Episode 2: als ich als Kind wirklich verzweifelt war

Es hat alles ganz harmlos begonnen. Meine Tante und meine Mutter hatten beschlossen gemeinsam mit ihren Kindern einen Ausflug zu machen. Wir waren drei Kinder, die beiden meiner Tante älter als ich. Es war im Krieg, wahrscheinlich so im Jahr 1941 oder 42.

Wir standen sehr zeitig auf um den Zug zu erwischen. Er brachte uns von Pernitz nach Miesenbach (2 Stationen). Von dort marschierten wir vergnügt nach Puchberg – über den Ascher – immerhin 11,6 km. Und weil es noch nicht einmal Mittag war, fuhren wir mit der Zahnradbahn von dort auf den Schneeberg. Das war schon aufregend für uns Kinder. Es war sonnig, es war auch oben warm, es war Sommer. Nachdem wir unser Proviant verzehrt hatten, natürlich aus der Blechbüchse, entschieden die beiden Mütter, dass wir von hier doch absteigen könnten, unten wäre dann die Mamauwiese, von dort könnten wir dann problemlos nach Hause kommen. Gesagt, getan!

Dazu ist zu sagen, dass wir sicher nicht hochalpin ausgerüstet waren, dass wir zwar alle eine durchaus – dem Altert angemessene – Kondition hatten, aber wir hatten z.B. keine Karte.  Also stiegen wir ab. Dass wir dabei die Fadenwände erwischten, ursprünglich ein alter Jagdsteig war wohl ein Zufall. Aber ganz so einfach ist er auch nicht, weil er nämlich recht steil ist.

Er konnte durchaus ohne größere Probleme bewältigt werden, allerdings dauert es recht lange und auf der Mamauwiese kamen wir auch nicht heraus. Die Tage waren zwar lang, aber es begann dann doch schon zu dämmern. Da wir Kinder wohl wussten, dass sich die Erwachsenen nicht mehr wirklich auskannten, wurden wir dann auch unruhig. Noch dazu kamen wir durch einen Himbeerschlag. Meine Tante konnte an keiner reifen Himbeere vorbeigehen, ohne sie zu pflücken und einzusammeln. Wir waren also der Dämmerung im „Himbeerhimmel“ meiner Tante angekommen – alles Himbeeren weit und breit. Wir halfen, um diese Proviantbüchse endlich füllen zu können. Und es wurde immer dunkler und der weitere Weg führte durch einen wurzelreichen Wald.

Wir stolperten entlang und natürlich fingen wir an zu raunzen – ich wohl an der Spitze. Ich war zwar müde, aber das wog nicht so schwer, wie „verirrt“ zu sein. Ich war einigermaßen verzweifelt, und von damals wird mein Ausspruch in der Familie tradiert: „ich möchte nur wieder herunterkommen – und wenn wir in England landen“. England war damals „der Feind“, das hatte ich als Kind schon mitgekriegt – im Krieg. Ich akzeptierte die wohl schlechtmöglichste Lösung, um wieder in die Zivilisation zu kommen.

Wie vorauszusehen, landeten wir nicht in England, sondern irgendwann auf einer Straße. Die führte in Richtung Gutenstein, zum Glück kam ein Ochsenwagen vorbei, der uns dann mitnahm. An den Rest des Ausflugs kann ich mich nicht mehr erinnern, da ich auf dem Ochsenwagen sofort eingeschlafen war.

In Pernitz hatte der Mann meiner Tante – der die einzige Greislerei in Waidmannsfeld betrieben hatte, und daher nicht zum Militär eingezogen worden war – schon überlegt die Gendarmerie zu verständigen, um eine Abgängigkeitsanzeige zu erstatten.

Irgendwann nach Mitternacht kamen wir dann doch nach Pernitz. Und am nächsten Tag kochte meine Tante die Himbeeren zu ihrer wunderbaren Himbeermarmelade.

 

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Episode 2: als ich als Kind wirklich verzweifelt war

Episode 1, auch eine „dritte Wahl“ kann erfolgversprechend sein

Frau Dr. Rendi-Wagner wird unter anderem vorgeworfen, wird dass sie „nur“ dritte Wahl ist. Nun das hat mich an eine Episode meiner eigenen Geschichte erinnert – die letztlich gar nicht schlecht ausgegangen ist.

Ich war eigentlich schon in Pension, arbeitete für die Bank aber noch immer, eben als Konsulentin. Ein großes Projekt war gestartet worden, in den Banken jener Länder in den ehemaligen Ostblockstaaten, in denen die BA „das Sagen“ hatte, sollte ein einheitliches On-Line-Banking System eingeführt werden.   Die jungen, ehrgeizigen, erfolgssuchenden Männer rissen sich im die Projektleitung. Mich hätte diese Projektleitung schon gereizt, aber ich wusste, dass ich als „Alte“ (damals schon 65+) keine Chance hatte.

Das Projekt startete und wie so oft stellte sich nach und nach heraus, dass die technischen Fragen nicht die Hauptrolle spielten, sondern dass es mehr um die Koordinierung der Banken ging, als um Lösung technischer Fragen. Derr erste junge Mann gab rasch auf, so hatte er sich Projektleitung nicht vorgestellt. Wenn einer aufgibt, stehen genügend andere bereit, das Projekt zu übernehmen. Auch der Nächste bemühte sich redlich, aber er scheiterte, diesmal nach etwas längerer Zeit. Er war mit ähnlichen Problemen konfrontiert, wie schon weiland Kaiser Franz Joseph I., an der Rivalität zwischen Ungarn und Tschechen. Unser Chef war etwas ratlos, was er nun tun wollte, die jungen, ehrgeizigen Männer hatten sich nun alle zurückgezogen, sie warteten auf Projekte, die entweder technische Probleme aufwarfen, oder eben – so hofften sie – erfolgsträchtiger sein würden.

