Wir werden bewertet und wissen es nicht!

Für uns ist die Nutzung der sozialen Medien selbstverständlich geworden. Man hat seinen Facebook-Account, man ist auf Twitter etc. Ich selbst gehöre dazu. Kürzlich sind die Meldungen gehäuft aufgetreten, dass sich einzelne Nutzer von Facebook abmelden, weil es ihnen nicht gefällt, dass sie nicht die Meldungen aller Freunde sehen, sondern nur von einigen.

Die Auswahlkriterien von Facebook und Co. werden geheim gehalten. Es sind komplizierte Algorithmen, die immer wieder ergänzt und „verbessert“ werden. Donald Trump hatte behauptet, dass die Social-Media-Plattformen ein ideologisch gezinktes Spiel betrieben und dass konservative Stimmen von der Big-Tech-Elite regelmäßig zensiert und ungerecht behandelt würden; all dies im Namen der Höflichkeit und der politischen Korrektheit. Dieser Angriff kam, nachdem mehrere wichtige Kanäle die Accounts von Alex Jones gesperrt hatten, einem der feurigsten Anhänger Trumps, der aber auch für seinen Hang zu Verschwörungstheorien bekannt ist.

Haben sich die sozialen Medien nun zu einem Schlachtfeld für Amerikas Kulturkrieg entwickelt und was bedeutet das für uns Nicht-Amerikaner, denen ausschließlich amerikanische Produkte auf diesem Gebiet zur Verfügung stehen?

Nun zu den Fakten – soweit sie bekannt sind: Facebook hat im Lauf des vergangenen Jahres ein System entwickelt habe, mittels dessen die Vertrauenswürdigkeit der Nutzer auf Skala taxiert wird. Ausgehend von der Art, wie Leute mit anderen interagieren, und von den Inhalten, die sie auf der Plattform abrufen, teilt Facebook ihnen eine Bewertung zu; diese wiederum bestimmt, wie sichtbar und einflussreich ihre eigenen Postings und Online-Aktivitäten sind.

Facebooks Spiel mit der sozialen Bewertungsskala deutet an, welche Strategie das Silicon Valley verfolgt. Mit dem Vorwurf der politischen Parteilichkeit konfrontiert, werden die Big-Tech-Unternehmen noch mehr algorithmische Tricks einführen, um die Neutralität ihrer Plattformen abzusichern. Denn bei Big-Tech-Firmen herrscht primär Profitdenken und sie sehen sich nicht dem Kulturkampf verpflichtet. Sie haben aber auch keine Möglichkeit, ihre Plattformen auf eine Art zu überwachen, die jedermann zufriedenstellt. Aber die Technokraten im Silicon-Valley zusammen mit den so genannten Daten-Baronen kontrollieren derzeit die soziale Infrastruktur. Niemand weiß wirklich, wie Facebooks Algorithmen funktionieren, auf welchen Kriterien sie fußen und welches Verhalten zu welcherlei Bewertungen führt. Da muss man doch misstrauisch werden!

Unter normalen Bedingungen hätte eine vernünftige Lösung darin bestehen können, ein universales, für alle Plattformen gültiges Bewertungssystem zu schaffen, und zwar mit demokratischen Mitteln: ein System, auf totale Transparenz verpflichtet, bei dem die Öffentlichkeit die Kontrolle über die Kriterien ausübt, anhand deren die Nutzer bewertet werden. Dies allerdings würde die Technologiefirmen zwingen, ihre Datenschätze preiszugeben und ihre algorithmischen Zauberkästen vor unabhängigen Prüfern zu öffnen.

Die Lage dürfte sich noch verschlimmern, wenn die Implikationen eines sozialen Bewertungssystems, wie es Facebook nun entwickelt hat, erst einmal allen klar sind. Denn das Unternehmen ist nicht mehr nur eine harmlose Spielwiese für Collegestudenten; seine geschäftlichen Ambitionen dehnen sich immer weiter aus. Erst vor wenigen Wochen berichtete das «Wall Street Journal», dass sich Facebook bei mehreren Banken um Kundendaten bemüht habe, damit die Nutzer Finanztransaktionen direkt auf der Plattform vornehmen können. Hätten Sie wirklich Lust darauf, dass die eigenen Kontodaten ins Bewertungssystem von Facebook eingingen? Und wie stünde es dann um die Chancen, jemals wieder einen Kredit zu bekommen?

Aber das wäre nicht die einzige Gefahr! Denken wir an die vielen Online-Dienste, die wir doch alle immer wieder benutzen, die – wie etwa Airbnb – die Authentizität ihrer Nutzer via deren Facebook-Account verifizieren. Wünschen wir uns wirklich, dass das algorithmische Mysterium des Bewertungssystems sich darauf auswirkt, ob unsere Anfrage angenommen oder abschlägig beantwortet wird? Wir leben in einer Zeit, da das Misstrauen gegenüber dem Einfluss, den die Technologiefirmen im Verborgenen ausüben, wächst; da kann man sich schwerlich vorstellen, dass ein System, welches unsere Interaktionen direkt beeinflusst, die Ängste derjenigen aus dem Weg räumen wird, die das Silicon Valley als eine einzige große Verschwörung ansehen. Und je grösser diese Ängste werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Technologiefirmen aufgespalten oder Regulierungen unterworfen werden – jedenfalls solange Donald Trump noch im Weißen Haus sitzt.

Das Ringen zwischen Trump und den Big-Tech-Unternehmen ist wie ein Mikrokosmos des größeren sozialen Konflikts über die Machtverteilung in der digitalen Gesellschaft. In der einen Ecke steht das Silicon Valley mit seiner ultramodernistischen Mission, alles zu systematisieren und zu rationalisieren – von unserer Art, miteinander umzugehen, bis hin zur Glaubwürdigkeit von Informationsquellen. In der anderen Ecke wächst der postmoderne Verdacht, dass sich hinter der scheinbar universalistischen, neutralen und hyperrationalistischen Funktionsweise von Facebook und Konsorten eine ganz andere Agenda verbirgt. Und wo blieben wir, z.B. die Europäer?

China jedenfalls hat mit seinem sozialen Punktesystem die autoritäre Variante solcher Bewertungsstrategien bereits eingeführt: Das Verfahren ist fest in den Händen der Regierung, und private Technologiefirmen müssen sich dem Diktat von oben unterziehen. Genutzt wird es für mancherlei obskure Zwecke – Leute mit niedrigen Punktzahlen dürfen beispielsweise nicht fliegen –, aber man könnte sich sicherlich auch bessere Arten vorstellen, ein solches System einzusetzen. Könnte es in einem demokratischen Kontext entwickelt werden, vollumfänglich überwacht und genau kontrolliert? Es wäre wohl möglich!

Die Schaffung eines solchen öffentlichen Bewertungssystems würde nicht das Ende für das Silicon Valley herbeiführen. Die Straegen von Palo Alto scheinen nicht zu erkennen, dass ihnen das Glaubwürdigkeit und den Ruf der Verlässlichkeit einbringen würde. Als passionierte Rationalisten scheinen sie zu glauben, dass Algorithmen und immer noch mehr Algorithmen sie vor dem Vorwurf politischer Parteilichkeit schützen können. Diese Arroganz könnte ihr Verderben sein. Niemand will bewertet werden und das Ergebnis sowie die Konsequenzen dieser Bewertung nicht kennen.

Wir Europäer sind ohnedies nur mehr Zuschauer in diesem Kampf!

Advertisements
Wir werden bewertet und wissen es nicht!

2 Gedanken zu “Wir werden bewertet und wissen es nicht!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s