauft.  Bemerkenswert ist die surrealistische Ausstattung von Leherb aus dem Jahr 1979. Es sind Gittertüren in der Einfahrt zum Innenhof und zum Stiegenhaus, ein Geschäftsportal aus Stuck mit figuralen Torsi und ein Taubenbrunnen aus Bronze sowie Bruchsteinkeramik im Innenhof.

Ich kann nur empfehlen, dass Sie entweder das Restaurant besuchen oder sich in einen der Schanigärten setzen und sich diesen liebenswerten Platz und die dazugehörige Kirche einmal genauer ansehen.

 

Zur Franziskanerkirche und ihrer Umgebung

Der Familientag – seine Entwicklung und sein Ende

Kennen Sie so etwas, wie einen Familientag? Also bei uns war er bis vor nicht allzu langer Zeit üblich.  Die Familie kam zwei Mal im Jahr zusammen. Meist „am Land“, wo der bedauernswerte Teil der Familie, der dieses Fest immer ausrichtete, ein Ferienhaus gemietet oder gebaut hatte.  Warum es immer dieser Teil der Familie war, ist mir bis heute nicht klar, aber Angebote, diese Verpflichtung zu übernehmen, wurden dann immer abgelehnt.

Es hatte klein angefangen, noch in Wien. Der Onkel (Bertl) und frühere Vormund meines Mannes und seine Frau, die liebe Tante Rosi, mit deren Tochter Britta luden meine Schwiegermutter Louise und deren Söhne (Tommy und Otti) zu einer Jause am Christtag ein. Es gab auch noch die Tante, über deren Verwandtschaftsgrad ich mir nicht ganz im Klaren war, die auch teilnahm.  Das war ja noch eine halbwegs überschaubare Runde.

Diese Tante wohnte später in Türnitz, und da sie nicht mehr zu den Familientagen kommen konnte, bschrieb sie  in gestochener Kurrentschrift die Ereignisse des letzten halben Jahres.

Allmählich erweiterte sich der Kreis, da „die damals Jungen“ alle heirateten, es kamen Kinder und aus der Jause entstand der Familientag. Und aus der Wiener Wohnung im Turm am Praterstern wurde Kirchberg am Wechsel. Dort hatte sich Onkel Bertl mit seiner Familie in einem Bauernhaus eingemietet. Der Familientag fand ab nun zwei Mal im Jahr statt, einmal in der Zeit nach Weihnachten und vor den Drei Königen und einmal in der zweiten Augusthälfte. Der Ablauf war immer gleich: Eintreffen so zwischen 11 und 12, Verteilen der mitgebrachten „Geschenke“, diese umfassten IMMER Kaffee und ein so genanntes Schinkenbein (also der Rest eines Schinkens, den der Fleischhauer nicht mehr abschneiden konnte) – unabdingbar! später dann auch einen Schnaps und Schokoladebananen. Es wurde nämlich befürchtet, wenn ein Element fehlte, würde im kommenden Halbjahr jemand sterben. Dann gab’s Kaffee und oder Schnaps, und schon erfolgte der Aufbruch in ein nahe gelegenes Wirtshaus zum Mittagessen. Die „Hausleut“ wurden in den Autos der Gäste mitgenommen. Das Essen war eher einfach, aber ziemlich “sättigend“. Einige nutzten den Heimweg als Verdauungsspaziergang, die anderen fuhren mit den Autos zurück. Allseits wurde der eingesetzten Müdigkeit Rechnung getragen, die Herrn zogen sich auf diverse Sofas zurück um ihren Mittagsschlaf zu halten. Jeder versuchte immer ein „Einzelzimmer“ zu erwischen, weil man einander lautes Schnarchen vorwarf (was stimmte). Als die Kinder noch klein waren, wurden sie zum Spielen hinausgeschickt. Die Damen saßen beieinander, man handarbeitete, und gelegentlich fiel auch der einen oder anderen der Kopf herunter. Die Familienneuigkeiten und Tratsch wurde ausgetauscht, zuweilen wurde auch politisiert. Das verlief etwas stürmisch, weil die sich politischen Ausrichtungen der verschiedenen Familien stark unterschieden (Rot gegen Schwarz). Zuweilen wurde auch über „Religion“ diskutiert, auch das verlief einigermaßen kontroversiell.

Nach angemessener Zeit wurde dann zur Jause gerufen, Tee, Kaffee und Kuchen (selbst gebackener Striezel). Dann war spätestens Zeit für das Familienphoto: Onkel Bertl stieg auf eine Leiter um alle auf ein Bild zu bekommen, man rutschte laut Anweisungen von ihm eng zusammen, man wurde aufgefordert zu lächeln und dann geschah’s. Was aus allen diesen Photos geworden ist, weiß ich nicht…

Hierauf musste das Geschirr weggeräumt und das (kalte) Abendessen vorbereitet werden. Ich war meist zum Brotschneiden eingeteilt. Es gab immer einen selbstgemachten Schweinsbraten, diverse Wurstsorten, bereits erwähntes aufgeschnittenes Schinkenbein (Privilegierte bekamen das Mark), Gurkerln, gekochte – später manchmal gefüllte – Eier, später bzw. im Sommer einen gemischten Salat.  Dazu wurde Wein und Wasser getrunken. Dann kamen die letzten Weihnachtskekse zum Einsatz und endlich die Schokobananen. Wer noch wollte bekam noch einen Kaffee – dann erfolgte die Verabschiedung und die Rückfahrt nach Wien.

Zu Kirchberg ist noch zu bemerken, dass sich Wittgenstein hier und auch in St. Corona öfters kurz aufgehalten hat, unterrichtet hat er in diesen Orten nie – entgegen vielen diesbezüglichen Aussagen.  Die berühmte Hermannshöhle bei Kirchberg mit ihren Fledermäusen haben wir nie besichtigt.

Ich erinnere mich – einmal beim „Winterfamilientag“ gab es viel Schnee – wie das halt früher üblich war. Mein Mann hatte keine Schneeketten mit und die Straßen waren sehr rutschig. Es wurde entschieden – da ich schwanger war – dass wir mit dem Bruder meines Mannes – Otti und seiner Frau Inge – nach Hause fahren sollen. Mein Mann fuhr dann den nächsten Tag – bewaffnet mit den Schneeketten – zurück um unser Auto zu holen.

Aber bald darauf hatten Onkel Bertl und Tante Rosi ein Haus im Schlosspark Seebenstein erworben, damit war dann die Anfahrt wesentlich einfacher und die anreisende Familie – von Cousine Britta der Heerwurm genannt – hatte es ungleich bequemer. Außerdem gab es in diesem Schlosspark auch ein Freibad, was es im Sommer den Familientag recht anziehend machte. Und zusätzlich war das kulinarische Angebot in der Umgebung von Seebenstein wesentlich größer, worauf ein Teil der Familie gesteigerten Wert legte. Der Ablauf des Familientages hatte sich allerdings nicht verändert. Nur „die Kinder“ waren größer geworden und konnten nicht mehr „zum Spielen“ geschickt werden.  Im Gegenteil, sie borgten sich einmal – wieder im Winter – das Auto aus, um zu irgendeiner Veranstaltung zu kommen – und fuhren im Schnee (doch wiederum) auf einen Hydranten auf.  Der Besitzer dieses Autos war „not amused“.