Der Chef beriet sich mit einem Kollegen, den er dann im Auge gehabt hatte, der aber bereits aufgrund nicht erfüllter Gehaltsforderungen gekündigt hatte – und der empfahl – ohne mein Wissen – mich.  Der Chef wäre nie auf mich verfallen. Das schien es nun doch eine am wenigsten schlechte Lösung: wenn ich scheiterte, was er, unterstelle ich ihm, erwartete, wäre es nicht schlimm, dann könnte man eben nur meinen Konsulentenvertrag kündigen und die Projektleitung „nach auswärts“ vergeben.

Also wurde mir diese Ehre übertragen.  Ich war erstaunt, zugegebenermaßen auch erfreut. Ich bekam auch ausreichende Unterstützung, sowohl in finanzieller als auch in personeller Hinsicht. Schon gewarnt, durch das Scheitern der früher Ernannten, versuchte ich einen „dritten Weg“, ich nahm weder die tschechische Lösung noch die ungarische Lösung, die jeder von beiden mit viel Verve vertrat, sondern wir vertrauten letztendlich die technische Lösung einer österreichischen Firma an. Somit waren die beiden auf mich böse. Es war dann ein mühseliger Weg, die Koordination der sehr selbstbewussten Chefs und Mitarbeiter in diesen Banken zu gewährleisten. Wir reisten von einem zum anderen, wir luden sie ein, wir leisteten aufwändige Überzeugungsarbeit, von der Qualität der (angekauften) Technik, galt es nur alle zu überzeugen.  Die Mitarbeit dieser Banken war konstruktiv, ihre Sonderwünsche waren dann schwer zu realisieren, weil sie auch nicht immer gewillt waren, dafür zu bezahlen.

Aber durch den vorbildlichen Einsatz und die Mitarbeit aller Beteiligten, konnte das Projekt am Ende auch ziemlich zeitgerecht und halbwegs im geplanten finanziellen Rahmen umgesetzt werden. Wir erhielten dann alle vom Management sogar einen Preis – in Form einer Statue – für dieses Projekt.

Also – meine eigene, bescheidene Erfahrung zeigt, dass auch die „dritte Wahl“ sehr wohl zum Erfolg kommen kann.

Hoffen und wünschen wir auch im vorliegenden Fall: das Allerbeste!

Episode 1, auch eine „dritte Wahl“ kann erfolgversprechend sein

Feiertage unserer Mitbürger

Wir Österreicher lieben unsere Feiertage, wir zelebrieren sie auch – ob angemessen sei dahingestellt – und wir haben derer eine ganze Menge. Aber wir haben auch Mitbürger, die ganz andere Feste feiern. Sie müssen an diesen Tagen auch arbeiten – wenn sie sich keinen Urlaub nehmen – im Gegensatz zu uns Christen. Und von der Mehrheitsbevölkerung werden ihre Feste wenig wahrgenommen. Manchmal – im Rundfunk – zumeist in Religionssendungen, wird der Hintergrund dieser Feste erklärt, aber sonst?

Gerade in den letzten Tagen hat eine Reihe von jüdischen Festen stattgefunden. Ich habe kaum etwas in Zeitungen darüber gelesen. Vielleicht hilft es unserem Zusammenleben, wenn wir mehr übereinander wissen.  Die Tage dieser Feste werden nach jüdischer Zeitrechnung festgelegt. Diese beginnt im Jahr 3761 vor der christlichen Zeitrechnung. In diesem Jahr, konkret am 6. Oktober, hat Gott nach jüdischem Glauben die Welt erschaffen. Daher steht der jüdische Kalender mittlerweile im 6. Jahrtausend. Der jüdische Kalender ist ein Lunarsolarkalender. Das bedeutet, das zwar das Jahr wie im islamischen Kalender in zwölf Mondmonate aufgeteilt ist, Schaltjahre aber den jüdischen Kalender an das um elf Tage längere Sonnenjahr angleichen.

Heuer hat am 19. September Jom Kippur stattgefunden. Vielen von uns ist vielleicht der Jom Kippur Krieg in Erinnerung. Der hat aber nichts mit dem Fest zu tun, sondern hat nur an diesem Tag begonnen. Er fand vom 6. Bis 25. Oktober statt. Er wurde von Ägypten, Syrien und weiteren arabischen Staaten gegen Israel geführt, und war der vierte arabisch-israelische Krieg im Rahmen des Nahostkonflikts. Jom Kippur (Tag der Sühne, deutsch zumeist Versöhnungstag oder Versöhnungsfest) ist der höchste jüdische Feiertag. Der Tag gilt als strenger Ruhe- und Fastentag. Nach christlich-geprägtem Gregorianischen Kalender fällt Jom Kippur von Jahr zu Jahr auf unterschiedliche Daten im September oder Oktober. Zusammen mit dem zehn Tage davor stattfindenden zweitägigen Neujahrsfest Rosch ha-Schana bildet er die Hohen Feiertage des Judentums und den Höhepunkt und Abschluss der zehn Tage der Reue und Umkehr. Jom Kippur wird von einer Mehrheit der Juden, auch nicht religiösen, in mehr oder weniger strikter Form eingehalten.

