Wie ich das Fürchten verlernt habe

Jetzt hab‘ ich keine Angst mehr. Das macht ganz schön frei. Meine große Angst war es immer gewesen, dass ich meinen Partner verliere. Diese Angst war gerechtfertigt, da mein Mann lange schon behindert und krank war. Jetzt ist diese so befürchtete Situation eingetreten. Nun stellt sich heraus, dass ich auch allein weiterleben kann. Ja, der Verlust ist schlimm, selbstverständlich bin ich traurig, zeitweise sehr traurig sogar, aber dieses neue Leben ist jetzt im Grunde angstfrei. Wahrscheinlich, weil ich mich nicht vor dem Tod fürchte. Ich glaube an ein Leben danach und an eine Hölle glaube ich schon gar nicht. Für niemanden! Aber dass man am Ende sein Leben erkennt, seine Fehler einsieht und erfasst, was man alles hätte viel besser machen können, und damit bereut (ein altmodisches Wort, aber zutreffend), das glaub ich schon. Und das Sterben, also Krankheit, der langsame Verlust der menschlichen Würde durch Zunahme der körperlichen Schwächen, das erwarte ich im Grunde, das ist ein Teil des Altwerdens und auch der Preis dafür. Daher strebe ich danach, davor keine Angst zu haben. Gelingt derzeit meist!

Und wovor sollte ich mich sonst noch fürchten, wenn ich so die Schlagzeilen anschaue: Angst vor Veränderung, Angst vor Gluten in Lebensmitteln, ganz Deutschland hat Angst vor dem Diesel,  Angst vor Ereignissen in Chemnitz, Angst vor wirtschaftlichem Abschwung, Angst vor einer neuen Finanzkrise, Angst vor Terrorismus, vor Islamisierung, Rechtsextremisten  etc. etc., die habe ich einfach nicht.

Mir geht es also nicht wie Thomas Hobbes: „Die einzige Passion meines Lebens war die Angst“, schrieb Thomas Hobbes in seinen biografischen Aufzeichnungen. Aus Furcht vor dem Angriff der spanischen Armada auf England sei seine Mutter mit ihm nicht nur zu früh niedergekommen, sie habe gleich Zwillinge zur Welt gebracht: ihn und die Angst. Hobbes hat daraus in der Tat sein Lebensthema und seine Leidenschaft gemacht.

Nicht weniger als eine ganze Staatstheorie hat Hobbes daraus hergeleitet. Dass der Mensch des Menschen Wolf sei, galt ihm als ausgemacht. Erst das beim Staat verankerte Gewaltmonopol und das damit verbundene abschreckende Sanktionsregime flößten dem Individuum ausreichend Angst ein, um die gewalttätige Durchsetzung seines Eigennutzes auf Kosten anderer zu unterlassen. Das staatliche Drohpotenzial brachte darum erst die dauerhafte Friedfertigkeit des Einzelnen hervor.

Aber viele Politiker, Politikberater, Spindoktoren etc. kennen vielleicht ihren Hobbes nicht, aber sie haben die Angst als eine enorme politische Ressource erkannt. Sie hat erfolgreich die Gottesfurcht abgelöst.  Darum erleben wir, seit der Himmel nur mehr ein Wettermacher ist und daraus alle guten wie bösen Götter und Geister vertrieben sind, eine beispiellose Vervielfältigung der Ängste. Die nie ganz abgelegte Furcht vor dem Nächsten und das Vertrauen in die regulierende Macht des Staates, wie zugleich der Respekt vor seiner strafenden Hand haben es dem Individuum erleichtert, einen Teil seiner Freiheit preiszugeben und sich im Tausch unter den Schutz einer politischen Gemeinschaft zu begeben.

Wir leben hier und jetzt in einer Wohlfahrtsgesellschaft, die dazu führt, dass die Ängstlichkeit im Maße des erlangten Besitzstands zunimmt: Wer viel zu verlieren hat, hat handfeste Gründe, sich vor Verlust zu fürchten. Das manifestiert sich im Moment trefflich in der Angst, die viele Menschen vor den Zuwanderern haben – diese könnten ihren Wohlstand ja mindern. Stimmt aber nicht!

Andererseits meinen viele: Wozu sich fürchten, wenn doch alles kommt, wie es muss? Solche schicksalsergebene Daseinsgelassenheit ist – meine ich – selten geworden.  Die Befreiung vom Fatum, vor dem sich zu fürchten sinnlos ist, weil es ja doch eintrifft, wie es will und muss, lieferte uns mit anderen Worten geradewegs den Klauen der Angst aus. Hoffen und Bangen halten seither ein Ungleichgewicht des Schreckens.

Aber der angsterfüllte Mensch liefert sich als leichte Beute jenen aus, die in der Angst die am wirkungsvollsten zu nützende politische Ressource erkannt haben. Die planmäßige Instrumentalisierung realer und irrationaler Gefährdungen hat aus der Angst die „mächtigste Kraft der Politik“ entstehen lassen.

Die Populisten aller Couleur und in vielen Ländern tätig, haben es zu unerreichter Meisterschaft im Schüren von Ängsten gebracht. Ihr Erfolg hat auch damit zu tun, dass sie in der hedonistisch gestimmten Gegenwart einen Nerv der Zeit getroffen haben. Die Freizeitgesellschaft sucht den Kick und erhöht die Herausforderungen mit Phantomängsten, umso mehr aber überfordern den Einzelnen reale Gefahren, und umso empfänglicher ist er für vermeintliche Bedrohungen.

Die Angst hat eine große Karriere gemacht. Niemand würde bestreiten, dass sie nicht eine der vorherrschenden Empfindungen, wenn nicht das dominante Daseinsgefühl sei, dahinter steht wohl immer die Todesangst.  Aber dennoch wird heutzutage in z.B. manchen Sportarten das Risiko so erhöht, dass damit die Angst zum Nervenkitzel genutzt wird. Aber das verkleinert die Daseinsängste in keinster Weise.

Dass die Angst eine Lebensschule sein könnte, die uns einiges zu lehren imstande wäre, und dass sie darum freilich auszuhalten und nicht einfach und schon gar nicht mit einfachen politischen Rezepten beiseitezuschaffen ist: Diese Vorstellung müsste sich im Lärm der Zeit erst einmal wieder Gehör verschaffen. Es hieße allerdings gerade eben nicht, dass wir je „von des Lebens Angst genesen“ könnten, wie Hölderlin einmal schrieb, wiewohl er die Vergeblichkeit solcher Hoffnung fürchtete.

Also: seien Sie kein Angsthase!

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