Langsam waren „die Alten“ nacheinander gestorben, wir waren bei ihren Begräbnissen gewesen, den Familientag gab’s noch immer. Britta hatte es auf sich genommen, ihn immer wieder auszurichten, „die Kinder“ kamen nicht mehr mit und irgendwann, war jemandem die Fahr zurück nach Wien in der Dunkelheit zu anstrengend, das Essen in den Wirtshäusern nicht mehr genehm und der Familientag wurde wieder zur Jause.

Nun sind auch Mitglieder der nächsten Generation von uns gegangen, nur Britta – mit über 90 – ist „noch übrig“, wir treffen einander schon bei den Silberhochzeiten unserer Kinder …

Den Familientag gibt es nicht mehr – schon schade!

 

Der Familientag – seine Entwicklung und sein Ende

Der Wiener Zentralfriedhof ist wirklich sehr groß

Heute bin ich – wieder einmal – auf den Zentralfriedhof gefahren. Und habe nicht nur das Grab meines Mannes besucht. Ich wollte auch nach längerer Zeit die letzte Ruhestätte  meiner Großeltern aufsuchen.

Die „Adresse“ bestehend aus Gruppe, Reihe und Grabnummer“ habe ich mitgehabt, den Plan vom Zentralfriedhof auch. Was ich leider nicht mit hatte, war eine Flasche Wasser. Dumm von mir! Vor dem „Dritten Tor“ habe ich eine Kerze für das Laterndl, das ich beim Grab aufgestellt habe und auch noch wider besseres Wissen eine kleine blühende Topfpflanze erstanden.

Fast bestens gerüstet habe ich mich dann auf den Weg gemacht. Es war aber leider ziemlich schwül und zeitweilig hat die Sonne vom Himmel gebrannt. Und das Grab meiner Großeltern befindet sich im hintersten Winkel, fast an der Friedhofsmauer. Es war wiederum recht interessant, worüber ich vorbeikam, an Holocaust Opfern z.B.  In kurzen Abständen flogen Flugzeuge über den Friedhof, die sichtlich in Schwechat zur Landung ansetzten. Ich erinnerte mich, dass mein Mann Flugzeuge die über Pernitz flogen, als „Fernwehflieger“ bezeichnete, ich widersprach und  nannte sie Heimwehflieger.

Endlich bin ich dann etwas erschöpft bei der Gruppe 141 eingekommen. Nur da gibt es kaum Hinweise auf Reihen, und dieser Sektor ist nicht ein Rechteck, wie die meisten auf diesem Friedhof, sondern ein Halbrund. Daher war ich auch nicht in der Lage durch Zählen die richtige Reihe zu finden. Ich bin alles abgegangen, aber das Grab meiner Großeltern, mit dem großen Rosenstrauch, wie ich es in Erinnerung hatte, habe ich einfach nicht gefunden. Damit war ich ziemlich frustriert, mir war heiß, ich war durstig und dicke Wolken dräuten am Himmel. Also machte ich mich mit dem Plan in der Hand auf den Rückweg. Als dann nach einiger Zeit der friedhofsinterne Bus vorüber, fuhr gab ich dem Fahrer ein Zeichen und er blieb – auch ohne Haltestelle – wirklich stehen.

Ich habe nach dem Fahrpreis gefragt, aber diese Fahrt gehört zu den „Wiener Linien“. Es war eine interessante Rundfahrt durch den Friedhof, bei den Haltestellen wurden immer die jeweiligen „Gruppen“ angegeben, Leute stiegen aus und zu. Eine Adressangabe war „Kriegsgräber“ und dann die nächste „Kriegsgräber aus dem Ersten Weltkrieg“. Einmal lief uns ein gar nicht scheues Reh über den Weg.

Eigentlich war mein Ziel das Dritte Tor gewesen. Aber dann hielt der Bus beim Zweiten Tor – und ich stieg aus. So viele tote Menschen, so viele betrauerte Menschen, aber auch so viele vergessene tote Menschen, deren Gräber sichtlich „aufgelassen“ waren (der Grabstein lag umgelegt auf dem Grab). Das reicht mir jetzt für eine Weile. Wenn ich den Fußweg zurückgelegt hätte, wäre ich wohl in das neu eröffnete „Oberlaa“ gegangen, um mich zu stärken, da ich aber gemogelt und den Bus genommen hatte, fand ich, dass mir das jetzt nicht zustand und bestieg den 71 um nach Hause zu kommen.

Es hat dann doch nicht geregnet!

Der Wiener Zentralfriedhof ist wirklich sehr groß

Zum Zarenmord vor 100 Jahren

Nicht nur in Österreich gibt es Gedenktage, auch in anderen Ländern, vor allem in jenen, die im Ersten Weltkrieg involviert gewesen sind.  Und das waren viele. Unter anderen auch Russland.

Am 8. März 1917 (damals galt in Russland noch der um 12 Tage versetzte julianische Kalender, weshalb heute noch die Rede von der Februarrevolution ist) eskaliert der Konflikt zwischen Aufständischen und Soldaten. Als der Zar befiehlt, die Demonstranten zu erschießen, weigern sich erste Soldaten, den Befehl auszuführen und solidarisieren sich stattdessen mit den Arbeitern. Am 15. März bildet sich eine vorläufige Regierung und Nikolaus II. hat keine Wahl, als abzudanken. Er trat zurück, um seinem Bruder Michail den Thron zu überlassen, doch dieser verzichtete schon einen Tag später. Das Ende der über 300 Jahre währenden Zeit der Romanows Russland war gekommen.

Nach seiner Abdankung waren Nikolaj II. und seine Familie von der provisorischen Regierung unter Hausarrest gestellt worden. Sie saßen in ihrer Residenz Zarskoje Selo bei St. Petersburg in einen „goldenen Käfig“. Nikolaj las der Familie aus dem „Graf von Monte Christo“ vor, Alix, die ehemalige Zarin, stickte, die Kinder erhielten Französischunterricht, zur Leibesertüchtigung wurde Schnee geschaufelt.  Die Gefangenschaft war also sehr human. So müssen Nikolaus, seine Ehefrau und die fünf Kinder auf keine Annehmlichkeiten verzichten.

Die Zarenfamilie wurde dann am 1. August 1917 nach Tobolsk in Sibirien deportiert. Unterdessen ergreifen im Rahmen der Oktoberrevolution Lenins Bolschewisten – unterstützt von den Deutschen – die Macht, was überraschend unblutig vonstattengeht. Dies ist jedoch nur der Auftakt zum russischen Bürgerkrieg, der im Dezember beginnt und zwischen den zarentreuen „Weißen“ und Lenins „Roten“ stattfindet.

1918 wurde die Situation für die Zarenfamilie schwieriger, als sie nach Jekaterinburg am Ural gebracht wurde und Offizier namens Jakow Jurowski das Kommando in ihrem nunmehrigen Gefängnis übernommen hatte. Sie wurden von der Öffentlichkeit abgeschottet, die Versorgung war schlecht, die Behandlung rüde und der Bewegungsspielraum sehr eingeschränkt – sogar den Gottesdienst hielt ein dazu eingeladener Geistlicher im Haus ab.

Am 16. Juli 1918 wurde die schlafende Familie samt ihrer engsten Bediensteten geweckt und unter einem Vorwand in den Keller des Ipatjew-Hauses gebracht. Wie sich später herausstellte, handelte Jurowski auf direkten Befehl Lenins hin.