Das Fest geht vermutlich auf die Zeit nach dem Babylonischen Exil zurück, in der Bibel kann man dazu lesen: „Am zehnten Tage des siebenten Monats sollt ihr fasten und keine Arbeit tun, weder ein Einheimischer noch ein Fremdling unter euch. Denn an diesem Tage geschieht eure Entsühnung, dass ihr gereinigt werdet; von allen euren Sünden werdet ihr gereinigt vor dem Herrn.“ Im Jerusalemer Tempel wurden an diesem Tag besondere Opfer dargebracht, es war der einzige Tag, an dem der Hohepriester – allein und streng abgeschirmt – das Allerheiligste im Tempel betreten durfte, um stellvertretend für das Volk die Vergebung der Sünden zu empfangen. Dort besprengte er die Bundeslade mit dem Blut von zwei Opfertieren. Ebenso wurde über zwei Böcken das Los geworfen , einer mit dem Los „für Gott“ wurde geopfert zur Reinigung des Tempels. Über dem per Los ermittelten Ziegenbock „für Asasel“ wurden alle Sünden des Volkes Israel vom Hohepriester öffentlich bekannt. Anschließend wurde das Tier „für Asasel“ getötet, indem es über den Rand der Bergklippen in der Judäischen Wüste geschickt wurde.  Das entspricht nun unserem „Sündenbock“. jemand, der von unbußfertigen Menschen für ihr eigenes Unheil, Fehler und Sünden fälschlich beschuldigt und schließlich verantwortlich gemacht wird und der manchmal beseitigt wird, obwohl das ursprüngliche Konzept ein Bekenntnis eigener Schuld und Reue von der Gemeinschaft verlangte.

Jom Kippur ist der heiligste und feierlichste Tag des jüdischen Jahres, ein Fastentag, an dem 25 Stunden gefastet wird, d. h. von kurz vor Sonnenuntergang des Vortags bis zum nächsten Sonnenuntergang wird weder flüssige noch feste Nahrung eingenommen. Streng religiöse Juden tragen an Jom Kippur keine Lederschuhe und kleiden sich in Weiß.

Am 24. September begann heuer Sukkot (oder Laubhüttenfest). Es wird fünf Tage nach dem Versöhnungstag, gefeiert und dauert sieben Tage. Das Fest ist bäuerlichen und wahrscheinlich kanaanitischen Ursprungs und hatte ursprünglich einen historisch-landwirtschaftlichen Charakter. Das Fest hat sich schon in der Antike während Jahrhunderten stark verändert, was sich in den biblischen und nachbiblischen Texten widerspiegelt. Es hatte etwas von unserem Erntedankfest, wenn nicht nur die Getreide-, sondern auch die Weinernte eingebracht ist. Mit den Laubhütten dürften hier die Schatten spendenden Unterstände auf den Feldern gemeint sein, wie sie auch heute im Vorderen Orient zur Zeit der Ernte noch gebräuchlich sind. Erst nach dem Babylonischen Exil wird Sukkot zu einem historischen Fest, das mit der Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten begründet wird und das Wohnen in Laubhütten während der Festzeit vorschreibt. Der Überlieferung nach soll König Salomon den Tempel in Jerusalem zu Sukkot eingeweiht haben. Selbst im Johannesevangelium ruft Jesus am letzten Tag des Laubhüttenfestes diejenigen, die Durst haben, zu sich, was im Zusammenhang mit einer zu dieser Zeit vom ersten bis zum letzten Tag des Festes üblichen Wasserschöpfzeremonie interpretiert wird.

In Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, als die Israeliten in provisorischen Behausungen wohnten, wird auch heute jedes Jahr zu Sukkot dort, wo sich Platz dafür bietet – im Garten, im Hof, auf dem Parkplatz, Balkon oder Dach – die Sukka gebaut, eine mit Ästen, Stroh oder Laub gedeckte Hütte, die unter freiem Himmel stehen muss. In ihr werden, wenn es das Wetter erlaubt, die Mahlzeiten während der siebentägigen Dauer des Festes eingenommen; besonders gesetzestreue Juden übernachten sogar in der Laubhütte. Jüdische Gemeinden erstellen in der Regel eine Gemeindesukka, in der der Kiddusch nach dem Gottesdienst und andere Empfänge während des Sukkotfestes stattfinden. In Anlehnung an das antike Erntedankfest und die mit Regen und Fruchtbarkeit assoziierten Zeremonien werden während Sukkot zu den Gottesdiensten in der Synagoge ein Feststrauß getragen. Darin befinden sich ein gebundener Palmzweig, drei Myrtenzweige, und zwei Bachweidenzweigen, die in der rechten Hand getragen werden, sowie der Etrog, eine Sorte der Zitronatzitrone, der in der linken Hand gehalten wird.

Ich finde es schade, dass wir – die Mehrheitsbevölkerung – diese Feste so wenig zur Kenntnis nehmen.

(Beschreibungen zu zeitlich entsprechenden anderen Anlässen folgen dann über weitere jüdische und auch muslimische Feste)

Feiertage unserer Mitbürger

Wiener Straßennamen und mein Cousin Fritz als „freiwillig-unfreiwilliger“ SS-Mann

 

Wien kann wirklich etwas verwirrend sein, da gibt es die Wasagasse, die Wassergasse und die Wasnergasse. Wenn man diese Namen nur hört, kann man sie kaum auseinanderhalten.