Nikolaus II. wurde zuerst erschossen, dann folgten seine Frau, die Kinder und die Angestellten – elf Erwachsene und Kinder wurden brutal hingerichtet. Mit dieser Tat endete die 300-jährige Dynastie der Romanow-Familie in Russland. Danach suchten die Mörder nach einer geheimen Stelle, um sich der Leichen zu entledigen. Die für sie geeignete Stelle fand sich in einem Kohlebergwerk, genannt Janina Jama, 20 km außerhalb von Jekaterinburg.  Im Anschluss wurden ihre Leichen dorthin geschafft, zerstückelt und verbrannt. Allerdings gibt es auch Stimmen, die meinen, dass die Gebeine der Romanows nur kurz in dieser Grube geblieben wären, bevor sie an einen anderen Ort transportiert worden sind. Die orthodoxe Kirche bleibt bei der Verbrennungsthese.

Solange die Sowjetunion existierte, durfte das Geheimnis der Zarenfamilie nicht gelüftet werden, obwohl schon den in später 70er Jahren der eigentliche Bestattungsort ausfindig gemacht worden war. Erst 1991, mehr als 70 Jahre später, wurden and dieser Stelle menschliche Überreste gefunden, die man mittels Gentests als Mitglieder der Zarenfamilie identifizierte. Bestattet hat man die Gebeine dann in der St. Petersburger Peter-und-Paul-Kathedrale, aber ohne den Zarewitsch Alexej und seine Schwester Maria, deren Überreste erst 2007 im Waldgebiet Porosjonkow Log gefunden und bis heute noch nicht beigesetzt wurden.

Russlands erster Präsident, Boris Jelzin, veranlasste damals die Zeremonie. Er war es auch, als Chef des Swerdlowsker Gebiets, in den späten 1970er Jahren, der für den Abriss des Ipatjew-Hauses im Zuge der Neugestaltung des gesamten Stadtviertels eingetreten war.  Mittlerweile steht an der Stelle des Hauses ein riesiges orthodoxes Gotteshaus. Auch hier werden die Mitglieder der Zarenfamilie als Märtyrer verehrt. Dennoch wirft die Kirchenführung Jelzin wegen der Schleifung des Todeshauses die Beseitigung historischer Spuren vor.

Nun, nach hundert Jahren folgen Hunderttausend Pilger dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, dem Patriarchen von Moskau und ganz Russland, Kirill, auf einem 21 Kilometer langen Kreuzweg: vom Zentrum Jekaterinburgs nach Ganina Jama, zu einem hölzernen Kloster im Wald, zu den Spuren ihrer Zarenfamilie.  Allerdings lassen sie den Ort im Wald, an dem die Gebeine der Zarenfamilie lange lagen, aus. Heute steht dort ein einfaches Schild mit der Bezeichnung „Gedenkstätte der Romanows“, daneben läuft ein Bahndamm und eine Gasleitung. Mehrere Holzkreuze und Grabsteine erinnern an die Stelle, wo die Gebeine im Waldboden gefunden worden waren. „Hier hat man die Mitglieder der Zarenfamilie und ihre Vertrauten vor den Menschen versteckt“ steht auf einem Gedenkstein.

2000 wurden die Romanows von der orthodoxen Kirche heiliggesprochen und noch heute von einem Großteil der Bevölkerung verehrt. In Jekaterinburg fanden die Feierlichkeiten zum Gedenken an die Ermordung der Zarenfamilie vor hundert Jahren viel Zulauf. Die Kirche vereinnahmt diese für sich. Kirill stellte fest, dass die «kollektive Schuld des Volkes», das von fremden Gedanken und Idealen verleitet worden sei, am Verbrechen an der Zarenfamilie schuld wäre. Gegen solches müsse die Gesellschaft immun werden, beschwor er nach der nächtlichen Liturgie.

Genauso wie die oberste politische Führung Russlands im vergangenen Jubiläumsjahr der Oktoberrevolution nur wenig in Erscheinung getreten war, gab sie auch zum Jahrestag des Zarenmordes keine Kommentare ab. Die Beurteilung des wenig heroischen nächtlichen Mordes an der Zarenfamilie in der russischen Gesellschaft ist nach wie vor eindeutig; die Tat gilt als schreckliches Verbrechen, dessen Begründung – die Verhinderung der Instrumentalisierung durch die Weißen im Bürgerkrieg – vielfach hinterfragt wird. In Umfragen hat sogar fast die Hälfte der Befragten Sympathien für Nikolaus II. Monarchistische Gedanken sind nur in ultranationalistischen Kreisen verbreitet, aber als Symbolfigur für die seit geraumer Zeit zunehmend idealisierte vorrevolutionäre Vergangenheit Russlands besitzen der Zar und die Zarendynastie trotzdem ein gewisses Gewicht – und dies, obwohl gerade der letzte Zar vielerorts als Schwächling, als Verräter und Verlierer gilt. Er wird auch als Despot dargestellt, der 1905 gar vor Schüssen auf das eigene Volk nicht zurückschreckte. Deshalb taugt er kaum als Identifikationsfigur für ein glorifiziertes, vorbildhaftes Imperium. Gläubige nehmen ihn als religiöse Figur wahr, was die historische Auseinandersetzung mit ihm als Person nicht gerade erleichtert hat. Ein echter Zarenkult ist allerdings fern.

 

Zum Zarenmord vor 100 Jahren

50 Jahre „Pillenenzyklika“

Wieder einmal einer meiner so geschätzten Jahrestage: am 25. Juli 1968 wurde „Humanae Vitae“ veröffentlicht. Sie ist die siebte und letzte Enzyklika Papst Pauls VI. (*1897; † 1978; von 1963 bis 1978 der 262. Papst der römisch-katholischen Kirche und Oberhaupt des Staates der Vatikanstadt).

Während Enzykliken (belehrende oder ermahnende Rundschreiben der römisch-deutschen Kaiser oder der Päpste an ihre Untertanen und Getreuen) oftmals nur in bestimmten Kreisen wahrgenommen werden, hat „Humanae Vitae“ wie eine Bombe eingeschlagen.  Diese Enzyklika befasste sich mit der rechten Ordnung der Weitergabe menschlichen Lebens. Mit dieser Enzyklika bestätigte Papst Paul VI. die Lehre seiner Vorgänger, dass vor dem Hintergrund der Beachtung des natürlichen Sittengesetzes „jeder eheliche Akt von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben“ müsse.

Nun muss man sich die Umstände der damaligen Zeit vorstellen: die Antibabypille war gerade erst langsam zu einem weitverbreiteten Einsatz gekommen. Die Antibabypille, umgangssprachlich auch kurz „die Pille“ genannt, ist seit 1960 in den westlichen und östlichen Industrienationen das am häufigsten verwendete Mittel zur Verhütung einer Schwangerschaft. Es handelt sich dabei um ein regelmäßig oral einzunehmendes Hormonpräparat, das die weiblichen Hormone Östrogen und Gestagen in unterschiedlicher Zusammensetzung und Dosierung enthält und das bei korrekter Anwendung eines der sichersten Mittel gegen unbeabsichtigte Empfängnis ist.