Die Wasagasse, in der Roßau im Alsergrund, ist mir seit meiner Kindheit vertraut: Die Harmoniegasse, in der ich zu Anfang meines Lebens gewohnt habe, grenzt an die Wasagasse, in wir Kinder, im Hinterhof eines Hauses, an dessen Stelle früher das Harmonietheater gestanden ist, gespielt haben.  Dieser Hof war eigentlich ein Abhang, der zu den Gärten der Häuser in der Währinger Straße hinaufführte. Später, in der Währinger Straße wohnend, querte ich die Wasagasse auf meinem Schulweg in die Grüne Torgasse. Und nach vielen weiteren Jahren lag diese Wasagasse auf meinem Weg ins Büro auf dem Julius-Tandler-Platz.

Zu Wassergasse im dritten Wiener Gemeindebezirk meinte ich lange einen persönlichen Bezug gehabt zu haben. Das dürfte aber auf einem Hörfehler beruht haben, denn bei meinen Erinnerungen dürfte es sich um die Wasnergasse gehandelt haben. Gestern hatte ich in der Umgebung der Wasnergasse zu tun, und da der Fünfer (Straßenbahn) außerordentlich lange Intervalle hatte, ging ich vom Wallensteinplatz zu Fuß und kam so in die Wasnergasse – und da kam dann auch der oben erwähnte Bezug zum Tragen.

Mein inzwischen im hohen Alter verstorbenen Cousin Fritz wohnte in seine Jugend längere Zeit bei uns und ich erachtete ihn als so etwas wie einen vergeblich erwünschten älteren Bruder. Seine Eltern lebten in Pernitz, die Textilfachschule, die er besuchte, lag aber in Wien, daher wohnte er (damals selbstverständlich) bei uns in Wien. Nun, eines Tages kam er von der Schule nach Hause und erzählte uns folgende Geschichte: bei ihm, in der Schule, wäre ein Goldfasan (bedeutete in der Zeit des Nationalsozialismus: Kleidung der obersten Titelträger von NSDAP und einiger Parteigliederungen, die in der Kombination Braun mit Lametta – glitzernde Distinktionen – an einen Goldfasan erinnerten) in seine Klasse gekommen, und hätte gefragt, ob alle doch selbstverständlich zur SS (Schutzstaffel war eine nationalsozialistische- militärische –  Organisation, die der NSDAP und Adolf Hitler als Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument diente) gehen wollten. Wer traute sich damals als ca. 17Jähriger da schon zu widersprechen. Und jetzt wurde mein friedfertiger, lieber Quasi-Bruder Fritz „freiwillig – unfreiwillig“ SS-Mann, jene Truppe, die an den tödlichsten Fronten eingesetzt wurde. Diese Truppe war auch angehalten, die brutalsten Kriegsverbrechen zu begehen. Und jetzt kommt meine Assoziation ins Spiel: während seiner Ausbildung wohnte Fritz dann zeitweilig in der Wasnergasse. Dort habe ich ihn mit meiner Mutter besucht und mich gestern an die die Straße begrenzende Mauer des Augartens erinnert.

Das Schicksal führte Fritz nach seiner sehr kurzen Ausbildung dann an die schon stark zurückgewichene Ostfront. Noch im Jahr 1945 erlebte er den Kampf um Budapest. In Ungarn waren die Truppen der 2. Ukrainischen Front unter dem Oberbefehl von Marschall Malinowski im Kampf gegen die deutsche Heeresgruppe Süd unter dem Oberbefehl von Generaloberst Frießner über die Theiß und bis zur Donau südlich nach Budapest vorgestoßen. Die deutschen Verbände waren aber so abgekämpft, dass sie ohne neu zugeführte Verstärkungen (und das waren dann diese Jungen aus der Textilschule und anderen Schulen) nicht in der Lage waren, große Angriffsaktionen durchzuführen. Hitler erteilte den Befehl: „Die Verteidigung der ungarischen Hauptstadt solle durch Kampf Haus um Haus geführt werden, eine kampflose Räumung komme auch bei ungünstiger Entwicklung der Lage nicht in Betracht. Außerdem seien rücksichtslos alle Maßnahmen zu treffen, um die Gefährdung der eigenen Truppen durch den bewaffneten Großstadt-Pöbel zu verhindern, der entweder rechtzeitig evakuiert oder gewaltsam niedergehalten werden müsse.” Bei unserem Wissen der Kriegsabläufe kann man sich die Durchführung dieser Maßnahmen einigermaßen vorstellen! Die Verantwortlichen für die Truppe wünschten, etwa 20 km hinter der Hauptkampflinie eine für den Großkampf ausgebaute Stellung zu errichten, sie sorgfältig zu tarnen und mit Sicherheitsbesatzungen zu versehen. Sie wünschte außerdem eine Verteidigungsanweisung, die ihr das Recht gab, vor Einsetzen der feindlichen Artillerievorbereitung unter Zurücklassen von Nachhuten mit der Masse der Kampftruppen auszuweichen. Hitler weigerte sich, einen Geländeverlust von 20 km ohne Kampf in Kauf zu nehmen.

Diese Fehlentscheidung führte dazu, dass meinem Cousin Fritz durch einen russischen Beschuss der Stalinorgeln (Katjuscha ist die russische Bezeichnung für einen sowjetischen Mehrfachraketenwerfer. Die Übersetzung des russischen Sammelbegriffs war Gardewerfer, von deutscher Seite wurde die Waffe Stalinorgel genannt) drei Finger der rechten Hand weggeschossen wurden. Für ihn war dieser Krieg zu Ende, aber seine ursprüngliche Berufswahl war ihm nun verwehrt, Weber konnte er nun nicht mehr werden.  Er kam nach Linz ins Lazarett, erlebte dort das bombenreiche Kriegsende, meine Mutter hatte noch versucht, ihn von Pregarten aus zu besuchen und zu uns zu holen, kam aber zu spät.