Die Antibabypille war umstritten und kollidierte mit den damaligen Moralvorstellungen. Die Pharma-Firmen führten sie daher als „Mittel zur Behebung von Menstruationsstörungen“ ein. Die empfängnisverhütende Wirkung wurde beiläufig mit dem Satz „Während der künstlichen anovulatorischen Zyklen tritt keine Konzeption ein.“ erwähnt. Die Pille wurde auch zunächst nur verheirateten Frauen verschrieben. Denn manche in Europa verbreitete Konfessionen, etwa die römisch-katholische Kirche, lehnen die Verwendung künstlicher Verhütungsmethoden grundsätzlich ab. Die Lehren der Kirchen wurden in der damaligen Zeit auch noch viel eher befolgt als heute.

Es kann mit gutem Gewissen gesagt werden, dass die Antibabypille eine Erfindung war, die das 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt hat. 1965, fünf Jahre nach der Erstzulassung, wurde sie in den Vereinigten Staaten bereits von 41 % der verheirateten Frauen unter 30 Jahren verwendet. Erst 1972 wurde durch eine gerichtliche Entscheidung auch unverheirateten Frauen in den Vereinigten Staaten der Zugang ermöglicht. 1976 verhüteten drei Viertel der 18- und 19-jährigen Frauen mit oralen Kontrazeptiva. Mit der Einführung der Antibabypille ist ein markanter Abfall der Geburtenraten in vielen Industrienationen erfolgt, der oft als „Pillenknick“ beschrieben wird.

Die gesetzlichen Krankenkassen in Österreich übernehmen zurzeit die Kosten für die Pille bis zum vollendeten 19. Lebensjahr. Ab dem 20. Geburtstag muss die Pille selbst gezahlt werden.

Es wurde und wird viel von den Nebenwirkungen der Pille gesprochen: Die Pille kann zu Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Gewichtszunahme, Migräne, Spannungsgefühlen in den Brüsten, Stimmungsveränderungen und zur Absenkung der Libido führen. In seltenen Fällen können schwerere Nebenwirkungen wie Bluthochdruck, Thrombosen oder Störungen der Leberfunktion auftreten. Aber was ist das, im Vergleich zu einer ungewollten Schwangerschaft?

In diese Euphorie über die Verfügbarkeit eines doch sehr effektiven Verhütungsmittels, das den Frauen einen erheblichen Freiheitszuwachs gewährleistete, platzte nun diese römische Enzyklika. Regelungen dieser Art waren in der Kirche nicht neu. Papst Leo XIII. hatte die Enzyklika Arcanum divinae sapientia (über die christliche Ehe) 1880 und Pius XI. die Enzyklika Casti connubii (über die christliche Ehe im Hinblick auf die gegenwärtigen Lebensbedingungen und Bedürfnisse von Familie und Gesellschaft und auf die diesbezüglich bestehenden Irrtümer und Missbräuche) 1930 veröffentlicht. Auch das Zweite Vatikanische Konzil hat sich mit dieser Frage 1965 beschäftigt (darin geht es allerdings nur um die Förderung der Würde der Ehe und Familie, nicht aber um Verhütungsfragen).

Eigentlich hatten katholische Frauen große Hoffnung auf den doch als modern geltenden Papst Paul VI. gesetzt und anfänglich schien es auch, als ob eine gewisse Lockerung geplant war:  Bei der Erstellung von Humanae Vitae gingen umfangreiche Beratungen einer von Papst Johannes XXIII. eingesetzten päpstlichen Studienkommission zu Fragen des Bevölkerungswachstums und der Geburtenregelung in den Jahren 1963 bis 1966 voraus. Die Studienkommission kam mehrheitlich zu der Auffassung, dass empfängnisverhütende Mittel an sich nicht verwerflich seien. Zu dieser Auffassung gelangte auch eine von Papst Paul VI. in derselben Sache eingesetzte Bischofskommission. Auch ausgewählte Laien konnten ihre Meinung dazu äußern. Die Bischofskommission  sprach sich mehrheitlich dafür aus, die Wahl der Methode der Empfängnisregelung den Eheleuten selbst zu überlassen. Aber eine Gruppe von fünf Kardinälen – zu diesen gehörte auch Karol Wojtyla (der spätere, bereits heilige gesprochene, Papst Johannes Paul II.) – legte Paul VI. wenig später ein gegenteiliges Gutachten vor – und dieses war dann für ihn ausschlaggebend.

Neu an der Begründung war, dass nunmehr nicht wie bisher das Verbot der Empfängnisverhütung aus einem Widerspruch im menschlichen Handeln hergeleitet wird, sondern seine Rechtfertigung im Eingriff in die biologische Gesetzmäßigkeit findet. Die biologischen Gesetze sind dabei Ausdruck des göttlichen Schöpfungsplans und verwirklichen eine personale Begegnung zwischen Mann und Frau als ganzheitliches Miteinander. Damit wurde die bisherige Theorie, der primäre Zweck der Ehe sei die Fortpflanzung, etwas relativiert. Vielmehr wird die eheliche Liebesgemeinschaft als sinnlich-geistige Lebenseinheit gesehen, die den durch die biologischen Gesetze vorgegebenen Fruchtbarkeitsauftrag erfüllen soll.

Die Kirche fürchtete die Folgen der Methoden künstlicher Geburtenregelung und führte dabei die leichte Herbeiführung vermehrter ehelicher Untreue, allgemeine Aufweichung der sittlichen Zucht, insbesondere auch bei Jugendlichen, und der Verlust an Achtung gegenüber der Frau bei der Gewöhnung der Männer an den Gebrauch empfängnisverhütender Mittel. Diese könnten, „ohne auf ihr körperliches Wohl und seelisches Gleichgewicht Rücksicht zu nehmen, sie zum bloßen Werkzeug ihrer Triebbefriedigung erniedrigen und nicht mehr als Partnerin ansehen.“

Papst Paul räumte ein, dass die Annahme der dargelegten Lehre anspruchsvoll und für die Gläubigen schwer sein könne. Er appellierte aber nicht nur an die Selbstbeherrschung der Eheleute, sondern auch an die Gesellschaft, die nötigen Voraussetzungen dafür zu schaffen.

Zum Verhalten der österreichischen Bischöfe zu diesem Thema werde ich dann morgen schreiben unter „Mariatroster Erklärung“.

Durchgesetzt hat sich allerdings die Verwendung der Pille – höchstens aus gesundheitlichen Gründen wird sie vermieden.

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50 Jahre „Pillenenzyklika“

„Die Eremitage zu Gast“

Ein neuer Programmpunkt auf meinem Sommerprogramm: Ausstellungen und Museen. Ich war leider schon lange nicht mehr in aktuellen Ausstellungen oder Museen, z.B. im Kunsthistorischen. Mit dem Rollstuhl war’s halt mühsam: Vorweg musste man sich anmelden, dann an der Seite hineingehen, mehrere Höfe durchschreiten, dort musste jemand den Lift aufsperren, bis man dann endlich angelangt ist. Aber vor der Besichtigung musste man noch in Kassenhalle um Tickets zu kaufen und wieder retour. Wesentlich ist aber: es war und ist möglich auch mit einem Rollstuhl ins Kunsthistorische zu kommen, mühsamer halt.

Heute waren die Hindernisse anders. Leider muss ich zugeben, dass ich schlampig bin und meine Ausweiskarte der „Freunde des Kunsthistorischen Museums Wien“ verlegt hatte – und mich so um ein Ticket anstellen musste. Lang (Mittag wäre es besser gewesen) bin ich gestanden.  Die Schlange reichte bis auf die Stufen vor dem Museum. Der Schalterbeamte war mit einer Engelsgeduld ausgestattet, erklärte jedem – und es waren viele verschiedene Nationalitäten darunter – welche Eintrittskarte für ihn/sie wohl am besten wäre. Das dauert halt! Bei mir wäre es einfach gewesen, ich wollte eine Karte für einmal – aber er fragte mich, ob ich nicht lieber eine Seniorenkarte hätte. Das war dann billiger!

Endlich war ich dann drinnen, es ist schon überwältigend, dieses Gebäude. Ich begab mich aber schnurstracks zur Ausstellung „Die Eremitage zu Gast“. Das war der Grund, warum ich gerade dieses Museum als erstes meiner „Serie“ gewählt hatte. Die Generalsponsoren dieser Ausstellung sind die OMV und Gazprom anlässlich ihrer 50-jährigen Zusammenarbeit.

Ja, ich war vor Jahren in St. Petersburg in der Eremitage gewesen, naja, es war während einer Ostsee-Schiffsreise gewesen. Für die Eremitage hatten wir nicht besonders viel Zeit. Aber diese Ausstellung jetzt in Wien – und später dann wird sie auch in St. Petersburg zu sehen sein (wir leihen auch unsere Werke als Gegenleistung her), ist ganz anders. Hier, und das ist das faszinierende daran, treten 14 Gemälde jeweils aus der Eremitage und dem Kunsthistorischen Museum miteinander in Dialog. Das Projekt betont das verbindende, gemeinsame kulturelle Erbe, Europa. Gleichzeitig wird auch die Geschichte der beiden Museen verglichen. In der Mitte prangen die Bilder von Katharina der Großen parallel zu jener von Maria Theresia. Katharina, geboren 1729 als Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst in Stettin; gestorben 1796 in Sankt Petersburg, war ab 1762 Kaiserin von Russland, Herzogin von Holstein-Gottorf und ab 1793 Herrin von Jever. Sie ist die einzige Herrscherin, der in der Geschichtsschreibung der Beiname die Große verliehen wurde. Katharina II. ist eine Repräsentantin des aufgeklärten Absolutismus. Das Bild zeigt eine große, stolze Herrscherin en face und im Spiegel im Profil, in pompösem weißen Gewand, die Krone auf einem Tisch daneben.  Maria Theresia, (*1717; † 1780) war eine Fürstin aus dem Hause Habsburg. Sie regierte von 1740 bis zu ihrem Tod. Hier ist sie in ihrer Witwentracht abgebildet – sie trug nach dem Tod ihres geliebten Mannes nur mehr Schwarz. Das Bild zeigt sie fern jeder „Herrscherpose“, gebeugt über einen Plan. Maria Theresias Kunstsammlung war dank ihrer Vorfahren schon sehr umfangreich, sie musste nur mehr ergänzen während Katharina ihre Sammlung erst aufbauen musste.

Die ausgestellten Werke – immer in Paaren (eines aus der Eremitage, eines aus dem Kunsthistorischen) Sandro Botticelli und Abrecht Altdorfer stellen Heilige dar – die Heilige Katharina und Hieronymus.  Holbein ist mit 2 Portraits vertreten. Watteaus Heilige Familie wird jener van Dyks gegenübergestellt. Die Landschaften Hackerts stehen jenen Gainsboroughs gegenüber. Poussins Sieg Joshuas über die Amalekiter komplettiert seine Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch Titus. Am meisten berührt haben mich die beiden Portraits alter Frauen von Rembrandt. Strozzi, Frans Hals, die Brüder Holbein, sowie Spranger, Hans von Aachen und Tintoretto sind ebenso vertreten.

Eigentlich wäre es genug gewesen, viel mehr kann man ohnedies nicht mehr aufnehmen. Aber dann, der verführerische Gedanke, „wenn man schon da ist“, ließ mich zu „mit Klimt auf Augenhöhe“ hinaufklettern. Ich gebe zu, es war mir es dort zu heiß und außerdem d störten mich die diversen Gäste aus Ostasien, die Selfies mit den Klimt Malereien machten.

Also zurück in gekühlte Gefilde: In die Gemäldesammlung. Es war wirklich nur mehr ein höchst oberflächliches Durchgehen, um mich zu meinen Lieblingsstücken zu führen. Da fiel mir auf, wieviel Wissen man eigentlich benötigt (oder benötigen würde) um all diese Gemälde wirklich interpretieren zu können – dazu gehört eigentlich sowohl das Alte wie auch das Neue Testament, aber auch die griechischen und römischen Sagen, helfen würde es auch, wenn man die Symbole der Heiligen interpretieren könnte. Ergänzend sollte man noch ein umfassendes Geschichtswissen haben: ich stand vor einem Portrait Süleymans II, – also wer war das?  Ja, es war jener, der der Prächtige genannt wird, * 1642; † 1691; war von 1687 bis 1691 der 20. Sultan des Osmanischen Reiches und 99. Kalif der Muslime.

Hängen geblieben bin ich dann vor einem Bild von Gentileschi „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“. Auf der Straße, vor einer bröckelnden Ziegelmauer, rastet die vor Herodes geflohene heilige Familie: Josef ist erschöpft eingeschlafen während Maria das Kind stillt. Dieses Bild – mit etwas anderer Kleidung – könnte heute auf einer der Fluchtrouten aufgenommen worden sein.

Dann musste ich noch unbedingt zu dem Lieblingsbild meiner Kindheit: „Turmbau zu Babel“ von Pieter Bruegel d. Ä. Mit Akribie und enzyklopädischem Interesse schildert Bruegel eine Unmenge bautechnischer und handwerklicher Vorgänge. Um das zu betrachten, was ich eigentlich wollte, muss man sehr nahe an das Bild herankommen. Aber diese Idee hatten schon andere und daher war mir die Belagerung durch Besucher für dieses Mal zu dicht.  Und dann noch kurz zu der Darstellung von „Wien, vom Belvedere aus gesehen“ von Bernardo Bellotto, gen. Canaletto. Das Bild hängt sehr weit oben.

Dann war ich endgültig müde, aber ich komme wieder (ohne Frage), und das rate ich auch Ihnen!

„Die Eremitage zu Gast“

Des Kaisers neue Kleider – und schämen wir uns heute noch?

Für die Abrahamitische Religionen (Judentum, Christentum, Islam) führt das Bewusstsein, gegen göttliche Weisung verstoßen zu haben, zu Scham. So empfanden Adam und Eva ihr Nacktsein plötzlich als unangemessen: „Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz.“

Das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Christian Andersen, aus dem Jahr 1862, zeigt uns hinwieder, dass wir uns eher für Dummheit bzw. Ungeeignetheit für eine Stellung schämen, als für das Nacktsein.

„Es war einmal ein Kaiser, dem war es sehr wichtig immer hübsch und ordentlich auszusehen. Er wollte nur die schönsten Kleider besitzen und sich darin seinem Volk zeigen. Eines Tages jedoch kamen zwei Betrüger in die Stadt. Sie versprachen dem Kaiser ganz besondere Kleider. Menschen, die dumm oder nicht gut genug für ihr Amt waren, sollten diese Kleider nicht sehen können.