Später hat mein Cousin Fritz lange bei einer Großhandelsfirma in Mariahilf gearbeitet um dann Vertreter – auch für Süßwaren – zu werden. Er verhandelte – nach seinen Erzählungen – meist mit Großabnehmern, Kleinabnehmer für seine Süßwarenmuster war dann die Familie. Ich glaube, er war erfolgreich und nicht unglücklich in seinem Beruf, geheiratet hatte er eine ehemalige Kollegin aus der Textilfachschule. Später erwirtschaftete er als Alleinverdiener eine Eigentumswohnung in Döbling und ein Haus in Pernitz.

Er war zwar Kriegsopfer aber er sah sich nicht als Opfer! R.I.P. lieber Fritz.

 

 

 

Wiener Straßennamen und mein Cousin Fritz als „freiwillig-unfreiwilliger“ SS-Mann

Der Wandel der Küche

Vorauszuschicken ist, dass ich wirklich gerne koche. Ich lese gerne Kochbücher, suche Rezepte im Internet, und schau mir gerne Küchen in einschlägigen Architekturzeitschriften an. Ich esse aber auch gerne, auch was andere kochen, bin aber in Summe diesbezüglich eher traditionell. Ich brauche keine bislang unbekannten Kräuter, Früchte oder Gemüse, die nur schwer zu bekommen sind. Ich koche gerne „Hausmannskost“ bzw. italienische Gerichte. Außerdem bin ich gerne alleine in meiner Küche, weil ich mich auf die Kocherfordernisse konzentrieren möchte.  Eine Ausnahme dazu sind meine Enkelkinder.

Ich habe eine höchst „altmodische“ Küche, weit weg vom Wohn- oder Speiszimmer, die Möbel und Geräte sind an der Wand angeordnet, ein Tisch steht in der Mitte. Eine Konzession an die modernere Zeit: der Tisch hat zwei Ebenen, eine traditionelle und eine höhere, an dem man stehend seine Arbeit verrichten kann. Es gibt ein sogenanntes französisches Fenster, dort, davor, habe ich ein Kräuterkisterl, wo jene Gewürze, die ich häufig benötige, hängen. Ich bin sehr zufrieden, mit dieser Küche, was mir aber fehlt, ist ein Dunstabzug. Allerdings kann ich diese Tür aufmachen und Gerüche verziehen sich rasch (zugegeben, problematisch im Winter). Ich wünsche mir keine andere Küche, selbst wenn mir schicke Kochinseln schon sehr gut gefallen.

Die Wohnung verfügt auch über eine angrenzende Speis – sehr praktisch!  Neben der Küche befindet sich ein kleines Kammerl, früher wahrscheinlich das Zimmer für eine Köchin, oder das sogenannte „Mädel“, über das fast jeder auch nur etwas gehobenen Haushalt noch zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts verfügte. Und in der Küche gibt es eine Reihe von Lichtern, die aufleuchten, wenn in einem Zimmer ein Knopf gedrückt wurde – womit man „das Mädel“ alarmierte, dass etwas zu erledigen wäre, womit sie wahrscheinlich damals eilig herangelaufen ist. Heute kann ich mir im Zweifelsfall selbst läuten, und dann in die Küche rasen, wo ich das Gewünschte erledige oder hole. Das Haus, indem ich lebe, ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut worden, damals war die Küche das Reich der Köchin, deren Pflichten eben hauptsächlich im Bereiten der Speisen lag.

Dieses Kammerl neben der Küche habe ich zu meinem Arbeitszimmer gemacht, dort stehen mein Computer, Drucker, Scanner etc. Daher, wenn ich etwas koche, das eine längere Zubereitungsdauer hat, kann ich daneben Mails lesen, schreiben, denn ich rieche den Fortschritt des Kochens, ich höre das Blubbern etc.

Ein großer Vorteil dieser Art von Küche liegt darin, dass man darin nicht pausenlos aufräumen muss, man kann Öl und Salz heraußen stehen lassen, weil man es ohnedies später braucht, man stellt gebrauchte Teller einfach ab, ohne sie gleich in den Geschirrspüler räumen zu müssen.

Nachteilig ist, dass man das Essen ins Esszimmer tragen muss, es wird daher eher kalt (ich verwende im Esszimmer eine Warmhalteplatte). Ein weiterer Nachteil besteht darin, dass die Hausfrau bei den Gesprächen vor und während des Essens nicht immer bei der Familie, bei den Gästen sein kann – also eher ausgeschlossen ist.

Die beiden mir nachfolgenden Generationen lehnen diese Art Küche vehement ab. Sie wollen (und haben) eine in den Wohnbereich integrierte Küche, wobei alle Anwesenden im Kochgeschehen eingebunden sind. In unserem Haus am Land, das jetzt das Haus am Land meiner Kinder und Enkelkinder ist, wurde die Wand zwischen Küche und Wohn- und Essensbereich umgelegt, um die Küche zu integrieren.