Der Kaiser glaubte den Betrügern und war begeistert von der Idee. Er gab ihnen viel Geld und sie begannen, die Kleider zu schneidern. Sie stellten zwei Webstühle auf und taten so, als ob sie arbeiten würden. In Wahrheit aber taten sie gar nichts.

Der Kaiser wollte die Wirkung der Kleider testen. Er schickte einen ehrlichen Minister zu den Betrügern. Die Betrüger erzählten dem Minister wie toll die Kleider schon seien. Sie zeigten in die Luft und erklärten die Muster auf dem Stoff. Der Minister konnte natürlich nichts sehen, denn die Betrüger hatten nichts genäht. Das behielt er aber für sich. Denn sonst wüssten ja alle, dass er dumm wäre. Der Minister lobte die Kleider der Betrüger und berichtete dem Kaiser von der tollen Arbeit.

Die Betrüger verlangten nimmer mehr Geld und steckten sich alles in die eigene Tasche. Genauso erging es auch allen anderen Männern, die der Kaiser zu den Betrügern schickte. Auch er selber konnte die Kleider nicht sehen, war aber zu stolz, um es zuzugeben.

So kam es, dass der Kaiser seine neuen Kleider bei einem großen Festumzug tragen wollte. Er legte all seine Kleider ab und ließ sich von den Betrügern in die neuen Kleider hinein helfen. Er drehte sich vor dem Spiegel und alle waren begeistert.

So trat der Kaiser schließlich vor sein Volk. Alle wussten davon, wie besonders die Kleider waren. Deswegen traute sich niemand, zu sagen, dass sie die Kleider nicht sehen konnten.

Nur ein kleines Mädchen rief auf einmal „Aber er hat ja nichts an!“ Und da fingen auf einmal alle an, sich zu wundern. Und bald stimmte das ganze Volk mit ein. Da ging auch dem Kaiser ein Licht auf und er erkannte, dass die Menschen Recht hatten. Trotzdem entschied er sich, den ganzen Festumzug lang durchzuhalten, auch ohne seine neuen Kleider!“

In der Westlichen Welt spielt Scham heute eine relativ geringe Rolle, während sie z.B. in China eine ganz zentrale Funktion für die Regelung der zwischenmenschlichen Beziehungen hat.

Scham ist ein Gefühl der Verlegenheit oder der Bloßstellung, das durch Verletzung der Intimsphäre auftreten kann oder auf dem Bewusstsein beruhen kann, durch unehrenhafte, unanständige oder erfolglose Handlungen sozialen Erwartungen oder Normen nicht entsprochen zu haben. Scham tritt zum Beispiel bei empfundener Entblößung oder einem Ehr- oder Achtungsverlust im sozialen Umfeld auf. Aber hat „Ehre“ überhaupt noch einen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft?

Heißt das eigentlich, dass wir Tabus gebrochen haben? Tabus als soziale Normen bleiben eigentlich unausgesprochen. Haben wir Tabus durch political correctness ersetzt? Tabu als Begriff fand erst Anfang des 20. Jahrhunderts weitgehend Eingang in die deutsche Sprache. Sigmund Freund meinte dazu: „Die Tabuverbote entbehren jeder Begründung, sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft leben.“

Was waren z.B. österreichische Tabus? Z.B.  „Österreich war ein Opfer des Nationalsozialismus“. Schämen wir uns für diese Haltung oder „fremdschämen“ wir uns für unsere Altvorderen?

Scham wird oft als negativ empfunden, da sie den Menschen emotional hemmt und Individualität und Kreativität unterbindet, andererseits kann Schamgefühl dem Einzelnen dabei helfen, Handlungen zu vermeiden, die ihn innerhalb einer Gemeinschaft abwerten oder gar ächten. Von manchen wird Scham als wesentliches Element der „Zivilisation“ gesehen, indem Scham als ein Kriterium für die Umwandlung von Fremd- in Selbstzwänge gesehen wird. Von anderen wird eine niedrige Schamschwelle als Zeichen bzw. Voraussetzung einer hohen Zivilisierung gesehen.

Es ist wichtig, dass Scham auch von Schuld abgegrenzt wird. Schuld bezieht sich auf ein inneres Gebot, welches übertreten wird oder auf das, was wir als „das Böse“ in uns anerkennen.

Aber warum verstecken sich heutzutage so viele Menschen hinter angenommenen Namen und scheuen sich, erkannt zu werden, besonders in Postings in den sozialen Medien oder auch bei Leserbriefen. Schämen sie sich für den Inhalt, was sie da zum Besten geben? Und wenn sie sich schämen, warum tun sie es dann doch?

Ein großes, allseits bekanntes Vorbild für „nicht-Schämen“ scheint mir der derzeitige Präsident der USA zu sein. Er lügt schamlos, aber bezichtigt andere „Fake News“ zu verbreiten. Er schämte sich nicht, beim Abschreiten der Ehrengarde sich selbst in den Vordergrund zu schieben du die immerhin 92jährige Queen um ihn herumtänzeln zu lassen. Er hat keine Achtung vor der Position einer/eines anderen, er hat keine Achtung vor dem Alter, er hat keine Achtung vor Frauen (Merkel, May).

Er sollte sich schämen!

Des Kaisers neue Kleider – und schämen wir uns heute noch?

Altes neu entdecken: Das Blutgassen-Viertel

Bisher konnte ich den Ersten Bezirk meist nur im Eilschritt durchqueren, nur auf direkten Routen zu den Orten der Nahversorgung, zum Fleischhauer, zum Obst- und Gemüsegeschäft, zum Bäcker etc. Jetzt fallen viele von diesen „Nahversorgungswegen“ weg, ich kann auf Umwegen durch die Stadt schlendern. Genau das habe ich heue getan. Ich bin durch die Blutgasse gegangen. Da bin ich schon lange nicht gewesen, weil man auf Grund des holprigen Kopfsteinpflasters mit dem Rollstuhl einfach hier nicht fahren konnte.

Am Weg dorthin habe ich festgestellt, dass die Lokale mit Schanigärten in einen Wettbewerb getreten sind, wer die hübscheste „Blumenumgrenzung“ hat. Für mich hat ein „Asia“-Lokal gegenüber vom Ronacher einfach den Vogel abgeschossen. Die Stadt wird dadurch hübscher und bunter.

Was mich in der Blutgasse am meisten fasziniert hat, waren die lauschigen Durchgänge z.B. in die Grünangergasse, treppab – treppauf, in begrünte Höfe mit wunderschönem alten Baumbestand – sogar im Schatten einer der mir sehr lieben Platanen saßen lässige Menschen und tranken Kaffee. Auf den Pawlatschen rundherum blühten üppige Blumen. Es war ruhig, es war friedlich und aus jedem Winkel sah man einen anderen Teil des Stephansdomes. Die Häuserblocks im so genannten Blutgassen-Viertel, also zwischen Singerstraße, Blutgasse, Grünangergasse und Domgasse gehören zu den ältesten von Wien. Ihre Fundamente datieren mindestens bis ins zwölfte Jahrhundert zurück. Die darauf errichteten Gebäude stammen aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Die Blutgasse wird auf der einen Seite von der Domgasse begrenzt, dort tummeln sich auch viele Touristen, die gerade das Mozarthaus betreten oder verlassen. Am anderen Ende, dort wo die beiden eindrucksvollen Bögen die Häuser fast gegeneinander abzustützen versuchen, mündet die Blutgasse in die Singerstraße. Dazwischen – eher unauffällig, Blutgasse 3, das Friedensmuseum. Angeblich ist es weltweit das erste Straßenmuseum zu pazifistischen Themen.