Soweit unsere persönliche Situation. Historisch gesehen, hat sich die Küche folgendermaßen entwickelt: Die erste Küche der Menschheit war die Feuerstelle, anfänglich im Freien, später in der Hütte, wo auch oft Menschen und Vieh miteinander hausten.  Der Abzug erfolgte durch ein Loch im Dach. Umbauten und Hinzufügungen späterer Zeiten haben im Grunde nur zu geringfügig voneinander abweichenden Varianten geführt: knöchel- bis kniehoher, tischförmiger Herd, offene Feuerstelle mit freiem Rauchabzug, geschlossener Herd in verschiedenen Ausprägungen mit Kaminanschluss, Gas-, Elektro- oder Induktionsherd, um hier einmal von jüngsten Entwicklungen in Richtung «smart kitchen» zu schweigen. In alten Kulturen wurde das (Herd-)feuer von Priesterinnen gehütet – in Rom z.B. von den Vestalinnen. In einer französischen Schlossküche des 17. Jahrhunderts schreitet der Koch, hier nach einem Braten schauend oder dort eine Creme kostend und einen Hinweis zu ihrer Verbesserung gebend durch die große Küche.  Die Herrschaft sollte jedenfalls vom Küchengerüchen und -geräuschen möglichst nichts mitbekommen. Dasselbe gilt für die “koloniale Küche“ in den USA, vom Haupthaus entfernt, meist von schwarzen Sklaven betreiben. Bis diese Trennung von Wohnen und Küche in breitere Bevölkerungsschichten durchsickerte, brauchte es die großen Siedlungsbauprogramme des 20. Jahrhunderts. Nicht zu vergessen ist dabei die so genannte Frankfurter Küche. Sie wurde 1926 von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky ausgearbeitet, sie gilt als Urtyp der modernen Einbauküche. Diese Küche sollte so praktisch wie ein industrieller Arbeitsplatz gestaltet sein: Alle wichtigen Dinge sollten mit einem Handgriff erreichbar sein um auch die Arbeitsgänge zu verkürzen.

Heute ist dieses Modell schon wieder passé. Dabei zeigt sich, dass auch die Wohnküche, in der sich so gut diskutieren lässt, eine bereits vergehende, bürgerlichen Raumkonzepten angepasste Zwischenlösung war. „Küchenwohnung“ wäre vielleicht die richtige Bezeichnung neuer Konzepte, die derzeit beworben werden.  Kennzeichen solcher neuer Raumkonzepte ist die Kücheninsel. Man erkennt auf den Hochglanzprospekten der Hersteller in der Insel zunächst einen eleganten Schreibtisch, bis der schlanke Wasserhahn rechts und dann der Topf links neben dem versenkten Dunstabzug in den Blick geraten.

Damit wird das Kochen aber zu einer „Performance“. Die Rolle der Frau wird in derartigen Werbevideos der Hersteller darauf beschränkt, ihrem männlichen Partner Zutaten aus dem Kühlschrank zu reichen.

Ich konnte jedenfalls feststellen, dass je aufwändiger die Küche gestaltet ist, desto weniger drin gekocht wird.

Der Wandel der Küche

Zwei Empfehlungen – eine Ausstellung, ein Buch

Sonderausstellung – Literaturmuseum (der österreichischen Nationalbibliothek)

Im Literaturmuseum in der Johannesgasse im Wiener Ersten gibt es nicht nur eine Sonderausstellung, sondern auch die Dauerausstellung, mit einem Wort sehr viel zu sehen. Man sollte sich Zeit dafür nehmen!

Ich habe mich eher auf die Sonderausstellung konzentriert, nicht ohne in der Dauerausstellung das Grillparzerzimmer besucht zu haben. Ich glaube mich dunkel zu erinnern, es schon einmal gesehen zu haben, vor vielen Jahren, in meiner Jugend, da war es im Rathaus ausgestellt. In diesen Räumlichkeiten weht überhaupt der Geist Grillparzers, der hier im ehemaligen Hofkammerarchiv amtierte, zerrissen zwischen seinen Pflichten als Archivdirektor und seinem Drang zu schreiben.  Wenn man hier durchwandert, und die vielen handschriftlichen „Verlassenschaften“ sieht, viele gestochen schön geschrieben, andere gekritzelt, viele noch in Kurrentschrift, denkt man schon darüber nach, was von den Heutigen an „Persönlichem“ überliefert werden kann, da ja alles mit elektronischen Medien geschrieben wird. Wehmütig denkt man daran, dass aus unserer Zeit keine Korrespondenzkarten und viel weniger Ansichtskarten übrigbleiben werden. Ich bezweifle auch, dass es noch viele Nachkommen gibt, die das alles noch sammeln und katalogisieren, wie z.B. der Enkel von Berta Zuckerkandl – Emile. Aber es gibt hier nicht nur schriftliche Dokumente, es gibt auch Ausschnitte alter Aufführungen von Dramen der hier vertreten Autoren. Auch des Wiener Kabaretts wird ausführlich gedacht.

Viel „Altes“ ist hier zu sehen, aber auch das Neue, das Heutige. Dargestellt ist es hervorragend – gut kommentiert (zum Teil kann man die handgeschriebenen Texte transkribiert lesen).   Aber dafür habe ich nicht genug Zeit gehabt, ich hatte mich nämlich zu lange in der Sonderausstellung herumgetrieben.

„Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl – Zentralfiguren der Wiener Moderne“. Vielleicht bin ich zu wenig gebildet, aber ich habe viel Neues hier erfahren. Überwältigt war ich von einer Schautafel am Beginn der Ausstellung, in der die Vernetzung (so sagt man wohl heute dazu) der drei Persönlichkeiten – untereinander, aber auch mit fast allen Größen ihrer Zeit aus Literatur, Musik, Bildender Kunst, Architektur, Philosophie, Politik dargestellt ist. Interessant ist, wie sehr man damals im gehobenen an Kunst Interessierten Großbürgertum miteinander verheiratet, verschwägert oder überhaupt verwandt war.  Viele der Mitglieder dieser Gesellschaft waren Juden, aber sie waren meist nicht jüdisch-religiös geprägt, es war das aufgeklärte, so genannte assimilierte Judentum, das viel dieser Menschen auszeichnete. Dieses Netzwerk war nicht nur auf Wien beschränkt, es spannte über die ganze Monarchie aber auch ins Ausland, z.B. Frankreich. Man sprach eben nicht nur Deutsch, sondern ebenso gut Französisch, wie auch die ausgestellten Briefe bezeugen. Mich fasziniert diese Epoche enorm, aber Karl Kraus bezeichnete sie schon damals – vorausschauend – Versuchsstation des Weltuntergangs. Man produzierte nicht nur Kunst, man förderte sie auch. Es war die Zeit der großen Salons und ihrer überaus kompetenten Salonièren.  In ihren Salons traf sich „tout Vienne“, sie boten die Grundlage für diese Netzwerke.

Bei dieser Ausstellung wird man stolz auf unsere Vergangenheit, ich meine, sie sollte ein Teil des nun bald zu eröffnenden Hauses der Geschichte sein!

Gehen Sie hin, die Ausstellung läuft noch bis 17.09.2019!

Neu erschienenes Buch: „The Fox“

Wenn Sie ein Freund von Politthrillern sein sollten (wie ich gestehe es zu sein!) empfehle ich das 2018 erschienene Buch von Frederick Forsyth: „The Fox“.  Den meisten, einschlägig Interessierten, ist der Autor bekannt als Meistererzähler sehr spannender Geschichten (z.B. der Schakal, Akte Odessa, die Hunde des Krieges etc. etc.). Einige seiner Bücher wurden auch verfilmt. Ich möchte Ihnen nicht die Spannung rauben, daher nur kurz zum Inhalt: die tödlichste Waffe derzeit ist nicht eine selbststeuernde Rakete, ein Tarnkappenunterseeboot oder ein Computer ausgestattet mit künstlicher Intelligenz. Nein – es ist ein 17jähringer autistischer Junge, dem keine Firewall trotzt. Das Buch handelt nun davon, wie er entdeckt wurde, wie er von wem wofür er eingesetzt wurde. Und vor allem, wogegen er eingesetzt wurde.  Das sind fast alle derzeit bekannten Krisen und Unruheherde. Ja, und es geht auch um die Jagd gegen ihn, und dem Schutz, der ihm geboten wird. Wie immer ist das Buch glänzend recherchiert, die technische Beschreibung eingesetzter Waffensysteme interessierte mich allerdings etwas weniger.

Wenn man dem Buch etwas vorwerfen kann, dann ist es eine recht einseitige Haltung. Die Klügsten und Besten in diesem Spiel sind naheliegender Weise die Briten, mit gehörigem Abstand gefolgt von den Amerikanern. Die Haltung den Russen, den Iranern, den Koreanern gegenüber ähnelt jener der Republikanischen Partei der USA, ich würde sie als „verachtend“ bezeichnen

Jedenfalls: wenn Sie Spannung auf Basis politischer Sachverhalte lieben – dann lesen Sie dieses Buch!

 

Zwei Empfehlungen – eine Ausstellung, ein Buch

Historische Splitter zum Brexit

„Jeder Mitgliedstaat kann im Einklang mit seinen verfassungsrechtlichen Vorschriften beschließen, aus der Union auszutreten“, heißt es in Artikel 50 des Vertrags von Lissabon.

Großbritannien und der „Kontinent“ haben sich selten gut vertragen – eher in Kriegszeiten, wenn es gegen Deutschland ging, wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Und selbst Winston Churchill, der im September 1946 die Idee einer europäischen Union zur Rettung des Kontinents entworfen hatte, meinte schon damals, dass Großbritannien nicht dabei sein werde.

Großbritannien ist dann doch beigetreten: 1973, lange hat der Widerstand Frankreichs (besonders in der Person von de Gaulle) gegen diesen Beitritt gedauert. Aber schon damals gab es auf der Insel Gegner des Beitritts, 38 Prozent der Briten waren für den Beitritt, 39 Prozent dagegen, so hatte es eine BBC-Umfrage damals ergeben. Der damalige Labour-Vorsitzende Harold Wilson erklärte, dass er sich außerstande sieht, dem Beitritt zuzustimmen, der ohne die Unterstützung der britischen Bevölkerung zustande gekommen wäre. Und Wilson macht eine folgenreiche Ankündigung: Falls seine Partei die nächste Wahl gewinne, werde er in Brüssel neu über die Bedingungen des britischen Beitritts verhandeln. Anschließend gebe es ein Referendum. Wilson kommt 1974 wirklich an die Macht: die Volksabstimmung findet statt: Das Votum des Volkes ist eindeutig. 67,2 Prozent Ja- und 32,8 Prozent Nein-Stimmen.

Dennoch: die Briten wollten schon immer „Rosinen picken“, besonders geschickt tat dies Margaret Thatcher 1984: sie erreichte den „Britenrabatt“ (66 Prozent des Nettobeitrags an die EU retour an GB) – sehr zum Ärger der Franzosen. Und immer wieder präsentierte sich die Regierung von der Insel bei wichtigen Entscheidungen in Brüssel eher als Störfaktor. Die Briten haben sich nicht dem Schengen-Abkommen angeschlossen. Seit der EU-Vertrag von Lissabon im Jahr 2009 in Kraft getreten ist, kann Großbritannien wählen, an welchen Gesetzen im Bereich Inneres und Justiz es sich beteiligt („Opt-Out). Sie weigerten sich auch z.B. dem Fiskalpakt (betreffend die Haushalte 20114 – 2020) beizutreten.