Die Blutgasse, in diesem sehr alten Teil von Wien, gibt es schon lange, wenn auch unter anderem Namen: von 1368-1392 nannte man sie Kothgässel, im 15. Jahrhundert Chergäßlein (Kergässel). Die 1547 erstmals auftauchende Bezeichnung „Plutgessel“ steht für die heutige Domgasse. Auch im 16. Jahrhundert wechseln die Namen: 1563 Blutgasse, 1600 Milchgasse. Seit 1862 gilt die amtliche Bezeichnung Blutgasse. Die Deutung dieser Namen gilt als unklar, obwohl der Namen Kothgässel mit dem Zustand der Straße in Zusammenhang zu stehen scheint. Im Mittelalter brachte man die Toiletten in den Innenhöfen an über bis zu acht Metern tiefen Gruben. Davon schuf man gleich mehrere, damit – wenn eine voll war – man jeweils die nächste benutzen konnte, bis die andere geräumt war. Man kannte auch die so genannten Toilettenerker an der Hauswand, wobei die Exkremente direkt auf die Straße oder in den Garten fielen. Daneben gab es auch Latrinen, bei denen die Exkremente durch eine Röhre in einen unterirdisch angebrachten Kasten flossen. Diese Kästen wurden normalerweise einmal pro Jahr geleert. Mit dieser Aufgabe wurden jeweils unehrliche Leute bedacht. Sie mussten den Inhalt der Kästen in Bächen entsorgen. Um den Namen Blutgasse zu erklären gibt es eine Überlieferung, die von Schlachthäusern in der Gegend spricht, wobei das dabei vergossene Blut durch die Gasse gelaufen sein soll.

Über die Entstehung des Namens der Gasse gibt es eine andere Legende, die jedoch historisch nicht belegt ist. Sie führt ihn auf die Vernichtung des Ordens der Tempelritter zurück, der am 22. März 1312 auf dem Konzil von Vienne von Papst Clemens V. auf Initiative des französischen Königs Philipp IV. („Philipp des Schönen“) offiziell aufgelöst worden war. In der Folge sollen mehrere Tempelritter auch in der Stadt Wien im „Fähnrichhof“ (heute: Blutgasse 7-9), der damals die Wiener Herberge für die Ordensritter war, ermordet worden sein. Dank eines unterirdischen Ganges zum „Haus des Deutschen Ordens“ in der Singergasse 7 gelang einigen von ihnen die Flucht. In den Gewölben der einstigen Herberge sollen jedoch noch immer ihre Schätze versteckt sein, nach denen seit Jahrhunderten vergebens gesucht wird.

Die einzelnen Häuser in dieser Gegend entstanden nach der ersten Belagerung Wiens durch die Osmanen (sogenannte Erste Türkenbelagerung, 1529), als der mehr oder weniger verfallene Komplex aufgelöst und in einzelne Häuser geteilt wurde, die Kaiser Karl V. (*1500; † 1558) armen Bürgern schenkte, deren Häuser im Vorfeld der Stadt beim Herannahen der Osmanen geschleift worden waren .

Eines der Gebäude des Komplexes war die Riemerherberge (Schild „Zum Vogel in der Au“). Dort befand sich auch ein gutbesuchtes Bierhaus. Im 16. Jahrhundert wohnte dort im Fähnrichhof der Humanist Johannes (Hans) Cuspinian (eigentl. Spießheimer, * 1473; † 1529, begraben im Stephansdom), ein Gründungsmitglied der „Sodalitas Danubiana“ (1497, humanistischer-literarischer Klub). 1684 wurde das weitläufige Gebäude vom Buchbinder und Äußeren Rat Johann Konrad Ludwig angekauft.

Auch Wenzel Müller (1759  – 1835) lebte dort. Er schrieb die Musik zu einigen von Ferdinands Raimunds früher und heute populären Stücken.

Erwähnenswert ist vielleicht noch das Café Bogner (im kleinen Fähnrichhof). Das Kaffeehaus galt als Künstlerrefugium. Von 1826 bis 1828 wurde dort eine Künstlertafelrunde abgehalten, der unter anderem Franz Schubert, Moritz von Schwind, Eduard von Bauernfeld, Johann Mayrhofer, Ernst von Feuchtersleben, Franz Lachner, Ferdinand Sauter und Wilhelm Theodor von Chezy angehörten. Sie trafen sich hier täglich zwischen 17 und 19 Uhr am Abend. Schwind selbst gestaltete das Kaffeehausschild sowie die Bildnisse eines Türken und einer Türkin. Damit soll der Maler seine Schuld beim Besitzer getilgt haben. Dennoch wurde dem Lokal der Spitzname „Zur lustigen Blunzen“ gegeben. Nach mehreren Umwandlungen und Renovierungen wurde es letztlich zur Renaissance Bar, die sich bis ins 20. Jahrhundert hinein hielt.

Ganz zu Ende des Zweiten Weltkrieges, am 8. April 1945, kam es im Zuge der Bombardements der Inneren Stadt zu mehrfachen Schäden. Um drei Uhr nachmittags fielen zwei Bomben in den großen Fähnrichhof und richteten Splitterschäden an den umliegenden Gebäuden an. Schlimmere Folgen hatte der Einschlag einer Bombe in das Straßenpflaster an der Ecke Blutgasse/Singerstraße, die ein großes Loch in den dortigen Erker im ersten Stock riss. Ein weiterer Einschlag in das Straßenpflaster beschädigte Fassade und außenliegende Wohnräume.

Nach 1945 war der Fähnrichhof in so schlechtem baulichen Zustand, dass er trotz der herrschenden Wohnungsnot nicht bewohnt werden konnte. In letzter Minute griff die Stadt Wien ein. Sie kaufte die Häuser. Die Restaurierung wurde 1962 begonnen und konnte am 3. Dezember 1965 abgeschlossen werden. Der Fähnrichhof und das Blutgassenviertel (der heute Fähnrichhof benannte Komplex umfasst die Häuser Blutgasse 5, Blutgasse 7, 9 und Singerstraße 9, 11, 11A, 11B und 11C) bilden ein Beispiel vorbildlicher Assanierung bei gleichzeitiger Erhaltung der historischen Fassaden und des historischen Gesamteindrucks. Im Areal des Viertels wurde neben Wohnungen auch eine Reihe von Künstlerateliers untergebracht.

Meine Empfehlung: schaun Sie sich das doch einmal selber an, es wird Ihnen gefallen!

 

Altes neu entdecken: Das Blutgassen-Viertel

Flüchtlinge, Kirchenasyl und das Leo

Sie haben es wahrscheinlich auch gelesen: „Erzdiözese gewährt Pakistani Kirchenasyl“. Erzbischof Franz Lackner (ursprünglich ein Franziskaner Mönch), Salzburg, hat dem 23-jährigen Ali Wajid Kirchenasyl gewährt.

Eine Situation, wie des eines Flüchtlings hatte es schon in uralten Zeiten gegeben, leider hat sich wenig daran geändert. Aber auch in der österreichischen Flüchtlingssituation kommt es immer wieder vor, dass gut-Integrierte aber nicht Berechtigte von der Abschiebung bedroht sind (Arigona-Symptom) .