Europa hat noch größere Anstrengungen und Konzessionen an Großbritannien gemacht, um den Brexit zu vermeiden: Großbritannien sollte nicht dazu verpflichtet werden, jeden Integrationsschritt in der EU mitmachen zu müssen. So dürfte Großbritannien neu einreisenden EU-Ausländern maximal sieben Jahre lang Sozialleistungen verweigern. Voraussetzung dafür sollte eine sogenannte Notbremse sein, in der eine Überlastung des Sozialsystems eines EU-Staates festgestellt wird. Großbritannien erhielte das Recht, seine Banken und den heimischen Finanzmarkt selbst zu überwachen (nicht durch Finanzmarktaufsicht der EU). Hat dann letztlich alles nicht genützt, der Brexit ist dennoch gekommen.

Und selbst wenn man kurz in die turbulente gemeinsame Geschichte Frankreichs (es war ja Frankreich der europäische Nachbar) und England schaut, gab es viele, viele blutige Konflikte. Hier nur ein paar „Highlights“:

Die Normannen eroberten 1066 England und machten sich zu Herren über die angelsächsischen Teilstaaten.

In Frankreich verbündete sich Philipp August mit den deutschen Staufern gegen den englischen König und den mit diesem verwandten Welfen Otto IV. (1198-1218). Der Sieg in der Schlacht bei Bouvines im Jahre 1214 brachte dem französischen König alle englischen Besitzungen nördlich der Loire ein. England und Frankreich waren zu diesem Zeitpunkt bereits zu europäischen Machtfaktoren aufgestiegen.

Der Französisch-Englische Krieg tobte von 1202 bis 1214, es war ein langjähriger Krieg zwischen dem Königreich England, dessen König zu Beginn des Krieges noch große Lehen in Frankreich besaß, und dem Königreich Frankreich.

Der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich (1339-1453) wurde ausgelöst durch den Erbfolgestreit zwischen Philipp VI., dem ersten König aus dem Hause Valois, und Eduard III. von England. Beide konnten sich auf ihre Verwandtschaft mit den Kapetingern berufen. Der Krieg endete schließlich mit dem Sieg der Valois. Vorbereitet hatte diesen Sieg das Eingreifen der Jeanne d’Arc, der „Jungfrau von Orléans“, eines Bauernmädchens, das aus visionärem Erleben von religiös-patriotischen Ideen besessen war. Johannas Erfolge führten zur Krönung Karls VII. in Reims (1429) und zur Auflösung der englisch-burgundischen Koalition zugunsten eines Bündnisses zwischen Karl VII. und Philipp dem Guten von Burgund. Er endete mit dem Rückzug der Engländer, die 1436 Paris, 1449 Rouen und schließlich allen Besitz in Frankreich bis auf Calais aufgeben mussten

Der Britisch-Französische Kolonialkonflikt oder Britisch-Französischer Kolonialkrieg war ein, von 1792 bis 1814 dauernder, zwischen den beiden damaligen Weltmächten des Französischen Kaiserreichs und des Britischen Weltreichs des Vereinigten Königreichs und deren jeweiligen Verbündeten fast ununterbrochen geführter weltumspannender Kolonialkrieg um die weltweite Vorherrschaft. Frankreich, das durch die Französische Revolution zwischen 1792 und 1800 fast alle seine Kolonien an andere Großmächte verloren hatte, versuchte unter Kaiser Napoleon I. nach den ersten Koalitionskriegen nicht nur auf dem europäischen Festland, sondern auch weltweit die Vormachtstellung des 1804 gegründeten Kaiserreichs zu etablieren und sein Kolonialreich wieder zu vergrößern. Großbritannien, das nach der französischen Besetzung Spaniens und Portugals die einzige verbliebene Kolonialmacht, die nicht von Frankreich abhängig war, versuchte dem entgegenzutreten. Den Höhepunkt des Krieges markierte das Jahr 1812. Frankreich hatte Großbritannien überholt und war zur weltweit stärksten Kolonialmacht aufgestiegen. Die Niederlage Napoleons im Russlandfeldzug 1812 markierte aber den schnellen Niedergang des Empire Français und die endgültige Niederlage Frankreichs 1814. Heute zählt dieser Kolonialkrieg zu den größten Konflikten des 19. Jahrhunderts und war Teil der Koalitionskriege in den Überseegebieten.

Die Kontinentalsperre war eine von Napoleon am 21. November 1806 in Berlin verfügte Wirtschaftsblockade über die britischen Inseln, die bis 1813 in Kraft blieb. Das „Kontinentalsystem“ sollte Großbritannien mit den Mitteln des Wirtschaftskrieges in die Knie zwingen. Darüber hinaus sollte diese Maßnahme die französische Wirtschaft gegen europäische und transatlantische Konkurrenz schützen.

Heute – derzeit noch beide in der EU – kämpft man unblutig um Jakobsmuscheln im Ärmelkanal.

Ich wünsche mir, dass eine neuerliche Abstimmung stattfinden wird, die pro Europa ausgeht. Aber mit Wünschen sollte man vorsichtig sein. Es ist nicht gewährleistet, dass das britische Volk nicht neuerlich für den Brexit stimmt. Und sollte Großbritannien dennoch in der EU bleiben, wird sich das Rosinen-Picken wahrscheinlich noch verstärken und könnte zum Vorbild für andere Mitglieder werden – was letztlich an den Grundfesten der EU rütteln könnte.

Historische Splitter zum Brexit