Der Ursprung des Kirchenasyls vom „Heiligtumsasyl“, eine frühe kulturelle Errungenschaft der Menschheit, und in fast alle Kulturen nachweisbar. Das Heiligtumsasyl war an Orte (z.B. Tempel), sakrale Gegenstände oder tabuisierte Personen gebunden, in deren heiliger Sphäre die Schutzsuchenden der Gottheit unterstanden und deshalb vor den Nachstellungen ihrer Verfolger sicher waren. Kam es dennoch zur Verletzung eines solchen Asyls, so war dies gesetzwidrig und galt als Frevel, der göttliche und oft auch weltliche Strafen nach sich zog.

Ähnliche Vorstellungen finden sich auch im Alten Testament. Z.B.  die Bewohner Sichems flohen vor Abimelech in die Gewölbe des Berit-Tempels, David floh vor Saul zum Propheten Samuel und der Heerführer Joab floh vor Salomo in den Tempel von Jerusalem. Auch die Einrichtung der Asylstädte (Freistädte) ist als Indiz für die Existenz von Heiligtumsasylen in Israel zu werten.

Die wahrscheinliche Basis des Kirchenasyls ist die Hikesie (Die Schutzflehenden, Tragödie des Aischylos) im antiken Griechenland. Schutzsuchende Hiketiden flohen unabhängig von ihrer Schuld zu Tempeln, Götterbildern, Altären oder Feuerstellen, um (vorübergehend) sicher zu sein. Junge Frauen konnten so einer Zwangsverheiratung entgehen, zerstrittene Familien sich wieder versöhnen, Ehen gelöst werden und sogar Sklaven war es möglich, ihren Weiterverkauf an einen besseren Herren oder in den Dienst des Heiligtums zu erwirken. Dabei war die Hikesie jedoch nicht auf Dauer angelegt und kann zu Gewissens- und sonstigen Konflikten führen.

Diese Praxis wurde mit zunehmender Christianisierung des Imperium Romanum auch auf die Kirchen ausgedehnt. Die neutestamentliche Forderung der Gastfreundschaft verpflichtete die Christen, für den Rechtsschutz der bei ihnen Schutz Suchenden Sorge zu tragen und die christlichen Tugenden „Barmherzigkeit“ und „Nächstenliebe“ bewogen die Christen zu ihrem Einsatz für Flüchtlinge und begründeten die Interzessionsverpflichtung (im Zivilrecht die Haftung für die Schuld eines anderen) der Bischöfe 343 auf dem Konzil von Serdika (heute Sofia).

Mit zunehmendem Zerfall des römischen Reiches und dem gleichzeitigen Erstarken von Kirche und Papsttum gewann auch das Kirchenasyl an Bedeutung. Karl der Große gewährte den unterworfenen Sachsen 782 Kirchenasyl unter Bewahrung der sächsischen Sitte einer Unantastbarkeit in heiligen Hainen. Auf einer Synode in Rom wurde 1059 der Friedensbereich der großen Kirchen auf 60 Schritte und der kleinen Kirchen auf 30 Schritte um das Kirchenportal herum festgelegt. Das Konzil von Clermont beschloss 1095 sogar, das kirchliche Asylrecht auf die Umgebungen von Wegkreuzen auszudehnen. Als kirchliches Privileg fand das Kirchenasyl Eingang in etliche frühmittelalterliche Rechtssammlungen Europas. Mit dem Ewigen Landfrieden von 1495 wurde das Gewaltmonopol des Staates errichtet, der damit eine geordnete Rechtspflege als einer zentralen Funktion des Kirchenasyls selbst übernommen hatte. Die Kirche hielt dennoch an ihrem Anspruch, Asyl zu gewähren, fest. In der Aufklärung wurde das kirchliche Asylrecht vor allem als Behinderung der staatlichen Rechtspflege wahrgenommen. Bis zum 19. Jahrhundert wurde es von allen europäischen Staaten formell aufgehoben. Diese Ablehnung bedeutete jedoch keineswegs, dass auch die römisch-katholische Kirche ihr Asylrecht aufgegeben hätte. Im Codex Iuris Canonici von 1983 ist das Asylrecht nicht mehr mit aufgenommen worden, was in der wissenschaftlichen Literatur nicht einhellig als Hinweis darauf gewertet wird, dass das Asylrecht von der römisch-katholischen Kirche aufgegeben worden sei. In den evangelischen Kirchen wurde ein eigenes Asylrecht niemals beansprucht. Eher selbstverständlich wurden die Forderungen der Nächstenliebe und die, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, so ausgelegt, dass an Leib und Leben Bedrohten zu helfen sei.

Manche von Ihnen werden sich vielleicht noch daran erinnern, dass es bei manchen Spielen (z.B. beim „Fangerl-Spielen“) ein „Leo“ gab, das ist ein Ort, wo Fliehende in Sicherheit sind. Ich meine, dass das dem auf dem Kirchenasyl beruht (konnte aber keinen Nachweis dafür finden). In meinem Hinterkopf rumort der Gedanke, dass „das Leo“ auf einen Papst namens Leo (den Großen ? * um 400;  †  461)zurückgehen könnte.

Aber nun zurück zum Fall Wajid: er kam im Jahr 2015 nach Österreich und hat im Mai 2018 einen negativen Asylbescheid in zweiter Instanz erhalten. Der Flüchtling absolviert seit Oktober 2017 in einem Salzburger Lokal eine Lehre zum Kellner. Er spricht sehr gut Deutsch, ist beliebt und engagiert – und bezieht auch keine Grundversorgung, weil er Lehrlingsentschädigung erhält. Ali Wajid gilt als Vorzeigebeispiel für Integration.

Anfang Juni wurde Wajid von einer Polizeistreife festgenommen. Er sollte in Schubhaft auf seine Abschiebung nach Pakistan warten. Nach einigen Stunden in Polizeigewahrsam gelang es dem eine „Freilassung gegen gelindere Mittel“ zu erzielen: Der Lehrling musste sich seitdem alle 48 Stunden bei der Polizei melden, um nachzuweisen, dass er nicht untergetaucht ist.

Zugleich legte sein Anwalt außerordentliche Revision gegen den Bescheid ein und stellte einen Antrag auf aufschiebende Wirkung. Denn in Salzburg wird derzeit eine Lösung für junge Flüchtlinge in Ausbildung angestrebt. Am 1. Juli 2018 wurde Wajid erneut ein Bescheid des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl (BFA) zugestellt – ohne Rücksicht auf den laufenden Einspruch. Er habe sich binnen 72 Stunden in einer Flüchtlingsunterkunft in Schwechat einzufinden – für viele der letzte Aufenthalt vor der Abschiebung. Kurz vor Ablauf der Frist könnte nun aber eine Lösung für ihn gefunden worden sein. Wajid wurde Kirchenasyl gewährt.

Kirchenasyl hat in Österreich keine rechtliche Grundlage und kann auch nur temporär in Anspruch genommen werden. Der Lehrling ist im Kloster Sankt Peter untergebracht und hofft auf die Entscheidung des Verwaltungsgerichts.

Wir können die Situation nur beobachten und weiterverfolgen.

Flüchtlinge, Kirchenasyl und das Leo